Gender und zentrale Theorien der Geschlechterforschung. Eine Analyse von Geschlechtsunterschieden nach Sigmund Freund, Annedore Prengel, Erving Goffman und Pierre Bourdieu


Masterarbeit, 2018

90 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

1. WAHRE WEIBLICHKEIT VS. WAHRE MÄNNLICHKEIT
1.1 TYPISCH WEIBLICH , TYPISCH MÄNNLICH
1.2 DIEKÜCHEALS GESCHLECHTSRAUM

2. GENDER
2.1 DASGESCHLECHT UND FORMENDE SOZIALE PROZESSE
2.2 KONSTRUKTION DES GESCHLECHTS
2.3 GESCHLECHTSUNTERSCHIEDE NACHHAGEMANN -WHITE
2.4 BEGRIFF DER IDENTITÄT
2.5 GENDERMA INS TREAMING

3. SIGMUND FREUDS PSYCHOLOGIE DER WEIBLICHKEIT UND DEREN KRITIK
3.1 FREUDSANS ICHTEN ZUR PSYCHOSEXUELLEN ENTWICKLUNG DERFRAU
3.2 ROHDE -DACHSERS KRITIKAN FREUDS THE ORIE IN BEZUG AUF GES CHLECHTSUNTERSCHIEDE

4. GESCHLECHTSUNTERSCHIEDE NACH PRENGEL, GOFFMAN UND BOURDIEU
4.1 PRENGEL : DIEVERSCHIEDENHEIT DER GESCHLECHTER
4.1.1 WEIBLICHKEIT NACH PRENGEL
4.1.2 WEIBLICHKEIT UND IDEALISIERUNG DER FRAU
4.1.3 ÜBERLEGUNGEN ZUR GLEICHHEIT IM BILDUNGSSYSTEM
4.2 GES CHLECHTSUNTERSCHIEDE NACH GOFFMAN
4.2.1 GESCHLECHTSKLASSE UND GESCHLECHTSIDENTITÄT
4.2.2 SEXUALITÄT DER GESCHLECHTER
4.2.3 ETIKETTIERUNG MÄNNLICH–WEIBLICH
4.2.4 GESCHLECHTER BEI BERUFSAUSWAHL UND IN DER WERBUNG
4.2.5 ILLUSION DER VEREHRUNG DER FRAUEN
4.3 GES CHLECHTER NACH BOURDIEU
4.3.1 EIGENSCHAFTEN VON MÄNNERN UND FRAUEN
4.3.2 DER KÖRPER DER GESCHLECHTER
4.3.3 SANFTE GEWALT UND UNSICHTBARE HERRSCHAFT NACH BOURDIEU

5. SOZIALE SCHLIEßUNG UND RESSOURCEN DER FRAUEN
5.1 „SOZIALE “ SCHLIEßUNG DER FRAUEN
5.2 RESS OURCEN DER A USGESCHLOSSENEN NACHCYBA

6. HUMOR DER GESCHLECHTER
6.1 FRAUENHUMOR VS . MÄN NERHUMOR
6.2 SEX UELLER HUMOR
6.3 NICHTTENDENZIÖSER HUMOR

7 DIE WELT DER MÄDCHEN VS. DIE WELT DER JUNGEN
7.1 KOMMUNIKATION DER GES CHLECHTER IM KINDESALTER
7.2 KINDERSPIELE UND GES CHLECHTSUNTERSCHIEDE

8. FRAUEN ALS OPFER ODER (MIT)TÄTER?
8.1 FRAUEN NACHHAUG
8.2 KRITIK DEREN TWICKLUNGSSTADIEN K OHLBERGS
8.3 DIE WEIBLICHE „ICH - KANN -NICHT “-HAL TUNG NACHEMME
8.4 DIE MITTÄTERSCHAFT DER FRAUEN NACHTHÜRMER -ROHR

9. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

Einleitung

Die Dominanz des Männlichen hält sich fest. Die moderne Gesellschaft ist durch die Abwehr gegen weibliche Herrschaft konstruiert (vgl. Frevert 1995, S. 9). Das Geschlecht ist biologisch festgelegt, ist aber mit unterschiedlichen kulturellen Deutungen und Interpretationen verbunden. Es wird von den Gesellschaftsmitgliedern in sozialen Prozessen konstruiert. Was bedeutet es, zum männlichen oder weiblichen Geschlecht zu gehören? Wie begründet man diese Zugehörigkeit? Bedeutet diese Zugehörigkeit auch automatisch eine gewisse Handlungsweise – hat sie zur Folge, dass, wenn man von seiner typischen Rolle abweicht, dazu aufgefordert wird, diese wiederaufzunehmen?

Es gibt bekanntlich unterschiedliche Vorstellungen über Frauen- bzw. Männermoral. Verschiedene Regeln und Verhaltenserwartungen für und an Frauen und Männer können gefunden werden. Wie kann man diese manchmal völlig entgegengesetzten Moralvorstellungen aufeinander abstimmen, sie logisch oder logischer füreinander machen?

Das Geschlecht wird konstruiert, dekonstruiert und rekonstruiert, je nach Laune des feministischen Diskurses. Es werden soziokulturelle, politische und ökonomische Attribute des Geschlechts konstruiert (vgl. ebd., S. 14). Der Geschlechterunterschied teilt Menschen in besondere Klassen, in Vollkommenheiten und Mängel (vgl. ebd., S. 20). Die Wurzeln dieser Unterschiede gehen weit zurück, wodurch die Differenzen zwischen Mann und Frau bereits fest in unseren Köpfen verankert sind, ohne dass sie bewusst also solche wahrgenommen werden. Aus diesem Grund ist es von besonderer Relevanz, in dieser Arbeit das weitreichende Spektrum der Geschlechtsunterschiede mitsamt ihrer Tiefe aufzuzeigen, damit in letzter Konsequenz die Gleichstellung der Geschlechter zur Selbstverständlichkeit wird.

