Die Mathematik gab die Leiter ab, an deren Ende man die Position des christlichen Gottes einzunehmen gedachte und auch einnehmen konnte. Die Mathematik im Bündnis mit den Naturwissenschaften entwertete die Theologie, die sich die Philosophie als Magd gehalten hatte. Die Naturwissenschaften dominieren heute eindeutig das menschliche Schaffen auf Erden und der Kapitalismus vollendet das Machtgewebe der Mathematik, die Herrschaft der Zins- und Profitzahlen über die produktiven Klassen.
Das Ziel der wissenschaftlichen Bestrebungen war für Descartes, den Geist so zu lenken, dass er über alle sich ihm darbietenden Gegenstände begründete und wahre Urteile fällen könne. Bei diesem Vorhaben verließ sich Descartes allein auf die Arithmetik und auf die Geometrie, da diese beiden einfachen und durchsichtigen Wissenschaftszweige sich für ihn ohne die störenden Einflüsse unzulänglicher menschlicher Erfahrungen ausbilden. Da die menschlichen Sinne trügerisch sind, die Sonne sich dem Auge des Menschen als klein darbietet, kleiner als die Erde, setzt sich für Descartes Philosophie ausschließlich dem Rationalismus, bei ihm ein Kind des Zweifels, gleich und er will absichern, dass die Wissenschaftler in ihren je eigenen Disziplinen die richtige Idee ihrer Wissenschaft präsent haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Von den einfachen Wahrheiten sei auszugehen, ein Ding könne nicht zugleich sein und auch nicht sein.
2. Die anzustrebende sichere Erkenntnis, um das Dunkle zu entbergen, ist auf zwei zusammenhängenden Wegen zu erreichen, auf dem der evidenten Intuition und auf dem der notwendigen Deduktion.
3. Deshalb operieren die Gelehrten mit ihren feinen Unterscheidungen ganz falsch und ersticken das natürliche Licht der Vernunft.
4. Aus der geometrischen Abstraktion, dass zum Beispiel die Winkelsumme eines Dreiecks unabhängig von seiner Konstellation und dem Zeitpunkt ihrer Berechnung immer 180 Grad ergibt, folgte für Descartes wie vor ihm für die Pythagoreer die einzig mögliche Grundlegung exakten wissenschaftlichen Denkens.
5. Was irrtümlich hinter der Natur als ihr vorgegebenes Höheres galt, ist, folgt man Galilei, in ihr selbst gegründet, je mehr der menschliche Geist sie sich transparenter machen konnte und sich selbst in ihr sah.
6. Die Beschäftigung mit den leichten Dingen sei eine Schule, auch für diejenigen, die von Natur aus nicht so reichlich mit Begabungen ausgestattet sind, dass sie geeignet sind, die Welt aus eigenem Antrieb zu erforschen.
7. Ein Relikt der Vergangenheit ist in seinem Denken, dass er noch von angeborenen Ideen ausging und er damit der feudalen Ideologie ein Zugeständnis machte, mit dem erst John Locke aufräumen sollte.
8. In Deutschland verrichtete Feuerbach diese Arbeit auf philosophische Art, wie es sich für einen deutschen Philosophen gehört.
9. Bereits im Feudalismus, mit den Albigensern beginnend, hatte bürgerliche Ideologie das Geheimnis der Religion zu lüften und die Natur wissenschaftlich zu entmystifizieren.
10. In seiner Spätschrift ‚Vom Globusspiel‘ (1643) bezeichnet Cusanus, der Bischof von Hippo, die Welt als Erscheinung, an der Gott sein ‚Können-Selbst“ ausprobiere.
11. Es ging um die Trennung des Wissens vom Glauben, der Befreiung der Magd ‚Philosophie‘ aus den Fesseln der Dame Domina ‚Theologie‘, Cusanus hatte auch noch die Mathematik in ihre Fesseln gelegt, und um die Frage des Primats.
12. Kopernikus hatte an der Pforte einer neuen Zeit gestanden, der große geographische und astronomische Entdeckungen und große technische Erfindungen bevorstanden.
