Der Sozialarbeiter als Vorbildfunktion in der Jugendarbeit. Wie beeinflusst die Stärke der Beziehung das Verhältnis zwischen Sozialpädagoge und Klientel?


Hausarbeit, 2020

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärungen
2.1 Vorbild
2.2 Soziale Beziehung
2.3 Kernaufgabe der Jugendarbeit

3. Der Sozialarbeiter als Vorbild
3.1 Entwicklungspsychologische Merkmale in der Adoleszensphase/Pubertät
3.2 Zwischenfazit / Erforschbarkeit der These
3.3 Der Sozialarbeiter als fester Bestandteil in der Lebenswelt der Klientel
3.4 Chancen und Gefahren als Fester Bestandteil der Lebenswelt der Klientel
3.5 Nähe versus Distanz

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

In der offenen Kinder- und Jugendarbeit bietet das freizeitpädagogische/klientelinteressenorientierte Arbeitsumfeld, sowie die Niedrigschwelligkeit der Angebote der/dem Sozialarbeiter-/Sozialpädagog/inn/en (im Folgenden als der Sozialarbeiter benannt) eine förderliche Basis um eine Beziehung zur Klientel aufzubauen und diese durch weitere Angebote zu stärken. Klientel welche täglich eine Institution der offenen Kinder- und Jugendarbeit besuchen stehen neben dem Austausch in der dort ansässigen Peer Group auch im Austausch mit dem Sozialarbeiter. Ziel dieser Hausarbeit ist die Bearbeitung und zumindest logische Belegung der These Je stärker die Beziehung zum Stammklientel in der offenen Kinder- und Jugendarbeit ist, umso mehr nimmt der Sozialarbeiter/Sozialpädagoge eine Vorbildfunktion für die Klientel ein.“. Es gilt mit der Bearbeitung dieser These herauszufinden, ob die Rolle eines Vorbilds in der offenen Kinder- und Jugendarbeit die Fachlichkeit des Sozialarbeiters in irgendeiner Form beeinträchtigt, bzw. ob professionelle Soziale Arbeit unter diesen Umständen Gefahren birgt oder ob dieser "Zustand" gegebenenfalls sogar Chancen für Fachkraft und Klientel entstehen lassen und eine effektivere Zusammenarbeit ermöglicht.

Die offene Kinder- und Jugendarbeit bietet hierbei eine Kulisse, um das bearbeiten dieser These im Rahmen dieser Hausarbeit zu erleichtern. Hierzu müssen die Begriffe „Beziehung“ und „Vorbild“ im Folgenden näher definiert werden. Im Rahmen dieser Bearbeitung wird außerdem Bezug auf die Rolle des Sozialarbeiters in einer Vorbildfunktion im Zusammenhang zur Entwicklungspsychologie der jugendlichen Klientel genommen. Diese Verknüpfung wird unter anderem aus der Sicht der Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch und unter Berücksichtigung der Charakteristika der Sozialen Arbeit erweitert näher betrachtet. Des Weiteren wird inhaltlich auf die Situation des Sozialarbeiters als fester Bestandteil in der Lebenswelt der Klientel eingegangen, worauf unter Anderem Bezug auf mögliche Gefahren und Chancen, sowie auf eine Nähe- versus Distanzantinomie eingegangen wird. Klientel beschreibt im Rahmen dieser Hausarbeit, den/die Stammbesucher/in während der Adoleszensphase im Jugendzentrum.

2. Begriffserklärungen

2.1 Vorbild

„Die Identifizierung strebt danach, das eigene Ich ähnlich zu gestalten wie das andere zum Vorbild genommene“. - Sigmund Freud (1921, S.68)

Der Begriff „Vorbild“ an sich wird von verschiedenen Quellen unterschiedlich definiert. Stangl schreibt in seinem Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, dass Vorbilder in der Psychologie Menschen bezeichnet, „an denen sich vor allem Kinder und Jugendliche orientieren und dessen Denk- und Verhaltensweisen sie in der Sozialisation übernehmen.“ (Stangl, 2020). In der Pubertät wählen Jugendliche sich, entgegen zum Kindesalter, in dem die Eltern meist die Rolle des Vorbilds verkörpern, erfolgreiche/attraktive Vorbilder, wie Sportler oder Popstars (Stangl, 2020).