Hierfür werden die unterschiedlichen Zugänge zum Thema der Geschlechtsunterschiede dargestellt. Besonderes Augenmerk wird auf die Rolle der Frau im Ungleichgewicht der Geschlechter gerichtet. Hierfür wird der Frage nachgegangen, ob und inwiefern sich Männer und Frauen in einzelnen gesellschaftlichen Bereichen, wie etwa ihrem Humor, im familiären und beruflichen Alltag sowie der zwischenmenschlichen Interaktion, unterscheiden. In Hinblick auf diese wird unter anderem diskutiert, ob Frauen in gewisser Weise mitverantwortlich an ihrer Unterdrückung sind. Um diese Fragen zu beantworten, werden Positionen ausgewählter Klassiker der Soziologie und Pädagogik erläutert und miteinander in Beziehung gesetzt. Ein besonderer Fokus wird hierbei auf die Theorien von Prengel, Goffman und Bourdieu gelegt, welche dieses Thema aus verschiedenen Perspektiven betrachten, wodurch ein holistisches Bild von den Unterschieden zwischen Mann und Frau gezeichnet wird.

Basierend auf diesen Vorüberlegungen werden zu Beginn der Arbeit die Konzepte der Männlichkeit und Weiblichkeit erläutert und typisch weibliche sowie typisch männliche Eigenschaften hinterfragt. Dananch wird auf die Konstruktion des Genders eingegangen. Im weiteren Verlauf werden Freud und seine Theorie kurz erläutert, um darauf aufbauend auf die Kritik Rohde-Dachsers in Bezug auf seine Theorie einzugehen. Von besonderer Wichtigkeit ist Kapitel 4, in welchem die Ansichten zum Thema Weiblichkeit und Männlichkeit von Prengel, Goffman und Bourdieu dargestellt werden. Danach wird in Kapitel 5 auf die soziale Schließung der Frauen eingegangen und in Kapitel 6 der Humor der Geschlechter erörtert, da dieser ein bedeutendes Mittel zur Bewältigung der alltäglichen Probleme für beide Geschlechter darstellt. Im weiteren Verlauf werden die Welt der Jungen und die Welt der Mädchen in den Blick genommen und es wird dabei insbesondere auf die Geschlechtsentwicklung eingegangen. Abschließend wird analysiert, inwieweit Frauen selbst zu ihrer Unterdrückung beigetragen haben, bevor im Fazit die im Laufe der Arbeit herausgestellten Kernaussagen zusammengefasst werden.

1. Wahre Weiblichkeit vs. wahre Männlichkeit

Im ersten Kapitel werden typisch männliche sowie typisch weibliche Eigenschaften in den Blick genommen, um zu erörtern, welche Charakteristika dem jeweiligen Geschlecht zugeschrieben werden.

1.1 Typisch weiblich, typisch männlich

In unserer Gesellschaft werden das Weibliche und Männliche als Gegenpole gesehen; dennoch können beide Pole in jedem Menschen gefunden werden; die Sonne und der Mond, Yin und Yang, weich und hart, aktiv und passiv sind Gegensätze. Manchmal werden die Begriffe Weiblichkeit und Männlichkeit auch bewusst als Kontroversen dargestellt (vgl. Brownmiller 1984, S. 10). Hierbei erfolgt die Zuordnung der Attribute zu den Geschlechtern stets nach demselben Schema, welches bereits seit Jahrhunderten existiert. Der Mann gilt als Krönung der Schöpfung, während sich die Frau ständiger Veränderung unterziehen muss, um den Ansprüchen der Gesellschaft gerecht zu werden:

„Die Auffassung vom Geschlechterverhältnis erfolgt(e) nach dem Muster von Gegenbildern: Da erscheint (zunächst) der Mann als Sieger, die Frau als Besiegte, der Mann als Täter, die Frau als Opfer oder (in zeitlicher Folge) der Mann als Zerstörer, die Frau als Retterin, als die andere und damit als positive Identifikationsfigur, die das unattraktive Bild der schwachen Frau ablösen kann.“ (Wildt 1990, S. 49)

In Konsequenz müssen sich Frauen laut Brownmiller stets auf kleine und große Kompromisse einlassen können:

„Eine Frau muß kein allzu großes Vorstellungsvermögen besitzen, um zu begreifen, daß das Prinzip Weiblichkeit eine einzige Ansammlung großer und kleiner Kompromisse ist, auf die sie sich einlassen muß, um eine erfolgreiche Frau zu sein.“ (Ebd., S. 10)

Daraus folgt, dass sich Männlichkeit durch Beherrschung und entwickelte Kompetenzen auszeichnet, wohingegen Weiblichkeit mit wechselnden Launen, Unberechenbarkeit sowie gefühlsbetontem Denken und Verhalten assoziiert wird (vgl. ebd., S. 11). Die Weiblichkeit ist desgleichen eine Quelle des Netten und des Einfühlungsvermögens (vgl. ebd., S. 12). Auch Gerhardt betont, dass das Frauenbild selbst bei den Frauen oft mit Schwäche und Machtlosigkeit verbunden sei. Die weiblichen Eigenschaften werden häufig mit Verantwortungslosigkeit und Spontaneität in Zusammenhang gesetzt (vgl. Opitz 1984, S. 13). Aufgrund ihrer variablen Eigenschaften und emotionalen Natur gilt die Frau als „verbesserungswürdig“ und es herrscht die Ansicht, dass sie Kultivierung bedarf: „Von daher kann man das Verhältnis der Geschlechter als eines von kultureller Natur zu kultivierten Dompteuren bezeichnen. Die Frauen sind Natur, wenn auch selbstgepflegte, sittliche. Die Männer beteiligen sich an der Kultivierung der Frauennatur und zähmen ihre eigene.“ (Haug 1984, S. 114)

Unter dieser Kultivierungsarbeit kann, so die Einschätzung der Autorin, die Veränderung der Natur der Frau aufgefasst werden: Um als anerkannt, beliebt, weiblich, eventuell erfolgreich zu gelten, muss man sich formen, sich zu einer weiblichen Frau erziehen (vgl. ebd.).