13. Eine Wissenschaft um der Wissenschaft willen lässt ein „Reich Gottes“ bestehen, die Zeichen der Zeit zeigen aber auf die Erkenntnis der Natur und auf ihre Umwandlung in ein „Reich des Menschen“.
14. Bacon stellte wissenschaftliches Arbeiten ganz unter den Aspekt der Nützlichkeit, der Hingabe an das tätige Leben, der Hervorbringung von Wunderwerken der Technik und lehnte die Bibel als Lebensberaterin ab.
15. Doch weiter in der Umwertung der Werte im Vollzug des Übergangs vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild: Die Vergangenheit ist nicht mehr bleigewichtig, prägende Instanz, Bacon hält nichts von einer Ursachenforschung bis in den immer dunkler werdenden Schlund immer älter werdender Zeiten; sondern ist in der sich aus sich selbst gründenden Gegenwart präsent.
16. Der Imperialismus als potenzierter Kapitalismus, in ihm bleibend, ist die Ära des weltweiten Fremdseins schlechthin.
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Zersetzung der Metaphysik im Zuge der aufkommenden Naturwissenschaften des 17. Jahrhunderts und deren Konsequenzen für das menschliche Selbstverständnis. Zentral ist dabei die Frage, wie die mechanisch-mathematische Welterklärung – initiiert durch Denker wie Descartes und weitergeführt durch die Aufklärung – den Menschen zunehmend auf eine „Maschine“ reduzierte und das „Reich Gottes“ durch ein irdisches „Reich des Menschen“ zu ersetzen suchte.
- Die methodische Abkehr von scholastischen Traditionen zugunsten intuitiv-deduktiver und empirischer Ansätze.
- Die Transformation des Natur- und Menschenbildes durch die Geometrisierung und Mechanisierung der Welt.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Arbeit als konstitutives Element für die menschliche Gattungsentwicklung.
- Die Analyse des Übergangs von einer theologisch geprägten Weltanschauung zu einer atheistischen, wissenschaftsorientierten Moderne.
Auszug aus dem Buch
DESCARTES: ICH DENKE DAS TIER ALS MASCHINE
Ich denke, also bin ich. Und: Das Tier ist eine Maschine. Zu allererst kristallisiert Descartes nicht materialistisch die Seinsgewissheit der menschlichen Existenz, sondern idealistisch die des menschlichen Bewusstseins heraus. Dass dann auf der idealistischen Bahn nur das Tier eine Maschine sein konnte, das war das Alte Testament im Neuen. Das sterile, unmittelbar einleuchtende ‚ergo‘ hat Gewicht wie kein anderes in der Geschichte der Philosophie: Ich bin nicht mehr durch Gott. Aus dem Denken Descartes resultierte die nackte Physik der französischen Aufklärung, der der mechanische Materialismus zugrunde lag. Warum war für Descartes das Tier eine Maschine, nicht aber der Mensch? Der Arzt La Mettrie befasste sich eingehend mit dieser Frage und bezichtigte schließlich Descartes der Halbherzigkeit.
1748 erschien in Paris ein Buch von ihm mit dem Titel „L‘ homme machine“, mit dem Schlüsselsatz: „Conclusion donc hardiment que l’Homme est une machine; et qu’il n’y a dans tout l’Univers qu’une seule substance diversement modifié.“ („Ziehen wir also kühn den Schluss, dass der Mensch eine Maschine ist und dass es im ganzen Weltall nur eine Substanz gibt, die freilich verschieden modifiziert ist.“). Für La Mettrie lag die Konsequenz auf der Hand: “L’univers ne sera jamais heureux, à moins qu’il ne soit athée ». (« Die Welt wird nur dann glücklich sein, wenn sie atheistisch ist“.). Ein Arzt ist hier prägnanter als die Philosophen, weil er das Unantastbare berührte. Diese lösten sich zäh von der Erhabenheit ihres Gegenstandes, selbst noch, nachdem Marx und Engels sie im Feuerbachkapitel der ‚Deutschen Ideologie‘ als philosophische Industrielle 19. bezeichnet hatten, sie sie auf den Boden der neuen Tatsachen zurückholten: Vom Anhimmeln Gottes zum industriellen Agenten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Von den einfachen Wahrheiten sei auszugehen, ein Ding könne nicht zugleich sein und auch nicht sein.: Descartes betont die Notwendigkeit, den Erkenntnisprozess auf fundamentalen, einfachen Wahrheiten aufzubauen, um ein stabiles wissenschaftliches Gebäude zu errichten.
