Sozialer Tatbestand nach Durkheim am Beispiel der TV-Serie "Shameless"


Hausarbeit, 2017

10 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Sozialer Tatbestand nach Émile Durkheim

III. Erziehung nach Émile Durkheim

IV. Erziehung anhand der Serie Shameless

V. Fazit

Einleitung

Der französische Soziologe Émile Durkheim lebte von 1858 bis 1917 und beschäftigte sich zu seiner Zeit mit Erziehungs- und Sozialwissenschaften. Er gehört zu den acht wichtigsten Soziologen der Geschichte. Für ihn war die Gesellschaft nicht nur eine Summe von Individuen, sondern ein Wesen eigener Art. Im sozialen Leben existieren Erscheinungen, die unabhängig von den Einzelnen auftreten. Diese Erscheinungen bilden den sozialen Tatbestand (vgl. Kruse 2012: 76).

Der soziale Tatbestand ist ein spezifisches Erkenntnisobjekt der Soziologie. Er umfasst die Theorie von Émile Durkheim, die versucht, die Abhängigkeit des Individuums zur Gesellschaft darzustellen. Diese Theorie werde ich anhand dieser Fragestellung in meinem Essay erläutern: Wie stellt sich der soziale Tatbestand nach Émile Durkheim anhand von Erziehung in der Serie „Shameless“ dar?

Sozialer Tatbestand nach Émile Durkheim

Nach Émile Durkheim spiegelt der soziale Tatbestand Realitäten eigener Art wieder. Er drückt den Individuen der Gesellschaft mit zwingender Gewalt, besondere Arten des Handelns, Denkens und Fühlens auf. Die Individuen sind dabei nicht imstande diesem äußeren Zwang zu entfliehen. Der soziale Tatbestand umfasst genauer gesagt kollektive Vorstellungen und Gedankenbildungen wie z. B. Sitten, Bräuche, Normen, Recht und Moral. Diese führen ein Eigenleben abhängig vom Individuum. Nach Durkheim ist der soziale Tatbestand ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft, weil er einzelne Menschen in die Gesellschaft integriert, in dem sie sich der Norm fügen. Soziale Tatbestände bilden einen speziellen Gegenstand der Soziologie als eigene Wissenschaft (vgl. Kruse 2012: 78).

Die Theorie besagt, dass ein Individuum nur als Teil der Gesellschaft verstanden werden kann und isoliert von der Gesellschaft, durch den fehlenden Einfluss, ganz anders handeln, denken und fühlen würde. In jedem Individuum herrschen das individuelle Bewusstsein, sowie das Kollektivbewusstsein. Das individuelle Bewusstsein umfasst alle geistigen Zustände mit Bezug auf das Individuum selbst, und deren persönlichen Ereignissen (vgl. Durkheim 1973: 8). Das Kollektivbewusstsein bildet hingegen die Basis für Durkheims Theorie des sozialen Tatbestands. Émile Durkheim beschreibt es allgemein als „die Gesamtheit der Meinungen und Gefühle, die den Gliedern ein und derselben Gesellschaft im Durchschnitt gemeinsam sind.“(Kruse 2012: 79) Das Kollektivbewusstsein der Menschen führt ein eigenständiges Leben. Es hat höchste Priorität für den Menschen und produziert beim Individuum Gefühle der Ergebenheit und des Respektes. Es existiert im Bewusstsein der Einzelnen, aber auch abhängig davon. Die Individuen gehen, indem sie beispielsweise umziehen oder sterben, aber das Kollektivbewusstsein der Gesellschaft bleibt erhalten. Durch dieses kollektive Phänomen werden Traditionen und Glaubensvorstellungen in Form von Überzeugungen und Gefühlen durch die Sozialisation, von Generation zu Generation weitergegeben (vgl. Durkheim 1976 1895: S. 203f.).

