Die Zerstörung der Metaphysik und ihre Folgen. Das Tier als Maschine bei Descartes


Wissenschaftlicher Aufsatz

43 Seiten


Leseprobe

DESCARTES: ICH DENKE DAS TIER ALS MASCHINE

Die Zerstörung der Metaphysik und ihre Folgen Von Heinz Ahlreip

„Das Proletariat ist durch die Einführung der Maschinen ins Leben gerufen worden“.

(Friedrich Engels, Die Lage der arbeitende Klasse in England, Ausgewählte Werke Band I, Dietz Verlag Berlin, 1974,159).

„Gebt mir Ausdehnung und Bewegung und ich will das Universum konstruieren“ (Descartes).

Das war der große Wurf, der den an der Mathematik und an den Naturwissenschaften orientierten Naturforschern im 17. Jahrhundert vorschwebte. Die Mathematik gab die Leiter ab, an deren Ende man die Position des christlichen Gottes einzunehmen gedachte und auch einnehmen konnte. Die Mathematik im Bündnis mit den Naturwissenschaften entwertete die Theologie, die sich die Philosophie als Magd gehalten hatte. Die Naturwissenschaften dominieren heute eindeutig das menschliche Schaffen auf Erden und der Kapitalismus vollendet das Machtgewebe der Mathematik, die Herrschaft der Zins- und Profitzahlen über die produktiven Klassen. Das Ziel der wissenschaftlichen Bestrebungen war für Descartes, den Geist so zu lenken, dass er über alle sich ihm darbietenden Gegenstände begründete und wahre Urteile fällen könne. Bei diesem Vorhaben verließ sich Descartes allein auf die Arithmetik und auf die Geometrie, da diese beiden einfachen und durchsichtigen Wissenschaftszweige sich für ihn ohne die störenden Einflüsse unzulänglicher menschlicher Erfahrungen ausbilden. Da die menschlichen Sinne trügerisch sind, die Sonne sich dem Auge des Menschen als klein darbietet, kleiner als die Erde, setzt sich für Descartes Philosophie ausschließlich dem Rationalismus, bei ihm ein Kind des Zweifels, gleich und er will absichern, dass die Wissenschaftler in ihren je eigenen Disziplinen die richtige Idee ihrer Wissenschaft präsent haben. Das Grundgeheimnis seiner Methode sieht Descartes in dem Verfahren, vom Einfachen, von den reinen und einfachen Naturen des in Frage Stehenden, von denen es wenige gibt, alles abzuleiten. Die Metaphysik wird nach Descartes immer ein großes Feld unendlicher Dunkelheit bleiben. Man darf nach Descartes sein Studium nicht mit der Erforschung schwieriger Dinge beginnen und seine Mühe vergeuden, sondern man soll von den sich selbst darbietenden Wahrheiten ausgehen und nach und nach aus ihnen andere ableiten. Descartes will bildlich gesprochen Stufe für Stufe („sozusagen gradweise“) auf dem wissenschaftlichen Weg vorankommen. Der gegen die Dialektiker polemisierende Rationalist, der sich dem gesunden Menschenverstand als Meister anvertraut, hält nichts von Gedankenblitzen, von zu schnellen Eingangsurteilen, die die Gefahr dunkler und nichtiger Fundamente mit sich bringen, also einen falschen Ansatz, und auch nichts von einem absoluten Wissen. Es gelte den Scharfsinn auf die einfachsten Dinge zu richten, bei ihnen längere Zeit zu verweilen, besonders bei den grundlegenden Ansatzgründen, bis man sich daran gewöhnt habe, die Wahrheit klar zu durchschauen. 1. Von den einfachen Wahrheiten sei auszugehen, ein Ding könne nicht zugleich sein und auch nicht sein. Die prächtigsten wissenschaftlichen Gebäude werden in sich einstürzen, wenn man beim fundamentalen Ansatz zu leichtfertig umgegangen ist. Auch wenn Descartes Dialektik abweist, so ist doch seine Betonung der Bedeutung des Einfachen in der Entfaltung objektiver Wirklichkeit und die Insistenz auf es im Erkenntnisprozess etwas Dialektik nachhaltig Eigentümliches. Als Marx und Engels daran gingen, die ideologischen Überwucherungen der Gesellschaftsformationen freizulegen, stießen sie auf eine einfache Tatsache, einfach formuliert, dass erst das Essen kommt und dann die Philosophie und die Politik. Im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, vorgelegt im Januar 1859, sagt Marx, dass der Leser, der mir überhaupt folgen will, sich entschließen müsse, vom einzelnen zum allgemeinen aufzusteigen. 2. Die anzustrebende sichere Erkenntnis, um das Dunkle zu entbergen, ist auf zwei zusammenhängenden Wegen zu erreichen, auf dem der evidenten Intuition und auf dem der notwendigen Deduktion. Intuitiv weiß doch jeder, sagt Descartes, dass er sitzend von sich verschieden sei als stehend. Seine Polemik richtet sich gegen die Gelehrten, die oft verdunkeln, was den Bauern ganz klar ist. Das ganze menschliche Wissen besteht nach Descartes darin, festzustellen, wie die einfachen Naturen zur Zusammensetzung der übrigen Dinge zusammenwirken. Alles ist von der gleichen Natur und besteht in der Zusammensetzung der bekannten Dinge. 3. Deshalb operieren die Gelehrten mit ihren feinen Unterscheidungen ganz falsch und ersticken das natürliche Licht der Vernunft. Der menschliche Geist wird durch vier Operationen geleitet, durch die vier Grundrechenarten, wobei Multiplikation und Division nur geringe Anwendung finden. Descartes ist bescheiden, die von ihm dargelegte Erforschung der Wahrheit durch das natürliche Licht verdiene nicht mehr Ruhm als ein Bauer bekäme, der durch glücklichen Zufall einen Schatz unter seinen Füßen entdeckt, der seit langer Zeit den Nachforschern sehr vieler entgangen war. 4.

