Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Synergie oder Widerspruch?

Inwiefern ist Digitalisierung ein Treiber für eine nachhaltige Entwicklung?


Masterarbeit, 2018

135 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Motivation, Relevanz und Einblick in das Themenfeld
1.2 Forschungsfrage und Methodik

2 Megatrend Nachhaltigkeit
2.1 Herleitung der Begrifflichkeiten auf allen Ebenen
2.1.1 Wortfindung Nachhaltig (-keit)
2.1.2 Nachhaltige Entwicklung: politische Definition und Leitbild
2.2 Spezifizierung von Perspektiven, Kriterien und Modellen
2.2.1 Drei Dimensionen
2.2.2 CSR und Modelle der Nachhaltigkeitsdimensionen

3 Megatrend Informatisierung und Digitalisierung
3.1 Informatisierung und die Informations-/Wissensgesellschaft
3.2 Digitalisierung und Perspektiven der Dynamiken
3.2.1 Technische Einordnung und Perspektiven.
3.2.2 Industrie 4.0

4 Synergien und Widerspruche der Megatrends
4.1 Parallelen und Schnittmengen
4.2 Ambivalenz von Technik bezogen auf Nachhaltigkeit
4.3 Systematischer Ansatz
4.4 Diskussion okologischer Aspekte
4.4.1 Entsorgung und Rohstoffe
4.4.2 Effizienz, Rebound und Entmaterialisierung
4.5 Diskussion sozialer Aspekte
4.5.1 Einfluss von Informationen und exponentieller Digitaltechnik
4.5.2 Integration von Digitalisierung in den intendierten Wandel
4.6 Diskussion soziookonomischer Aspekte
4.6.1 Unternehmensgestaltung 4.0
4.6.2 CSR und eine digitale Nachhaltigkeitsdimension

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhangverzeichnis

Anhang

Zusammenfassung

Die globale Entwicklungsdebatte ist mitunter gepragt von zwei wesentlichen The- men: Digitalisierungspotentiale auf der einen Seite, die Herausforderungen im Zuge einer nachhaltigen Entwicklung auf der anderen. Somit stellt sich die Frage, inwie- fern beide Megatrends sich einander bekraftigen oder konterkarieren. Bereits seit dem Bericht Grenzen des Wachstums (1972) an den Club of Rome werden die ambi- valenten Auswirkungen von Technik im Hinblick auf planetarische Grenzen debat- tiert. Befurworter der sogenannten Industrie 4.0 proklamieren Effizienzsteigerung, Entmaterialisierungseffekte und Wettbewerbsvorteile. Ein optimistischer Slogan konnte lauten: Alles wird effizienter, individueller, intelligenter, leistungsfahiger, schneller, flexibler, und davon immer mehr. Dabei erhielt die okologische Betrach- tung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) mit Fokus auf Ener- gieeffizienzpotentiale (Green IKT) bereits wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Doch im Zuge einer angekundigten vierten industriellen Revolution sind neben Effizienz weitere okologische, soziale sowie okonomische Faktoren zu betrachten.

In dieser explorativen Grundlagenforschung werden Parallelen, Synergien und Wi- derspruche der beiden Megatrends Digitalisierung und Nachhaltigkeit aufgezeigt und der Fragestellung nachgegangen, inwiefern Digitalisierung als Treiber zu einer nach- haltigen Entwicklung beitragen kann. Als Rahmen soll innerhalb dieser Arbeit die Frage dahingehend spezifiziert werden, inwiefern Nachhaltigkeit als Unternehmens- verantwortung (CSR) einer Digitalisierungsdimension bedarf. Ziel ist es, potentielle Auswirkungen der IKT, dem Internet of Things (IoT) und des Wandels durch Digita- lisierung im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung darzustellen. Um dies zu gewahrleisten, werden die inflationar gebrauchten Begrifflichkeiten der Nachhaltig- keit und Digitalisierung zunachst spezifiziert und jeweils in einer Konzept- und Be- griffsdiskussion vorangestellt. Die Betrachtung von Nachhaltigkeit durch Digitalisie- rung schlieBt die dualistische Sichtweise von Nachhaltigkeit fur Digitalisierung mit ein. Dazu werden sowohl essenzielle Nachhaltigkeitsaspekte der Digitaltechniken (Lebenszyklusbetrachtung), die durch Digitaltechnik befahigten Effekte (u.a. Share­Economy) sowie ambivalente Veranderungen (u.a. Arbeit 4.0) betrachtet. Fur eine Einordnung dieser Effekte wird ein deskriptives Modell zur Erlauterung der IKT- Auswirkungen vorangestellt (Hilty/Aebischer 2015). Neben Potentialen und Risiken wird veranschaulicht, wie IKT und dessen Implikationen gestaltet werden mussen, um eine nachhaltige Entwicklung zu unterstutzen.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Ergebnisanzahl von Google-Suchen zu bestimmten Begriffen (Google 12.01.2018)

Tabelle 2: Top Such-Ergebnisse einer Google-Anfragen zum Stichwort nachhaltig(Google 20.01.2018)

Tabelle 3: Ubersicht uber Umweltkonferenzen bis 2012 (Spindler 2012: 6)

Tabelle 4: Weltubernutzungstag gemaB dem Landesverbrauch (Global Footprint Network 2017a)

Tabelle 5: Country Overshoot Day (Global Footprint Network 2017b)

Tabelle 6: Substanzielle Nachhaltigkeitsregeln (Grunwald/Kopfmuller 2012: 63f)

Tabelle 7: Ressourcenklassifikation (in Anlehnung an Hilty/Aebischer 2015: 8)

Tabelle 8: Verschiedene Guterklassen (gemaB Perman et al. 2011: 113, 122)

Tabelle 9: Zahlen der Industrie 4.0 fur Deutschland (gemaB BMWi 2017)

Tabelle 11: Gegenuberstellung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung (eigene Darstellung)

Tabelle 12: Analyse des globalen Metallbedarfs (DERA 2016:15)

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: The Global Risks Landscape 2017 (WEF 2017b)

Abbildung 2: Einordnung der Konsequenzen von 12 neuen Technologien. (WEF 2017b: 44)

Abbildung 3: Wachstum der Mobilfunknutzung bis 2020 (Cisco 2016)

Abbildung 4: Prozentualer Anteil der Internetnutzenden Bevolkerung (World Bank Data 2017)

Abbildung 5: Weltweiter Zuwachs des Internetverkehrs (Cisco 2017)

Abbildung 6: Globale Prognose des Visual Networking Index (Cisco 2017)

Abbildung 7: Deutsche Prognose des Visual Networking Index (Cisco 2017)

Abbildung 8: Anstieg der Netzgerate in Deutschland im Ruckblick (Cisco 2017)

Abbildung 9: Anstieg der netzgerate global im Ruckblick (Cisco 2017)

Abbildung 10: Handlungsfelder der Industrie 4.0 bezogen auf die SDGs (RNT 2016)

Abbildung 11: Mediale Resonanz von Digitalisierung im Nachhaltigkeitskontext (akzente 2016)

Abbildung 12: Quadrupel-Modell der CSR (Knaut 2017: 55)

Abbildung 13: Zeitstrahl zur Abbildung relevanter internationaler Klimaschutz Aktionen (BMU 2016: 20)

Abbildung 14: Vergangene Weltubernutzungstage (Global Earth Overshoot Day 2017)

Abbildung 15: Prozess der nachhaltigen Entwicklung (eigene Darstellung)

Abbildung 16 Trend der Erdsysteme (Steffen et al. 2015: 87)

Abbildung 17: Soziookonomische Trends (Steffen et al. 2015: 84)

Abbildung 18: Nachhaltigkeitsmodelle. Das Drei-Saulen-Modell (a) und der Nachhaltigkeitsdreiklang (b). (Sekundarquelle: Fahr/Foit 2015: 709)

Abbildung 19: Holistisches Nachhaltigkeitsmodell (Darstellung in Anlehnung an Daly 1996; Giddings/Hopwood/O'brien: 2002: 192)

Abbildung 20: Darstellung der vier industriellen Revolutionen (Bauer et al. 2015: 10)

Abbildung 21: Innovationen zur Vernetzung der Gerate und deren Wachstumskurve (Bauer et al. 2014: 17)

Abbildung 22: Informatisierung und dessen Auswirkungen (gemaB Nora/Minc 1979: 167)

Abbildung 24: Beispiele fur Objekte, die sich mit dem IoT vernetzen lassen (Zhu et al. 2015: 2153)

Abbildung 25: Sechs Elemente des IoT (Zhu et al. 2015: 2153)

Abbildung 26: Abgrenzung CPS und IoT ( Bagheri 2015)

Abbildung 27: Unterscheidung von IoT und CPS (LG CNS 2015)

Abbildung 28: Beobachtung nach Moore (Moore 1998: 84)

Abbildung 29: Moore's Law (Wikipedia Commons 2018)

Abbildung 30: Die drei industriellen Revolutionen (gemaB Rifkin 2012)

Abbildung 31: Gartners Hype Cycle (Gartner 2015)

Abbildung 32: Gartners Hype Cycle (Gartner 2016)

Abbildung 33: Gartners Hype Cycle (Gartner 2017)

Abbildung 34: Kreislauf zur Optimierung: Industrie 4.0 (in Anlehnung an Kagermann 2017: 241)

Abbildung 35: Die verschiedenen Fertigungsparadigmen und deren Ziele (Hu 2013: 7)

Abbildung 36: Wichtige Unterschiede der Fertigungsparadigmen (gemaB Hu 2013: 7)

Abbildung 37: Sozio-technisches System der Industrie 4.0 (gemaB Hirsch- Kreinsen/ten Hompel 2015: 7)

Abbildung 38: Die Tipping Points (Kipppunkte) (gemaB WEF 2015)

Abbildung 39: Eintreten der Tipping Points, Prozentzahl in Klammern entspricht der Anzahl der Antworten "nie"(WEF 2015)

Abbildung 40: Die langen Wellen der wirtschaftlichen Entwicklung. (Primarquelle Nefiodow (2001) zitiert nach Nefiodow (2016)