Das Kollektivbewusstsein ist eine Macht, der man sich nicht entziehen kann, und die den Einzelnen in seiner Freiheit einschränkt. Auch wenn das Kollektivbewusstsein negative Aspekte beinhaltet, ist es nach Durkheim eine notwendige und wichtige Kraft, die die Gesellschaft benötigt, weil sie sie zusammenhält. Es sorgt für die Integration von Individuen zur Gesellschaft. Zur eigenen Sicherung verteilt es aber auch Sanktionen bei der Verletzung der kollektiven Normen und Gefühle. Es wird durch mehrere Faktoren gerechtfertigt. Zum einen haben die Individuen aus ihrer Erziehung gelernt sich unterzuordnen. Jedes Individuum fügt sich dem Kollektivgefühl, was gleichzeitig einen Gruppenzwang auslöst. Zum anderen führt der angeborene Geselligkeitstrieb in den Menschen dazu, alles für ein harmonisches Zusammenleben zu tun (ebd.: 188ff.).

In einfachen Gesellschaften ist das Kollektivbewusstsein stärker ausgeprägt, als in modernen Gesellschaften. Émile Durkheim kritisiert, dass die immer moderner werdenden Gesellschaften nur noch funktional handeln. Die Integration von Individuen geschieht immer weniger durch das Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern eher durch das Abwägen danach, wie man aufeinander angewiesen ist. Dadurch nimmt die Bedeutung des Kollektivbewusstseins ab (vgl. Kruse 2012: 79).

Der soziale Tatbestand nach Durkheim verkörpert allgemein das Kollektivbewusstsein und seine Überführung ins individuelle und kollektive Verhalten. Er umfasst alle Phänomene dieses Bewusstseins (ebd.: 80).

Erziehung nach Émile Durkheim

Der Zwang vom sozialen Tatbestand, der dem Einzelnen auferlegt ist, ist moralischer Natur. Er lastet seit der Kindheit auf dem Individuum. Die Erziehung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Aus ihr lernt das Individuum, dass es sich unterzuordnen hat und im späteren Leben Rücksicht nehmen muss (vgl. Durkheim 1976 1895: 109).

Es gibt unzählige Arten von Erziehungsstilen, die abhängig von der entsprechenden Gesellschaft sind. Alle Arten von Erziehung beruhen jedoch auf einer Basis und verkörpern nach Durkheim eine wesentliche soziale Tatsache. Jede Erziehung ist nach einem gewissen Ideal ausgerichtet, das den Leitfaden darstellt (vgl. Durkheim 1973: 7). Émile Durkheim definiert die Erziehung folgendermaßen:

„Die Erziehung ist die Wirkung, die die Erwachsenengeneration auf jene ausüben, die für das soziale Leben noch nicht reif sind. Sie hat das Ziel, beim Kind eine bestimmte Anzahl von physischen, intellektuellen und moralischen Zuständen zu erwecken und zu entwickeln, die sowohl die politische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und das Spezialmilieu, der er anzugehören bestimmt ist, von ihm verlangt.“(ebd.: 8)

Die Erziehung dient laut Durkheim als Sozialisierung und Sensibilisierung des Kindes für die Gesellschaft. Ihr Ziel ist die Bildung des sozialen Wesens durch die Gesamtheit kollektiver Meinungen. Im Zuge der Sozialisation während der Erziehung ist die Individualisierung des Kindes möglich. Bei der Geburt besitzt jedes Kind zuerst nur seine individuelle Natur und vererbte, instinktive Mechanismen. Diese reichen für das soziale Leben des Menschen nicht aus. Die Aufgabe der Erziehung umfasst daher die Herausforderung, immer wieder neue Generationen zu sozialisieren. Die Gesellschaft bildet sich dadurch weiter und erlangt große moralische Kräfte. Dieser zirkuläre Prozess verkörpert für Durkheim das Grundaxiom. Der Grundgedanke von Émile Durkheim beim Thema Erziehung liegt in den Beziehungen der Gesellschaft und des Individuums, sowie in den bedeutenden Individuen im sozialen Fortschritt (ebd.: 9-12).