Aus der geometrischen Abstraktion, dass zum Beispiel die Winkelsumme eines Dreiecks unabhängig von seiner Konstellation und dem Zeitpunkt ihrer Berechnung immer 180 Grad ergibt, folgte für Descartes wie vor ihm für die Pythagoreer die einzig mögliche Grundlegung exakten wissenschaftlichen Denkens. Es ist ewiges Wissen, göttliches Wissen, folglich existiert Gott mit der gleichen Sicherheit wie die geometrische Abstraktion mit dem ewigen Resultat. Descartes und Leibniz, die Hauptvertreter des aus seinem inneren Wesen mehr zum Idealismus hinneigenden Rationalismus gingen von der Möglichkeit einer Universalmathematik aus, die das ganze menschliche Wissen umfasste, Leibniz zudem noch von der Möglichkeit einer mathematischen Universalsprache, wozu von ihm erste Gehversuche vorliegen. In den exakten Wissenschaften, insbesondere in der Mathematik, Physik und Mechanik, kommt es zu ewigen Wahrheiten, es muss demnach Ewig-Göttliches, das Empirische Transzendierendes geben. Funktionszusammenhänge in der Körperwelt waren Naturgesetze nur dann, wenn sie an jedem Ort und zu jeder Zeit das gleiche Regelsystem ergaben. Naturgesetzliches Operieren war sicher und exakt nur im Rahmen einer Geometrisierung der Natur, deren Körper in einem kausalen, konstruierbaren Funktionszusammenhang standen: auch Tier- und Menschenkörper funktionierten nicht anders als Maschinen: an jedem Ort und zu jeder Zeit. Gegen das mittelalterliche Naturbild, dass die Natur unbeständig und unsicher sei und – so Thomas von Aquin in „De Trinitatis“ – die Naturwissenschaften auf Grund dieses ihres Gegenstandes nicht zu endgültigen ganz abgesicherten Erkenntnisse gelangen könnten, dass also eine Metaphysik gegeben sei, vertrat Galilei eine logische Struktur der Natur: sie bilde ein geordnetes Ganzes, handele mit Notwendigkeit und verstoße nie gegen ihre eigenen Gesetze, zudem bediene sie sich der einfachsten Mittel. 5. Was irrtümlich hinter der Natur als ihr vorgegebenes Höheres galt, ist, folgt man Galilei, in ihr selbst gegründet, je mehr der menschliche Geist sie sich transparenter machen konnte und sich selbst in ihr sah. Je weniger der Mensch in Gott legte, desto mehr legte er in sich, dazu hatte Descartes die physikalische, aus sich selbst zu erklärende Einheit der Natur gelehrt. Descartes ging davon aus, dass die Natur von Gott geschaffenen Gesetze gehorche und er ging von der Unzerstörbarkeit der Materie aus. Die philosophische Methode des Descartes ist das von der mathematischen Methode abgeleitete intuitiv-deduktive Schließen. Die Intuition ist nicht sukzessiv einzusehen, wohl aber die Deduktion, die eine Bewegung unseres Geistes ist. Das intuitiv-deduktive Schließen, durch das wir vom Bekannten zum Unbekannten schreiten, basiert auf vier Regeln: Nur das ist wahr, was ganz klar und sicher erkannt werden kann. Sodann sollen komplexe Fragen, das Verwickelte, in Einzelfragen, in das Einfachere, zerlegt werden, was besser zu lösen ist. „Ebenso erlangt auch Scharfsinn, wer sich nicht durch gleichzeitige Beschäftigung mit verschiedenen Gegenständen zerstreut, sondern sich ausschließlich damit befaßt, bloß das Einfachste und Leichteste zu betrachten … daß nämlich jeder die feste Überzeugung gewinnt, daß nicht aus den gewaltigen und tief verborgenen Dingen, sondern allein aus dem Leichten und sich ohne weiteres Darbietenden auch die noch so tief verborgenen Wissenschaften abgeleitet werden müssen“. 