Abbildung 41: Negative Ruckkopplungsschleifen (gemaB Meadows/Randers/Meadows 2009: 216)

Abbildung 42: Prognose des Stromverbrauchs von IKT in Deutschland von 2007­ 2020 (in Gigawattstunden pro Jahr) (BMWi (2009)

Abbildung 43: Die Klassifizierung von IKT-Auswirkungen auf Nachhaltigkeit (gemaB Forge et al. 2009: 29)

Abbildung 44: IKT Auswirkungen (in Anlehnung an Berkhout/Hertin 2001: 4f (blau); Hilty/Lohmann/Huang 2011)

Abbildung 45: Verwandte Themen- und Forschungsfelder zum ICT4S (Hilty/Aebischer 2015: 20)

Abbildung 46: Das LES-Modell nach Hilty und Aebischer (Hilty/Aebischer 2015: 27)

Abbildung 47: Materialien eines Mobiltelefons (Welfens 2013: 26)

Abbildung 48: Rohstoffbedarf der Energiewende (Bookhagen 2017: 6)

Abbildung 49: Arten von energiebezogenen Rebound-Effekten (gemaB Gossart 2016)

Abbildung 51: Hierarchie des Ressourcenverbrauchs mit moglichen Substituten (Hilty/Aebischer 2015:10)

Abbildung 52: Auswirkungen des Moore'schen Gesetzes (eigene Darstellung)

Abbildung 53: Exponentielles Technikwachstum und menschliche Adaption (Friedman 2017: 34)

Abbildung 54: Transformationsgesellschaft zur Nachhaltigkeit (eigene Darstellung). 120 Abbildung 55: Verschiedene Digitale Plattformarten (eigene Darstellung gemaB BMAS 2017: 56)

Abbildung 56: Share-Economy Anbieter (eigene Darstellung gemaB PwC 2015: 12)

Abbildung 57: Netzwerkeffekt Metcalfe's Gesetz (Rattigan 2017)

Abbildung 58: Arbeitsveranderungen durch Digitalisierung (OECD 2016)

Abbildung 59: GRI G4 Standardangaben (Global Reporting Initiative 2015: 21-23)

Abbildung 60: Holistisches Nachhaltigkeitsmodell und der Einfluss der Digitalisierung (eigene Darstellung)

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Motivation, Relevanz und Einblick in das Themenfeld

01101110 01100001 01100011 01101000 01101000 01100001 01101100 01110100 01101001 01100111 01100101 00100000 01000101 01101110 01110100 01110111 01101001 01100011 01101011 01101100 01110101 01101110 01100111 (Binarer Code bzw. digitale Schreibweise fur: nachhaltige Entwicklung)

Wie bereits GrieBer (2013) in ihrer Magisterarbeit demonstriert, verdeutlicht eine Darstellung im binaren Code - zwei diskrete Signalzustande von null (0) und eins (1) -, dass eine nachhaltige Entwicklung zumindest durch eine Schreibweise digital aus- gedruckt werden kann. Die gegenwartige globale Entwicklungsdebatte wird vorwie- gend von zwei Themen gepragt: die Potentiale der Digitalisierung und die Heraus- forderung einer Annaherung an eine nachhaltige Entwicklung. Dabei zahlen gemaB Global Risk Report 2017 (WEF 2017b, Anh. A1) der Klimawandel und das Ma­nagement technischer Disruptionen zu den Top-5 der dringlichsten MaBnahmen.

Sowohl das unternehmerische als auch das gesellschaftliche Leben verlagert sich zunehmend in die digitale Welt und digitale Technologien erhalten Einzug in samtli- che Bereiche. GemaB einer Prognose von Cisco (2016) haben 2020 mehr Menschen ein Mobiltelefon als Zugang zu Elektrizitat oder flieBendem Wasser (Anh. A2). Laut einer Greenpeace-Hochrechnung (2017) wurden seit Markteinfuhrung des Smart­phones vor 10 Jahren mehr als 7 Milliarden Gerate produziert, was in etwa der Welt- bevolkerung entspricht. Dabei habe nur knapp die Halfte dieser Zugang zum Internet (World Bank 2017)1. Mit verstarkter Einfuhrung von Informations- und Kommuni- kationstechnologien (IKT) keimen die Erwartungen energieeffizienter und immateri- eller Services, doch angesichts der heutigen Wirtschaftsweise lasst sich eine Entma- terialisierung retrospektiv nicht erkennen (Hilty 2008 14ff). Neben der Verbreitung nimmt auch die Abhangigkeit von IKT zu (Lubberstedt 2017: 329). Zudem erweitert sich mit dem Internet of Things (IoT, deut.: Internet der Dinge) die Kommunikation auf Objekte, Gerate und eingebettete Systeme, welche untereinander uber das Inter­net Information und Daten austauschen. Beide Querschnittsthemen, sowohl Digitali- sierung als auch Nachhaltigkeit, werden nicht nur als kunstlich erzeugter Hype de- klariert, sondern als die langfristigen Megatrends der heutigen Zeit verlautbart (Nais- bitt 1982; Krys 2017: 46; Rurup/Jung 2017: 4; Pufe 2017: o.S. Hirsch-Kreinsen/ten Hompel 2015: 2)2. Gleichzeitig sind die Themenfelder von einer Unscharfe in der Literatur gepragt. Im Unternehmenskontext werden sowohl Nachhaltigkeit (Klee- mann 2018) als auch Digitalisierung (Lange/Santarius 2016) als eierlegende Woll- milchsau bezeichnet, da diese ohne weitere Konkretisierung als bloBe Label ver- schieden ausgelegt werden konnen und deshalb klarer Rahmenbedingungen bedur- fen. Die fortgehende Prazisierung bleibt somit zentrale Aufgabe der Forschung.

Auch in gesellschaftlichen Nachhaltigkeitsdiskussion findet das Themenfeld Digita- lisierung vermehrt Anklang3. Doch gibt es hier noch keine systematische Betrach- tungsweise der beiden Themenfelder (RNE 2016: 2; Osburg 2017: 4). Ein bereits verbreiteter Ansatz ist die Betrachtung von Green IKT, der okologischen Dimension digitaler Technik (Hilty 2008: 53). Doch angesichts schnelllebiger digitaler Innovati- onen sind auch okonomische und soziale Dimensionen maBgeblich betroffen. Fur Organisationen und Unternehmen drangt sich die Frage auf, was im Zuge von Ziel- konflikten sinnvoll und relevant ist, als auch, welche Kernaspekte Prioritat fur ein langfristiges Prosperieren erlangen. Die strategische, digitale Umgestaltung, die im Verantwortungsbereich des Chief Digital Officer (CDO) liegt, bedarf neben techni- schem Know-how auch die Betrachtung inharenter Fragen der Organisationskultur wie das Verhaltnis von Automatisierung und Belegschaft. Inwiefern Nachhaltigkeits- aspekte dabei berucksichtigt werden konnen und sollten, ist bislang kaum untersucht (Lubberstedt 2017: 329). Dabei sind gerade Themen der Arbeitsgestaltung, Transpa- renz, und Ressourcenumgang Anknupfungspunkte der Nachhaltigkeit.

1.2 Forschungsfrage und Methodik

Grundlegendes Ziel dieser Arbeit ist es, die Megatrends Digitalisierung und Nachhal- tigkeit unter Berucksichtigung aktueller Entwicklungen und Trends der nahen Zu- kunft strukturiert wiederzugeben und anhand von verschiedenen Aspekten gegen- uberzustellen. Dabei kritisiert Knaut4 (2017: 51), CSR verschlafe die Digitalisierung und befurwortet die Erweiterung des klassischen CSR-Modells um eine Digital­Dimension (Anh. A6), deren Sinnhaftigkeit uberpruft werden soll. Generell zeigt sich, dass (digitale) Technologien der Ambivalenz unterliegen, sowohl Teil des Prob­lems als auch der Losung zu sein. Insofern lautet der Titel dieser Arbeit: Digitalisie- rung und Nachhaltigkeit: Synergie oder Widerspruch. Die ubergeordnete Fragestel- lung lautet: Inwiefern ist Digitalisierung ein Treiber fur eine nachhaltige Entwick­lung? Die Vermutung liegt nahe, dass es auf Rahmenbedingungen ankomme, mit denen die Digitalisierung Einzug in Wirtschaft und Gesellschaft erhalt. Mit Blick auf die konzeptionelle Dialektik der Nachhaltigkeit (Daly 1995: 54), ist es dennoch na- heliegend, die Synergie- und Konfliktfelder in einer Abwagung tentativ zu konturie- ren und nicht endgultig zu determinieren . Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Ambivalenz, die die Digitalisierung in Zusammenkunft mit den Anforderungen und Moglichkeiten einer nachhaltigen Entwicklung, aufweist.

Aufgrund des explorativen Charakters der Fragestellungen basiert die Arbeit auf ei- ner qualitativen und komparativen Literaturrecherche. Als Grundlagenforschung schopft sich der Mehrwert der folgenden Abhandlung aus Wissenserweiterungen. Dazu werden vorrangig die Literaturdatenbanken der Universitat Paderborn, Busi­ness Source Complete, Google Scholar, der SpringerLink und Statistikportale ge- nutzt5. Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind komplexe Themenfelder, bei denen eine ganzheitliche Analyse und Sichtweise elementar sind. Doch kann diese Arbeit keinen gesamtumfassenden Uberblick leisten und erhebt keinen Anspruch auf Voll- standigkeit. In Anlehnung an eine strukturierte Begriffs- und Theoriedarstellung werden die Perspektiven konkretisiert und voneinander abgegrenzt.

2 Megatrend Nachhaltigkeit

2.1 Herleitung der Begrifflichkeiten auf allen Ebenen

Ziel dieses Kapitels ist es nicht, die detaillierte Nachhaltigkeitshistorie nachzuzeich- nen6, sondern dem Leser das fur diese Arbeit grundlegende Verstandnis von Nach- haltigkeit zu erklaren, wofur Perspektiven, Begrifflichkeiten und Konzepte von nachhaltig, Nachhaltigkeit und nachhaltiger Entwicklung voneinander abgegrenzt werden. In der Literatur werden diese Begrifflichkeiten teils synonym verwendet, doch ihr Bezugsrahmen reicht vom Alltagsgebrauch uber das wissenschaftliche und konzeptionelle Verstandnis bis hin zur politischen Leitlinie.

