Drei Generationen ökonomischer Währungskrisenmodelle - Ein zusammenfassender Überblick mit dem Schwerpunkt auf der ersten Generation


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2006
17 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Währungskrisenmodelle erster Generation
1.1 Das Währungskrisenmodell von Krugman
1.2 Das Währungskrisenmodell von Flood und Garber
1.3 Erweiterungen der klassischen Währungsattackenmodelle
1.4 Modelle erster und zweiter Generation im Vergleich

2 Währungskrisenmodelle zweiter Generation

3 Währungskrisenmodelle dritter Generation

Literatur

1 Währungskrisenmodelle erster Generation

Von den ökonomischen Arbeiten zur Modellierung von Währungskrisen, die als Folge der schweren Währungskrisen in Mexiko und Argentinien in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden sind, sind vor allem diejenigen von Krugman (1979) und von Flood und Garber (1984) berühmt geworden. Diese Währungskrisenmodelle erster Generation lieferten für die bis dahin beobachteten Krisen angemessene Abbil- dungen und Erklärungen. Sie basierten auf einer von Salent und Henderson (1978) entwickelten Theorie zur Stabilisierung der Preise erschöpfbarer Ressourcen. Kern der Modelle ist das Phänomen der spekulativen Attacke. Im Modell von Salent und Hen- derson versucht eine Regierung, den Preis p von Gold auf einem niedrigen Niveau zu fixieren. Wenn jedoch dieser fixierte Preis von dem (höheren) potenziellen Marktpreis P

(”Schattenpreis“),dersichohneEingriffeinstellenwürde,zustarkabweicht,istesfür Wirtschaftssubjekte rational, große Goldmengen zu erwerben, in der Hoffnung dass der Goldbestand der Regierung dadurch ganz aufgebraucht wird und sie durch Goldkäufe und -verkäufe den Preis nicht mehr künstlich stabilisieren kann. Hat diese spekulative Attacke Erfolg, wird der Goldpreis freigegeben und die Spekulanten realisieren einen Gewinn in Höhe von P − p pro Einheit Gold.

Die Währungskrisenmodelle erster Generation übertrugen nun diese Logik auf Re- servebestände an Devisen und feste Wechselkursregime. Untersucht werden kleine of- fene Volkswirtschaften, in denen Vollbeschäftigung herrscht (Löhne und Güterpreise sind vollständig flexibel) und die ihre Währung an eine ausländische Hartwährung wie den US-Dollar anbinden, um die Glaubwürdigkeit ihrer Geldpolitik zu erhöhen. Die Stabilisierung des Wechselkurses geschieht ausschließlich durch direkte Interventionen der Zentralbank eines solchen Landes auf dem Devisenmarkt, wo sie durch Kauf oder Verkauf von Devisen deren Angebot und Nachfrage zum Ausgleich bringt und somit den Wechselkurs fixiert.1 Typischerweise gab es in den Krisenländern zusätzlich zum festen Wechselkursregime eine stark expansive Geldpolitik, mit deren Hilfe der Staat sein (persistentes) Budgetdefizit zu finanzieren pflegte. Bei konstanter Geldnachfrage seitens der Privaten setzt aber eine sich ständig ausweitende inländische Geldmenge die Währung unter Abwertungsdruck, da das Überschussangebot an inländischer Währung im Vergleich zur ausländischen Währung deren Preis, also den Wechselkurs, unter Druck setzt. Dem muss die Zentralbank durch Verkauf von Devisen entgegensteuern, so dass ihr Reservebestand schrumpft. Sobald nun die Wirtschaftssubjekte glauben, durch Ankauf einer großen Devisenmenge die Reserven der Zentralbank vollständig auflösen zu können, werden sie auf die Aufgabe spekulieren und dies tun, was dann wiederum den Staat dazu zwingt, sein Regime fester Wechselkurse aufgeben zu müssen. Die Spekulanten können nach erfolgreicher Attacke und Abwertung der Währung ihre Devisen zu einem höheren Wechselkurs Gewinn bringend wieder verkaufen.

Vorgestellt werden im Folgenden die beiden grundlegenden Währungskrisenmodelle, die dieser Logik folgen, und die die Basis für eine Reihe von Fortentwicklungen und Erweiterungen sind.

