Diese Bachelorarbeit klärt die Leitfrage: Welche Bedingungen müssen innerhalb des Schulsystems und der neuen Schulform geschaffen werden, beziehungsweise welche Bedingungen des Schulsystems müssen verändert werden, damit junge Menschen ohne oder mit Hauptschulabschluss in der Berufsfachschule zum Übergang in Ausbildung ihre persönlichen, beruflichen Ziele entwickeln und erreichen können? In den Blick geraten dadurch die Lebensbedingungen der jungen Menschen zuhause und in der Schule, die die persönliche Entwicklung und Entfaltung und das formelle Lernen in der Schule möglich machen, behindern oder gänzlich verhindern.
Im nächsten Schritt soll die Lebenswelt der Adressatengruppe vertieft analysiert werden. Zur theoretischen Untermauerung werden in den darauffolgenden Abschnitten sowohl das Bewältigungskonzept nach Lothar Böhnisch, als auch der Empowerment-Ansatz nach Norbert Herriger vorgestellt und die für die Adressatengruppe relevanten Aspekte auf deren Ausgangslagen hin transferiert.
Ziel ist die Ableitung von Konzeptionsgrundlagen in Form von Handlungsempfehlungen an die sozialpädagogischen Fachkräfte in Kombination mit einer kleinen methodischen Anregung, die als Entwicklungsgrundstein gesehen werden kann.
Ab dem Schuljahr 2020/2021 kommt auf viele Berufsbildende Schulen in Hessen eine neue Schulform zu, an deren Erprobung bisher nur einzelne, wenige Schulen beteiligt waren. Das vorausgegangene Pilotprojekt wurde mit relativer Eile umgesetzt und dann aber mit erheblichem wissenschaftlichem Aufwand begleitet. Es drängt sich die Frage auf, ob es damit getan sein kann, Kompetenzen zu fördern, berufliche Orientierung zu bieten und bei den Bewerbungen zu helfen. Vor allem, wo es zumindest ähnliche Konzepte an den abgebenden Schulen doch auch gibt. Aber warum gelangten diese jungen Menschen nicht in Ausbildung? Und wollten sie dort überhaupt hin?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Dina – eine (Bildungs-)Biografie
3 Schule – Lernen und Sozialisation
3.1 Wann was wie (und ob) gelernt wird
3.2 Wie Schule (auch) wirkt
4 Die Berufsfachschule zum Übergang in Ausbildung
4.1 Verortung im Bildungssystem
4.2 Der Schulversuch
4.2.1 Zielsetzung der Schulform
4.2.2 Rahmenbedingungen
4.2.3 Zielgruppe und Sozialstruktur
5 Bedingungen Jugendlicher zur Schulzeit und der mittleren Jugend
5.1 Schule heute
5.2 Die Jugendphase - aus sozialwissenschaftlicher und weiteren Perspektiven
5.3 Die Übergangssituation erster Schwelle - ihre Bedingungen, Risiken und Chancen
5.4 Spezielle Bedingungen in der Versuchsschulform
5.4.1 Lern- und Scheiter-Erfahrungen
5.4.2 Stigmata und Diskriminierung
5.4.3 Migrationserfahrungen
5.4.4 Milieu
5.4.5 Peergroups
6 Theoretische Grundlagen
6.1 Das Konzept der Lebensbewältigung
6.2 Der Empowerment-Ansatz
7 Auftrag und Handlungsrahmen der Schulsozialarbeit
7.1 Bedingungen der Schulsozialarbeit im Jahr 2020
7.2 Allgemeine Aufträge von Schulsozialarbeit
7.3 Aufgaben und Aufträge im Kontext der BÜA
8 Fazit
9 Methodische Anregungen zur Konzeptionsentwicklung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Gelingensbedingungen des Schulversuchs BÜA aus einer sozialpädagogischen Perspektive. Ziel ist die Ableitung von Konzeptionsgrundlagen in Form von Handlungsempfehlungen für sozialpädagogische Fachkräfte, um jungen Menschen ohne oder mit Hauptschulabschluss eine erfolgreiche berufliche Orientierung und den Übergang in die Ausbildung zu ermöglichen.