2.1.1 Wortfindung Nachhaltig (-keit)

Dem nicht selbsterklarenden Begriff nachhaltig werden heutzutage zwei simultane Bedeutungen zugemessen: Nachhaltig meint zum einen die Eigenschaft, dass etwas langfristig nachwirkend (DWDS 20187 ) sei . Zum anderen meint es das ursprunglich aus der Forstwirtschaft und Okologie stammende spater durch die Definition Brundt- lands gepragte Konzept der Nachhaltigkeit bzw. der nachhaltigen Entwicklung. Wird der Begriff im alltaglichen Sprachgebrauch nicht weiter spezifiziert, trifft die erste Bedeutung zu, welche sich vielfaltig in populistischen und nichtwissenschaftlichen Artikeln der Offentlichkeit wiederfindet (GrieBer 2013: 4), sodass die bloBe Verwen- dung des Begriffs keine soliden Ruckschlusse uber das Nachhaltigkeitskonzept zu- lasst8. (Reidel 2010: 95ff) Popularitat erhielt der Begriff Nachhaltigkeit gleicherma- Ben durch den internationalen Brundtland-Bericht 1987 (Tremmel 2003: 89f).

Das Konzept Nachhaltigkeit unterliegt verschiedenen Wechselwirkungen und ist kontextbeladen (Tremmel 2003: 67). Als Einstieg in die Thematik wird oft auf Carl von Carlowitz verwiesen, welcher vor knapp 300 Jahren durch seine Schrift ' Sylvicu- ltura oeconomica‘ den Begriff in der Forstwirtschaft pragte. Einhergehend mit der Verknappung der Holzressource, wird hier der Ruckgang des okonomischen Wachs- tums und der Prosperitat befurchtet (von Carlowitz/Irmer 2000: 105):

„Wird derhalben die grofite Kunst, Wissenschaft, Fleifi, und Einrichtung hiesiger Lande da- rinnen beruhen, wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen, dafi es eine continuirliche bestandige und nachhaltende Nutzung gebe, weiln es eine unentberliche Sache ist, ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag.“

Dies veranschaulicht bereits die Interdependenz von zweckmaBigem Wirtschaftsden- ken und gesellschaftlichen Wohlstandswirkungen (Hasel/Schwartz 2006: 319), wo- von sich das noch heute gultige ressourcenokonomische Prinzip ableitet: Man soll nur so viele Baume in einem Jahr fallen wie nachwachsen9. Bezog sich dieses relati­ve Konzept10 auf die reine lokale und errechenbare nachhaltende Holzwirtschaft, hat sich heutzutage dessen Komplexitat durch die Erkenntnis erhoht, dass einem System mehrere Funktionen zugesprochen werden. Soll ein System nachhaltig genutzt wer- den, ist es erforderlich, genau zu definieren auf welche Funktion sich die nachhaltige Nutzung fur welchen Zeitraum bezieht, wobei auch die Wechselwirkungen zwischen Funktionen mitbedacht werden sollten. Die Schwierigkeit heutiger globaler Diskus- sionen liege darin, Systemgrenzen nicht-erneuerbarer und immaterieller Ressourcen zu verhandeln (Hilty/Aebischer 2015: 5; Pufe 2017: 37). Zusammenfassend kann dazu festgehalten werden, dass das relative Konzept Nachhaltigkeit durch den jewei- ligen Kontext (System, Funktion, Zeitraum) bestimmt wird11.

Als absolutes Konzept12 wird nun die globale Definition Brundtlands spezifiziert. Hier wird in Erganzung zu dem okologischen das soziale Prinzip als gleichrangig integriert. Daraufhin werden grundlegende Nachhaltigkeitsauffassungen spezifiziert.

2.1.2 Nachhaltige Entwicklung: politische Definition und Leitbild

Als politisches Ziel wurde nachhaltige Entwicklung erstmals 1987 in dem haufig zitierten ,Brundtland-Bericht‘13 niedergeschrieben als „(...) development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs” (WCED 1987:43). Hervorzuheben sind die drei konstitutiven Kernbestandteile der Definition: die Gewahrleistung inter- und intragenerationaler Verteilungsgerechtigkeit, das Zugestandnis der Zusammenhange zwischen Umwelt- schutz und den Entwicklungsaspekten bezuglich menschlichen Wohlergehens sowie die globale Perspektive. Kurz ausgedruckt: Gerechtigkeit, Anthropozentrismus und Globalitat14 (Orwat/Grunwald 2005: 245; Grunwald/Kopfmuller 2012: 24). Die sozi- ale und okonomische Entwicklung aller Lander unter Einhaltung der planetarischen Prosperitat stelle eine Hauptaufgabe dar. Die vorherrschende anthropozentrische Per- spektive der menschlichen Bedurfnisbefriedigung steht in einem direkten Bezug zum materiellen Ressourcenprinzip, sodass ressourcen- und bedurfnisbezogene Hauptin- dikatoren nicht isoliert voneinander betrachtet werden konnen (Hilty/Aebischer 2015: 6f). Diese Bestrebungen sind ferner nur in globaler Kooperation und durch Zugestandnisse15 moglich, wobei dies ein Verantwortungsbewusstsein auf allen Ebe- nen voraussetzt: als Individuum, als Organisation und Unternehmen sowie als Staat. Zwar unterliege die international anerkannte Definition Kritiken, doch wie der Okonom Daly16 (1996: 1f) feststellt: „ While not vacuous by any means, this defini­tion was sufficiently vague to allow for a broad consensus”.

Neben den dargestellten konstitutiven Elementen wird das politisch vereinbarte Kon- zept Nachhaltigkeit als gesellschaftliches und politisches Leitbild normiert (Tremmel 2003: 13f; Grundwald 2010: 224), da es „(...) das Wunschbare mit dem Machbaren“ vereine (Reidel 2010: 139), sowohl Orientierung und Zielsetzungen biete, als auch zum Handeln und als Direktive einer gesellschaftlichen Umgestaltung motiviere17 (Reidel 2010: 139). Als normatives Leitbild ist es weder bedingungslos wissenschaft- lich bestimmbar noch determinierend, sondern gewahrt Freiraume fur Umsetzung und Mittel, welche mit Blick auf die Komplexitat einer Nachhaltigkeitsbetrachtung notwendig sind (Grunwald/Kopfmuller 2012: 11). Zur Operationalisierung werden Handlungsbedarfe aus dem visionaren Leitbild fur eine Systemgruppe spezifiziert, die wiederum eine nationale und lokale Implementierung18 als auch strategische Pla- nung bedingen (Kopfmuller 2012: 11; Tremmel 2003: 15). So setzt sich seit 1971 der Sachverstandigenrat fur Umweltfragen (SRU) sowie eine Vielzahl darauffolgender Enquete-Kommissionen19 fur die Umsetzung von Umweltbelangen und Nachhaltig- keit in Deutschland ein. Das Leitbild auf nationaler Ebene etablierte die deutsche Bundesregierung durch die Einberufung des Rates fur nachhaltige Entwicklung (RNE)20 und der nationalen Strategie fur nachhaltige Entwicklung 2001/2002 mit den ubergeordneten Prinzipien: Soziale Zusammenhalt, Generationsgerechtigkeit, Lebensqualitat und internationale Verantwortung (BReg. 2001). Zum Ziel der Kon- kretisierung der konstitutiven Elemente Brundtlands wurden integrative und substan- tielle Nachhaltigkeitsregeln erstellt. Die ubergeordneten Ziele sind: Sicherung der menschlichen Existenz, Erhaltung des gesellschaftlichen Produktivpotentials und Bewahrung der Entwicklungs- und Handlungsmoglichkeiten (Grunwald/Kopfmuller 2012: 63f). Diese sind als Uberblick im Anhang A10 dargestellt.

Ausgehend von dem Leitbild und den konstitutiven Elementen einer nachhaltigen Entwicklung bedarf es, wie zuvor erlautert, der Konkretisierung von Kontext und System des angestrebten (statischen) Zielzustandes der Nachhaltigkeit (nachhaltige Nutzung eines Systems)21. Daraus sind geeignete Nachhaltigkeitsindikatoren und - regeln fur den (dynamischen) Prozess der nachhaltigen Entwicklung abzuleiten, um die Vorteilhaftigkeit verschiedener Aktionen dahingehend abzuwagen (Hil- ty/Aebischer 2015: 6). Ein solcher Prozess befindet sich aus systemisch-dialektischer Sichtweise in einem konstanten Progress. Dieser beinhaltet stetige Reflexion und Validierung, mit denen sich Handlungsbedarfe, Regeln und MaBnahmen neu definie- ren konnen. Die allesubergreifende Erreichung von der Nachhaltigkeit im globalen Sinne ist demnach, wie bereits oben angedeutet, visionar. Da das zugrundeliegende Gesamtsystem dynamisch und hochgradig komplex ist und sich die Zustandsvorstel- lung weiterentwickelt, kann diese aus erkenntnistheoretischer Perspektive nur retro- spektiv konstatiert werden. (GrieBer 2013: 18) Aufgrund eben dieser Unwissenheit und Komplexitat kann Nachhaltigkeit als normatives Szenario22 und wunschenswerte Leitvision betrachtet werden. Seither wachst das Erkenntniswissen durch interdiszip- linare Nachhaltigkeitsforschung stetig (Hilty/Lohmann/Huang 2011: 13). Ferner ist die genannte Doppelbestimmung, Nachhaltigkeit sowohl als Ziel und Prozess, mit einer intendierten gesellschaftlichen Transformation zu verknupfen. Mit dem zu- grunde gelegten Verstandnis des visionaren Zielzustandes gesellschaftlicher Trans­formation und der Berucksichtigung konstitutiver Elemente werden im weiteren Ver- lauf Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung synonym verwendet.

