Phantastische Literatur zwischen Traum und Trauma - E.T.A. Hoffmanns 'Der Sandmann'


Seminararbeit, 2006
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Trauma und Literatur
2.1 Die Traumathematik in der heutigen Literatur
2.2 Die Traumathematik in der zeitgenössischen Literatur Hoffmanns

3 Die thematische Ebene der Traumadarstellung im ´Sandmann`
3.1 Traumatische Erlebnisse und ihre Auswirkungen auf Nathanaels Leben
3.1.1 Nathanaels Kindheit
3.1.2 Nathanaels Studentenzeit
3.2 Autobiographische Bezüge im ´Sandmann`

4 Die Darstellung der Traumthematik in der Textkomposition des ´Sandmanns`
4.1 Die Multiperspektivität
4.2 Die metaphorische Ebene der Traumadarstellung im ´Sandmann`
4.2.1 Der Motivkomplex Auge
4.2.2 Die Automate als Projektionsfläche
4.2.3 Die Darstellung psychischer Zustände anhand der antiken Elementenlehre

5 Resümee

6 Literaraturverzeichnis

1 Einleitung

„Der Sandmann“ von E.T.A. erschien erstmals 1816 im ersten Teil des Erzählzyklus Nachtstücke. Mehr als jedes andere Werk Hoffmanns steht er im Kontext der literarischen Traumaforschung der heutigen Zeit. Insbesondere über die Textkomposition und die Symbolik werden völlig unterschiedliche Auffassungen vertreten.

Ausgehend von dieser nie enden wollenden Debatte um unterschiedliche Lesearten[1] möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit auf psychologische Deutungsansätze und –muster bzgl. der Traumathematik beschränken und darstellen, wie das erlebte Trauma des Protagonisten Nathanael zum Ausdruck kommt und welche Auswirkungen es auf dessen weitere Lebensgeschichte hat.

Dabei soll im Wesentlichen an die unzähligen, literaturwissenschaftlichen Studien zu den verschiedensten Aspekten des ´Sandmanns` angeknüpft werden und neben älteren Publikationen von Freud und Reil, auch neuere Ergebnisse der Traumaforschung berücksichtigt werden, die als wichtige Hilfsmittel für die nachfolgenden Analysen dienen.

Aufgrund des engen Rahmens der Hausarbeit wird es keine vorgeschaltete, ausführliche Abhandlung von Ursachen und Symptomen posttraumatischer Belastungsstörungen, die in die Interpretation mit einspielen, geben, wobei jedoch im Verlauf der Ausarbeitung mögliche Auslöser und Auswirkungen eines traumatischen Erlebnisses einfließen.

Der Begriff ´Phantastik` soll in dieser Arbeit als arbeitshypothetischer Oberbegriff für alle rational nicht erklärbaren Phänomene in Hoffmanns Erzählung verwendet werden, die sich für den zeitgenössischen Leser nicht mit seinem vernünftigen Realitätsbegriff, bzw. seiner Realitätserfahrung vereinbaren lassen.

Ziel dieser Arbeit ist es, anhand des ´Sandmanns` die literarische Darstellung der Traumathematik unter besonderer Berücksichtigung von Strukturmerkmalen und Metaphorik, zu untersuchen.

Im ersten Abschnitt möchte ich zunächst einen diachronen Überblick über die literarische Auseinandersetzung mit dem Traumakonzept geben, anhand dessen ich weitere Überlegungen zur thematischen Verarbeitung dieses Themas im „Sandmann“ anstellen werde.

Das darauffolgende Kapitel widmet sich dem Verlauf von Nathanaels traumatischen Prozess, gegliedert in die traumatischen Situationen in der Kindheit des Protagonisten und den traumatischen Prozess in der Studentenzeit.