6. Die Beschäftigung mit den leichten Dingen sei eine Schule, auch für diejenigen, die von Natur aus nicht so reichlich mit Begabungen ausgestattet sind, dass sie geeignet sind, die Welt aus eigenem Antrieb zu erforschen. Drittens propagiert er die richtige Ordnung der Gedanken, mit dem absolut gewissen Einfachen zu beginnen und von ihm aus stufenweise zum Komplexen aufzusteigen. Er mokiert sich über die Philosophen, die mit einem Sprung vom Erdboden zur höchsten Spitze eines Gebäudes kommen wollen. Und zuletzt: Bei der Untersuchung des Wesens einer Sache alle Details vollständig aufzählen. Nur so, sagt Descartes, gelangt der Menschen zu wahren Erkenntnissen, zu wahren Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung. Das sind die Grundzüge der intuitiv-deduktiven Methode des Descartes, des mathematisch-mechanischen Erkenntnisverfahrens, das auch in die Geisteswissenschaften eindrang und dem 17. Jahrhundert die geistige Marschrichtung vorgab. Descartes wunderte sich schon in jungen Jahren, dass die besten Köpfe auf so fester und solider Grundlage so wenig Erhabenes gebaut hatten. Ihm war die ganze philosophische Tradition suspekt, er riss alles ein, hierin Bacon, für den die bisherige Philosophie im luftleeren Raum tanzte, und Rousseau ähnelnd. Rousseau hatte seinen ‚Emile‘ aus einem Schock herausgeschrieben, die Aufklärer in Paris, die gebildetsten Europäer, gingen aufeinander los, wie wilde Tiere. Descartes fing wieder ganz von vorne an, um endlich den Wissenschaften ein Fundament aus Granit unterzulegen. Und er fand es im Cogito. Das allersicherste ist für Descartes das ‚Ich denke‘, Objektivität ergibt sich über das Subjekt. Er zweifelt, über den Zweifel leitet er seine Existenz ab, ich denke, muss also Bewusstsein haben, ergo muss ich existieren: Zweifel – Existenz – Denken – Bewusstsein, in diesen einfachen Schritten denkt Descartes. Das sei so evident, dass es unnötig sei, von Fachexperten mit ihren exakten Definitionen untersucht zu werden, es spricht aus sich selbst und kann aus sich selbst erklärt werden. „ … es bedarf dazu durchaus nicht einer Definition, wodurch die Sache eher verdunkelt, als erläutert würde“. 7. Ein Relikt der Vergangenheit ist in seinem Denken, dass er noch von angeborenen Ideen ausging und er damit der feudalen Ideologie ein Zugeständnis machte, mit dem erst John Locke aufräumen sollte. Wörtlich heißt es bei Descartes, dass der menschliche Geist etwas Göttliches besitze. Grundsätzlich zeichneten die großen Naturforscher des 17. Jahrhundert eine spezifische Nüchternheit aus, denn sie verbannten die theologische und die philosophische Sinnfrage aus den Naturwissenschaften, Theologie und Philosophie beschnüffelten die Dinge der Welt nur, nun aber wurde zum experimentellen Messer gegriffen. Mit Experimentieren fing es an, und am Ende wollte man die ganze Planetenwelt in einer wissenschaftlichen Beziehungssystematik unterbringen.