Aus der Ungleichheit der Geschlechter ergibt sich letztendlich ein symmetrisches Bild, nach welchem Männlichkeit und Weiblichkeit durcheinander konstruiert werden und einander bedingen. Nach dieser Überlegung verlangt ein Geschlecht stets nach den Eigenschaften, über welche das andere nicht verfügt:

„Das Aussagesystem der ‚Geschlechtscharaktere‘ polarisierte die Frauen und Männern zukommenden Eigenschaften und Tätigkeiten durch Komplementbildungen. Aktivität wird polarisierend ergänzt durch Passivität, Rationalität durch Emotionalität, Geist durch Natur, Vernunft durch Sinnlichkeit, Stärke durch Schwäche, Kreativität durch Plastizität, Form durch Materie etc. Es entstand so ein System aufeinander abgestimmter Symmetrie, in der Weibliches und Männliches sich spiegelbildlich ergänzen. Die Symmetrie des Spiegelbildes ist dabei insofern verzerrt, als die eine Seite gesetzt und die andere abgeleitet und als inferiore dieser unterstellt wird. Komplementbildungen gehen in dieser Polarisierung häufig über in Komparativbildungen, die spiegelbildliche Reproduktion des Selben wechselt in ein Mehr oder Weniger des Selben. So kann zum Beispiel der Gegensatz stark – schwach auch als eine graduelle

Differenz, als wenig Stärke – viel Stärke gedacht werden, dies gilt für alle anderen Polaritäten.“ (Prengel 2006, S. 100) Prengel zieht von dieser Symmetrie von Weiblichkeit und Männlichkeit den Schluss, dass die jeweils weiblichen und männlichen Eigenschaften einander ergänzen und voneinander abgeleitet werden können. Diese Symmetrie ist jedoch nicht harmonisch, da ein Übergewicht einer Eigenschaft automatisch auch ein Übergewicht der gegenteiligen Eigenschaft bewirkt. Somit resultiert beispielsweise große Stärke des Mannes in großer Schwäche der Frau (vgl. ebd., S. 101).

Die Männlichkeit wird somit in Bezug auf die Weiblichkeit bestätigt, ohne „Yin“ kann auch „Yang“ nicht existieren, die Männlichkeit wird durch mangelnde Frauenstärke affirmiert. Die Weiblichkeit wird ebenfalls mit körperlichen Merkmalen assoziiert: nicht groß, feminin bzw. nicht maskulin (d.h. ohne Stärke, Entschlossenheit, Kampfbereitschaft usw.).

„Ein kleiner Mann, der schützend den Regenschirm über eine größere Frau hält, wirkt leicht komisch. Und in den romantischen Vorstellungen gilt der übliche Größenunterschied ebenso als Norm (…). Eine Frau, die einen Mann überrragt, verletzt eine Grundregel der Weiblichkeit, denn ihre Körpergröße erinnert ihn daran, daß er vielleicht zu klein – unzulänglich, untauglich – für den Konkurrenzkampf in der Männerwelt ist. Sie hat seiner Männlichkeit einen Schlag versetzt und seine Stellung als Aggressor-Beschützer untergraben.“ (Brownmiller 1984, S. 22)

Entsprechend dem Konzept der Kultivierungsarbeit der Frau beobachtet Brownmiller diese verzerrte Symmetrie auch in Bezug auf körperliche Attraktivität und Leid. Frauen mussten oft leiden, um attraktiv zu sein, Männer hingegen mussten aus Schönheitsgründen keine Strapazen ertragen:

„Die Männer haben alle möglichen modischen Kunstgriffe benutzt, um ihr Körperimage aufzuputzen – Hosenbeutel, hohe Absätze, wattierte Schultern, schulterbetonte Jacken; aber nichts von alldem wirkte beengend oder verursachte Schmerzen. Um die Wahrheit zu sagen, die Männer haben im Laufe der Geschichte kaum etwas an ihrem Körper verändert, um anziehender auf die Frauen zu wirken (…). Von einer Frau erwartet man aber, daß sie zu Listen und Leiden greift, um ihre weibliche Natur unter Beweis zu stellen und um der Schönheit willen, die bei einer Frau nach dem Willen der Männer Selbstzweck ist.“ (Ebd., S. 30)

In diesem Sinn entspricht das männliche Aussehen seit jeher den Idealvorstellungen, während Frauen nach dem Ideal erst streben und sich auf dem Weg unterschiedlichen körperlichen Leiden aussetzen müssen. Auch in diesem Bild der Vollkommenheit des Mannes zeigt sich sein starker Charakter, weshalb die beiden Eigenschaften „vollkommen“ und „stark“ letztlich gleichgesetzt werden können. Das stete Streben nach Vollkommenheit und somit Stärke, welche als männliche Attribute angesehen werden, zeigt sich auch in der Geschichte:

„Aus dem männlichen Wunsch heraus, erotischer Vollkommenheit zu huldigen, entstanden Statuen nackter Körper von harmonischen Proportionen, aus denen Göttlichkeit und Stärke sprachen (…). Die ersten großen Nackten waren Statuen schöner junger Männer. Erst etwas später folgten ihnen Statuen schöner junger Frauen.“ (Ebd., S. 15)

Nach Brownmiller diktieren Männer somit die Schönheitsideale für beide Geschlechter. Frauen hingegen konkurrieren miteinander, wobei das Aussehen nach Brownmiller die wichtigste Waffe in diesem Wettbewerb ist. Früher griff man zum Korsett, jetzt greift man zur Schlankheitskur. Die Übertreibung ist paradoxerweise die körperliche Schwäche (vgl. ebd., S. 47). Die Schönheitsvorstellungen von einem Mann und einer Frau sind kontrovers – Frauen kämpfen gegen graue Haare, Männer mit grauen Schläfen dagegen „sehen interessant aus“ (vgl. ebd., S. 51). Frauen kümmern sich um das eigene Aussehen – sie schminken sich, pflegen den Körper, sie versuchen, schlanker zu sein und sich in enge Hosen zu quetschen. Sie streben danach, sich in völlig andere Menschen als sie selbst zu verwandeln, wobei der Versuch unternommen wird, den Vorstellungen der Männer und anderer Frauen zu entsprechen (vgl. ebd., S. 75).

Haug verwendet den Begriff „Körperzentrierung“ für den Zusammenhang zwischen dem Körper als Ausgangspunkt bei den Geschlechtern und der Unterdrückung der Frau (vgl. Haug 1984, S. 111).

Es wird nicht die Sexualität der Frauen unterdrückt, sondern Sexualität wird als Unterdrückung gelebt. Der Körper dient als Einsatz in der Unterordnung der Frauen. Die Haltung des Körpers ist zugleich die Haltung der Frau zur Welt. Die Pflege des Körpers ist die zweite Natur der Frauen. Frauen, die diese Verwandlung erreichen, gelangen gleichzeitig zu Sittlichkeit. Das Kulturelle in diesem Fall ist nicht Selbstzweck, sondern Überwindung der Triebe im Namen der Vermenschlichung der Frauen. Die Pflege bedeutet eine Gärtnertat (vgl. ebd.).