- Analyse der Rahmenbedingungen und Zielgruppen des Schulversuchs BÜA
- Untersuchung der Lebenswelt und jugendpsychologischer Entwicklungsaufgaben
- Einordnung des Schulversuchs in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt
- Theoretische Fundierung durch das Konzept der Lebensbewältigung und den Empowerment-Ansatz
- Formulierung von Handlungsfeldern und methodischen Ansätzen für die Schulsozialarbeit
Auszug aus dem Buch
Dina – eine (Bildungs-)Biografie
„Ziel ist, Schülerinnen und Schülern schon nach einem Jahr den Wechsel in die duale Berufsausbildung und die ausbildungsbegleitende Erlangung eines Haupt- oder mittleren Schulabschlusses zu ermöglichen.“ (Hessisches Kultusministerium)
Als Dina Ihr Zeugnis der 8. Klasse in der Hand hält, ist mit einem endgültigen, unumstößlichen Paukenschlag klar: Der Quali ist nicht zu erreichen. Sie kann nicht auf eine Realschule gehen. Sie muss arbeiten. Auch für Mama und Papa und die anderen drei Mädchen zuhause. Ihre beiden Schwestern und ihre Cousine Samalé, die auf der Flucht ihren Vater, Dinas Onkel, und ihre Mutter, Tante Meryed, verloren hatte.
Irgendetwas ist schiefgelaufen. Erst hat alles so gut ausgesehen. Der neue junge Deutschlehrer hatte sich richtig Mühe gegeben und ihr immer viele Hilfen mitgebracht. Deutsch ist eine schwere Sprache. Das war einer der ersten Sätze, die Dina gelernt hatte. Nicht, dass das Teil der Sprachförderung in der InteA Klasse gewesen wäre. Aber diesen Satz sagten einfach immer viele Leute. Der Mann beim Arbeitsamt, der nur die Schultern gezuckt hatte, als ihr Vater gefragt hat, wie er in Deutschland arbeiten könne. Als Flüchtling ohne geklärten Aufenthaltsstatus wohl erst mal gar nicht. Der Amtsarzt sagte es, als er versuchte mit Mzgen über die Kinder zu sprechen. Ihre Mutter sah inzwischen aus wie 63, nicht mehr wie 43. Aber ohne die Fotos aus dem letzten Sommer, die zuhause im zerbombten Haus geblieben waren, würde ihr das ohnehin niemand glauben. Mzgen war dünn geworden auf der Flucht, ihre Haut fahl und ihre Augen müde. Ihre Schwester war tot und in Deutschland ist es kalt. Um mit ihrer Familie hier herkommen zu können, hatte sie mit dem Mann von dem kleinen Bus irgendetwas gemacht. Dina will es nicht wissen. Die deutschen Mädchen in der neuen Klasse, besonders die mit den rot gefärbten Haaren und den T-Shirts, wo man den Bauchnabel sehen kann, wer weiß, was die so macht. Immerzu fragt sie, warum Dina das Kopftuch trägt. Ich will es, sagt Dina immer und die Lehrerin sagt dann: „Lasst sie jetzt endlich. Sie lernt das bestimmt noch.“ Neben der neuen Klasse gibt es auch ein Büro, da ist eine Frau, die Dina hilft die Fahrkarten für sich und Mihila zu beantragen, obwohl sie das für Mihila eigentlich nicht darf. Das muss die Grundschule machen. Aber da gibt es niemanden, der das macht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung benennt die Ausgangslage des Schulversuchs BÜA und definiert die Leitfrage hinsichtlich notwendiger systemischer Veränderungen für den Erfolg benachteiligter Jugendlicher.
2 Dina – eine (Bildungs-)Biografie: Dieses Kapitel veranschaulicht durch eine fiktive, aber realitätsnahe Bildungsbiografie die prekären Lebenslagen und Hürden, mit denen die Zielgruppe konfrontiert ist.
3 Schule – Lernen und Sozialisation: Hier werden grundlegende Erkenntnisse über Lernprozesse, die Rolle von Angst als Lernbarriere und die sozialisatorische Wirkung von Schule dargelegt.
4 Die Berufsfachschule zum Übergang in Ausbildung: Es erfolgt eine Einordnung der BÜA in das hessische Berufsbildungssystem sowie eine detaillierte Darstellung ihrer Ziele, Rahmenbedingungen und Adressaten.