2. Die anzustrebende sichere Erkenntnis, um das Dunkle zu entbergen, ist auf zwei zusammenhängenden Wegen zu erreichen, auf dem der evidenten Intuition und auf dem der notwendigen Deduktion.: Die Methode Descartes' stützt sich auf die Kombination von unmittelbarer, klarer Anschauung und logischer Ableitung, um verlässliches Wissen zu generieren.
3. Deshalb operieren die Gelehrten mit ihren feinen Unterscheidungen ganz falsch und ersticken das natürliche Licht der Vernunft.: Eine Kritik an der scholastischen Überkomplexität, die den Blick für das Wesentliche und die Anwendung des gesunden Menschenverstandes verstellt.
4. Aus der geometrischen Abstraktion, dass zum Beispiel die Winkelsumme eines Dreiecks unabhängig von seiner Konstellation und dem Zeitpunkt ihrer Berechnung immer 180 Grad ergibt, folgte für Descartes wie vor ihm für die Pythagoreer die einzig mögliche Grundlegung exakten wissenschaftlichen Denkens.: Die Mathematik dient als universelles Modell für absolute Sicherheit und ewige Wahrheit, was in der Existenz Gottes gipfelt.
5. Was irrtümlich hinter der Natur als ihr vorgegebenes Höheres galt, ist, folgt man Galilei, in ihr selbst gegründet, je mehr der menschliche Geist sie sich transparenter machen konnte und sich selbst in ihr sah.: Die Natur wird als in sich geschlossenes, logisch strukturiertes System begriffen, was die menschliche Emanzipation vom Göttlichen einleitet.
6. Die Beschäftigung mit den leichten Dingen sei eine Schule, auch für diejenigen, die von Natur aus nicht so reichlich mit Begabungen ausgestattet sind, dass sie geeignet sind, die Welt aus eigenem Antrieb zu erforschen.: Die methodische Beschränkung auf das Einfache dient der Bildung und der richtigen Ordnung der Gedanken.
7. Ein Relikt der Vergangenheit ist in seinem Denken, dass er noch von angeborenen Ideen ausging und er damit der feudalen Ideologie ein Zugeständnis machte, mit dem erst John Locke aufräumen sollte.: Eine Analyse der widersprüchlichen Elemente im Denken von Descartes, die noch mit alten theologischen Vorstellungen verknüpft sind.
8. In Deutschland verrichtete Feuerbach diese Arbeit auf philosophische Art, wie es sich für einen deutschen Philosophen gehört.: Feuerbach wird als radikaler Vollender der Säkularisierung betrachtet, der den Menschen als das höchste Wesen für den Menschen definiert.
9. Bereits im Feudalismus, mit den Albigensern beginnend, hatte bürgerliche Ideologie das Geheimnis der Religion zu lüften und die Natur wissenschaftlich zu entmystifizieren.: Historischer Abriss der Entstehung bürgerlicher Kritik an der klerikalen Welterklärung.
10. In seiner Spätschrift ‚Vom Globusspiel‘ (1643) bezeichnet Cusanus, der Bischof von Hippo, die Welt als Erscheinung, an der Gott sein ‚Können-Selbst“ ausprobiere.: Auseinandersetzung mit der Position Cusanus' und dessen theologischer Begründung der Welt als göttliches Experiment.
11. Es ging um die Trennung des Wissens vom Glauben, der Befreiung der Magd ‚Philosophie‘ aus den Fesseln der Dame Domina ‚Theologie‘, Cusanus hatte auch noch die Mathematik in ihre Fesseln gelegt, und um die Frage des Primats.: Darstellung des Kampfes um die intellektuelle Autonomie der Philosophie gegenüber der kirchlichen Vormundschaft.