2.2 Soziale Beziehung

Der Soziologe Max Weber prägte den Begriff „Soziale Beziehung“ wie folgt:

„Soziale Beziehung soll ein seinem Sinngehalt nach aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer heißen. Die soziale Beziehung besteht also durchaus und ganz ausschließlich: in der Chance, dass in einer (sinnhaft) angebbaren Art sozial gehandelt wird, einerlei zunächst: worauf diese Chance beruht.“ – Max Weber (1922): Wirtschaft und Gesellschaft, Kapitel 1, § 3 Laut dem Lexikon der Psychologie von Spektrum.de, die nach Auhagen (1993) definieren, handelt es sich bei zwischenmenschlichen Beziehungen um einen Begriff, der in unterschiedlichen Kontext (Umfeld)- und Strukturformen existieren kann. Im Rahmen dieser Hausarbeit wird auf die Form der berufsbedingten Rollenbeziehung (Erzieher und Klientel) Bezug genommen. Basis einer Beziehung ist der Kontakt und die Kommunikation zwischen zwei Parteien, welcher in Intensität, sowie in seiner Art und Weise variieren kann (Spektrum 2020). Personen, die in einer Beziehung stehen, können sich gegenseitig beeinflussen.

2.3 Kernaufgabe der Jugendarbeit

Die offene Jugendarbeit hat den gesetzlichen Auftrag, an den Interessen der Jugendlichen orientiert, Angebote zur Förderung ihrer Entwicklung zur Verfügung zu stellen (SGB VIII §11 Jugendarbeit).

3. Der Sozialarbeiter als Vorbild

3.1 Entwicklungspsychologische Merkmale in der Adoleszensphase/Pubertät

Die Pubertät bezeichnet die hormonell bedingte Weiterentwicklung des Körpers, wie Bartwuchs, Stimmbruch, Intimbehaarung und Reifung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale zur Fortpflanzungsfähigkeit (Wicki 2015, S. 107). Die Adoleszensphase bezeichnet grob umschrieben die Lebensphase eines jungen Menschen in der er sich versucht mit der pubertätsbedingten Veränderung seines Körpers psychisch zu arrangieren und sich außerdem darum bemüht für sich einen Platz in der Gesellschaft zu schaffen (Schröder 2016, S. 112). Während dieser Phase stellt sich der Jugendliche verschiedene Entwicklungsaufgaben, Auf die aufgestellte These bezogen sind folgende Entwicklungsaufgaben relevant: „Sich von den Eltern ablösen, Sich selbst kennen lernen und beurteilen, Eigene Weltanschauung und Einstellung entwickeln und vertreten und Zukunftsperspektiven [und] Lebensziele entwickeln […]“ (vgl. Wicki, nach Oerter/Dreher 2015, S. 115).

3.2 Zwischenfazit / Erforschbarkeit der These

Daraus lässt sich schlussfolgern: Befindet sich die Klientel (als Stammbesucher eines Jugendzentrums) nun in diesem Aufgabenbewältigungsprozess, so kann die Möglichkeit bestehen, dass innerhalb dieses Bewältigungsprozesses dieser Aufgaben in Verbindung zu einer positiven Beziehung zum Sozialarbeiter und gegebenenfalls weiteren Kriterien, wie z.B. das interpretieren des Sozialarbeiters als fehlende oder ersetzende Vater-/Mutterfigur (bzgl. 3.1), als ein Vorbild attraktiv machen kann, da sie diesen, bezüglich seines gesetzlichen Arbeitsauftrags und seiner Person, als positiv unterstützend, reflektierend und gegebenenfalls erfolgreich einschätzen kann. Die Auswahl eines Vorbilds, liegt in der Verantwortung der Klientel. Der Sozialarbeiter kann die Auswahl zwar durch sein Verhalten beeinflussen, die Entscheidungsgewalt liegt aber immer bei der Klientel.