Der Inhalt der Erzählung muss dabei als bekannt vorausgesetzt werden, da im Rahmen dieser Erarbeitung keine Inhaltsangabe erfolgen kann. Zudem sperrt sich der Text aufgrund seiner Erzählstrategie auch gegen jede Zusammenfassung seiner Geschichte, die

nämlich schon einer gewissen Deutung entsprechen würde. Darüber hinaus werde ich in diesem Teil der Ausarbeitung die Kohärenz der Erzählung zu Hoffmanns Biographie kurz aufführen und durchleuchten.

An dieser Stelle möchte ich bereits kurz erwähnen, dass Hoffmann nicht nur mit der zeitgenössischen psychiatrischen Literatur vertraut war, sondern sich in vielen seiner Schriften auch um eine Auseinandersetzung mit ihr bemühte.[2]

Hierdurch wird auch die Berechtigung dieser Arbeit unterstrichen.

Der vierte Abschnitt ist dem wohl kritischsten Aspekt des Textes gewidmet, nämlich der Textkomposition. Die Vielzahl der Sichtweisen und Leitmotive verliehen dem perspektivisch offenen ´Sandmann` seine Popularität und er wurde wohl nicht zuletzt deswegen zum meist interpretierten Text Hoffmanns[3].

Ausgehend vom Traumakonzept werde ich mich an dieser Stelle näher mit der literarischen Perspektive und der Poetik der Erzählung beschäftigen.

Abschließend werde ich im fünften Kapitel die gewonnenen Erkenntnisse einer kritischen Überprüfung unterziehen und ein kurzes Resümee ziehen.

2 Trauma und Literatur

Während der ursprüngliche medizinische Wortgebrauch unter Trauma eine durch äußere Gewalteinwirkung hervorgerufene körperliche Wunde versteht, bezeichnet das psychische Trauma eine Erfahrung von extremer Intensität, welche die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten überfordert und das Selbstverständnis nachhaltig erschüttert.[4] Insgesamt wird die Definition des psychischen Traumas heute unterschiedlich weit formuliert und reicht von dem Geburtstrauma bis hin zur lebenslangen Folter als auslösendes Moment. Nicht das Trauma an sich, sondern die Verarbeitung und die Bedeutung, die der Traumatisierte dem Geschehen zuweist, bestimmen die Ausprägung einer Erkrankung.

Eine Folgereaktion nach dem Erleben eines oder mehrerer traumatischer Ereignisse ist die Entwicklung einer dissoziativen Störung[5]. Der Begriff posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) wurde erst 1980 mit der Aufnahme in das DSM-III eingeführt und wird heute in den Diagnosesystemen zu den Angststörungen (DSM-IV) bzw. Angst- und Belastungsstörungen (ICD-10) gezählt.[6]

Galt das Trauma also zunächst als ein klinisches Konzept, so wird es spätestens seit den 1990er Jahren zunehmend für kultur- und literaturwissenschaftliche Fragestellungen beansprucht und als Deutungsmuster herangezogen.

Insbesondere vor dem Hintergrund der interdisziplinären Gedächtnisforschung und der Frage nach Möglichkeiten der Erfahrungsverarbeitung erleben die Traumatheorien heute eine steigende Konjunktur.[7]

2.1 Die Traumathematik in der heutigen Literatur

Im Zentrum der literarischen Traumadarstellung steht heute die Frage, wie die traumatischen Erinnerungen trotz Ihrer ´Unsagbarkeit` narrativ inszeniert werden können und welche literarischen Gestaltungsmittel hierbei eingesetzt werden. Ansätze, die sich mit der Funktion solcher Konzepte beschäftigen legen zudem die Annahme zugrunde, dass literarische Texte aufgrund ihrer fiktionalen Gestaltungsmöglichkeiten traumatische und bislang gesellschaftlich tabuisierte Erfahrungen darstellen können und eine Verarbeitung des Geschehenen erleichtern.[8]

Ein besonderer Stellenwert kommt hierbei der phantastischen Literatur zu, in die sich auch E.T.A. Hoffmanns ´Sandmann` einordnen lässt[9], da sie in ihren Texten von je her ein tiefenpsychologisches Wissen inszeniert, das erst heute zum kulturellen Wissen gehört.[10]

Phantastik definiert sich aus ihrem Verhältnis zu den Begriffen des Realen und des Imaginären .