Das historische Geschäft der Aufklärung war, Gott auf den Menschen zu reduzieren, der am Ende gottgleich wurde. 8. In Deutschland verrichtete Feuerbach diese Arbeit auf philosophische Art, wie es sich für einen deutschen Philosophen gehört. Er verrichtete sie spät, dafür radikal. Für den Menschen ist jetzt der Mensch das allerhöchste aller Wesen. Das wissenschaftliche Durchdringen der Natur, durch das das Geschöpf zum Schöpfer sich verkehrte, war ohne Ergebnis, das Nichts, die Nullität der aristotelischen ‚Prima Philosophia‘. Gleichwohl war die Entweihung des Allerheiligsten wissenschaftsgeschichtlich eine enorme Leistung, die der menschlichen Gattung zugutekam, wie die Hinrichtung Ludwig XVI. als Konsequenz dieser zunächst theoretischen Destruktion. Wenn der dritte Stand nach Abbé Sièyes bisher nichts war und alles sein konnte, so enthielt dieses ‚alles‘ das ‚nichts‘ des Königs. Im Umwandlungsprozess vom Mittelalter zur Neuzeit auf Grund einer sich verändernden alten, langsam sich durchsetzenden neuen Produktionsweise werden wir Zeuge des Emporkommens eines sich selbst begründenden Weltprozesses, zunächst noch als Gottesgestalt. Gott sei dieser, dieser sei Gott, so die substanzielle Auskunft des 1632 in Amsterdam geborenen Philosophen Spinoza. Der den Prozess vorantreibende Bewegungsstachel wirkt im Inneren der Welt ausschließlich, er kann also ohne Hilfe eines Dritten, sei es Gott, sei es Buddha, sei es Allah, in sich und aus sich selbst verstanden werden. Alles ist seit Spinoza in sich selbst begründet, was dem dialektischen Denken seine Bestimmung gab: Die Erforschung des Widerspruchs im Wesen der Dinge selbst. Die Pfiffigkeit Hegels bestand nun darin, dass er an Stelle der göttlichen Substanz seine eigene Philosophie setzte, in der der Weltprozess sich über sich selbst klar geworden sei. Diesem geistigen Herkulesakt sei in der bisherigen Geschichte der Philosophie vorgearbeitet worden, somit kassiert Hegel auch noch diese als eine auf ihn hinleitende. Damit ist der Philosophiebegriff Hegels umfassender als der der Aufklärung, der im Vergleich zu ihm epochenbeschränkt, gegen klerikale und behördliche Bevormundung, ausgerichtet war. Aber in der Totalität der Philosophie Hegels versteht die Welt sich spiegelverkehrt. Sie ist vielmehr ihren Grund in sich selbst habende Materialität, nicht Ausfluss einer geistigen Substanz, die für Hegel auch noch göttlichen Ursprungs war. Die ‚causa sui‘ Spinozas hat Epoche gemacht über den Rahmen der Geschichte der Philosophie hinaus. Alles verstand sich nun als ‚causa sui‘, das Unding eines aristotelischen ‚unbewegten Bewegers‘ war entzwei, Gott als Alleskönner entthront, zerbrochen; heute ist es selbstverständlich, dass zum Wesen eines Prozesses bzw. in das Wesen eines Prozesses gehört, in sich selbst begründet zu sein. Ein Prozess ist niemals außer sich. Wer den Menschen auf etwas Höheres als ihn selbst lenkt, führt ihn nicht nur geistig in die Irre, in eine unsinnig-schizophrene Weltverdopplung, der Plato Christus vorgearbeitet hatte, sondern versklavt ihn innerhalb seines jeweiligen gesellschaftlichen Jammertalzusammenhangs.