2.2 Spezifizierung von Perspektiven, Kriterien und Modellen

Die Operationalisierung von Nachhaltigkeit ist nicht nur vielfaltig, sondern unterliegt auch opportunistischen Zwecken (Reidel 2010: 99). Durch die Kontextabhangigkeit wird der Nachhaltigkeitsbegriff kritisch als Fach- und Fullwort (Reidel 2010: 98), Catch-all-Kategorie (Muller 2015:1), eierlegende Wollmilchsau (Kleemann 2018), semantisches Chamaleon (Stephan 2001: 4), Blackbox und Marketinglabel (Wuls- dorf 2016: 520) und als undefinierbar deklariert (u.a. Tremmel 2003: 85ff; Kopfmul- ler et al. 2012: 42ff), wobei die Prazision dessen mit dem Versuch gleichgesetzt wird „(...) einen Pudding an die Wandzu nageln“ (Conrad 2000). Laut den Autoren kon- ne der Begriff von den verschiedenen Interessengruppen ideell ausgelegt werden, sodass dem „(.) Sinngehalt [eine] inflationare Entwertung droht(Reidel 2010: 98), die normative Wirkung verloren geht und durch Ausweitung dessen das Konzept abschwacht (Daly 1996: 1ff). Andererseits konne er Verbindlichkeit und Operationa- lisierung initiieren (GrieBer 2013: 27). Die Bedeutungsspanne bewege sich zwischen „ideologische[r] Leerformel“ und notwendiger „Lehr- und Lernformel“ (Reidel 2010: 99). Die Wortspiele zeigen, dass eine kritische Reflexion uber Nachhaltigkeit notwendig ist, um nicht als Floskel in Unternehmensbroschuren zu brillieren. Dem Defatismus vieler Kritiker soll im Folgenden eine weitere Konkretisierung des Kon- zepts entgegnet werden. Dazu werden Dimensionen und Modelle eingefuhrt, die grundlegenden Annahmen der Substituierbarkeit sowie CSR auf Unternehmensbasis erlautern.

2.2.1 Drei Dimensionen

Verbreitet ist die Untergliederung des Themenkomplexes Nachhaltigkeit in okono- mische, okologische und soziale Dimensionen (auch Systeme). Hier werden Perspek- tiven der Substituierbarkeit, wie auch der Zusammenhang zum Wirtschaftswachstum als auch zum technologischen Fortschritt erlautert23.

Die soziale Dimension zielt auf die Nutzung der Systeme fur den Menschen ab, so­dass deren Fortbestand durch gerechte Bedurfnisbefriedigung und Partizipation am gesellschaftlichen Leben ermoglicht werden kann. Mitunter werden unter dieser Di­mension Fairness, Gesundheit, Gerechtigkeit und Chancengleichheit thematisiert.

Die okonomische Dimension beinhaltet die Sicherstellung der dauerhaften Wirt- schaftlichkeit von Unternehmen und Organisationen sowie die effiziente Bereitstel- lung von Gutern und Dienstleistungen zur gesellschaftlichen Bedurfnisbefriedi- gung24. Wirtschaftlichkeit wird im vorherrschenden neoklassischen Paradigma an Wachstum gemessen, welcher durch technischen Fortschritt ermoglicht werde, und dabei sowohl kapital- wie auch arbeitsvermehrend sei. Doch grenzenloses Wachstum wird spatestens seit dem Bericht ,Grenzen des Wachstums‘ an den Club of Rome25 (Meadow et al. 1972) kontrovers diskutiert. Die in dem Bericht vorgenommene Si­mulation prognostiziert irreparable okologische Konsequenzen bei der Uberschrei- tung der planetarischen Grenzen26 durch industrielle Wirtschaftsweisen. Die aufge- worfene, strittige These findet bis heute Anklang: Bei stetigem Bevolkerungswachs- tum, steigendem Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen ist demnach gren­zenloses Wachstum nicht moglich. Wachstumskritiker differenzieren: „Economic growth in some form is required for those who lack essentials, but it must be subject to global limits and should not be the prime objective for countries already at high levels of consumption'” (Harrie 2003: 2). Wachstum musse qualitativ am Gesell- schaftsnutzen und nicht ausschlieBlich quantitativ ausgerichtet sein (Meadows/Randers/Meadows 2009: 265). Opponenten fokussieren die Schwachen des Berichtes: Technischer Fortschritt, die Substituierbarkeit sowie Skalenertrage seien nicht berucksichtigt worden (Muller 2015: 3f). Die neoklassische Sichtweise strebe die Wohlfahrtsmaximierung im Zeitverlauf an, welche als Nutzenmaximie- rung in Form von Konsum charakterisiert wird. In Anbetracht der wachsenden Be- volkerung sei eine absolute Entkopplung27 von Wirtschaftsleistung und Ressourcen- verbrauch unabdingbar (Grunwald/Kopfmuller 2012: 65).

Die Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch (als Quelle und Senke) sei primare Aufgabe und wird mit dem Ziel der fortwahrenden Aufrechterhaltung des okologischen Systems als okologische Dimension thematisiert. Laut dem pointierten Vergleich des Earth Overshoot Day28 waren die fur 2017 bereitgestellten Ressourcen bereits am 02. August des Jahres ausgeschopft, sodass die Weltbevolkerung in dem Jahr 1,7 Erden (ressourcenbezogen) benotigt hatte. Neben der Ressourcenverknap- pung (Rohstoffproblematik), wird auch die Aufnahmekapazitat der Biosphare zum begrenzten Faktor (Senken-Problematik: Ozeane, Atmosphare). Hier sei der anthro- pozentrische Einfluss auf klimatische Veranderungen und Artenverluste schwerwie- gend (Pufe 2017: 101). Das offenkundige Dilemma bezeugt, dass sich der derzeitige Lebensstil der Industrienationen nicht global anwenden lasst (Hilty 2008: 53).

Bei der Substituierbarkeit primar des Naturkapitals29 (okologische Dimension) lassen sich konzeptuell zwei kontrahierende Auspragungen, die starke (u.a. Daly 1996) und die schwache Nachhaltigkeit (u.a. Neoklassik), unterscheiden. Erstere betrachtet In­dustrie und Konsumenten als Naturkapitalnutzer, welche bestmoglich nur von den Uberschussen Nutzen ziehen sollten. Es wird auf komplementare Funktionen der Kapitalarten verwiesen, wodurch eine Substituierbarkeit limitiert30 wird (Harris 2003: 4). Folglich soll in einem begrenzten Rahmen produziert werden, sodass weder die Dienste des Naturkapitals als Senke uberstrapaziert, nicht-erneuerbare Ressour- cen aufgebraucht31 oder uber die Rate ihrer Regenerationsfahigkeit Ressourcen ver- braucht werden (Daly 1995: 49f). Bei der schwachen Nachhaltigkeit hingegen steht die Erhaltung des Gesamtkapitalstocks im Vordergrund32. Durch technischen Fort- schritt kann hiernach Sachkapital das Naturkapital ersetzen und letzteres effizienter nutzen. Die Antwort auf die Ressourcenverknappung lage in zukunftigen Technolo- gien und der Nutzbarmachung neuer Ressourcen (Muller 2015: 51; Grund- wald/Kopfmuller 2012: 65f; Reidel 2010: 100). Die Problemlosung wird somit in die Zukunft verlagert und die Verantwortung auf zukunftige Generationen ubertragen. Festzuhalten bleibt zudem, dass die isolierte Betrachtung des Substitutionsgegen- standes, z.B. der Energiequelle, fur eine Nachhaltigkeitsbetrachtung nicht ausrei- chend sei, sondern eines ganzheitlichen Ansatzes bedarf33.

Wie sich bereits hier aufdrangt, zeigt die Perspektive der schwachen Nachhaltigkeit offenkundige Synergien in Bezug auf (Digital-)Technik, sodass neue Techniken Wachstum ermoglichen und Effizienzsteigerungen als vermeintliche Allzwecklosung der heutigen und zukunftigen Probleme herangezogen werden konnen. Dies soll im vierten Kapitel kritisch uberpruft werden. Bezogen auf das Wohlergehen zukunftiger Generation sei bereits hier reflektiert, dass Wohlfahrt weder ubertragen noch kontrol- liert werden kann, weshalb die Aufgabe darin liege, die Fahigkeit der Eigenprodukti- on durch den substantiellen Bestand des begrenzten Naturkapitals zu gewahrleisten34 (Daly 1995: 50). Im Zuge der Digitalisierung sei zudem deren Freiheit und Fahigkeit fur freie Entscheidungen aufrecht zu erhalten. Substituierbarkeit durch Digitalisie- rung umfasst somit mehr als die vornehmlich diskutierten materiellen Ressourcen, sondern bezieht insbesondere immaterielle Ressourcen wie Informationsflusse mit ein, da diese als Befahiger und Mittel dienen, um neue Erkenntnisse uber den Ersatz und die Methoden der sinnvollen Nutzung von Naturkapital hervorzubringen (Grie- Ber 2013: 30). Wahrend immaterielle Ressourcen (vorerst) unbegrenzt fur alle ver­fugbar sind und sich nicht abnutzen (z.B. digitale Information), dienen materielle Ressourcen der Herstellung von physischen Gegenstanden (z.B. seltene Erden fur Smartphones) und unterliegen einer Ausschopfung35 (Anh. A13).

2.2.2 CSR und Modelle der Nachhaltigkeitsdimensionen

Wahrend die drei Dimensionen (soziale, okonomische, okologische) auf jegliche Disziplinen ubertragbar sind, werden die Prioritaten teils nach Belieben gesetzt. Im Folgenden werden die zugrundeliegenden Annahmen anhand von Modellen36 darge- stellt. Sie verdeutlichen die Beziehungen der Systeme (Dimensionen) zueinander und geben richtungsweisende Impulse fur den Umgang mit Zielkonflikten, welche nicht vermieden werden konnen. (Harris 2003:2) Generell ist dabei Nachhaltigkeit von CSR im Unternehmenskontext zu unterscheiden, jedoch zeigen beide im Modellcha- rakter viele Parallelen37, sodass die Modelle fur diese Arbeit synonym verwendet werden. Im Anschluss wird dennoch CSR fur die spatere Diskussion vorgestellt.