In diesem Sinn hält Brownmiller das Röcke tragen für eine künstliche Unterscheidung der Geschlechter (vgl. ebd., S. 77):

„Im westlichen Denken sind Hosen bei Männern und Röcke bei Frauen wie ein Naturgesetz ein so fester Bestandteil der Vereinbarung über den Unterschied zwischen männlich und weiblich wie das Diktat der kurzen oder langen Haare.“ (Brownmiller 1984, S. 79)

Im Umkehrschluss scheint sich „wahre Männlichkeit“ fast immer vom männlichen Körper abzuleiten, einem männlichen Körper innewohnend oder etwas über einen männlichen Körper ausdrückend. Sie ist demnach fast immer vom männlichen Körper abzuleiten. Der Körper lenkt die Handlungen des Mannes, diese Überzeugungen sind Teil der modernen Geschlechterideologie. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Beziehung sowie den Körper des Mannes hinsichtlich der Männlichkeit zu verstehen. Es gibt zwei gegensätzliche Konzepte in Bezug auf die Frage, warum sich Männer von Frauen unterscheiden: Die biologische Perspektive hält den Körper für eine natürliche Maschine, welche Geschlechtsunterschiede produziert. Ein anderer Ansatz betrachtet ihn als Fläche, die in das soziale System eingeprägt ist (vgl. Connel 2015, S. 96).

Aufgrund der Tatsache, dass Körper und Geist eng miteinander verbunden sind, resultiert die physische Vollkommenheit des Mannes auch in mentaler Vollkommenheit und Stärke des männlichen Geschlechts, welche unter anderem mit Kampfgeist, Ausdauer und Macht assoziiert werden. Aus dieser Perspektive ist nicht überraschend, dass Macht in erster Linie mit Männlichkeit verbunden wird. Im Gegensatz dazu haben Einfühlungsvermögen, Empathie und Emotionen wenig mit Macht zu tun und werden als typisch weibliche Eigenschaften angesehen. Macht ist demnach wie kaum ein anderer Begriff exklusiv männlich besetzt, da dieser Begriff fast automatisch mit Männlichkeit und mit dem phallischen Symbol gleichgesetzt wird. Jede Frau, die sich für Macht interessiert wird, als „männliche“ Frau wahrgenommen. Die Hosenträgerinnen sind ein warnender Hinweis auf Vermännlichung und Entweiblichung (vgl. Gerhardt 1984, S. 125).

Aufgrund dieser unterschiedlichen Körperbilder werden Männern und Frauen somit auch unterschiedliche Eigenschaften zugeordnet. Diese Spekulation über Männlichkeit und Weiblichkeit ist eines der tragenden Elemente der Soziobiologie (vgl. Connel 2015, S. 97).

„In der Pop-Psychologie werden körperliche Unterschiede und ihre sozialen Folgen durch die Annahme der Charakter-Dichotomie miteinander verknüpft. Frauen sollen ein System von Eigenschaften haben, Männer ein anderes. Frauen sollen fürsorglich, beeinflussbar, redefreudig, emotional, intuitiv und sexuell treu sein; Männer sollen aggressiv, willensstark, schweigsam, analytisch und promiskuitiv sein. Diese Vorstellungen wurden seit dem 19. Jahrhundert stark in der westlichen Kultur vertreten, als die Idee, dass Frauen intellektuell schwächer und weniger urteilsfähig als Männer seien, eingesetzt wurde, um ihren Ausschluss aus der Universität und vom Wahlrecht zu rechtfertigen.“ (Ebd., S. 90)

Die Frauen repräsentieren somit die Liebe und die Männer das Recht im allgemeinsten Sinne. Frauen sind Männern und diese wiederum dem Staat unterworfen. So werden die Herrschaftsbeziehungen dargestellt (vgl. Opitz 1984, S. 115).

Analog zu den bereits beschriebenen körperlichen Unterschieden gibt es keine universelle Moral für beide Geschlechter: Sie ist zweigeschlechtlich wie der Mensch. Die Männermoral bezieht sich auf deren Geschäftsfähigkeit, wohingegen die Fraueneigenschaften Fürsorglichkeit und Liebe sind (vgl. Haug 1984, S. 104).

„In dieser Weise ist die Moral selber ein extremer Schneider der Geschlechter. Männlich verstanden kreist sie um das Eigentum und weiblich um den Körper. Sodaß selbst eine scheinbar eindeutige Redensart wie ‚jemandem die Unschuld nehmen‘ noch für Männer bedeutet, daß sie in die Geschäftsgeheimnisse eingeweiht werden, für die Frauen, daß sie in geschlechtliche Praxen eingeführt werden.“ (Ebd.)

Frauen sind anderen Werten und einer anderen Ideologie als Männer unterworfen. Weiblichkeit bedeutet Mütterlichkeit, Fürsorglichkeit, Wärme, Weichheit, Freundlichkeit. Interessant ist die Überlegung von Opitz, dass eine Feminisierung der Gesellschaft Krieg, Aufrüstung und vieles andere friedlich aus der Welt schaffen könnte (vgl. ebd., S. 105).

1.2 Die Küche als Geschlechtsraum

Trotz beginnendem Umdenken in der Gesellschaft gilt die Küche als typischer Frauenraum. Somit können am Beispiel der Küche Geschlechtsunterschiede deutlich gezeigt werden. Ganz allgemein kann vorab gesagt werden, dass Männer zumeist aus Spaß kochen, während Frauen dies als Verpflichtung tun.

Es wird überall auf der Welt gekocht, statistisch gesehen meist von Frauen, aber je feiner und gehobener ein Restaurant ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Chefkoch dem männlichen Geschlecht angehört (vgl. Friechs et al. 1994, S. 231).

In jeder Klasse existieren unterschiedliche Vorstellungen über Männlichkeit und Weiblichkeit und die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Mit welcher Absicht und Wirkung wird also gekocht?

Friechs hat vier Paare, die zusammenleben, in Bezug auf das Kochen interviewt – ein Arbeiterpaar, ein Angesteltenpaar, ein Beamtenpaar und ein Managerpaar. Die Rollenverteilung ist bei allen vier abhängig davon, wer gerade Lust auf das Kochen hat. Hierarchische Bewertungen können sich hier nicht einstellen.