Durch ein Mikroskop ist noch kein Gramm Metaphysik, durch ein Teleskop noch kein Gramm Gott entdeckt worden. Das wird bleiben, dafür legt die Wissenschaft ihre Hand ins Feuer, durch das etliche fortschrittliche Wissenschaftler im Mittelalter, und nicht nur in ihm, ums Leben kamen. In sich bornierte Naturmetaphysik und sich fehlerhaft aus sich selbst begründende gesellschaftliche Ideologien verweisen als Umwege, aber als historisch notwendige - dass Dialektik am Werk ist (siehe Anmerkung 5) - aufeinander wie sich metaphysische Hierarchie und gesellschaftliche ineinander spiegeln. In der Unendlichkeit des Raumes wird der Mensch zu einem winzigen Punkt, und nur diese Seite betont reaktionäre Ideologie, und zugleich allmächtig durch ausgelöschte göttliche Allmacht, was Machthabern mit der ‚Zuchtrute Religion‘ in der Hand nicht schmecken kann. Tatsache ist, dass der Planet Erde sich qua menschliches Denken, eine bis jetzt relative hohe Stufe seiner Entwicklung, zunächst nicht zu sich selbst bekannte, sondern in ihm eine Spaltung als Ausdruck einer Spaltung der Gesellschaft in Klassen vornahm und deren dies-seitige Seite von Seiten der herrschenden Klassen herabwürdigte. Die Spaltung war Schmerz, der des Fremdseins, der, von okkulten Mächten umgeben zu sein und der der Angst vor einer ungewissen Zukunft. Tiefere Durchdringung der Natur, ihre Entmystifizierung, wirkt nivellierend auf gesellschaftliches Bewusstsein zurück, bis sich in der Anthropologie Feuerbachs eine Natur ohne Metaebene und ein atheistischer Mensch als reines Naturwesen gegenüberstehen. Er hatte ein einfaches Argument: Es hat eine Natur vor jeglicher Philosophie gegeben.