Eine bekannte und teils kritisierte Darstellung ist das Drei-Saulen-Modell, welches die Dimensionen unabhangig und getrennt voneinander darstellt. Dies konne impli- zieren, dass die Kapitalarten substituiert und der schwachen Nachhaltigkeit zugeord- net werden konnen38. In weiterentwickelten Modellen werden die Dimensionen teils uberlappend, meist jedoch isoliert dargestellt39. Durch die Isolierung werden Abhan- gigkeiten nur bedingt dargestellt, wodurch arbitrar Schwerpunkte gesetzt und Ziel- konflikte vermieden werden konnen (Daly 1996: 6; Wulsdorf 2016: 523f). Letztere bedurfen einer Prioritatensetzung oder Kompromisse, welche jedoch einer Beliebig- keit und Intransparenz unterliegen (Grunwald/Kopfmuller 2012: 60). Kritiker befur- worten aufgrund der logischen Zusammengehorigkeit der Dimensionen das holisti- sche Modell, welches auf den Annahmen der starken Nachhaltigkeit beruht (Anh. A14): „ They are interconnected, with the economy dependent on society and the en­vironment while human existence and society are dependent on, and within the envi­ronment” (Giddings/Hopwood/O'brien 2002: 187). Werden die drei Dimensionen als verschachtelte Systeme dargestellt, ist eine Balance (von dem Ganzen und einem Teil) nicht mehr moglich (Hilty/Aebischer 2015: 11). Hiernach ist die Unterneh- menstatigkeit als okonomisches Subsystem abhangig vom Ressourcenvorkommen und der sozialen Dimension (Faktor Mensch, Gesellschaft), welche wiederum auf die durch die Erde bereitgestellten Ressourcen angewiesen ist. Das holistische Modell korreliert mit der in Kapitel 4.6.3 formulierten Kritik an Knauts Modell. Aus prag- matischen Grunden werden die Dimensionen im vierten Kapitel einzeln diskutiert.

Unternehmungen und Organisationen haben durch ihren Produktions- und Organisa- tionsaufbau direkten Einfluss sowohl auf die okologische als auch sozia- le/gesellschaftliche Dimension40. Die Nachhaltigkeitsidee auf Unternehmensbasis wird haufig durch das Konzept Corporate Social Responsibility (CSR)41 eingefuhrt. CSR beschreibt - unter der Voraussetzung monetare Profite zu erwirtschaften bzw. eine wirtschaftliche Existenz zu sichern - die uber eine Mindestanforderung hinaus- gehende freiwillige Unternehmensverantwortung42 gegenuber der Gesellschaft in Anlehnung an eine nachhaltige Entwicklung (Pufe 2017: 118). Dabei liegt die Her- ausforderung der Unternehmen gemaB Dahlsrud (2008)43 weniger in der Definition von CSR als in dessen Ubertragung in einen bestimmten sozialen Kontext, der kon- kreten Umsetzung in die Geschaftsstrategie und der Ableitung von MaBnahmen (Dahlsrud 2008: 6), insbesondere um Greenwashing44 zu vermeiden. Zudem nehmen die Stakeholder-Erwartungen an Transparenz45 zu, welche durch unternehmensspezi- fische Nachhaltigkeitskriterien und -indikatoren (z.B. Global Reporting Initiative) bedient werden konnen. Auf gesetzlicher Ebene hat das EU-Parlament (2014) die ab 2017 geltende EU-Direktive 2014/95/EU zur Offenlegung nichtfinanzieller Kennzah- len von allen Unternehmen, die uber 500 Mitarbeiter beschaftigen und vom offentli- chen Interesse sind, verabschiedet46. Festzuhalten bleibt, dass die Erfullung und Of- fenlegung bestimmter Nachhaltigkeitskriterien nicht ein nachhaltiges Unternehmen impliziert, sondern vorerst den Nachhaltigkeitsbeitrag des Unternehmens darstellt (Grunwald/Kopfmuller 2012: 184). Anhang A15 erortert beispielhaft das Nachhal- tigkeitsverstandnis des BDI, einem wesentlichen Treiber der Industrie 4.0, welches der Position der schwachen Nachhaltigkeit zuzuordnen ist. Dabei pragt die Industrie mit ca. 23% des BIP die deutsche Volkswirtschaft maBgeblich (Destatis 2015). Wie bisher deutlich wird, ist das holistische Nachhaltigkeitsverstandnis zu praferieren und wird dem hier verwendeten CSR-Verstandnis zugrunde gelegt.

3 Megatrend Informatisierung und Digitalisierung

Digitalisierung wird als Megatrend des 21. Jahrhunderts, als Hype und Veranlasser eines radikalen Wandels mit gesellschaftlichen und soziookonomischen Auswirkun- gen beschrieben. Dem inflationaren Gebrauch des Begriffs47 mangelt ein einheitli- ches Verstandnis, welches durch verschiedene Kontexte unterschiedlich gepragt ist (Bremer 2017: 15; Hess 2016). Die Bedeutungsspanne reicht von Digitaltechnik uber die digitale Revolution durch (Teil- oder Voll-) Automatisierung der Arbeits-, Le- bens-, und Fabrikbereiche (Schwab 2016: 17, 21) bis hin zum soziookonomischen und gesamtgesellschaftlichen Wandel (Hirsch-Kreinsen et al. 2015: 10).

Kontextunabhangig bestehen Daten aus Einheiten einer Zeichenabfolge gemaB ei- nem Regelwerk. Sie fungieren als Bauteile fur Informationen. Letztere sind struktu- rierte, kontextbezogene Daten aus denen sich jedoch keine Erkenntnis generiert. Wissen dagegen wird aus der Erkenntnis und Interpretation hinsichtlich bestimmter Zusammenhange48 von vernetzten, als bedeutsam gefilterte, zweckgebundenen In- formationen abgeleitet. (Liessmann 2006: 25-29; Stelzer 2014) Indem digitale Daten beliebig transportiert und verbreitet werden konnen, werden sie teils als bedeutends- ter Rohstoff der Zukunft betrachtet (Barner et al. 2013: 7).

Einige Autoren (Rurup/Jung 2017; Hartmann et al. 2017: 58f, BMAS 2016a: 23) sehen in der aktuellen Digitalisierungswelle die Evolution der Informatisierung ohne die Bedeutung durch die verstarkte Technologiekonvergenz zu verkennen (Kap. 3.1). Die beschleunigte Automatisierung sei das Ergebnis einer konsequent technischen Weiterentwickelung. Andere Stimmen (Kagermann 2017; Schwab 2016; Brynjolfs- son/McAfee 2016) betonen, dass innovative Digitaltechniken die Produktionsweisen auf eine neue revolutionare Entwicklungsstufe heben, und zwar in einer Geschwin- digkeit, die nicht antizipiert werde. Die durch digitale Technologien ausgelosten tief- greifenden Veranderungen, die sich fur die Gesellschaft in Form von exponentieller Geschwindigkeit und Komplexitat auBern, ist demnach keine Evolution, sondern zeichnet sich durch die systemischen Auswirkungen des Paradigmenwechsels als vierte industrielle Revolution49 ab (Schwab 2016: 11f; Anh. A16). Dies beeinflusst unseren Kommunikations-, Arbeits- und Lebensstil grundlegend (Schwab 2016: 9). Peter Roben (2017: 44f) stellte heraus, dass eine vierte industrielle Revolution nicht auszuschlieBen sei, doch erst ruckblickend festgestellt werden konne, wenn „(...) sich der Pulverdampf gelegt und die Sicht auf die neuen Strukturen freigegeben hat.“

Die Unterscheidung zwischen Evolution und Revolution basiert teils auf der Zuord- nung von zwei Phasen der Digitalisierung bzw. der Unterscheidung von Informatisie- rung und Digitalisierung50. Digitalisierung kann zwar synonym fur Informatisierung verwendet werden, doch erscheint eine Abgrenzung zwecks besserer Differenzierung der Auswirkungen sinnvoll und soll im Folgenden prazisiert werden.

3.1 Informatisierung und die Informations-/Wissensgesellschaft

Historisch erlautert Boes (2015) die Informatisierung als generelle Verschriftlichung von Informationen, wodurch Prozesse und (Arbeits-)Kosten errechen- und rationali- sierbar wurden. Im Kontext der dritten industriellen Revolution (Industrie 3.0) [51] sind es Computer und Robotik, welche seit den 80er Jahren Automatisierungsprozesse in der Industrie veranlassen (Weizsacker/Wijkam 2018: 101, Anh. A16). Durch das Internet und die Diffusion von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) wird auch die Gesellschaft von Informatisierungsprozessen gepragt52 (Nora/Minc 1979). Der Oberbegriff IKT - der raum- und zeitunabhangigen Ubermittlung von Informationen uber das Internet (BMAS 2016a: 3) - beschreibt technische Anwen- dungen zum Bearbeiten, Ubertragen und Speichern von Informationen (Zhu 2015: 2154). Neben den technischen Komponenten wird damit die ermoglichte Produktiv- kraft (potentielle Zeitersparnisse) der Gesellschaft und der sozialen Prozesse be- schrieben (Hilty 2008: 80). Eine BMAS-Befragung (2016b: 6) verdeutlicht die Pe­netration von IKT, da 80% der Befragten IKT im Berufsalltag nutzen53.