Es können aber Unterschiede in Bezug auf die Kategorien alltäglich- festlich/außergewöhnlich festgestellt werden. Zudem lassen sich Unterschiede beim Essengehen erkennen (die Häufigkeit ist einkommensabhängig) oder bei der Qualität von Produkten. Diese Aspekte sind aber nicht relevant für diese Arbeit, weshalb deren nähere Betrachtung unterlassen wird. Alle vier in der Studie untersuchten Frauen kochten unter der Woche, meistens eine Speise, die schnell zubereitet werden konnte (Aufläufe oder vorgekochte Lebensmittel). Am Wochenende stand häufig die Männer in der Küche. Unterschiede wurden gefunden in Bezug auf das Ziel des Kochens: In der Arbeiterfamilie kocht der Mann für sich und seine Frau etwas, was er gut kann, in anderen Familien kochen Männer für ihre Familie und Gäste. Man stellt seine Kochkünste zur Schau, Kochen macht Spaß, ist kein Muss, und es werden aufwändige Gerichte gekocht. Auch hier kann man dominantes Verhältnis sehen: Männer kochen selten, aber etwas Besonderes. Frauen zeigen ein pragmatisches Kochverhalten: Es muss schnell gehen, lecker sein und nicht so viel Zeit kosten (weil man Zeit auch für Kinder und im Fall des Angestelltenpaares für den Haushalt haben will).

Die Mühe für das Kochen lohnt sich für einen Mann, weil er Lob und Anerkennung von seiner Familie und von seinen Gästen erntet, Frauen dagegen treten in den „Schatten“. Die Kochkünste von Frauen beschränken sich auf einfachere Sachen. Kochen bedeutet demnach im Endresultat soziales Kapital für Männer (vgl. ebd., S. 254).

Diese Erläuterungen verdeutlichen, dass der Prozess des Kochens an sich für Frauen und Männer unterschiedliche Funktionen und Ziele hat. Frauen kochen aus Pflichtgefühl gegenüber der Familie. Kochen gehört für sie zum Alltag und ist etwas, das unbedingt gemacht werden muss (selbst wenn man keine Lust aufs Kochen hat). hingegen Männer kochen seltener, bewusster und mit Genuss. Es werden die eigenen Kochkünste präsentiert und die Anerkennung der Familie und von Gästen genossen.

In diesem Kapitel wurde ein kurzer Überblick über typisch weibliche und typisch männliche Eigenschaften und Etikettierungen gegeben. Für eine tiefergehende Analyse der Geschlechtsunterschiede und eine Hinterfragung der Geschlechtsidentität von Menschen wird im Folgenden den Fragen nachgegangen, was unter dem Begriff Gender zu verstehen ist und wie dieses konstruiert wird.

2. Gender

Der Begriff Gender bezeichnet die Gesamtheit der biologischen und dem Individuum zugeschriebenen Eigenschaften. Das Gender zu verstehen, bedeutet die sozialen Mechanismen in der Gesellschaft zu verstehen, da es von uns für uns konstruiert wird. Im Folgenden werden das Geschlecht und seine Konstruktion durch soziale Prozesse erörtert.

2.1 Das Geschlecht und formende soziale Prozesse

Die physichen Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Individuen verändern sich im Laufe des Lebens. Es gibt zuerst wenige Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen in den frühen Entwicklungsstadien. Die äußerenReproduktionsorgane – Penis, Klitoris, Hoden und Schamlippen – entwickeln sich beim Embryo aus einem gemeinsamen Ausgangspunkt (vgl. Connel 2013, S. 79). Diese Unterschiede der Geschlechter werden im Laufe des Lebens größer und von sozialen Prozessen unterstützt.

In zahlreichen Diskussionen über Geschlecht wird angenommen, dass die reproduktive Differenz auch andere Unterschiede zum Ausdruck bringt: körperliche Kraft und Schnelligkeit, psychische Fertigkeiten, sexuelle Begierde, Charakter usw. Zudem wird angenommen, dass diese Unterschiede natürlich seien. Sie bildeten somit die Grundlage für die sozialen Geschlechtsmuster: Männer herrschen in der Gesellschaft, weil sie einen höheren Testosteronspiegel besitzen (vgl. ebd., S. 81).

Die theoretischen Vorstellungen, die sich auf darwinistische Konzepte beziehen, leiten menschliche Verwandtschaftsbindungen, die Sorge von Müttern für ihre Kinder, die sexuelle Untreue von Ehemännern, die Schamhaftigkeit von Frauen usw. von Geschlechtsmustern ab (vgl. ebd.). Der Körper wird oft als Maschine verstanden, um bestehende Geschlechtsunterschiede zu verteidigen:

„In den 1980er Jahren sahen es US-Feministinnen häufig als naturgegeben an, dass Männer aggressiv und Frauen friedvoll seien. Die Termini ‚männliche Gewalt‘ und ‚männliche Sexualität‘, die sich damals ausbreiteten, banden implizit das Verhalten an den Körper, und manche Aktivistinnen erblickten unmittelbar im Penis die Quelle männlicher Macht (diese Sichtweise wurde von Segal 1994 analysiert).“ (Ebd.)

Einerseits verteidigt der Körper schon bestehende Strukturen und Interessen, andererseits wird der Körper von bestehenden sozialen Strukturen „kreiert“. Wie die Körper wachsen und funktionieren, wird durch Verteilung von Nahrungsmitteln, sexuelle Gebräuche, Kriegsführung, Arbeit, Sport und Medizin beeinflusst. Alle diese Einflüsse sind wiederum durch das Geschlecht vorgegeben und strukturiert. Es ist unvorstellbar, dass gesellschaftliche Geschlechterarrangements körperliche Eigenschaften ausschließen (vgl. ebd., S. 82).

Häufig stößt man auf die Behauptung, dass Frauen öfter Führungspositionen übernehmen sollten, weil sie dort die Eigenschaften einbringen, die sie auszeichnen: Empathie, die Fähigkeit, Beziehungen zu pflegen usw. Die Forschung zeigt aber, dass Frauen in den Führungspositionen sich ebenso wie Männer verhalten. Demgegenüber existiert auch die Meinung, dass Frauen keine Top-Positionen besetzen können, weil sie angeblich keine analytischen Fähigkeiten besäßen. Männer benähmen sich sexuell rücksichtslos und selbstsüchtig, weil für sie dieses Verhalten natürlich sei – man erwartet von ihnen nicht, dass sie sich anders verhalten (vgl. ebd., S. 90).

Es wird auf eine kleine Anzahl von Eigenschaften verwiesen, denen zufolge tatsächlich Geschlechterunterschiede vorhanden seien: verbale Ausdrücksfähigkeit, visuelles Raumgefühl, Agressivität und mathematische Fähigkeiten (vgl. ebd., S. 93).

