Wahhabiten - Eine Einführung


Hausarbeit, 2006
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Die Dogmatik der Wahhabiten
1. Vorläufer
2. Kernbegriffe

III. Ibn Abd al-Wahhab und seine Nachkommen

IV. Fazit

V. Literatur

Einleitung

Die als Wahhabiten bekannte fundamentalistische Gruppierung innerhalb des sunnitischen Islam, die hauptsächlich in Saudi-Arabien ihre Basis hat, wird im Westen gerne mit dem islamistischen Terror in Verbindung gebracht; Das liegt wohl daran, daß Osama bin Laden und der Großteil der 9/11 Attentäter saudische Wahhabiten waren, doch auch die Sittenstrenge Saudi-Arabiens und Dinge wie öffentliche Hinrichtungen durch Enthauptung, erwecken Assoziationen von bärtigen Glaubenskriegern mit dem Schwert in der einen und dem Koran in der andern Hand, was ja nicht zuletzt auch die Flagge des Landes symbolisiert.

Tatsächlich hat die Wahhabiya eine reichlich kriegerische Geschichte, die 1746 mit dem Bündnis des Predigers Muhammad b. Abd al-Wahhab mit dem damals noch unbedeutenden Clan der Saud begann, und mit der Verwüstung von Kerbela und Mekka um die Jahrhundertwende schon bald ihren schlechten Ruf begründete. Nach der darauf folgenden ägyptisch/osmanischen Strafexpedition wurde die Bewegung zerschlagen, sammelte sich bald darauf aber wieder und eroberte nach dem Ende des Weltkrieges einen guten Teil der arabischen Halbinsel, was 1926 in der Ausrufung des Königreichs Saudi-Arabien unter König Abd al-Aziz gipfelte. Seitdem ist die Wahhabiya dort Staatsreligion, wenn auch in der Praxis weitgehend die hanbalitische Rechtsschule vorherrscht, auf der die Wahhabiya ursprünglich ja basiert.

Der König regiert quasi mit der Duldung der wahhabitischen Ulama, welche im Gegenzug von „Big Oil“ profitieren und massiven Einfluß auf die Gesellschaft und den Staat ausüben, aber es gab und gibt zahlreiche Spannungen wegen des kolportierten „unislamischen“ Lebensstils der königlichen Familie. So schlug der König bereits 1929 einen Aufstand seiner frommen Krieger nieder, welche ihn ja erst auf den Thron gebracht hatten, und gliederte die Überlebenden in die reguläre Armee ein. Auch die Besetzung der großen Moschee 1979 und der jetzige Terrorismus durch die Al´Quaida in Saudi-Arabien entspringt diesem Kontext.

Obendrein hat die Wahhabiya, die von vornherein eine religiöse und politische Bewegung war, einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die als Salafiya bekannte Reformbewegung ausgeübt, so weit, daß man sie heute ideologisch kaum noch unterscheiden kann[1], obwohl die frühen Salafiten in Ägypten eher von der europäischen Aufklärung fasziniert waren[2]. Auch die islamische Reformbewegung Indiens wurde von den Wahhabiten beeinflußt, welche wiederum die Salafiten in Ägypten prägten.

So teilen die indische Schule von Deoband und die ägyptische Muslimbruderschaft seit Sayyid Qutb dieselbe dogmatische, literale Auslegung des Koran und der Hadithen, doch haben sie einen dezidiert anderen politischen Kontext, nämlich den Subkontinent und Ägypten, im Falle der letzteren sind sie mittlerweile mit den saudischen Wahhabiten weitgehend verschmolzen. Zweckmäßigerweise werde ich deshalb zwischen den regimetreuen Wahhabiten Saudi-Arabiens und den nicht regimetreuen Salafisten dort und anderswo unterscheiden.