Bereits im Feudalismus, mit den Albigensern 9. beginnend, hatte bürgerliche Ideologie das Geheimnis der Religion zu lüften und die Natur wissenschaftlich zu entmystifizieren. Sie blieb hängen an der sogenannten Priestertrugstheorie, deren Kern darin besteht, Religion auf eine Pfaffenverschwörung zurückzuführen, eine Theorie wie sie typisch für Kopfarbeiter ist und der auch der mit Voltaire liebäugelnde Friedrich, der sogenannte Große zugetan war. Eine bisher für Gott reservierte Vollkommenheit drehte sich jetzt in der Natur um ihre eigene Achse, der von sich weg nach außen gerichtete Mensch kehrte in sich zurück und erhob mit seinem Ansinnen, die Natur zu beherrschen, den Anspruch, selbst die Achse zu sein, um die sich die Welt zu drehen habe. Diese Umwälzung geschah zu einer Zeit, in der der Bauer als vom katholischen Klerus abgesegneter Untermensch galt. In seinen philosophischen Schriften kreist das Denken des Kirchenvaters Augustinus immer wieder um die Beziehungen der Wissenschaften zu Gott. Ihre Pflege und Vertiefung haben seiner besseren Erkenntnis zu dienen, denn nur in ihr liegt die Glückseligkeit der menschlichen Selbsterkenntnis, wie er in der Schrift ‚De beata vita‘ ausführt. Im Säkularen entsprach das der Unsitte der Messstiftungen: Fromme Menschen gaben im Mittelalter ihr Gespartes den Pfaffen, die nach ihrem Tod damit Privataltäre errichteten, hinter denen sie gegen für sich selbst ausgestellten Rechnungen für das Seelenwohl der Verstorbenen beteten. Für den Kirchenvater Augustinus und die ihm folgenden Frommen war die weltliche Welt nicht der Garten des Glücks, sondern ein Garten des Wildwuchses, ohne Sonne und Ratio. Soweit war die Geistesgeschichte heruntergekommen, dass der Bischof Cusanus zum Besten gab, der wahrhaft weise Mensch sei der Ungebildete, der Einfältige, der sich selbst demütig ‚idiota‘ nennt. Über Irrationalismen, Ekstasen und Visionen fand man den Zugang, sowohl im Christentum als auch im Islam. Deshalb tanzt sich der Derwisch in eine Trance, um unter Ausschaltung der menschlichen Ratio seinem Allah, wie er meint, am nächsten sein zu können. Alle Koordinaten des Humanen schleudert er durch seine rasend werdenden Umdrehungen hinfort. Er fällt unter das Niveau hochentwickelter Tierarten, die lernfähig sind und auch der Wortmusik der menschlichen Sprache folgen können. Der am Boden merkwürdige Zuckungen vollführende Derwisch ist hingegen nicht ansprechbar, auch nicht von einem Papageien, mit dem er nicht kommunizieren kann, da sich durch sein Kreisen um sich selbst sich auch sein Hals zugedreht hat. Obwohl der Derwisch sich um seine eigene Achse gedreht hat, bleibt von ihm doch nur ein Häufchen Elend zurück. Wer behauptet, der Islam gehöre zu Deutschland, behauptet zugleich, dass Deutschland nicht zur Zivilisation gehört. In gewisser Weise gehört es als kapitalistisches Land der Multimillionäre und Pfandflaschensammler auch nicht dazu, aber das hat ökonomische Gründe. Der Christdemokrat, der das behauptet hat, wurde aus anderen Gründen in die Wüste geschickt, wo er auch hingehört. Gibt es auf der Erde einen besseren Platz, um Gott nahe zu sein? Ich bin Atheist und fühle mich gottlob am wohlsten unter den Sambatänzerinnen beim Karneval in Rio. Die Leserin/der Leser mag genug davon haben, doch es ist noch nicht Zeit, umzukehren zum aufrechten Gang.