Für Émile Durkheim existieren drei Elemente der Moralität des Kindes. Diese Elemente sollte jedes Kind in seiner Erziehung erfahren. Sie bilden die Basis für den sozialen Tatbestand. Das erste Element nennt er den Geist der Disziplin. Dieser stützt sich auf die Autorität der Vernunft und setzt bestimmte Richtlinien für das natürliche Verlangen des Kindes. Jedes Kind durchläuft in seiner Erziehung zwei Phasen. In der ersten Phase wird das Kind zum größten Teil von der Familie geprägt. In der zweiten darauffolgenden Phase findet die Prägung durch Einflüsse des sozialen Umfeldes statt, wie z. B. die Erfahrungen in der Schule. Nach der zweiten Phase, die auch Schulphase genannt wird, ist die Basis der Moral des Kindes unveränderbar, weil die Prägung von außen sehr stark ist. Die Eltern müssen daher gute Vorarbeit in der ersten Phase leisten. Um ein Kind moralisch zu bilden, müssen die allgemeinen Veranlagungen durch angebrachte Mittel entwickelt und weitergebildet werden (vgl. Durkheim 1973: 72-75).

Das zweite Element der Moral ist der Anschluss an die sozialen Gruppen. Der Mensch gilt dabei als begrenztes Wesen und ist ein Teil eines Ganzen. Moralisch gesehen ist der Mensch ein Teil der Gesellschaft. Jedes Individuum hat durch den Bezug zur Gesellschaft Kontakt zu sozialen Gruppen und ist dazu berufen Anschluss an sie zu finden. Moralische Beziehungen sind laut Émile Durkheim, Beziehungen zwischen Bewusstseinsvorstellungen. Diese bestehen zwischen drei beteiligten Gruppen. Sie umfassen das eigene Ich, das bewusste Wesen der anderen und alle Gesellschaften wie die Familie, das Land, in dem man lebt, oder die Menschheit. Die Moral muss in den Beziehungen jedem Individuum zugänglich sein. In Bezug darauf gibt es zwei verschiedene Arten von Zielen. Die persönlichen Ziele sind alle Bestrebungen, die vom Individuum selbst verfolgt werden. Die unpersönlichen Ziele verkörpern hingegen alle Absichten, die Bezug auf etwas anderes nehmen, und bei denen das Individuum allein als handelndes Wesen betrachtet wird. Die Ziele gliedern dabei das Handeln des Individuums innerhalb von sozialen Gruppen (ebd.: 110f.).

Das dritte und letzte Element der Moralität nach Durkheim ist die Autonomie des Kindes. Im Handeln des Kindes steckt dabei die Vernunft des Menschen als Teil und Gesetz der Welt. Menschen sind Gefühlswesen, daher liegt ihr Unterschied in ihren verschiedenen Gefühlen. Die Verbindung von der Vernunft zur Gefühlsfähigkeit folgert das Phänomen, dass sich die Vernunft den Gefühlen aufdrängt. Dieser Prozess produziert beim Kind ein Gefühl der Verpflichtung. Um dies zu umgehen, wenn die Kinder in der Erziehung moralisch Handeln, muss ihnen Freiheit gewährleistet sein und kein Druck aufliegen (ebd.: 156ff.).

Erziehung anhand der Serie „Shameless“

Die Erziehung setzt Kinder mit einer bestimmten Gesellschaft in Verbindung, in der sie aufwachsen. Wie in der Serie „Shameless“ passen sich Kinder an ihre Umgebung an und fügen sich der Norm. Die sechs Geschwister der Familie Gallagher leben in einem sozialschwächeren Milieu und haben nur wenig Geld zum Leben. Ihre Mutter ist abgehauen und der Vater ist ein Alkoholiker, der nur zur Ausnüchterung nach Hause kommt. Somit leben die Kinder alleine und werden von ihrer ältesten Schwester Fiona erzogen. Sie besitzen dennoch einen normalen Tagesablauf und haben ihre Situation akzeptiert. Für alle Kinder ist es selbstverständlich einen Beitrag zu den Unterhaltskosten zu leisten. Mit Ausnahme von Liam, dem jüngsten Kind, der erst ein Jahr alt ist.