Auch der islamistische Widerstand im Irak unter dem unlängst getöteten Abu Musab az-Sarqawi, der sich selbst als Salafist verstand und zuletzt Gewohnheiten des Prophet nachahmte[3], teilt den bilderstürmerischen Furor der Wahhabiten, was sich in zahlreichen Anschlägen gegen Moscheen der Schiiten niederschlägt (auch wenn dort ganz profane strategische Gründe eine Rolle spielen). Doch verstand sich Sarqawi mit seiner At-tawhid wa-l Jihad Gruppe ausdrücklich nicht als Teil der von Osama bin Laden gegründeten Al´Quaida, und war dort, entgegen der US-Propaganda, auch nie Mitglied[4], auch wenn er später der lange unumstrittene Anführer der dortigen Quaida Aktivisten wurde.

Natürlich wäre es grober Unfug zu behaupten, das jeder Wahhabit ein Islamist sei, schließlich bekennt sich ein Großteil der Saudis, rund 73%, zu dieser Ausprägung des sunnitischen Islam, doch die meisten sind einfach nur fromme Muslime.

Der Umkehrschluß hingegen hat schon eher eine Berechtigung, erlaubt doch die Wahhabiya den sonst im islamischen „Mainstream” strikt tabuisierten Kampf von Muslimen gegen Muslime, indem sie Non-Wahhabiten als Takfir bezeichnet, also als Ungläubige, Kafir.

Zudem ist „Wahhabit“ ein abschätziger Kampfbegriff, der ironischerweise vom Bruder Muhammad b. Abdal Wahhabs, Sulayman[5], geprägt wurde, um dessen Ideen als Meinung eines krassen Außenseiters abzutun. Die als „Wahhabiten“ Gebrandmarkten bezeichnen sich selber als Muwahiddun, „die die an die Einheit Gottes glauben“, oder einfach Ikhwan, Bruderschaft. Die Kernbegriffe der Lehre sind Tawhid und Shirk, grob übersetzt „Einheit Gottes“ und Vielgötterei oder auch Idolatrie. In ihrem Streben nach der Rückkehr zum ursprünglichen Islam zur Zeit des Propheten, lehnen die Wahhabiten alle Neuerungen in der Glaubenspraxis, Bid´a, strikt ab, und betrachten gerade die Heiligenverehrung der Schiiten und die mystischen Praktiken der Sufis als Abfall vom rechten Glauben, also Shirk, was bis zu brutalem Terror gegen diese Gruppen führen kann.

Es folgt nun ein genauerer Blick auf die Dogmatik der Wahhabiya und ihre Entstehungsgeschichte, und den mit der Lehre Muhammad Ibn Abd al-Wahhabs eng verknüpften Aufstieg des Königreiches Saudi-Arabien.

II. Die Dogmatik der Wahhabiten

1.Vorläufer

Die Wahhabiten sind eine religiöse Reformbewegung des sunnitischen Islam im Stile Hanbalis und Ibn Taymiyyas, die im 18. Jahrhundert von Muhammad Ibn Abd al-Wahhab in Zentralarabien geschaffen wurde, und dort durch das Bündnis mit dem Clan Saud schnell zu einer politischen, expansionistischen Bewegung wurde.

Ihr Ziel ist die Rückkehr zum ursprünglichen Islam der Zeit des Propheten und seiner Gefährten, den al-salaf al-salih, daher auch die Bezeichnung Salafisten[6]. Die Idee ist grob gesagt, daß die Zeit des Propheten und der rechtgeleiteten Kalifen ein goldenes Zeitalter war, daß durch die Spaltung der Umma zerstört wurde, und das der Islam seitdem von schlechten Neuerungen im Glauben und von westlichen Einflüssen geschwächt wird.

Der letzte dieser erhabenen Vorväter ist Ahmad ibn Hanbal, wobei die Salafiten den Begriff Salaf auch auf Taqui al-din Ahmad ibn Taymiyya, Muhammad Ibn Abdal Wahhab und andere ausdehnen.

Muhammad Ibn Abdal Wahhab selbst wurde in der in Zentralarabien vorherrschenden hanbalitischen Rechtsschule erzogen, bekam aber bald Zugang zu den Schriften des Ibn Taymiyya und wurde zum Radikalen, der selbst mit seiner (hanbalitisch geprägten) Familie im Clinch lag.