Connel spricht von sozialer Verkörperung: Der Körper ist in die Geschichte hineingezogen und ändert sich mit der Zeit. Das Geschlecht stelle eine spezifische Form der sozialen Verkörperung dar. Geschlechterverhältnisse bilden soziale Strukturen, sie beziehen sich auf Körpermerkmale und Geschlechterpraktiken (vgl. ebd., S. 99).

Connel spricht von der Verbindung körperlicher und sozialer Prozesse. Die Besonderheit des Geschlechts besteht darin, dass es sich auf die reproduktive Funktion des Körpers bezieht. Ein Komplex menschlicher sozialer Praktiken ist an dem Geschlecht beteiligt: Kinderversorgung, Geburt, sexuelle Interaktion. Die sozialen und körperlichen Prozesse greifen also ineinander (vgl. ebd., S. 100).

Die körperlichen Fähigkeiten konstruieren eine Arena: einen körperlichen Ort, an dem etwas Soziales geschieht. Die kulturellen Kategorien „Frauen“ und „Männer“ werden auch in dieser Arena geschaffen. Dies wird von Connel als reproduktive Arena im sozialen Leben bezeichnet. Geschlechtliche Reproduktion verursacht keine Geschlechterpraxis und schafft keine Vorlage dafür (vgl. ebd.).

Nach Connel ist das Geschlecht eine exklusive Eigenheit der Menschen:

„Wir mögen eine von zahlreichen Arten sein, die sich geschlechtlich reproduzieren, aber wir sind die einzige, die komplexe, historisch veränderliche soziale Strukturen hervorgebracht hat, in denen diese reproduktive Fähigkeit zur Anwendung kommt und transformiert wird. Geschlecht (gender) ist geradezu eine der erstaunlichsten, exklusiven Eigenheiten unserer Spezies.“ (Ebd.)

Die reproduktive Arena kann durch soziale Prozesse verändert werden, sie wird durch soziale Kämpfe neu geformt. Die Fruchtbarkeit der Frau hat eine andere Bedeutung, wenn die Verhütung effektiv ist und Familien geplant werden gegenüber der Situation, in welcher der Frau vorherbestimmt wird, Kinder zu gebären (vgl. ebd., S. 101).

2.2 Konstruktion des Geschlechts

Das Geschlecht wird, wie bereits erläutert, in sozialen Interaktionen konstruiert. Der folgende Ansatz dominiert bei den AutorInnen im 18. und 19. Jahrhundert: Die Geschlechter seien biologisch aufgrund der leiblichen Konstruktion und aufgrund von Fortpflanzungsverpflichtungen aufeinander verwiesen. Im sozialen Leben nehme der Druck auf beide Geschlechter, der sie zu heterosexuellen Verbindungen zwinge, zu. Die heterosexuell-monogame Lebensgemeinschaft sei somit der zentrale Überlebensort und sichere die Existenz. In dieser Konstruktion der leiblich-konstitutionellen Geschlechterdifferenz ist eine tiefe Hierarchisierung der Geschlechter versteckt. Die sexuelle Differenz wird zum sozialen Platzanweiser in der Gesellschaft (vgl. Ott 1997, S. 112).

Ott spricht über eine neue heterosexuelle Norm. Diese Norm besteht aus paradoxen Effekten und totalisiert die Menschen. Diese Norm schließt die Menschen als Träger des Erbgutes zusammen (vgl. ebd., S. 113).

Die Konstruktion vom homosexuellen Mann kann die Gefahr der Vermischung von Männlichkeit und Weiblichkeit mit sich bringen. Frauen lösen die Geschlechtergrenzen, indem sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Weibliche Eigenschaften bei homosexuellen Männern werden oft als minderwertig bezeichnet. (vgl. ebd., S. 117).

Genauso wie der homosexuelle Mann stellt die erwerbstätige Frau eine Gefahr für die Gesellschaft dar. Die Erwerbstätigkeit der Frau wird nicht nur von bürgerlichen Klassen als Gefahr und Konkurrenz registriert. Auch von der Gewerkschaftspolitik wird der Frauenausschluss unterstützt, obwohl offiziell eine Gleichstellung gefordert wird.

Nach Ott wird die Aufrecherhaltung der Geschlechterdifferenz durch die Propagierung ehelicher Monogamie und Diskriminierung Homosexueller legitimiert. Das Ziel ist, die Grenzen zwischen den Geschlechtern und zwischen Nationen und Klassen aufrechtzuerhalten (vgl. ebd.).

Das Geschlecht wird als System durch einen historischen Prozess konstruiert. Die strategische Frage soll nicht lauten: „Können Geschlechterverhältnisse sich ändern?“, sondern vielmehr: „In welche Richtung verändern sie sich?“ (vgl. Connel 2013, S. 103). Die erste Geschlechtsstruktur, die in den Sozialwissenschaften erkannt wurde, ist die sexuelle Arbeitsteilung. Bestimmte Aufgaben in verschiedenen Lebensituationen werden entweder von Frauen oder von Männern durchgeführt. In Aboriginesgesellschaften wird die Jagd von Männern und das Sammeln von Wurzeln und Samen hauptsächlich von Frauen übernommen. Analog dazu arbeiten heutzutage beispielsweise die Männer als Software-Ingenieure, während sich die Frauen um die Dateneingabe kümmern müssen (vgl. ebd., S. 113).

Darüber hinaus wird von Frauen ein anderes Verhalten als von Männern erwartet. Als unmännliches Verhalten wird angesehen, eher friedlich als gewalttätig, eher versöhnlich als dominant und nicht an sexuellen Eroberungen usw. interessiert zu sein (vgl. ebd., S. 120).

Aus Erwartungen resultiert also ein bestimmtes Verhalten und aus dem Verhalten resultieren die festen Kategorien weiblich und männlich, in denen wir gefangen sind. Diese Abfolge von Erwarungen, Verhalten und festen Kategorien bildet in unseren Köpfen ein gewisses System. Wir denken, handeln, urteilen, lernen, Frau oder Mann zu sein, ohne darüber im Klaren zu sein, dass dieser Kreislauf schon bei unserer Geburt mit Erwartungen startet.

Das Geschlecht wird von uns gemacht, es steht uns aber nicht frei, es beliebig so zu bestimmen, wie wir es uns wünschen. Die Beziehungen zwischen Menschen hätten keine Bedeutung gehabt, wenn sie zufällig zustande gekommen wären (vgl. ebd., S. 112).