Die durch IKT vermittelten digitalen Guter sind sowohl digitale Sachguter (z.B. Bil- der) als auch Dienstleistungen (z.B. Suchmaschinen) (Stelzer 2016). Diese digitalen Guter generieren nur durch komplementare Endgerate Nutzen (z.B. Smartphone) und werden in Folge als Leistungsbundel wahrgenommen (Hess 2016). Generell sind digitale, immaterielle Guter nicht rivalisierend54, in dem Sinne, dass sie nur ge- braucht, aber nicht verbraucht werden konnen. Zudem sind sie durch kostenlose Rep- likation nicht ausschlieBbar (z.B. MOOC55 ). Knappheit auf dem Markt lasst sich kunstlich erzeugen, indem ein rein offentliches Gut durch kunstliche Barrieren aus- schlieBbar wird (z.B. Nutzungsgebuhren, Zugang zur Infrastruktur). Digitale Guter konnen gleichermaBen von unternehmerischem Interesse sein, z.B. kostenpflichtige Web-Dienste. Bei nicht-ausschlieBbaren Gutern konnen hingegen indirekt okonomi- sche Gewinne erzielt werden (z.B. mit Werbung). Die beliebige Reproduzierbarkeit bspw. durch die Verlegung in eine Cloud senkt die Grenzkosten und damit den Preis nahe Null (Stelzer 2014b). Dies fuhrt zu Disruptionen in verschiedenen Branchen. Ein prominentes Beispiel hierfur die Insolvenz des Filmherstellers Kodak ist56.

Die zunehmend durch IKT gepragte Gesellschaft wird als Informations- oder Wis- senschaftsgesellschaft57 bezeichnet (Wiegerling 2016: 17; Orwat/Grunwald 2005: 243). Die Informationsgesellschaft kennzeichnet die technischen Moglichkeiten des Informationszugangs durch IKT, hingegen charakterisiert die Wissensgesellschaft die Fahigkeiten eine anwendungsrelevante Handlung dem Wissen abzuleiten58 (Hei- denreich 2003: 25f). Hier deutet sich bereits an, dass die technologischen Entwick- lungen einen wesentlichen Einfluss auf die gesellschaftlichen Strukturen haben. Doch wurde die steigende Informationsflut nur peripher bemerkt und nicht zwangs- laufig darauffolgende Handlungen bezwecken (Liessmann 2006: 25-29). Doch er- zeugt die globale Vernetzung durch u.a. soziale Netzwerke ein globales Dorf, indem Menschen ortsunabhangig in Echtzeit kommunizieren konnen. Dies bedingt gleich- ermaBen eine digitale Spaltung, eine globale Ungleichverteilung bezuglich des Zu- gangs sowie ein resultierendes Macht- und Wissensgefalle [59] (Reidel 2010: 224). Eine nachhaltige Informations- bzw. Wissensgesellschaft ware eine Gesellschaft, die sich der IKT bedient, ohne Widerspruche zu einer nachhaltigen Entwicklung zu erzeugen, einschlieBlich des konstitutiven Gerechtigkeitspostulats. Mit Hinblick auf zukunftige Generationen und ihren Potentialentfaltungsmoglichkeiten durfen diese nicht durch vorgegebene technologische Abhangigkeiten in ihrem naturlichen Denk- und demzu- folge Handlungsspielraum kanalisiert werden (Leipner 2016; Lohrke 2012).

Analog zu den internationalen Umwelt- und Klimakonferenzen (u.a. Rio de Janeiro 1992, Anh. A8) wurde der World Summit on the Information Society (WSIS) von der UNO und der ICT (International Telecommunication Union) initiiert, bei der 2003 in Genf (WSIS I) und 2005 in Tunis (WSIS II) Delegierte aus 175 Landern partizipier- ten mit dem Ziel ein einheitliches Verstandnis zur Informationsgesellschaft zu erar- beiten. Die Verbindung von Nachhaltigkeit, Informationen und Wissen wurde betont und ausdrucklich durch die Integration in der Geneva Declaration of Principles und dem Tunis Commitment auf globale Ebene gehoben60. Die IKT konne als Instrument wesentlich zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen, heiBt es in beiden Doku- menten. Deren Konkretisierung und Umsetzung fehlt jedoch bislang. Auch anders- herum wurde in den Zielen der Agenda 2030 fur nachhaltige Entwicklung von der UN vereinzelt auf die Potentiale der IKT als Grundlagentechnologie verwiesen61.

„IKT hat () keineswegs ausschliefilich nur umweltbezogene Nachhaltigkeitsfolgen, sondern greift tief in die gesellschaftlichen Strukturen, Wirtschaftsverhaltnisse und Kommunikations- verhaltnisse ein. Die IKT-Revolution ist nicht an ein Ende gekommen, sondern wird eine Schlusseltechnologie auch der weiteren Zukunft bleiben.“ (Grunwald 2010: 232)

Zusammenfassend beschreibt die Informatisierung die Diffusion der Basisinnovation (= general purpose technologies) IKT, welche in den letzten 20 Jahren die globale Echtzeitkommunikation durch das Internet ermoglichte und durch Disruptionen Ver- anderungen von Markten veranlasste (Barner et al. 2013: 55). Der rapide Fortschritt zu neuen Entwicklungsphasen und Innovationen sei fortwahrend, doch haben sich seit ca. 2006 Geschwindigkeit, Volumen und Vielfalt drastisch erhoht (Brynjolfs- son/McAfee 2016: 78). Neue Innovationen werden durch Digitaltechnik erst ermog- licht und Bestehende erfahren durch die Leistungszunahme neuen Aufschwung (Schwab 2016: 28f). Im neueren, industriellen Kontext wird Digitalisierung als er- weiterte Automatisierung und R-/Evolution verstanden (Schwab 2016).

3.2 Digitalisierung und Perspektiven der Dynamiken

Der Einzug der kommerziellen Computer, des Internets und der IKT als Basistechno- logie haben die Automatisierungswelle der dritten industriellen Revolution veran- lasst, auf der weitere Vernetzung und Technologien aufbauen. Hierbei kommunizie- ren nicht nur Menschen uber das Internet, sondern es tauschen auch Dinge und Dienste Daten aus, sodass „(...) all aspects regarding people's cyber, physical, social and mental world will be interconnected and intelligent in smart world“ (Zhu et al. 2015: 2151). Es sei der Motor fur weitere technologische und gesellschaftliche Ver- anderungen (BMAS 2017: 19; BMWi 2016: 6). Doch seit 2006/07 habe die Qualitat der digitalen Technologien ein neues Stadium erreicht, was sich vor allem in der Wahrnehmung der Menschen bemerkbar macht (Friedman 2017: 30ff):

„(...) [zuvor] dachte noch niemand an Facebook, Twitter war noch Vogelgezwitscher, die Wol- ke befand sich noch immer am Himmel, 4G war die Nummer eines Parkplatzes in meiner Tief- garage, (...) Big Data hatte als Namen fur einen Rapper durchgehen konnen, und Skype sah fur die meisten Menschen aus wie ein Rechtschreibfehler“ (Friedman 2017: 35).

Inwiefern ist der sich durch die aktuelle Digitalisierung vollziehende Wandel als in- dustrielle und gesellschaftliche Revolution, Evolution oder Transformation62 zu be- zeichnen? Diese Diskussion wird unter Vierte industrielle Revolution bzw. Industrie 4.0 (Plattform Industrie 4.0, Anh. A16) in Deutschland sowie international unter Smart Factory, Smart Industry bzw. Smart Manufacuring (Spottle/Windel 2017; Da­is 2017), Third Industrial Revolution (Rifkin 2012) und Second Machine Age (Bryn- jofsson/McAfee 2016) gefuhrt. Grundlegende Technologie fur dessen Realisierung sei das Internet of Things (IoT), Cyber-Physische Systeme (CPS) sowie die Moglich- keiten von Big Data und additive Verfahren. Fur eine bessere Einordnung werden diese vorerst expliziert. Im Anhang A19 sind verschiedene (a) Digitalisierungsper- spektiven und (b) relevante Termini bezuglich Digitalisierung aufgelistet.

3.2.1 Technische Einordnung und Perspektiven

Basis der revolutionar gesehenen Entwicklung ist die Evolution diverser Technolo- gien. Zu letzteren gehoren eingebettete Systeme, d.h. Objekte, die mit hochleistungs- fahigen Kleinstcomputern, mit RFID-Technologie (= Identifikationstechnik), Soft­ware oder Sensorik ausgestattet sind, die Daten aus der physikalischen Umgebung aufnehmen, speichern und verarbeiten. Die Einspeisung in das Internet of Things63 hebt diese Technologien auf die revolutionare Dimension. Hierbei werden beliebige Objekte „(...) mit umfassender Rechenleistung ausgestattet, per Software gesteuert und [konne so] uber das Internet mit der Aufienwelt und untereinander vernetzt wer- den“ (BMAS 2017: 198). IoT ist somit eine intelligente Infrastruktur, die als eine Art Nervensystem alle physikalischen Objekte vernetzt, bestehend aus den Elementen der Identifizierung, Wahrnehmungs-Sensorik, Kommunikationstechnologie, Berech- nungsverfahren, Dienstleistungen und Semantik (Barner et al. 2013: 7; Anh. A20). Auch vorerst nicht-digitale Produkte leiten durch eingebettete Systeme netzbasierte Informationen in das IoT und werden so zu S mart Objects, z.B. wird die Uhr zur Smart Watch (Hilty 2008: 66; Lobe 2016; Heiler 2017).