Ahmad ibn Hanbals Madhab ist die jüngste der vier anerkannten sunnitischen Rechtsschulen, und ist auch als die „literalistische Schule“ bekannt, da sie den Koran und die Sunna wörtlich auslegt und auch sonst eine sehr konservative, dogmatische Sicht einnimmt. Sie entstand im 8. Jahrhundert als Antwort auf die von der griechischen Philosophie beeinflußten rationalistischen Mu´tazila. Ibn Hanbal gilt eher als Theologe denn Jurist, da er kaum Wert auf Analogieschlüsse, Qiyas, wie die andern Rechtsschulen legt, sondern auf die Aquida, die Glaubensgrundsätze.

Dem analog verbrachte er auch den Großteil seiner Zeit mit Kennern der Hadithen[7] . Er wurde wegen seiner Ansichten während der Mihna inhaftiert[8], doch weigerte er sich hartnäckig zu widerrufen und entkam seiner Exekution wohl nur knapp wegen des Todes des Kalifen al-Ma´mun auf einem Feldzug 833.

Zwar bekennen sich nur rund 5 % der sunnitischen Muslime zur hanbalitischen Schule, aber jene konzentrieren sich auf die arabische Halbinsel und die Umgebung Mekkas und Medinas und haben so einen überproportionalen Einfluß.

Taqui al-din Ahmad ibn Taymiyya war ein Gelehrter des frühen 14. Jahrhunderts und lebte in Syrien unter dem Mameluckenregime, nachdem seine Familie aus ihrer Heimatprovinz vor den Mongolen geflohen war. Er vertrat u.a. die These, daß Gott ihm im Koran zugeschriebene Attribute wie Hände und Füße wortwörtlich besitzen würde, und nicht als Metapher, wie die meisten Muslime glauben[9].

Auch in anderer Hinsicht sorgte er für Furore; Die Mongolen, die 1258 Bagdad gebrandschatzt hatten, waren inzwischen zahlreich zum Islam konvertiert, weswegen man nicht mehr einfach den bewaffneten Jihad gegen sie erklären konnte. Ibn Taymiyya vertrat nun die Ansicht, daß die Mongolen, obwohl sie die 5 Säulen des Islam praktizierten, dennoch keine echten Muslime seien, weil sie gegen die Scharia verstößen, indem die Ilkhane nach wie vor ihr mongolisches Recht gelten ließen[10]. Also erklärte er in seiner Fatwa an die Bewohner von Mardin, die Mongolenkhane für Takfir. Mit dieser Fatwa läßt sich seitdem der Kampf von Muslimen gegen „abtrünnige“ Muslime legitimieren, wie auch gegen „unislamisch handelnde“ Regierungen, so bezogen sich z.b. die Attentäter der Muslimbrüder die 1981 Anwar as-Sadat erschossen, explizit darauf.

Auch die Sufis lehnte Ibn Taymiyya weitgehend ab, und die schiitischen Alawiten Syriens betrachtete er ebenfalls als Abtrünnige, und rief zum Kampf gegen diese auf.

Wegen seiner ziemlich radikalen Ansichten, die Mongolen Fatwa hätte sich schließlich leicht gegen die Mamelucken benutzen lassen, kam Ibn Taymiyya mehrmals in Haft, und den dritten Gefängnisaufenthalt 1328 in Damaskus überlebte er nicht.

2. Kernbegriffe

Muhammad Ibn Abd al-Wahhab machte um 1740, die ziemlich in Vergessenheit geratene Lehre, bzw. Interpretation des Islam hanbalitischer Prägung Ibn Taymiyyas wieder populär, und nahm viel davon in sein eigenes Buch, das Kitab at-Tawhid auf. Das Buch dreht sich um drei Kernbegriffe, nämlich Tawhid, Shirk und Bid´a.