Es gibt eine unheimliche Erscheinung, die man auf zweierlei Weise erklären kann, nämlich entweder aus natürlichen Ursachen oder aber aus Übernatürlichen. Die Möglichkeit der Unschlüssigkeit angesichts dieser Alternative schafft die Wirkung des Fantastischen“[11]

Phantastische Elemente ermöglichen somit die Ansprache von tabuisierten Themen, ohne mit einer Verurteilung rechnen zu müssen.[12]

2.2 Die Traumathematik in der zeitgenössischen Literatur Hoffmanns

Die Romantiker brachten die Traumathematik erstmals deutlich zum Ausdruck. Entscheidend dafür waren Erfahrungen wie Revolutionskriege und Napoleonische Schlachten, aber auch Erlebnisse von Krankheit und Wahnsinn. Die Grenzen des Bekannten, der Tagwelt wurden überschritten, man entdeckte den psychischen Innenraum des Menschen als Thema der Literatur.

Die Sorge um die eigene Identität ist ein Thema von existenziellem Ausmaß bei vielen romantischen Autoren. Zweifel an der Realität des Bestehenden durch Furcht und Ungewissheit vor der Zukunft führten zu einem Gefühl unmittelbarer Bedrohung. In vielen Werken dieser Epoche befinden sich klare Abläufe der Empfindungssteigerung seitens der Hauptfiguren, sowie eindeutige Verweise auf äußere Umstände, die Menschen verrückt werden lassen. Ich-Spaltungen, Geisteskranke und Revenant-Gestalten tauchen bei J. Paul, Tieck und E.T.A. Hoffmann auf. Weltschmerz, Angst, Trauer und Wehmut über verlorengegangene Harmonie sind Themen, die u.a. bei Eichendorff häufig zu finden sind.[13]

[...]


[1] Claudia Liebrand führt sechs verschiedene Lesearten auf: Die erzähltheoretisch-poetologische, die ideengeschichtliche, die psychoanalytische, die sozial- und institutionsgeschichtliche, die diskursanalytische und die dekonstruktivistische Deutung.

Vgl. Liebrand, Claudia 1996: S. 86

[2] Vgl. Hohoff, Ulrich 1988: S. 306-320

[3] Feldges, Brigitte / Stadler Ulrich 1986: S.135

[4] Vgl. Maercker, Andreas (Hg.) 1997: S. 6

[5] Dissoziation ist ein komplexer seelisch-körperlicher Prozess, bei dem es zu einer Trennung und Abspaltung des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität und der Wahrnehmung von sich selbst und der Umwelt kommt.

Dissoziationen ergeben sich nach Janet als Folge einer Überforderung des Bewusstseins bei der Verarbeitung realer traumatischer Ereignisse.

Vgl. ebd. S. 5 f

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Assmann, Aleida 1999: S. 95

[8] Vgl. Weinberg, Manfred 1997: S. 206

[9] Vgl. Todorov, Tzvetan 1972: S. 134 f

[10] Vgl. Iwasaki, Eijiro 1991: S. 172

[11] Todorov, Tzvetan 1972: S. 26

[12] Vgl. ebd. : S.142

[13] Vgl. Weinholz, Gerhard 1991: S. 209

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Phantastische Literatur zwischen Traum und Trauma - E.T.A. Hoffmanns 'Der Sandmann'
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Literatur und Trauma
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V59114
ISBN (eBook)
9783638531368
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phantastische, Literatur, Traum, Trauma, Hoffmanns, Sandmann
Arbeit zitieren
Sabrina Dahlheimer (Autor), 2006, Phantastische Literatur zwischen Traum und Trauma - E.T.A. Hoffmanns 'Der Sandmann', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59114

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