Könnten die Deutschen im Angesicht ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit Patrioten sein und wenn ja, welche? In wohl kaum einem anderen europäischen Land wird die Frage nach der nationalen Identität so kontrovers diskutiert wie in Deutschland. Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland debattieren sowohl politische Philosophen als auch Politiker darüber, welcher der "richtige" Patriotismus für Deutschland sei. Ein zentraler Streitpunkt ist dabei die Idee des Verfassungspatriotismus.
Der Begriff "Verfassungspatriotismus" wurde Ende der 1970 Jahre von Dolf Sternberger als Antwort auf das Identifikationsproblem der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt und später von Jürgen Habermas weiterentwickelt. Verstanden wird unter Verfassungspatriotismus eine politische Loyalität, die sich nicht auf die Nation bezieht, sondern universalistischen Prinzipien, die in einer Demokratie normalerweise in der Verfassung verankert sind, entgegengebracht wird. Von Kritiker wird dem Verfassungspatriotismus immer wieder vorgeworfen, dass es sich dabei um ein rein rationales und zu komplexes Konstrukt handelt, welches die Art und Weise, wie die Bürger fühlen, vollkommen außer Acht lasse. Die Idee des Verfassungspatriotismus sei weltfremd und Ernst-Wolfgang Böckenförde bezeichnete sie als einen "blassen Seminargedanken".
Es stellt sich nun die Frage, ob die Kritiker des Verfassungspatriotismus recht haben mit ihren Vorwürfen oder aber, ob Verfassungspatriotismus dem Anspruch, eine praktisch-philosophische Theorie zu sein, gerecht wird. Sind verfassungspatriotische Einstellungen eine Utopie oder aber können die Deutschen wirklich Verfassungspatrioten sein? Denn in der Debatte um den "richtigen" Patriotismus gilt es nicht nur zu klären, welche patriotischen Einstellungen normativ wünschenswert sind, sondern auch, welche Art von Patriotismus die Bürger überhaupt empfinden können. Daher wird im Rahmen dieser Arbeit die Umsetzbarkeit der Idee des Verfassungspatriotismus überprüft und der Frage nachgegangen, warum die Deutschen Verfassungspatrioten sein sollten und ob sie auch verfassungspatriotische Einstellungen haben können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlage: Sollten die deutschen Bürger Verfassungspatrioten sein? Verfassungspatriotismus nach Müller
3 Verfassungspatriotismus als Einstellung: Können die deutschen Bürger Verfassungspatrioten sein?
3.1 Definition des Einstellungsbegriffs
3.2 Erwerb stabiler Einstellungen
4 Sind die deutschen Bürger Verfassungspatrioten? Ideale Operationalisierung von verfassungspatriotischen Einstellungen
4.1 Voraussetzung für einen systematischen Erwerb verfassungspatriotischer Einstellungen
4.2 Systematischer Einstellungserwerb von verfassungspatriotischen Einstellungen
4.3 Kognitive Überzeugungen als Gründe für eine verfassungspatriotische Einstellung
4.4 Verfassungspatriotismus als affektive Bindung an universalistische Werte
4.5 Handlungen
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Umsetzbarkeit des Verfassungspatriotismus in Deutschland, indem sie der Forschungsfrage nachgeht, ob die deutschen Bürger Verfassungspatrioten sein sollten und ob sie entsprechende Einstellungen überhaupt ausbilden können.
- Theoretische Begründung des Verfassungspatriotismus nach Müller und Rawls
- Sozialpsychologische Einordnung des Verfassungspatriotismus als Einstellung
- Analyse der Bedingungen für den Erwerb verfassungspatriotischer Einstellungen
- Entwicklung einer idealen Operationalisierung für empirische Messungen
- Untersuchung der kognitiven, affektiven und behavioralen Dimensionen
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Könnten die Deutschen im Angesicht ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit Patrioten sein und wenn ja welche? In wohl kaum einem anderen europäischen Land wird die Frage nach der nationalen Identität so kontrovers diskutiert wie in Deutschland. Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) debattieren sowohl politische Philosophen als auch Politiker darüber, welcher der „richtige“ Patriotismus für Deutschland sei. Ein zentraler Streitpunkt ist dabei die Idee des Verfassungspatriotismus (Kronenberger 2013: 182).