Wie Bacon zu fordern, die Wissenschaften haben der Menschheit zu dienen und ihr Reich sei von dieser Welt, schon ein Grundzug der Renaissance, stand quer zum inhumanen Geist der christlich geprägten Zeit, einer Zeit der Vorurteile, der Intoleranz und des Aber- und Wunderglaubens. Die Religion muss auf Wunder insistieren, denn es entfernt Glieder aus der Kausalkette. Es gibt keine objektiven Konjunktionen, keine innerweltlichen Gesetzmäßigkeiten, Religion setzt diesen spezifischen Atheismus, eine Gesetzlosigkeit der Welt voraus. Es gibt eine unbefleckte Empfängnis, eine Frau kann einen Knaben ohne Befruchtung gebären. Durch die Ritzen von Fragmenten und Lücken dringt immer wieder giftiger Nebel in das Heiligtum einer nach Perfektion strebenden Menschheit. Die Klerikalen stellen dem aufrechten Gang ein Bein, Cusanus hatte auf der Erdkugel eine Delle ausgemacht als Zeichen ihrer Unvollkommenheit. Fehlerhaftigkeit, Mangelhaftigkeit, Gebrechen, Düsterkeit, Krieg und Krankheit, Eiter und Ekel sind Grundnahrungsmittel der Religionen, die der Welt ihren Wesensgehalt absprechen. 10. In seiner Spätschrift ‚Vom Globusspiel‘ (1643) bezeichnet Cusanus, der Bischof von Hippo, die Welt als Erscheinung, an der Gott sein ‚Können-Selbst“ ausprobiere. Nur Gott war aus dem Jenseits heraus imstande, sich selbst zu begründen, Ursache seiner selbst zu sein. Spinoza wird diese bisherige Exklusivfähigkeit ins Totale generalisieren. Bischof Augustinus hatte bei Primärorientierung auf die Sonne des Diesseits Ausschluss aus der endzeitlichen Erlösung gepredigt. Der Klerus kannte die Gretchenfrage sehr genau. Er hörte auf die Einflüsterungen der Jesuiten, Descartes lasse in seiner Lehre von der Natur keinen Raum für Gott. Das ergibt sich auch leicht aus seiner Schrift: ‚Die Erforschung der Wahrheit durch das natürliche Licht‘, die schon einleitend seine mitgeteilte Auffassung verkündet, dass das natürliche Licht weder die Religion noch die Philosophie brauche. Dreizehn Jahre nach dem Tod Descartes setzte der Vatikan 1663 seine Schriften auf den Index Librorum Prohibitorum, 1691 wurden seine Werke von königlicher Seite verbannt, d. h. sie durften nicht in den Schulen verbreitet werden. Um mitzuwirken an den neuen zukunfts- und gattungsorientierten Projekten, musste sich die Philosophie aus ihrer wissenschaftsgeschichtlichen Rolle als Magd der Theologie befreien zur Königin der Disziplinen, die der Marxismus Mitte des 19. Jahrhunderts stürzen wird. Bacon wurde der Herold, der den Wissenschaften die neue Linie vorgab: An der Erleichterung des menschlichen Lebens mitzuwirken. Die Welt galt nicht länger als ewiges Jammertal, das die Pfaffen brauchten, ihre Vormundschaft wurde zumindest in den großen Städten abgeworfen. Die Praxis kam gegen die Theorie auf, die vita activa gegen die vita contemplativa, ein Aktionismus gegen das religiöse Wimmern abseits des Weltlaufs. Mit dem ‚Brief über den Kometen‘ nahm Pierre Bayle, dessen Denken stark von dem Jesuitenschüler Descartes mit dem Lieblingsfach Mathematik geprägt war, 1682 den Kampf gegen Aberglauben und Vorurteil auf. Die Philosophie nahm mehr und mehr Tuchfühlung mit den Naturwissenschaften auf, insbesondere zu den mathematisch orientierten, dieser festen Bank des Materialismus, und einigte sich schließlich im Prozess der schrittweisen Überwindung der feudalen Produktionsweise und dem aus ihr resultierenden Kampf gegen die mittelalterliche Scholastik bis zu einem gewissen Grad mit ihnen. 11. Es ging um die Trennung des Wissens vom Glauben, der Befreiung der Magd ‚Philosophie‘ aus den Fesseln der Dame Domina ‚Theologie‘, Cusanus hatte auch noch die Mathematik in ihre Fesseln gelegt, und um die Frage des Primats: Wer hat die Macht über wen? Diese Frage kostete zehn Jahre nach dem deutschen Bauernkrieg dem 1953 heiliggesprochenen Thomas Morus 1535 den Kopf. 12. Kopernikus hatte an der Pforte einer neuen Zeit gestanden, der große geographische und astronomische Entdeckungen und große technische Erfindungen bevorstanden. Thomas von Aquin hatte behauptet, auf dem Äquator gäbe es kein Leben, Magellan wusste mehr. 1591 veröffentlicht Tommaso Campanella, der Sohn eines Schusters, eine Schrift mit dem vielsagenden Titel: ‚Philosophie, die durch Wahrnehmung begriffen wird‘, die ihn ins Gefängnis der Inquisition brachte. 