1.1 Das Währungskrisenmodell von Krugman

Krugman (1979) betrachtet eine Modell-Volkswirtschaft der oben beschriebenen Art, in der nur ein handelbares Gut produziert wird, das zum ausländischen Gut ein perfektes Substitut ist. Wenn flexible Wechselkurse vorliegen, gilt außerdem die Kaufkraftparität, so dass sich das inländische Preisniveau P und das ausländische Preisniveau P∗ über Güterarbitrage stets angleichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

s bezeichnet den Wechselkurs. Ohne Beschränkung der Allgemeinheit kann man P∗ = 1 setzen, so dass der Wechselkurs dem inländischen Preisniveau und die Abwertungsrate der Inflationsrate entspricht. Das reale Vermögen W aller Wirtschaftssubjekte setzt sich zusammen aus der Menge M/P = m, die sie an inländischem Geld nachfragen und der Nachfrage F/P∗ = F nach Devisen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Herrscht ein Regime flexibler Wechselkurse, interveniert die Zentralbank nie auf den Devisenmärkten zur Stützung des Wechselkurses. Da Ausländer annahmegemäß kein Inlandsgeld halten, gibt es für die Inländer dann keinen Handelspartner für Devisen, so dass die von ihnen gehaltene Devisenmenge F sich nur durch Handel auf dem Güter- markt ändern kann und somit dem Saldo (Ex − Im) der Leistungsbilanz entspricht. Sieht man von Investitionen ab und nimmt an, dass der gesamtwirtschaftliche Konsum vom verfügbaren Einkommen Y − T (T : Steuerbetrag) und dem Vermögen W abhängt, setzt sich das Nationaleinkommen, also der gesamtwirtschaftliche Vollbeschäftigungs- Output, aus Konsum C, Staatsausgaben G und Außenhandelsbeitrag (Ex − Im) zu- sammen. Da dieser der Änderung der Devisenmenge entspricht, gilt2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das annahmegemäß vorhandene, ständig wachsende Budgetdefizit finanziert die Re- gierung über die Notenpresse. Die inländische Geldmenge wächst also um die Neuver- schuldung G − T , welche proportional zur realen Geldmenge angenommen wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unter der Annahme, dass die Geldnachfrage m der Privaten proportional zu ihrem Vermögen W ist und der Proportionalitätsfaktor L negativ von der Inflationsrate π abhängt, lässt sich unter Verwendung von Gleichung (2) herleiten, dass die Inflationsrate von m/F abhängt. Alles zusammengesetzt erhält man ein lineares Differentialgleichungssystem in den Variablen m und F :

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses System besitzt einen positiven und einen negativen Eigenwert, so dass im m-F - Diagramm nur ein einziger stabiler dynamischer Pfad besteht. Dieser ist in Abbildung 1 durch SAS gekennzeichnet. Bei flexiblen Wechselkursen wird sich das System also zum Punkt A hin entwickeln, wenn man von einem Punkt auf der SAS-Gerade startet. Abbildung 1 enthält zudem den Expansionspfad 0X; dies sind alle Kombinationen der beiden Vermögensarten bei variierendem Vermögen im Falle fixer Wechselkurse. Dann nämlich ändert sich das Verhältnis der beiden Vermögensarten im Portfolio bei variierendem Vermögen nicht, da mit dem Wechselkurs auch das Preisniveau konstant bleibt. Schließlich beinhaltet Abbildung 1 noch die WW-Kurve, auf der alle Punkte konstanten Vermögens liegen.

Anfangs herrscht in der betrachteten Volkswirtschaft ein Regime fixer Wechsel- kurse. Die Regierung besitzt einen Devisenbestand in Höhe von R. Es liegt außerdem ein permanentes staatliches Budgetdefizit vor, dass die Regierung entweder durch Neu- ausgabe von Inlandsgeld oder Antasten ihrer Devisenreserven finanzieren kann. Al- lerdings kann der Staat die inländische Geldmenge nur in dem Ausmaß erhöhen, in dem die Privaten auch bereit sind, Inlandsgeld nachzufragen. Bei zu stark expansiver Geldpolitik entsteht ein Überschussangebot an Inlandsgeld, das die Inländer abbau- en, indem sie es bei der Zentralbank zum fixen Wechselkurs gegen Devisen tauschen. Der Staat hat also keine Kontrolle darüber, wie das Defizit finanziert wird; dies hängt vielmehr von der gewünschten Portfolio-Struktur der Privaten ab. Bei permanenter expansiver Geldpolitik wird also stets ein Teil des neu ausgegebenen Inlandsgeldes von den Privaten in Devisen umgetauscht, so dass der Devisenbestand des Landes ständig abnimmt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das Modell von Krugman in grafischer Darstellung (nach Aschinger 2001)

Während dieser Vorgänge bewegt man sich in Abbildung 1 auf dem Expansionspfad 0X vom Ursprung weg nach außen, da das Vermögen der Privaten stetig zunimmt. Der Punkt D sei nun der Punkt, bei dessen Erreichen der gesamte Devisenbestand des Landes erschöpft wäre (R = 0), wenn es keine spekulative Attacke gäbe. Dann würde die Regierung den fixen Wechselkurs nicht mehr durch Devisenmarktinterven- tionen verteidigen können und müsste zum Regime flexibler Wechselkurse übergehen. Die Volkswirtschaft ginge daher sofort vom Punkt D in den Punkt C über, der auf dem für flexible Wechselkurse stabilen Pfad liegt. Da momentan die nominale Geldmenge konstant ist, müssten sich dabei Preisniveau und Wechselkurs abrupt erhöhen. Es käme zu einer plötzlichen, diskreten Abwertung, verbunden mit einem Kapitalverlust.