5 Bedingungen Jugendlicher zur Schulzeit und der mittleren Jugend: Das Kapitel analysiert die psychosozialen Bedingungen und spezifischen Herausforderungen Jugendlicher, einschließlich Stigmatisierung und Migrationserfahrungen.
6 Theoretische Grundlagen: Böhnischs Konzept der Lebensbewältigung und der Empowerment-Ansatz nach Herriger werden als theoretisches Fundament für die sozialpädagogische Arbeit eingeführt.
7 Auftrag und Handlungsrahmen der Schulsozialarbeit: Hier werden die Arbeitsbedingungen der Schulsozialarbeit reflektiert und spezifische Aufgabenfelder im Kontext der BÜA abgeleitet.
8 Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit einer systemkritischen, handlungsorientierten Begleitung.
9 Methodische Anregungen zur Konzeptionsentwicklung: Abschließend werden praktische Ansätze wie Gruppenarbeit und Einzelcoachings für die konkrete Arbeit in der BÜA vorgeschlagen.
Schlüsselwörter
BÜA, Schulversuch, Schulsozialarbeit, Lebensbewältigung, Empowerment, Bildungsbenachteiligung, Jugendphase, Übergangssystem, Berufsorientierung, Sozialstruktur, Stigmatisierung, Migrationshintergrund, Schulentwicklung, soziale Ungleichheit, Berufliche Bildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Gelingensbedingungen des Schulversuchs „Berufsfachschule zum Übergang in Ausbildung“ (BÜA) aus einer sozialpädagogischen Perspektive, um die Unterstützungsmöglichkeiten für benachteiligte Jugendliche zu optimieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Bildungsbiografien der Zielgruppe, die Bedingungen von Schule und Sozialisation, die theoretische Fundierung durch Lebensbewältigungs- und Empowerment-Konzepte sowie der spezifische Auftrag der Schulsozialarbeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit klärt, welche Bedingungen innerhalb des Schulsystems und der neuen Schulform geschaffen oder verändert werden müssen, damit junge Menschen ohne oder mit Hauptschulabschluss ihre persönlichen und beruflichen Ziele in der BÜA erreichen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die auf vorhandener wissenschaftlicher Begleitforschung, soziologischen Theorien (z. B. Böhnisch, Herriger, Klafki) und statistischen Erhebungen basiert, um Handlungsempfehlungen für die Praxis abzuleiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den Rahmenbedingungen der BÜA, den Lebensbedingungen der Jugendlichen, der Bedeutung der Übergangssituation an der ersten Schwelle sowie den theoretischen Konzepten, auf denen eine professionelle sozialpädagogische Begleitung aufbauen sollte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
BÜA, Schulsozialarbeit, Lebensbewältigung, Empowerment, Bildungsbenachteiligung, Übergangssystem und Berufsorientierung sind die prägenden Begriffe.
Warum ist die Rolle der Sozialpädagogik in der BÜA laut der Autorin kritisch zu hinterfragen?
Die Autorin kritisiert, dass der Einsatz sozialpädagogischer Fachkräfte in offiziellen Dokumenten oft kaum oder nur unzureichend ausgewiesen ist, was den im Schulversuch als essenziell identifizierten Faktor der Kontinuität bei Bezugspersonen gefährdet.
Welche Rolle spielen Stigmatisierungsprozesse für die Zielgruppe?
Stigmatisierung wird als systemimmanenter „Teufelskreis“ beschrieben, in dem schwache schulische Leistungen und die Zuschreibung negativer Eigenschaften zu Disengagement führen und den Übergang in den Arbeitsmarkt massiv erschweren.
Was schlägt die Autorin als Konsequenz aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler vor?
Sie schlägt unter anderem vor, das Konzept auf ein Null-Kosten-Ziel für Lernende auszurichten, betreute Hausaufgabenzeiten anzubieten und durch eine gemeinsame Tagesmahlzeit die Auswirkungen relativer Armut abzufedern.
- Quote paper
- Maike Gehlert-Orth (Author), 2020, Die Berufsfachschule zum Übergang in eine Ausbildung aus sozialpädagogischer Perspektive. Welche Bedingungen entscheiden über das Gelingen der neuen Schulform?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/593649