Da die These in Folge des Rückschlusses in der Theorie zwar eine logische Nachvollziehbarkeit aufweist, ist dennoch folgender Faktor immer noch nicht geklärt: Die hypothetische Annahme, dass die Häufigkeit des Vorbild-werden, abhängig von der Beziehungsintensität des Sozialarbeiters zur Klientel ist, lässt sich nur bedingt im Rahmen eines Vergleiches überprüfen. Hierzu könnte man zwar im Rahmen einer quantitativen, empirischen Sozialforschunqsumfrage verschiedene Sozialarbeiter und Jugendliche in Jugendhäusern befragen, aus dieser auch das Beziehungsarbeitsverhalten zur Klientel, sowie die Sympathie des Sozialarbeiters in der Wahrnehmung der Klientel deutlich werden kann, dennoch lässt sich auch hier der Grad der Beziehung und die Auswirkung auf das Verfahren der Jugendlichen zur Auswahl und Entscheidung eines Vorbilds schwer in gezielten Fragestellungen messen. Es müsste hierbei vielmehr qualitativorientiert vorgegangen werden. Das Beziehungsverhalten zwischen Sozialarbeiter und Klientel muss im Einzelfall unter verschiedenen Kriterien genauestens beobachtet und bestenfalls mit anderen Beobachtungen reflektiert werden. Der Aufbau und die Entwicklung einer Beziehung ist ein Prozess, der nicht in einem einmaligen Moment festgehalten werden kann. Der quantitative Forschungsansatz einer Umfrage kann aber dabei helfen durch bestimmte Kriterien Einrichtungen herauszufiltern, in denen die Beziehungsarbeit zwischen Klientel und Sozialarbeiter für den Untersuchungsrahmen der intensiveren, qualitativen Forschung geeignet ist. Dennoch lassen sich weitere Inhalte mit der gesammelten Erkenntnis, dass es prinzipiell möglich ist, dass der Sozialarbeiter als ein Vorbild in den Entwicklungsaufgaben des Jugendlichen sein kann, bearbeiten. Im Folgenden wird Bezug auf den Zustand des Sozialarbeiters als Vorbildfunktion in der Lebenswelt der Klientel genommen.

3.3 Der Sozialarbeiter als fester Bestandteil in der Lebenswelt der Klientel

Die lebensweltorientierte Soziale Arbeit sieht in ihren Grundzügen vor, als außenstehender Sozialarbeiter den Alltag, welcher die Klientel prägt, in den Dimensionen der erfahrenen Zeit, des erfahrenen Raumes und den sozialen Beziehungen, sowie in den alltäglichen Bewältigungsaufgaben zu sehen und zu rekonstruieren (vgl. Thiersch/et al. 2012, S. 187). Ist der Sozialarbeiter nun fester Akteur in der Rolle des Vorbilds dieser Lebenswelt, dient er somit auch als eine Ressource der Klientel, auf die sie in ihren erfahrenen sozialen Beziehungen, im Rahmen seiner Persönlichkeitsentwicklung (vgl. 3.1) zurückgreifen kann. Er ist somit fester Bestandteil des Alltags der Klientel. Der Sozialarbeiter muss sich bewusst sein, dass er neben der vorgesehenen, unterstützenden Funktion nun auch gleichzeitig eine entwicklungsprägende Funktion hat. Im Bezug zur Lerntheorie „Lernen am Modell“ von Albert Bandura wird das Verhalten des Sozialarbeiters von der interessierten Klientel genaustens beobachtet, analysiert, nachgeahmt und bei entsprechender Reaktion entweder eine neue Verhaltensweise angeeignet oder eine bestehende Verhaltensweise ablegt (Bandura 1971).