Einen solchen Kapitalverlust hätten die Privaten aber vorausgesehen und ihn im Vorfeld versucht, durch eine spekulative Attacke zu verhindern. Diese wird es folglich sein, die den Wechsel des Währungsregimes auslösen wird und nicht das bis zuletzt graduelle Absinken der Devisenreserven auf Null. Der private Sektor antizipiert also, dass die Reserven irgendwann erschöpft sein werden und dass der fixe Wechselkurs nicht dauerhaft zu halten sein wird, und wird daher durch Aufkauf der restlichen Devi- senreserven der Zentralbank, schon bevor diese erschöpft sind, eine spekulative Attacke auslösen und zwar genau in dem Moment, in dem sie durch einen ausreichend reduzier- ten Devisenbestand zum ersten Mal Erfolg haben kann. In Abbildung 1 ist dies der Fall, wenn unter dem Regime fixer Wechselkurse die Bewegung auf dem Expansionspfad OX nach außen den Punkt B erreicht hat, denn dort wird durch Aufkauf des Devisenrest- bestandes das Vermögen der Privaten nicht verändert.3 Im Punkt B strukturieren die Privaten bei gegebenem Vermögen ihr Portfolio derart um, dass sie die restlichen Devi- senreserven R gegen Inlandsgeld aufkaufen, so dass die Volkswirtschaft auf der Kurve konstanten Vermögens (WW-Kurve) in den Punkt C läuft, weil dort R = 0 gilt. Dabei verringert sich durch das plötzliche Abstoßen des Inlandsgeldes abrupt die nominale Geldmenge M bei konstantem Preisniveau, bis im Punkt C Wechselkurs und Preisni- veau variabel werden. Wechselkurs und Preisniveau müssen sich hier stetig verändern, sonst wären durch die Abwertung momentane Gewinne möglich und die spekulative Attacke hätte schon vorher eingesetzt. Vom Punkt C aus führt die Bewegung schließlich auf dem stabilen Pfad SAS ins Gleichgewicht A.

Der Logik des Modells von Krugman folgt auch das Währungskrisenmodell von Flood und Garber (1984). Es ist gewissermaßen eine Anwendung der Krugman’schen Theorie der spekulativen Attacken, die es erlaubt, etwa den Zeitpunkt der Attacke direkt zu bestimmen.

1.2 Das Währungskrisenmodell von Flood und Garber

Dieses Modell basiert weitgehend auf den gleichen Grundannahmen wie dasjenige von Krugman. Allerdings halten Inländer hier keine Devisen. Diese treten nur als Reser- venbestand R der Zentralbank auf.

[...]


1 Andere Politikoptionen wie z. B. Kapitalverkehrskontrollen werden in den Grundmodellen vernachlässigt, lassen sich aber als Erweiterung berücksichtigen.

2 Ein Punkt über einer Variablen gibt deren Zeitableitung an.

3 Würde sich im Punkt B das Vermögen der Privaten durch Aufkauf der Restreserven erhöhen, hätten sie die Devisenreserven schon vorher aufgekauft, um Gewinn zu machen. Die spekulative At- tacke kann daher nur in einem Punkt ausgelöst werden, von dem ausgehend sich das Vermögen durch Aufkauf der Devisenrestbestände nicht verändert. Die Punkte B und C müssen daher auf der WW- Kurve liegen.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Drei Generationen ökonomischer Währungskrisenmodelle - Ein zusammenfassender Überblick mit dem Schwerpunkt auf der ersten Generation
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Alfred-Weber-Institut f¨ur Wirtschaftswissenschaften)
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V59142
ISBN (eBook)
9783638531597
ISBN (Buch)
9783638764711
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Aufsatz stellt Währungskrisenmodelle der ersten und zweiten Generation ausführlich dar und erwähnt die dritte Generation.
Schlagworte
Drei, Generationen, Währungskrisenmodelle, Schwerpunkt, Generation
Arbeit zitieren
Dr. Oliver Fohrmann (Autor), 2006, Drei Generationen ökonomischer Währungskrisenmodelle - Ein zusammenfassender Überblick mit dem Schwerpunkt auf der ersten Generation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59142

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