Der Begriff „Verfassungspatriotismus“ wurde Ende der 1970 Jahre von Dolf Sternberger als Antwort auf das Identifikationsproblem der Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg geprägt und später von Jürgen Habermas weiterentwickelt. Verstanden wird unter Verfassungspatriotismus eine politische Loyalität, die sich nicht auf die Nation bezieht, sondern universalistischen Prinzipien, die in einer Demokratie normalerweise in der Verfassung verankert sind, entgegengebracht wird (Müller 2010: 9f.). Von Kritiker wird dem Verfassungspatriotismus immer wieder vorgeworfen, dass es sich dabei um ein rein rationales und zu komplexes Konstrukt handelt, welches die Art und Weise, wie die Bürger fühlen, vollkommen außer Acht lasse. Die Idee des Verfassungspatriotismus sei weltfremd und Ernst-Wolfgang Böckenförde bezeichnete sie als einen „blassen Seminargedanken“ (Müller 2010: 14).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Debatte um den Verfassungspatriotismus ein und legt die Forschungsfrage sowie das methodische Vorgehen der Arbeit dar.
2 Theoretische Grundlage: Sollten die deutschen Bürger Verfassungspatrioten sein? Verfassungspatriotismus nach Müller: Dieses Kapitel erläutert das theoretische Fundament des Verfassungspatriotismus nach Müller und rechtfertigt diesen normativ durch die liberale Moraltheorie von Rawls.
3 Verfassungspatriotismus als Einstellung: Können die deutschen Bürger Verfassungspatrioten sein?: Hier wird untersucht, ob Verfassungspatriotismus sozialpsychologisch als stabile Einstellung definiert und erworben werden kann.
4 Sind die deutschen Bürger Verfassungspatrioten? Ideale Operationalisierung von verfassungspatriotischen Einstellungen: Dieses Kapitel entwickelt ein Instrumentarium zur Messung verfassungspatriotischer Einstellungen anhand kognitiver, affektiver und behavioraler Dimensionen.
5 Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Verfassungspatriotismus eine verinnerlichbare Einstellung darstellt, deren empirische Messung jedoch weiter erforscht werden muss.
Schlüsselwörter
Verfassungspatriotismus, Deutschland, Politische Identität, Verfassungskultur, Einstellung, Systemunterstützung, Liberale Demokratie, John Rawls, Dolf Sternberger, Jürgen Habermas, Politische Partizipation, Ziviler Ungehorsam, Empirische Operationalisierung, Politische Bildung, Sozialpsychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der theoretischen und praktischen Relevanz des Verfassungspatriotismus als Form der nationalen Identität in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Herleitung nach Müller und Habermas, die sozialpsychologische Fundierung von Einstellungen sowie die empirische Operationalisierung des Konzepts.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu überprüfen, ob Verfassungspatriotismus in Deutschland nicht nur normativ wünschenswert („sollen“), sondern auch empirisch möglich („können“) ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt politikwissenschaftliche Theorieanalyse sowie sozialpsychologische Konzepte zur Definition und Messung von Einstellungen, um einen operationalen Fragebogen zu entwerfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine Einstellungsanalyse und die detaillierte Ausarbeitung von Fragen für eine empirische Erhebung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Verfassungspatriotismus, liberale Werte, Einstellungsforschung, Systemstabilität und politische Identität.
Welche Rolle spielt die Vergangenheit bei der Entstehung von Verfassungspatriotismus?
Die kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit wird als wesentlicher Teil der deutschen Verfassungskultur angesehen, die eine Bindung an liberale Werte begründet.
Warum wird eine „harte“ Auslegung des Antwortverhaltens vorgeschlagen?
Um sicherzustellen, dass Verfassungspatrioten tatsächlich die liberalen Prinzipien stützen, wird ein striktes Antwortmuster definiert, bei dem Abweichungen vom normativen Kern das Attribut „Verfassungspatriot“ ausschließen.
Wie unterscheidet sich die Verteidigungsbereitschaft von allgemeiner Partizipation?
Allgemeine politische Partizipation ist zieloffen, während die verfassungspatriotische Verteidigungsbereitschaft spezifisch auf den Schutz liberal-demokratischer Werte und der Verfassungsordnung ausgerichtet ist.
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- Anonym (Autor), 2016, Verfassungspatriotismus nach Müller in Deutschland. Sollen und können die Deutschen Verfassungspatrioten sein?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/591985