Ausgehend von 20 Milliarden vernetzten Geraten 2015 wird sich die Anzahl der Vernetzungsobjekte laut BMWi (2015: 5) in den kommenden 15 Jahren verzwanzig- fachen. Dabei seien bereits 98% aller Prozessoren nicht mehr in Computern, sondern in den Smart Objects verbaut, so sind es z.B. in einem durchschnittlichen PKW knapp 150 eingebettete Systeme (Kagermann 2017: 237). Durch die unermessliche Kapazitat des Internets (Protokoll IPv6) verteilt uber das Netzwerk des Cloud­Computings kann diese Computer-Allgegenwartigkeit und deren Diffusion in allen Bereichen realisiert werden. Die Miniaturisierung der Sensoriken und Kleinstcompu- ter wird in unterschiedlicher Auspragung als ubiquitous computing und pervasive computing thematisiert (Orwat/Grunwald 2005: 252). Dabei wird es charakterisiert als „(...) highly miniaturized, embedded, networked microprocessors equipped with sensors [that] pervade our daily lives“ (Kohler 2004: 831). Zudem konnen Sensoren auf die Umgebung einwirken, das Heizklima automatisch regulieren, Jalousien her- unterlassen, praventiv die Wartung einer Maschine signalisieren oder einen Ver- kehrsstau antizipieren (Kagermann 2017: 241ff). Einsatzbereiche reichen von Heim- oder Industrieautomatisierung uber das intelligente Stromnetz bis hin zu intelligenten Stadten (Zhu et al. 2015: 2154). Die gesammelte Datenmenge, Big Data, wird mit Algorithmen64 auf Muster untersucht und als Smart Data fur Dienstleistungen oder Optimierungen weiterverwendet (Barner et al. 2013: 55). Die analytische Auswer- tung von Produkt-, Prozess- und Verbrauchsdaten soll Transparenz erhohen, Echt- zeitprozesse steuern und optimieren sowie Vorlieben und Abneigungen der Kunden ausfindig machen (Cole 2015: 54). Die Kommunikation zwischen der physischen (IoT) und der virtuellen Welt (IT) wird dabei von Cyber-Physische Systemen (CPS) erzielt, die digital twins der physischen Objekte und die virtuelle Fabrik erzeugen (Knop 2017, Anh. A21). Diese organisieren die automatisierte und autonome Steue- rung, z.B. einer Produktionsanlage.

Die Entwicklung dieser Digitalisierungswelle wird von den MIT-Professoren Bryn- jolfsson und McAfee (2016) als das zweite Maschinenalter beschrieben. GemaB ihrer Auffassung ging das erste Maschinenalter65 mit der ersten industriellen Revolution einher. Das zweite Maschinenalter werde durch digitale Innovationen, den Fortschritt der Geisteskraft und die Uberwindung der geistigen Einschrankung gekennzeichnet (Brynjolfsson/McAfee 2016: 17f). Intelligente Maschinen arbeiten heute fehlerfreier und treffen prazisere Entscheidungen66 als Menschen, wodurch Algorithmen die Ta- tigkeit nach und nach ersetzen wurden. Software mit selbstlernenden Algorithmen, kunstlicher Intelligenz (KI), zeigen bereits ihr AusmaB: IBMs entwickelter Super­computer Watson gewann 2011 die Quizshow Jeoprardy!, wahrend Googles Deep Mind den Weltmeister des Brettspiels Go besiegte (Gibbs 2017). Auch im Alltag komme KI67 bereits zum Einsatz, so etwa durch Apples Spracherkennung Siri, Ama­zons Alexa oder IBMS GeoFluent als Dolmetscher fur Kundengesprache.

Die Autoren nennen drei Befahiger dieser Entwicklung. Zum einen die Okonomie der Bits, wonach alle Informationen als Bitstrom kodiert werden konnen. Hierbei wird Information fur jeden zuganglich gemacht, die Informationsvernetzung sowie deren Diffusion steige, und neue Geschaftsmodelle wurden sich entwickeln. Zum anderen wurden bestehende Innovationen mit Basistechnologien wie Sensoriken komplementiert und ermoglichen so neue Anwendungs- und Nutzenpotentiale. Technisch sei der gestalterische Prozess evolutionar, dessen kombinatorische Aus- wirkungen invitieren jedoch einen profunden und revolutionaren Wandel (Brynjolfs- son/McAfee 2016: 77ff). Als dritter und bedeutendster Befahiger wird der zu ver- nehmende exponentielle Technologienanstieg, das Moore'sche Gesetz, genannt.

Die ursprungliche Beobachtung von Intel-Grunder Gordon Moore im Jahre 1965 erlautert, dass sich in einem integrierten Schaltkreis bei minimalen Komponenten- kosten jedes Jahr die Komponentenanzahl, auch Transistoren genannt, verdoppele (Moore 1998: 83, Anh. A22). Moore prognostizierte den Trend fur knapp zehn Jahre (Moore 1998: 83), ruckblickend bewahrheitet sich seine Prognose bereits seit ca. 50 Jahren68 (mit angepassten Zeitintervallen von 18-24 Monaten). Leistungs- und Komplexitatssteigerung der Prozessoren werden durch die stetige Weiterentwicklung der Speicherkapazitat, Packungsdichte, Geschwindigkeit der Mikroprozessoren, Sen- soriken, IKT und Software sowie deren Kombinatorik komplementiert (Brynjolfs- son/McAfee 2016: 77ff). Dies bezwecke, dass sich die Gesamtleistungsfahigkeit ex- ponentiell erhohe. Einhergehend damit sei die Degression der Kosten eine weitere wesentliche Innovationsvoraussetzung (Kragermann 2017: 236) und durch Miniatu- risierung entmaterialisiere sich IKT um den Faktor 4 alle drei bis vier Jahre (Hilty 2008: 40). Brynjolfsson und McAfee (2016: 19) verweisen darauf, dass die Antizipa- tion des exponentiellen Wachstums ab einem bestimmten Zeitpunkt abnehme und dieser Punkt der „ganzen Leistungsfahigkeit“ erreicht sei69.

GemaB des US-amerikanischen Wirtschaftssoziologen, und Befurworter einer neuen Wirtschaftsform durch disruptive Erneuerungen, Jeremy Rifkin (2012), ist es die Third Industrial Revolution, gepragt von einer neuen Form der Kommunikation, des Energiesystems und der Mobilitat durch Dezentralisierungsmoglichkeiten. Der aktu- elle Wandel umfasse den Ubergang von kohlenstoffinduzierenden Energien wie fos- silen Brennstoffen zu einem System erneuerbarer Energien, welches durch den Ein- satz von Internet-Technologien eine nachhaltige Zukunft ermogliche (Anh. A23). Ferner entwickelte Rifkin (2014) die strittige These, dass sich eine neue Wirtschafts­form der kollaborativen Okonomie und Null-Grenzkosten-Gesellschaft mit verander- tem Verantwortungsbereich als Gegenzug zum Kapitalismus entfalte. Die zugehorige Share-Economy wird spater aufgegriffen. Zuvor wird die digitale Industrie erlautert.

3.2.2 Industrie 4.0

Industrie 4.0 ist als Zukunftsprojekt von der Forschungsunion Wirtschaft - Wissen- schaft im Rahmen der Hightech-Strategie der deutschen Bundesregierung verab- schiedet und im Rahmen der Hannover Messe 2011 publik gemacht worden. Visio- nar ist die Realisation einer vollautomatisierten Produktion und Wertschopfungsket- te70 durch Nutzbarmachung der digitalen Technologienpotentiale von IoT und CPS (Hartman et al. 2017: 53-56). Fur deren Umsetzung schlossen sich 2013 die Verban- de BITKOM (digitale Industrie), VDMA (Maschinen- und Anlagebau) und ZVEI (Elektronikindustrie) als Plattform Industrie 4.0 zusammen, der sich zwei Jahre spa- ter verschiedene Akteure der Wirtschaft und Politik anschlossen (plattform-i40.de). Es handle sich um eine Revolution mit Ansage, die zum Gestalten aufrufe (Kager- mann 2017: 242)71, wobei bislang scheinbar nur Insellosungen existieren. Unter der Fragestellung ,Alter Wein in neuen Schlauchen oder lange erwartete Durchbruche?' werden Potentiale und Auswirkungen der Industrie 4.0 vielfach diskutiert (Hartmann et al. 2017: 53ff). Dabei stellt sich die Frage, ob Industrie 4.0 mehr als ein Hype sei.

Der Zeitverlauf und die Entwicklungsphasen von technologischen Innovationen, die zunachst als Hype gelten, werden von dem Gartner Hype Cycle (Anh. A24) be- schrieben. Dabei haben sich einige Technologien fruher als zunachst angenommen im Mainstream etabliert, u.a. bewahrten sich Enterprise 3D Printing und Wearables (tragbares) Computing, sodass die Etablierung weiterer Techniken zu erwarten ist.

Industrielle Produktionsprozesse basierten schon 2014 zu 90% auf IKT- Anwendungen (Kagermann/Wahlster/Helbig 2013: 17). Doch soll Digitaltechnik nun gemaB einer vertikalen Integration die Vernetzung von physischen und digitalen Sys- temen in der Produktion befahigen, wodurch eine dezentrale und transparente Pro- zessuberwachung in Echtzeit (durch CPS) moglich ist. Maschinen konnen digital gesteuert und die Produktion durch ein virtuelles System mit Algorithmen autonom gestaltet werden (Helmke 2016: 62f). Ferner soll gemaB einer horizontalen Quer- schnittsvernetzung die gesamte Wertschopfungskette durch intelligente Software teils autonom gesteuert werden (Hirsch-Kreinsen 2017: 170). Der informationsba- sierten Optimierung der Wertschopfungskette und Reduktion der Ineffizienz wird eine erhebliche Produktivitatssteigerung bis zu 26%. zugesprochen (McKinsey 2015: 7). Zudem orten RFID-Tags Produkte uber den gesamten Wertschopfungsweg und gewahren Transparenz und Kontrolle, wodurch der Verantwortungsbereich ausge- dehnt wird. So kann ein bestimmter Jogurt zuruckverfolgt werden, aus wessen Milch dieser gemacht, wie und wo dieser weiterverarbeitet wurde (Schnitzler/Bruck/Eisert: 2015). Die bei Produktion, Vertrieb oder Kunden entstehenden Datenmengen werden mit analytischen Big Data-Methodenverfahren ausgewertet und fur Weiterentwick- lungen und komplementare Dienstleistungen verwendet, sodass hier Industrie und Dienstleistungsgesellschaft verschmelzen (Kagermann 2017: 241, Anh. A25).

Eine weitere richtungsweisende Technologie sind reaktionsschnelle, additive Ferti- gungsverfahren wie der 3D-Druck, die neben bereits etabliertem Mass-Customization auch Personalization realisieren, wodurch Lagerungen eingespart werden (Hu 2013: 6; Kumar 2008; Anh. A26). Durch die Produktion von flexiblen Losvariablen durch Produktpersonalisierung und kollaborativem Design72 werden individuelle und maB- geschneiderte Kundenpraferenzen ermoglicht werden.