Wir lernen, uns als ein Mann oder als eine Frau wahrzunehmen, und machen für uns unser Geschlecht klar. Wir berufen uns aber auf soziale Normen und Erwartungen, die uns in die Wiege gelegt wurden. So entwickeln sich charakteristische Strategien, mit Situationen umzugehen, in denen Geschlechterverhältnisse vorkommen. Die Menschen lernen, Geschlecht auf bestimmte Weise „zu machen“. Mit der Zeit kristallisieren sich vor allem erfolgreiche Strategien zu erkennbaren Mustern von Weiblichkeit und Männlichkeit heraus.

Wenn wir Geschlecht als die Entwicklung von Geschlechterprojekten verstehen, können wir die Handlungsmacht von Lernennden und auch die Hartnäckigkeit der Geschlechterstrukturen erkennen. Das Geschlechtermuster entwickelt sich im persönlichen Leben als Reihe von Auseinandersetungen mit Zwängen und Möglichkeiten der bestehenden Geschlechterordnung. Die Lernenden sind kreativ und ahmen nach. Von Lernenden werden verschiedene Strategien entwickelt, in denen Geschlechterverhältnisse vorkommen. Geschlecht wird somit, wie bereits erwähnt, auf bestimmte Weisen erzeugt.

Mittels positiver und negativer Mischungen lernen die meisten Kinder das ihrem Geschlecht angemessene Verhalten: Sie führen es automatisch aus und entwickeln die Charakterzüge, die als angemessen für Männer oder für Frauen betrachtet werden. Diese Normen werden an die nachfolgenden Generationen vermittelt (vgl. ebd., S. 134).

„Das Modell der Geschlechtsrollensozialisation verwechselt fälschlich das, was dominant ist, mit dem, was normativ gültig ist.“ (Ebd.)

Das Sozialisationsmodell stellt die Lernenden als passiv dar, die Aktivität geht, von den Sozialisationsinstanzen aus. Das Geschlecht-lernen geschieht dann, wenn man als junger Mensch im Alltag Geschlechterverhältnissen gegenübersteht und man versucht, damit zurechtzukommen. Dieser Prozess ist ungeplant und kann in Situationen wie „Sport, der mir Spaß macht“ oder „Krach mit den Eltern“ passieren (vgl. ebd., S. 140).

Das Geschlecht zu lernen, nimmt spezifische Formen an. In den frühen Phasen dieses Prozesses wird das Gelernte mit anderen Verhaltensmustern in Verbindung gebracht. Kinder lernen Weiblichkeit und Männlichkeit also aus der Geschlechterpraxis (vgl. ebd.).

Konfigurationen von Geschlecht sind nicht statisch, weil sie Tätigkeitsmuster darstellen Die Auseinandersetzung mit einer Situation geschieht nicht auf der Ebene einzelner Schritte, sondern vielmehr auf der Ebene eines ganzen Lebens (vgl. ebd., S. 141).

Das Lernen vom Geschlecht wird von Connel als eine Entwicklung von Geschlechterprojekten verstanden. Man kann die Handlungsmacht von Lernenden und auch die Hartnäckigkeit der Geschlechterstrukturen erkennen. Die Geschlechtermuster entwickeln sich im persönlichen Leben als Reihe von Zwängen und Möglichkeiten bereits bestehender Rollen. Die Lernenden improvisieren, sie sind kreativ und entwickeln eigene Strategien, um mit Situationen umzugehen. Mit der Zeit hat man erfolgreiche Strategien sowohl für das weibliche als auch für das männliche Geschlecht entwickelt (vgl. ebd.).

Man kennt das eigene Geschlecht lernen. Dazu kommt es, indem man den alten Verhaltensmustern folgt und eigene Strategien entwickelt: Man bewegt sich zwischen Verhaltensweisen, die „üblich“ für eine Frau oder für einen Mann sind, und Möglichkeiten bzw. Modellen, die ausprobiert werden müssen. Die erfolgreichen Strategien für Männlichkeit oder Weiblichkeit setzen sich durch:

„Die bestehenden Strukturen der Geschlechterordnung bringen es mit sich, dass manche Strategien eher Resultate erbringen als andere. Es wird also wahrscheinlich eine Überschneidung zwischen den Geschlechterprojekten geben, ein gewisses Maß an sozialer Standardisierung des individuellen Lebens. Wir können dies als übliche Entwicklungsbahnen der Ausbildung von Geschlecht bezeichnen. Sie sind es, die Forscherinnen und Forscher als Muster der ‚Männlichkeit‘ und ‚Weiblichkeit‘ in der biographischen und ethnographischen Forschung aufnehmen.“ (Ebd., S. 142)

Der oder die Einzelne bewegt sich in schon bestehenden Strukturen und Mustern, die Verhaltensweisen sind standardisiert, diese schon bestehenden Strategien lassen sich aber neu überlegen und transformieren. Die westliche bürgerliche Kultur enthält angeborene Unterschiede zwischen den Menschen: in Hierarchien nach Klassen, Rasse und Geschlecht. Die antikolonialen Intellektuellen wie Mohandas Gandhi sind gegen die ererbte oder erworbene Überlegenheit, weil „alle die gleiche Seele haben“. Der Glaube an Unterschiede wurde durch Psychologie von Sigmund Freud und seinen Nachfolgern in Frage gestellt (vgl. ebd., S. 146).

2.3 Geschlechtsunterschiede nach Hagemann-White

Man unterscheidet die Geschlechter seit der Geburt in biologischer Weise, später wird auf diese Unterschiede aufgebaut. Frauen besetzen andere Arbeitsplätze als Männer, ihre Leistungen werden auch anders als die Leistungen von Jungen eingestuft. Hagemann-White hat sich mit Geschlechtern und Sozialisationprozessen beschäftigt. Die empirische Forschung nach Hagemann- White liefert keine Beweise für Geschlechtsunterschiede.

Die Mädchen haben kein geringeres Leistungsstreben oder Neugier als Jungen, die Mädchen sind nicht geselliger als Jungen.Auch die Untersuchungen von Einfühlsvermögen und von Hilfsbereitschaft ergeben keinen Unterschied nach Geschlecht (vgl. Hagemann-White 1988, S. 20).

Die Geschlechtsunterschiede, die auf biologischer Verursachung basieren, haben sich als außerordentlich hartnäckig erwiesen. Hagemannn-White schreibt von einer „verwirrende[n] Mischung aus legitimer wissenschaftlicher Hypothesenbildung und altbackenem Vorurteil" (ebd., S. 29).

