1 Einleitung
Im Januar 1991 kam es zur Einführung des neuen Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG), welches einiges an Veränderungen für die Erziehungshilfe mit sich brachte. Im Vordergrund steht nun nicht mehr primär der Eingriff und die Kontrolle, sondern der Dienstleistungscharakter der Jugendhilfe. Dem Hilfeplan und seinem Verfahren kommt dabei besondere Bedeutung zu, denn es geht darum, gemeinsam mit den Kindern, den Jugendlichen und deren Eltern zusammenzuarbeiten, um einen von allen Seiten befürworteten Hilfeplan zu erstellen. Die Mitwirkung der Leistungsempfänger ist zugleich Voraussetzung und pädagogische Aufgabe für den erfolgreichen Verlauf einer Hilfe. In einem gemeinsam gestalteten Aushandlungsprozess sollen sich Fachkräfte und Klienten auf eine geeignete Hilfeform einigen.
Dies hört sich vielversprechend und überzeugend an. Wie jedoch gestaltet sich die Umsetzung in der Praxis? Aus eigener Erfahrung der Arbeit in einem Jugendamt sieht man sich häufig der Frage gegenüber: Welche Hilfe ist die Richtige? und Wie muss diese gestaltet sein, damit sie einerseits akzeptiert wird und andererseits möglichst erfolgversprechend verläuft? Oft steht man vor mehreren Wegen und muss umgehend entscheiden, welcher der richtige ist oder zu sein scheint. Ob diese Entscheidung richtig war, ergibt sich meist erst im Nachhinein. Vielleicht allerdings können bestimmte Hinweise auf dem Weg zur Entscheidung helfen. Diesbezüglich war die Beschäftigung mit der Frage nach einer „richtigen“ und „gelungenen“ Hilfeplanung und deren Bedingungen der Grund, sich intensiver damit auseinander zu setzen.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Gesetzliche Grundlagen
2.1 Perspektivenwechsel von der Eingriffsverwaltung zur Dienstleistungsverwaltung
2.2 § 27 KJHG als Voraussetzung für Hilfen zur Erziehung
2.3 Wesentliche Anforderungen des KJHG an das Verfahren der Hilfeplanung nach § 36
2.3.1 Beratungspflicht des Jugendamtes
2.3.2 Mitwirkung
2.3.3 Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte
2.3.4 Hilfeplanerstellung
2.3.5 Datenschutz
3 Charakter der Hilfeplanung: Diagnose oder Aushandlung?
3.1 Hilfeplanung als Aushandlungsgeschehen
3.2 Psychosoziale Diagnostik in den einzelnen Phasen des Hilfeprozesses
3.2.1 Phase 1: Problemsichtung und Beratung
3.2.2 Phase 2: Klärung der individuellen Situation und Entscheidung über die Hilfe
3.2.3 Phase 3: Erbringung der Hilfe und Rückmeldung über den Hilfeverlauf
3.3 Warum Diagnosen in der Jugendhilfe?
3.3.1 Sozialpädagogische Diagnose
3.3.2 Sozialpädagogisch-hermeneutische Diagnose
3.4 Vorwürfe und Entgegnungen zur Diskussion
4 Probleme und Möglichkeiten bei der Umsetzung der Anforderungen an den Hilfeplanungsprozess
4.1 Partizipation als gesetzlicher Auftrag
4.2 Fachliche und strukturelle Probleme der Partizipation im Hilfeplanverfahren
4.2.1 Methodische Probleme
4.2.2 Strukturelle Probleme
4.2.3 Methodische Hinweise zur Vorbereitung und Gestaltung von Hilfeplangesprächen
4.3 Probleme der kollegialen Beratung in Fachteams
4.4 Probleme bei der Herstellung organisatorischer Rahmenbedingungen
4.5 Infrastrukturplanung als Voraussetzung für flexible und individuelle Hilfeplanung
5 Hilfeplanung aus Sicht Betroffener
5.1 Erfahrungen betroffener Eltern, Kinder und Jugendlicher
5.2 Wünsche und Forderungen für eine verbesserte Hilfeplanung
5.3 Möglichkeiten für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen
6 Schlussfolgerungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht den Aushandlungscharakter der Hilfeplanung nach § 36 KJHG und analysiert die dabei auftretenden Probleme und Möglichkeiten bei der praktischen Umsetzung. Das primäre Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie die gesetzlichen Anforderungen an Partizipation und fachliche Kooperation trotz struktureller Hürden effektiv gestaltet werden können.
- Der gesetzliche Perspektivenwechsel von der Eingriffs- zur Dienstleistungsverwaltung.
- Die Debatte um Hilfeplanung als Diagnose- oder Aushandlungsprozess.
- Methodische und strukturelle Hindernisse bei der Partizipation im Hilfeplangespräch.
- Bedeutung von Infrastrukturplanung für flexible, individuelle Hilfen.
- Erfahrungen und Forderungen von Kindern, Jugendlichen und Eltern zur Hilfeplanung.
Auszug aus dem Buch
3.4 Vorwürfe und Entgegnungen zur Diskussion
Doch wie ist letztendlich der Prozess der Hilfeplanung zu charakterisieren, als Vorgang der Diagnose oder als Vorgang des Aushandlung?