1616 verteidigte er Galilei, ohne zu wissen, dass der bereits umgekippt war. Wenn Bacon sagt: ‚Wissen ist Macht‘, so ist nicht ein Wissen ganz allgemein gemeint, sondern ein spezifisches, das mit den Naturwissenschaften leierte. Wir bekommen den richtigen Zugang zur Natur durch die Naturwissenschaften. Das war das einfache, schon von Bruno und Telesio vertretene Ergebnis einer wissenschaftsgeschichtlichen Umwälzung, nachdem der theologische Schutt beiseite geräumt war. Die Scholastik, die über den Dingen schwebt, kann nur imitierende Schüler hervorbringen, keine Erfinder, Neuerer, die sich kreativ den Dingen zuwenden und in sie eindringen. Auch das ist ein einfaches Ergebnis. Aber die Früchte hervorbringenden Naturwissenschaften waren selbst nach den Bauernkriegen noch zu schwach entwickelt, um eine generalisierende Philosophie entbehren zu können. Sie blüht außerhalb der Akademien, die in den Ruf geraten, von praxisfernen Scholastikern geleitet zu werden. Aristoteles, für Bacon der Diktator der Scholastik und eine Spinne (er sagt nicht Spinner, meint es aber, auch Hirngespinste), wird angegriffen als Urvater einer intellektuellen Grundhaltung, aus der Wissenschaft um ihrer selbst willen betrieben wird. Ihr hohles Kreisen in sich bereichere die Menschen nicht. 13. Eine Wissenschaft um der Wissenschaft willen lässt ein „Reich Gottes“ bestehen, die Zeichen der Zeit zeigen aber auf die Erkenntnis der Natur und auf ihre Umwandlung in ein „Reich des Menschen“. Damit aber ist das bürgerliche Weltbild an seine Grenze gestoßen, keine bürgerliche Revolution hat je ein „Reich des Menschen“, ein Reich der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (wo bleiben die Schwestern?) gezeugt. Nicht ein Reich kam heraus, sondern ein Teich, in dem alle Tugenden ersoffen. Am Ende seiner politischen Karriere machte Robespierre die tief einbrennende Erfahrung von der Ohnmacht der Tugend. Die dunklen, saft- und kraftlosen Gestalten des Mittelalters verblassten mehr und mehr; in der Stadt, deren Luft frei machte, besonders die der italienischen Küstenstädte, richteten die fortschrittlichen Menschen ihre Blicke nicht mehr mit krauser Stirn ängstlich nach oben, sondern blickten mit wachen Augen nach vorne auf die Unendlichkeit des Wassers, in dem die List des Verschlingens lauert. Mit einem Stück Holz wurde eine Welt erobert, die größer und kommunikativer war als die katholische. Italienische Küstenstädte enthaupteten Rom als Zentrum der Welt. Der Atheismus ging von den Städten aus, in denen geistige Kreativität angesagt war. Für Pierre Bayle würdigt sich der Mensch durch Aberglauben, nicht durch den Atheismus herab und Marx und Engels sprachen bekanntlich vom „Idiotismus des Landlebens“. Aus der Zersetzung der Metaphysik, aus der Unterwerfung der Provinz, in der der Bauer unter dem Diktat der Jahreszeit mit seinem Pflug auf und ab ging, tagein tagaus wie ein Ochse das Gleiche tat, kehrte sich das physikalische Experiment hervor, auf der Suche nach Neuem, bei dessen Anordnung und Durchführung der Physiker als kleiner Gott fungiert. Hegel hätte gesagt, der sich anschickt, die Gedanken Gottes vor der Schöpfung der Welt und eines endlichen Wesens nachzuzeichnen. Bacon hatte den Plan eines Gartens entworfen, der auf kleinem Raum ein Modell einer universellen Natur zum menschlichen Gebrauch abgeben sollte. Auch sprach er sich für die Errichtung eines Museums aus, in dem alle von Menschen gebauten Maschinen konzentriert sein sollten. 14. Bacon stellte wissenschaftliches Arbeiten ganz unter den Aspekt der Nützlichkeit, der Hingabe an das tätige Leben, der Hervorbringung von Wunderwerken der Technik und lehnte die Bibel als Lebensberaterin ab. Dass ein Kochbuch mit leckeren Rezepten wichtiger und zentraler sei als sie, so weit ging er nicht, konnte er als politischer Vertreter der Krone gegen das Parlament auch nicht gehen, auch wenn er ideologisch mit der parlamentarischen Opposition der neuen Bourgeoisie übereinstimmte. Bacon griff in erster Linie nicht den Kirchenvater Augustinus, die christliche Tradition, an, sondern Aristoteles, die philosophisch-scholastische Wurzel, für ihn die aller Übel.

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Details

Titel
Die Zerstörung der Metaphysik und ihre Folgen. Das Tier als Maschine bei Descartes
Autor
Seiten
43
Katalognummer
V591318
ISBN (eBook)
9783346181213
ISBN (Buch)
9783346181220
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
descartes, folgen, maschine, metaphysik, tier, zerstörung
Arbeit zitieren
Heinz Ahlreip (Autor), Die Zerstörung der Metaphysik und ihre Folgen. Das Tier als Maschine bei Descartes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/591318

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