3.4 Chancen und Gefahren als Fester Bestandteil der Lebenswelt der Klientel

Durch die gegebene Lernbereitschaft ist im Bereich der Sozialen Beratung, also der „Beratung […] vor allem in sozialen Schwierigkeiten“ (Thiersch, 2014 S. 120) das Handlungsmaxim der Alltagsnähe (vgl. Thiersch/et al. 2012, S. 189) leichter erreichbar und die damit verbundenen Ziele erfüllbarer. Der Sozialarbeiter kann als ernstzunehmende und erreichbare Hilfsinstitution in der Lebenswelt der Klientel anerkannt werden, welches zudem die nötige Herstellung zur Beratungswilligkeit (Thiersch, 2014 S.125) erleichtern kann, da die Klientel zunehmend die Beratung zum Sozialarbeiter aufsucht um den erlebten Alltag zu reflektieren und anhand der Erkenntnis des daraus resultierenden Verhalten/der Reaktion des Sozialarbeiters seine Alltagsbewältigungsstrategien zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern (vgl. zu 3.3). Dennoch kann die Funktion des Vorbilds die Gefahr bergen, dass die Klientel genau diese Beratung des Sozialarbeiters nicht als eine Methode zur Selbsthilfe sieht, sondern die Beratung als Vorgabe eines Handlungsleitfadens interpretiert, in der die Meinung des Sozialarbeiters, sowie das darauffolgende Handeln der Klientel aus Sicht der subjektiven Wirklichkeitskonstruktion nach Watzlawick, als einzige Wirklichkeit verstanden werden kann (Dummann/Mennemann 2018, S.76). Es könnte die Gefahr bestehen, dass die Alltagsbewältigung der Klientel somit unbemerkt auf den Sozialarbeiter ausgelagert wird und dadurch keine nachhaltige Zielentwicklung im Rahmen der Koproduktion zwischen Klientel und Sozialarbeiter stattfinden kann (vgl. Dummann/Mennemann 2018, S. 79). Die Zielstellung und Erarbeitung kann in den ersten Momenten für die Klientel attraktiv (vgl. Dummann/Mennemann 2018, S. 80) wirken. Sie wird auch von dem Sozialarbeiter und der Klientel als realistisch, also als umsetzbar (vgl. Dummann/Mennemann 2018, S.81) bewertet. Dennoch kann es sich bei den Zielen gegebenenfalls nur die Einschätzung und Zielstellung des Sozialarbeiters handeln, welche unreflektiert von der Klientel aufgenommen wird. Es besteht die Gefahr, dass aufgrund dieser Beziehungsgrundlage das Professionelle Handeln des Sozialarbeiters nicht mehr ungehindert möglich ist, bzw. die Distanzierung und professionelle Betrachtung des Falles (vgl. Dummann/Mennemann 2018, S.86) nicht mehr möglich ist. Im Hinblick dessen, muss sich auch mit dem Nähe-Distanzverhältnis zwischen Klientel und Sozialarbeiter näher befasst werden.

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Details

Titel
Der Sozialarbeiter als Vorbildfunktion in der Jugendarbeit. Wie beeinflusst die Stärke der Beziehung das Verhältnis zwischen Sozialpädagoge und Klientel?
Hochschule
Fachhochschule Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
11
Katalognummer
V593832
ISBN (eBook)
9783346190550
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendarbeit, Beziehung, Antinomie, Forschung, Rolle, Vorbild, Haltung
Arbeit zitieren
Nico Meints (Autor), 2020, Der Sozialarbeiter als Vorbildfunktion in der Jugendarbeit. Wie beeinflusst die Stärke der Beziehung das Verhältnis zwischen Sozialpädagoge und Klientel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/593832

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