„Du bist fast neun. Du musst langsam auch mal deinen Teil abdrücken.“ (Abbott 2011: 4:03 Min.). So wird Carl von seiner jüngeren Schwester Debbie angesprochen, die nur ein Jahr älter ist als er selbst, als alle ihr Geld für die Stromrechnung zusammenlegen. Als Unterstützung sagt der größte Bruder Lip: „Genau, und einen richtigen Job annehmen, und nicht nur den Klingelbeutel in der Kirche leer räumen.“ (ebd.: 4:06 Min.) Im Alltag der Kinder gilt der Verdienst von eigenem Geld neben der Schule als selbstverständlich. Sie haben keine Eltern, die sich um sie kümmern. Debbie sammelt z. B. das ganze Jahr über Spenden für die Kinderhilfsorganisation unicef und nutzt einen Teil des Geldes für die Gemeinschaftskasse der Familie (ebd.: 1:17 Min.). Ihr Handeln ist kriminell, weil sie das Geld der Leute auch für sich selber nutzt und eine Organisation als Vorwand nimmt. Genau wie das Leeren des Klingelbeutels in der Kirche, was Carl häufiger ausführt, sind beide Handlungen nicht legal. Den Kindern wird dabei keine deutliche Grenze vermittelt, zwischen dem was erlaubt ist und dem was nicht erlaubt ist. Sie sind mit Kriminalität und Verstößen gegen das Recht aufgewachsen und haben es nicht anders gelernt. In dem sozialschwächeren Bezirk, in dem die Familie lebt, ist Kriminalität an der Tagesordnung.

Der soziale Tatbestand wirkt dabei auf die Kinder, da er sie drängt sich kriminell zu verhalten, um zur Gesellschaft dazu zu gehören. Sie haben nicht die Wahl sich normkonform zu verhalten, denn dann würden sie zu wenig Geld zum Leben haben und von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Die kriminellen Taten der Geschwister tragen zu ihrem Überleben bei. Durch ihre finanziell und elterlich schwierige Situation sind die Kinder durch einen starken Zusammenhalt geprägt. Bei den kriminellen Handlungen herrscht der Kollektivgedanke, der die Kinder leitet und handeln lässt. Sie streben nach der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft durch die Anpassung an vorhandene Sitten ihres engen Umfeldes, in dem Kriminalität zur Gewohnheit gehört (vgl. Kruse 2012 2008: 78).

Nach Émile Durkheim kann das kriminelle Verhalten zusätzlich durch das vernachlässigte Lehren von Grunddisziplinen zustande kommen (vgl. Durkheim 1973: 25). Die Erziehung wird durch die fehlende Anwesenheit der Eltern vernachlässigt und nur zum Teil von der ältesten Schwester Fiona übernommen. Sie führt den Haushalt, geht arbeiten und kümmert sich um ihre jüngeren Geschwister. Dabei hat die junge Frau keine Chance auf ein Leben entsprechend ihrem Alter.

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Sozialer Tatbestand nach Durkheim am Beispiel der TV-Serie "Shameless"
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
10
Katalognummer
V591655
ISBN (eBook)
9783346191106
ISBN (Buch)
9783346191113
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beispiel, durkheim, shameless, sozialer, tatbestand, tv-serie
Arbeit zitieren
Annkatrin Falke (Autor), 2017, Sozialer Tatbestand nach Durkheim am Beispiel der TV-Serie "Shameless", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/591655

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