„Es gibt keine zufriedenstellende humanbiologische Definition der Geschlechtszugehörigkeit, die die Postulate der Alltagstheorien einlösen würde", lautet seine zentrale Feststellung. (Ebd., S. 228)

In den Untersuchungen wird kritisiert, dass Mädchen zu Mädchen gemacht werden. Als Hintergrund für eine solche Theorie hat die Forscherin die Sozialisationserfahrungen der Generation in den 1970er-Jahren herangezogen, deren Kindheit zwischen den Jahren 1940 und 1950 lag. Die Kindheit dieser Frauen war unter Aussagen wie „alle Mädchen“ zu kennzeichnen. Doch in dieser Studie wurde nicht berücksichtigt, dass selbst wenn die Erziehungsmaßnahmen festgestellt werden können, daraus sich noch nicht der Schluss für den Erziehungserfolg ziehen lässt. Sogar massiver sozialer Druck kann das Gegenteil bewirken (vgl. ebd., S. 48).

Hagemann-White stellt auch die wichtige Feststellung heraus, dass Erwachsene als Sozialisatoren dazu neigen, unterschiedliche Erwartungen und Wahrnehmungen je nach Geschlecht des Kindes auszubilden (vgl. ebd., S. 50).

Das Ergebnis der Forschungen von Hagemann-White lässt erkennen, dass Eltern (vor allem Mütter) Jungen und Mädchen in vielerlei Hinsicht gleich behandelten. Ein anderer Faktor ist aber in den Blick gekommen: jener der Beaufsichtigung. Mädchen sind aus Sorge um ihre körperliche und sexuelle Unversehrtheit viel öfter in der Nähe der Wohnung und unter Aufsicht der Erwachsenen gehalten worden als Jungen. Dieser Faktor verstärkte sich mit dem Beginn der Pubertät. Der Aktionsradius von Jungen war größer, sie konnten sich zu gleichgeschlechtlichen Gruppen gemischten Alters zusammenschließen. Es folgt daraus, dass Kinder, die mehr drinnen als draußen spielen, von Erwachsenen stärker unter Druck gesetzt werden. Es möge sein, dass die Eltern gleiche Erziehungsziele und Maßstäbe für beide Geschlechter haben. Das Kind aber, das nur zum Essen und Schlafen nach Hause kommt, wird indirekt dazu ermutigt, sich den Vorschriften der Erwachsenen zu entziehen. Die Welt draußen wird von den Mädchen als Welt voller Gefahren gesehen. Somit ist es sinnvoller, den Regeln, die von Erwachsenen vorgegeben werden, zu befolgen (vgl. ebd., S. 53).

Als besonders schwierig erweist sich die anthropologische Ansicht im Sozialsystem. Die anthropologischen Arbeiten, aus denen hervorzuheben ist, dass die Kategorien männlich/weiblich im Sozialensystem zu begreifen sind, zeigen, dass sie nicht mit Prämissen psychoanalytischen Denkens vereinbart werden können (vgl. ebd., S. 79).

Im Rahmen der anthropologischen und ethnomethodologischen Theorienkontexte wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die männlichen/weiblichen Eigenschaften fiktiv sind. Hagemann-White macht darauf aufmerksam, dass die Personen nicht dem einen oder anderen Geschlecht zugewiesen werden, wenn sie die Eigenschaften, die dazu gehören, unter Beweis stellen, sondern umgekehrt: Diese Eigenschaften werden ihnen unterstellt, und das Verhalten wird nach der Geschlechtszugehörigkeit bewertet (vgl. ebd., S. 80).

Hagemann-White betont die Zentralität der Beziehung der Kinder zur Mutter. Kinder werden aber nach der Geburt je nach Geschlecht unterschiedlich behandelt. Man könnte annehmen, dass die Erwartungen, mit denen Eltern Neugeborene begrüßen, völlig gleich sind. Die Ausgangslage der Kinder ist aber je nach Geschlecht unterschiedlich. Aufgrund der asymetrischen Verhältnisse in der Gesellschaft ist die Person, die in der Regel dem Kind Lust, Geborgenheit, Anerkennung und Liebe gibt, die Frau (vgl. ebd., S. 87).

Aus der Erziehung resultiert die sogenannte „Doppelbödigkeit“ des weiblichen Charakters. Die „Doppelbödigkeit“ des weiblichen Sozialcharakters wird von Hagemann-White in den Blick genommen. Der weibliche Charakter und das weibliche Verhalten finden sich im symbolischen System der Zweigeschlechtlichkeit. Die Werthierarchie sowie institutionelle und ökonomische Machtverhältnisse sind auf Zweigeschlechtlichkeit abgestimmt. Das „Weibliche“ ist vertaut und nach Bedarf abrufbar – dies entspricht aber nicht dem eigenen Bild des einzelnen Mädchens über sich selbst. Die gesellschaftlichen Anforderungen an die Frauen sind doppelbödig, auch die Frauen selbst verhalten sich doppelbödig im Hinblick darauf. Auf der einen Seite wissen sie, dass sie zu den gleichen Leistungen, die Männer erbringen, fähig wären, auf der anderen Seite ist ihnen auch bewusst, dass Männer ihnen weibliche Arbeitsbereiche auch in Notzeiten kaum abnehmen könnten. Es wird von Frauen auf die Geschlechterpolarität als entlastende Hilfskonstruktion zurückgegriffen (vgl. ebd., S. 103).

2.4 Begriff der Identität

Erikson versteht unter dem Begriff „Identität“ den Zusammenhang zwischen psychologischen Mechanismen und den Einflüssen der Außenwelt (vgl. Connel 2013, S. 146).

[...]

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Gender und zentrale Theorien der Geschlechterforschung. Eine Analyse von Geschlechtsunterschieden nach Sigmund Freund, Annedore Prengel, Erving Goffman und Pierre Bourdieu
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
2
Autor
Jahr
2018
Seiten
90
Katalognummer
V593652
ISBN (eBook)
9783346190505
ISBN (Buch)
9783346190512
Sprache
Deutsch
Schlagworte
analyse, sigmund, prengel, pierre, goffman, geschlechtsunterschieden, geschlechterforschung, gender, freund, erving, eine, bourdieu, annedore, theorien
Arbeit zitieren
Oxana Ivanova (Autor), 2018, Gender und zentrale Theorien der Geschlechterforschung. Eine Analyse von Geschlechtsunterschieden nach Sigmund Freund, Annedore Prengel, Erving Goffman und Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/593652

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