Udo Maas (vgl. 1997a, S. 70-76) hat sich in seinem Beitrag: „Das mißverstandene KJHG“ kritisch über ein Verständnis von Hilfeplanung als Aushandlungsgeschehen geäußert. Hier schreibt er, dass Jugendhilfe immer mehr auf eine Beratungsfunktion reduziert wird. Es wird ein Paradigmenwechsel „behauptet“, in deren Mittelpunkt die Aushandlung einer Hilfe steht. Aushandlung ist konzipiert als ein Gegenbegriff zu rationalen Begründungsverfahren für jugendhilferechtliche Entscheidungen unter Einbezug psychosozialer Diagnosen. Demgegenüber argumentiert Merchel (vgl. 1997, S. 219-222), dass es bei der Aushandlung nicht um eine Reduktion fachlichen Handelns auf Beratung geht. Bei dem Aushandlungsprozess handelt es nicht um das fraglose Akzeptieren der Problemdeutungen der Adressaten, sondern hier gehen fachliche Einschätzungen der Fachkräfte und die Konfrontation der Adressaten mit diesen Einschätzungen in den Prozess mitein. Fachlichkeit wird nicht reduziert auf eine reine Beratungsfunktion. Fachlichkeit hat mehrere Dimensionen und äußert sich neben einer kompetenten Zusammenarbeit mit den Adressaten (in Form von Beratung und aktivierender Beteiligung) gleichermaßen: in der Fähigkeit, einen Fall unter fachlichen Kriterien zu verstehen und einzuschätzen, in der Fähigkeit, plausible Hilfe-Arrangements für den Einzelfall zu entwickeln, und in der Fähigkeit, im Rahmen eines Fachkräfteteams Perspektivendifferenzen produktiv bearbeiten zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die veränderte Rolle der Jugendhilfe seit Einführung des KJHG ein und definiert die Problemstellung der Hilfeplanung als Aushandlungsprozess.
2 Gesetzliche Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert die rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere den Paradigmenwechsel zur Dienstleistungsverwaltung und die Anforderungen des § 36 KJHG.
3 Charakter der Hilfeplanung: Diagnose oder Aushandlung?: Das Kapitel diskutiert die fachliche Debatte, ob Hilfeplanung eher als expertenbestimmte Diagnose oder als beteiligungsorientierter Aushandlungsprozess zu verstehen ist.
4 Probleme und Möglichkeiten bei der Umsetzung der Anforderungen an den Hilfeplanungsprozess: Hier werden die praktischen Herausforderungen der Partizipation und die Bedeutung organisatorischer Rahmenbedingungen analysiert.
5 Hilfeplanung aus Sicht Betroffener: Das Kapitel reflektiert die Erfahrungen von Eltern und Jugendlichen mit dem Hilfeplanverfahren und beleuchtet deren Wünsche an den Prozess.
6 Schlussfolgerungen: Die Schlussfolgerungen fassen die wesentlichen Erfolgsfaktoren für eine gelungene Hilfeplanung zusammen und betonen die Notwendigkeit einer reflexiven Haltung der Fachkräfte.
Schlüsselwörter
Hilfeplanung, KJHG, Aushandlungsprozess, Psychosoziale Diagnostik, Partizipation, Jugendhilfe, Dienstleistungsverwaltung, Sozialpädagogische Diagnose, Fallverstehen, Hilfe zur Erziehung, Adressatenbeteiligung, Fachkräfte, Infrastrukturplanung, Qualitätssicherung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit dem Verfahren der Hilfeplanung nach § 36 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) und untersucht, wie dieses in der Praxis zwischen fachlicher Diagnostik und notwendiger Beteiligung der Betroffenen gestaltet wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen der rechtliche Rahmen der Hilfeplanung, der Vergleich zwischen diagnostischem und aushandlungsorientiertem Handeln sowie die Probleme bei der praktischen Umsetzung von Partizipation und kollegialer Beratung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen gesetzlichem Anspruch und realer Umsetzung zu analysieren und Wege für eine fachlich fundierte sowie betroffenenorientierte Hilfeplanung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Aufarbeitung der fachlichen Debatten, verknüpft mit einer Analyse der gesetzlichen Vorgaben und praktischen Erkenntnissen aus der Jugendhilfe sowie vorliegenden Evaluationsstudien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit gesetzlichen Grundlagen, den theoretischen Kontroversen um den Charakter der Hilfeplanung sowie eine intensive Untersuchung der Umsetzungsbedingungen in der Praxis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Hilfeplanung, Partizipation, Aushandlung, psychosoziale Diagnostik, Dienstleistungscharakter der Jugendhilfe und Kooperation im Fachteam.
Was unterscheidet den Aushandlungsansatz von der klassischen Diagnose?
Der Aushandlungsansatz versteht den Hilfeplan nicht als einseitige, expertenbestimmte Entscheidung, sondern als kooperativen Prozess, bei dem Sichtweisen der Klienten und Fachkräfte gleichberechtigt in die Problemlösung einfließen.
Warum ist laut der Arbeit eine Infrastrukturplanung für die Hilfeplanung essenziell?
Eine individuelle Hilfeplanung ist nur dann sinnvoll und wirksam, wenn das regionale Angebotsspektrum flexibel genug ist, um den im Einzelfall festgestellten Bedarf auch tatsächlich umsetzen zu können.
- Quote paper
- Kathleen Bertow (Author), 2002, Hilfeplanung als Aushandlungsprozess? Über Probleme und Möglichkeiten bei der Umsetzung der Anforderungen an die Hilfeplanung nach § 36 KJHG, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59198