Der zentrale Begriff ist Tawhid, genauer seine Implikationen nach wahhabitischer Lesart. Tawhid bedeutet schlicht „Einheit Gottes“, aber die Wahhabiten unterscheiden drei konstituierende Elemente , nämlich tawhid al-rububiyya, tawhid al-asma´wa al-sifat und tawhid al-ilahiya [11]. Daß Allah der einzige Herr ist, tawhid al-rububiyya, ist unumstritten, die andern beiden Elemente jedoch führten zu einigen Kontroversen in der muslimischen Theologie. Der Glaube an die Einheit der Namen und Attribute Gottes, tawhid al-asma´wa al-sifat, ist Gegenstand einer Debatte seit Ibn Hanbals Zeiten, darüber nämlich wie wörtlich Allah zugeschriebene Attribute wie Hände, Füße und Augen zu nehmen sind.

Die eine Extremposition nahmen die Mu´tazila und ihre Nachfolger ein; sie gehen, nachdem Allahs Attribute einzigartig sind, und er sie nicht mit seiner Schöpfung teilt, davon aus, daß die Augen rein metaphorisch gebraucht werden. Die andere Extremposition, daß die Attribute wortwörtlich zu nehmen seinen, nachdem sie im Koran stehen, nahm unter andern Ibn Taymiyya ein, was ihm auch sofort den Vorwurf des Antropomorphismus einbrachte. Um diesem immer wiederkehrenden Vorwurf zu entkräften, vertreten die Wahhabiten die Ansicht, daß es sich dabei Hände nicht im Sinne menschlicher Hände handeln würde, sondern um etwas jenseits der menschlichen Vorstellungskraft.

Das dritte Element, tawhid al-ilahiya, die alleinige Anbetung Gottes, führte zu den größten Verwerfungen, da es sich explizit gegen die von den Sufis betriebene Anbetung von Heiligen und die bei den Schiiten übliche Verehrung der Imame[12] richtet, die nach wahhabitischer Auslegung damit Vielgötterei, Shirk, betreiben.

[...]


[1] Stanley ,Trevor: Understanding the origins of wahabism and salafism, in: Terrorism Monitor, Ausgabe 3/05, Jamestown Foundation, http://jamestown.org/terrorism/news/article.php?articleid=2369746

[2] Steinberg, Guido: Der nahe und der ferne Feind, München 2005, S. 18-22

[3] Der Spiegel, Späte Rechenschaft, Ausgabe 24/06, S. 102

[4] Steinberg, Guido: Der nahe und der ferne Feind, München 2005, S. 221

[5] siehe Encyclopedia Islamica: Wahhabiyya, Leiden, 1976f

[6] Wyktorowicz : The Management of Islamic Activism, 2001, S. 111-12

[7] siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Ahmad_ibn_Hanbal, Stand Juni 06

[8] siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Mihna, Stand Mai 06

[9] Stanley ,Trevor: Taqui al-Deen ahmed ibn Taymiyya, http://www.pwhce.org/taymiyyah.html, Stand 2004

[10] Wyktorowicz : The Management of Islamic Activism, 2001, S. 126

[11] Wyktorowicz : The Management of Islamic Activism, 2001, S. 113-15

[12] Die Anbetung der Imame als quasi Heilige wird auch von den iranischen Mullahs aus dem selben Grund nicht gerne gesehen, ist aber unausrottbar im Glauben der Leute verankert

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Details

Titel
Wahhabiten - Eine Einführung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Übung der internationalen Beziehungen: Reflexionen muslimischer Denker zu Islam, Politik und Moderne
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V59334
ISBN (eBook)
9783638533096
ISBN (Buch)
9783656525448
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Geschichte der islamischen Reformbewegung und Saudi Arabiens sowie islamischer Terrorismus im Kontext der wahhabitischen/salafistischen Bewegung
Schlagworte
Wahhabiten, Eine, Einführung, Beziehungen, Reflexionen, Denker, Islam, Politik, Moderne
Arbeit zitieren
Philipp-Henning v.Bruchhausen (Autor), 2006, Wahhabiten - Eine Einführung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59334

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