12. Kopernikus hatte an der Pforte einer neuen Zeit gestanden, der große geographische und astronomische Entdeckungen und große technische Erfindungen bevorstanden.: Würdigung des wissenschaftlichen Umbruchs durch die Entdeckungen der Renaissance.
13. Eine Wissenschaft um der Wissenschaft willen lässt ein „Reich Gottes“ bestehen, die Zeichen der Zeit zeigen aber auf die Erkenntnis der Natur und auf ihre Umwandlung in ein „Reich des Menschen“.: Abgrenzung von rein theoretischer Wissenschaft hin zur praktischen Umgestaltung der Welt durch den Menschen.
14. Bacon stellte wissenschaftliches Arbeiten ganz unter den Aspekt der Nützlichkeit, der Hingabe an das tätige Leben, der Hervorbringung von Wunderwerken der Technik und lehnte die Bibel als Lebensberaterin ab.: Bacons Philosophie als Ausgangspunkt für einen zweckorientierten, technisierten Umgang mit der Natur.
15. Doch weiter in der Umwertung der Werte im Vollzug des Übergangs vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild: Die Vergangenheit ist nicht mehr bleigewichtig, prägende Instanz, Bacon hält nichts von einer Ursachenforschung bis in den immer dunkler werdenden Schlund immer älter werdender Zeiten; sondern ist in der sich aus sich selbst gründenden Gegenwart präsent.: Die Konzentration auf die Gegenwart und die Abkehr von der transzendenten Ausrichtung der Geschichte.
16. Der Imperialismus als potenzierter Kapitalismus, in ihm bleibend, ist die Ära des weltweiten Fremdseins schlechthin.: Kritische Einordnung der modernen kapitalistischen Produktionsweise als Ursache für Entfremdung und den Verlust des Humanen.
Schlüsselwörter
Descartes, Metaphysik, Aufklärung, Mechanisierung, Naturwissenschaft, Philosophie, Materialismus, Gott, Mensch, Maschine, Vernunft, Arbeit, Geschichte, Dialektik, Säkularisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den historischen Prozess der Zersetzung metaphysischer Weltbilder durch die aufkommenden Naturwissenschaften des 17. Jahrhunderts und die daraus resultierende Mechanisierung des Menschenbildes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernpunkten gehören das cartesianische Erbe, der Übergang vom theologischen zum naturwissenschaftlichen Denken, die Bedeutung der Arbeit für die Gattungsentwicklung sowie die Kritik am bürgerlichen Verständnis von Fortschritt und Technik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Philosophie durch die methodische Zerstörung der Metaphysik den Weg zur modernen, atheistischen Naturbeherrschung ebnete und welche gesellschaftlichen Konsequenzen diese Entwicklung – bis hin zum „Roboter“-Bild – nach sich zieht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine historisch-materialistische Analyse, die philosophische Schriften von Descartes über Bacon bis hin zu Marx und Engels in einen dialektischen Zusammenhang stellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Transformation des Naturverständnisses, die Rolle des mathematischen Denkens als Machtinstrument sowie der Wandel vom „Gottesreich“ zum „Reich des Menschen“ detailliert diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Mechanisierung, Metaphysik-Kritik, Naturbeherrschung, Arbeitsprozess, atheistische Weltsicht und das cartesianische „Ich denke“.
Warum wird Descartes als eine Art „Urvater“ der bürgerlichen Ideologie bezeichnet?
Descartes legte durch die Trennung von res cogitans und res extensa sowie durch die mathematisch-mechanische Behandlung der Natur den Grundstein für eine Weltsicht, die alles Lebendige auf berechenbare Funktionszusammenhänge reduziert.
Welche Rolle spielt der Begriff „Maschine“ in dieser Untersuchung?
Der Begriff dient als zentrale Metapher für die Entqualifizierung des menschlichen Lebens unter kapitalistischen Bedingungen, in denen der Mensch zunehmend als funktionales Rädchen in einem industriellen Gesamtgefüge betrachtet wird.
- Arbeit zitieren
- Heinz Ahlreip (Autor:in), Die Zerstörung der Metaphysik und ihre Folgen. Das Tier als Maschine bei Descartes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/591318