Die Vernetzung industrieller Produktionsprozesse und der notwendige Paradigmen- wechsel73 werden seither als unabdingbar fur den Bestand der deutschen Produktion gesehen (Schwab 2016: 18). Dabei sollen die „(...) Cyber-Physical-Systems autonom interagieren und den Bearbeitungsprozess nach vorgegebenen Zielgrofien, insbeson- dere okonomischen Effizienzkriterien optimieren“ (Hirsch-Kreinsen 2017: 170). Das Motiv ist die Wettbewerbsfahigkeit zu stabilisieren und durch effiziente, innovative Entwicklung das produzierende Gewerbe im rohstoffarmen Deutschland zu sichern (Spottl/Windelband 2017: 16). Das Zukunftsprojekt steht unter der Pramisse (...) Wohlstand in unserem Land nachhaltig zu sichern“ (Barner et al. 2013: 4) und „(...) Deutschland zum digitalen Wachstumsland Nr. 1 in Europa [zu] machen“ (BMBF 2014: 17), wobei „(...) Digitalisierung zum Nutzen der Menschen eingesetzt wird“ (BMWi 2015: 5). Deshalb bekomme das Konzept politische Forderung, sowohl stra- tegisch (Hightech-Strategie 2020) als auch finanziell. Der Zuspruch fur eine Investi- tion in Hohe von 40 Mrd. Euro bis 2020 steht einem moglichen volkswirtschaftlichen Wachstum von 153 Mrd. Euro gegenuber (BMWi 2017; Anh. A27). Laut Hightech- Strategie der Bundesregierung gehe zudem der Impetus hervor, dass „ Green Econo- my74 () als Wachstumsmotor dien[t]“ (BMBF 2014: 20), um drangende okologische Fragen durch Effizienzsteigerung zu losen. Doch sind Umweltministerien und das Umweltbundesamt in das Zukunftsprojekt nicht aktiv eingebunden. Damit be- schrankt sich die Konkretisierung des technikbasierenden grunen Wachstums auf die Reduzierung der Ineffizienz und Nutzung erneuerbarer Energien.

Die dargestellten Perspektiven erlautern unisono starke Veranderungen durch die Diffusion digitaler Technologien im Industriekontext, dem Wirtschaftssystem, der Arbeitswelt sowie auf der gesellschaftlichen Ebene mit Blick auf einen sozialen (Werte-)Wandel. Aufgrund vielfaltiger Interdependenzen und Wirkzusammenhange sind die technisch evolutionare Entwicklung und deren kombinatorische AusmaBe revolutionar, aber nicht deterministisch. Zwar ist Digitalisierung ein wichtiger Trei- ber des technischen, soziookonomischen Wandels (Anh. A28), doch unterliegt sie keinen technischen Sachzwangen75, sondern sollte als Gestaltungsaufgabe wahrge- nommen werden (Spottl/Windelbach 2017: 11). Die kulturelle Entwicklung sowie Akzeptanz der Digitalisierung ist genauso essenziell. Die Gesellschaft habe Einfluss darauf, welche Anspruche und Werte an zukunftige Arbeit und Unternehmen gestellt werden, wobei sich Tendenzen zur erhohten Individualisierung, Dezentralisierung, Freiheit und Souveranitat abzeichnen (BMAS 2015: 7). Genugt es, alles wie bisher nur mit mehr Effizienz zu gestalten fur die Realisierung einer nachhaltigen Entwick­lung? (Brand, 2012: 120) Sind es nicht alte Paradigmen fur neue Techniken? Diese Aspekte werden mitunter in der darauffolgenden Analyse thematisiert.

4 Synergien und Widerspruche der Megatrends

Die beiden Megatrends Nachhaltigkeit und Digitalisierung werden im folgenden Ka- pitel zunachst ubergeordnet gegenubergestellt. Hierzu werden Parallelen der The- menfelder und das ambivalente Verhaltnis von Nachhaltigkeit und Technik darge- stellt. Nach Erlauterung des Dualismus Nachhaltigkeit fur als auch durch Digitalisie­rung wird das LES-Modell als systematische Ubersicht erlautert und weitere okologi- sche, soziale und soziookonomische Synergien und Zielkonflikte diskutiert.

[...]


1 2016 waren es 46% der Weltbevolkerung, in der EU 81%, was bereits die groBe Diskrepanz bzgl. globaler Verteilung verdeutlicht (Anh. A3). Die globale und lokale zu beobachtende Ungleichvertei- lung wird als Digitale Spaltung (digital divide) diskutiert. Weltweit sei der durchschnittliche Internet- verkehr 2016 um 32% gestiegen, der mobile Datenverkehr sogar um 63% (Cisco 2017; Anh. A4).

2 Trends sind grundlegende Stromung einer Zeitreihe. Megatrends hingegen umfassender und langfris- tiger, mit einer Halbwertszeit von ca. 50 Jahren (Pufe 2017: 70). Der Zukunftsforscher Naisbitt (1982) charakterisiert Megatrends anhand Dauer, Reichweite, Globalitat und okonomische Relevanz sowie strukturellen Entwicklungen. Trotz okologischer und gesellschaftliche Herausforderungen sei der Begriff Megatrends positive konnotiert, indem es Handlungsspielraum impliziere.

3 B.A.U.M e.V. widmet seinem Jahrbuch der Digitalisierung; der RNE erarbeitet Schnittstellen von Industrie 4.0 und Sustainable Developement Goals (SDGs); der akzente Themenmonitor Nachhaltig- keit zeigt die mediale Resonanz von Unternehmensverantwortung und Digitalisierung (Anh. A5).

4 Dr. A. Knaut ist Vice President Corporate Communications der Bertelsmann Stiftung Bielefeld.

5 Basierend auf einer gezielten Titel- und Begriffssuche aus dem Bereich Nachhaltigkeit bzw. nach- haltige Entwicklung und Digitalisierung, Industrie 4.0, IoT und IKT sowie den englischen Entspre- chungen. Dabei wird Relevanz, Aktualitat und Zitationshaufigkeit berucksichtigt.

6 Siehe hierfur: Spindler 2012, Grunwald/Kopfmuller 2012, Pufe 2017, Grober 2013, Muller2015.

7 Internetquellen werden aufgrund begrenzter Seitenanzahl ausfuhrlich inklusive Veroffentlichungs- und Zugriffsdatum im Literaturverzeichnis angegeben.

8 Bei einer Google-Suchanfrage Nachhaltigkeit werden bspw. 93.400.000 Ergebnisseiten vorgeschla- gen, unter nachhaltig wird bei den Top-Suchergebnissen u.a. nachhaltig einkaufen und nachhaltiges schenken angezeigt (Anh. A7). Dies zeigt die Verbreitung und divergente Verwendung im Internet.

9 Obgleich Carlowitz oft als Begrunder des Begriffs Nachhaltigkeit dargestellt wird, ist der Leitgedan- ke des ewigen Waldes bereits im 15. bis 17. Jahrhundert verbreitet gewesen und Waldinventuren wurden zur Sicherstellung einer bestandigen Holzlieferung durchgefuhrt (Hasel/Schwartz 2006: 224, 307, 375). Durch den Erlass von Forstordnungen sowie der Beschrankung von Rodungen sollte die Holzverknappung verhindert werden. Generell war die Ressourcenbewahrung durch die Mensch- Umwelt Abhangigkeit ein uberlebensnotwendiges Grundprinzip (heutige okologische Konzept).

10 Abhangig ist dieses von den Parametern Funktion, System und Zeit (Hilty/Aebischer 2015: 5).

11 Von Carlowitz bezog sich auf die Erhaltung der erneuerbaren Ressourcen (Holz) eines naturlichen Systems (Wald) um dauerhaften (wirtschaftlich-sozialen) Nutzen zu generieren. Wissenschaftliche Literatur beinhaltet eine Pluralitat des Nachhaltigkeitsverstandnisses, welche durch den Kontext des Autors Gultigkeit zugeschrieben und stetig weiterentwickelt wird (Tremmel 2003: 26-37; 67). Ver- schiedene Definitionen sind in Tremmel (2003: 100-114) aufgelistet.

12 Als absolutes Konzept beinhalt es folgende konkrete Parameter: Das System Erde in der okologi- schen Funktionsweise fur die nachsten Generationen zu sichern (Hilty/Aebischer 2015: 5).

13 Das Abschlussdokument Our Common Future publiziert unter der Leitung von Gro-Harlem Brundt- land, damalige norwegische Ministerprasidentin. Ziel dessen ist es, die Auswirkungen der Industriali- sierung auf die okologische Tragfahigkeit und Folgen der Umweltbelastungen fur die Wirtschaft an- zuerkennen sowie Losungen fur ein zukunftsfahiges Wirtschaften zu generieren. Im Anh. A8 sind weitere Konferenzen aufgelistet. Vorerst wurden uber 10 Ubersetzungsvarianten neben nachhaltig fur sustainable (lat. sustinere, aufrechterhalten) in Betracht gezogen u.a. zukunftsgerechte, dauerhaft tragfahige, naturerhaltende sowie zukunftig existenzfahige Entwicklung (Tremmel 2003: 95f).

14 Folgende Maxime konnte formuliert werden: Es ist zu gewahrleisten, dass sowohl global als auch lokal soziale Gerechtigkeit, Bedurfnisbefriedung und die notwendige okologische Basis sowohl fur die heutige Generation hergestellt als auch langfristig fur nachfolgende Generation sichergestellt sei.

15 Es sei ein Nord-Sud-Dialog zwischen Industrie- und Entwicklungslandern. Der Austritt der USA, dem weltweit groBten CO2-Emittenten und Ressourcenverbraucher, aus dem Pariser Klimaabkommen, sei als Signalwirkung fur Entwicklungslander bzgl. moglicher Treibhausgasreduktionen und okologi- scher Investitionen verheerend (Radermacher 2005: 94; Weizsacker/Wijkam 2018:54ff, Anh. A9).

16 GemaB Daly (1995: 54) sind alle wichtigen Konzepte dialektischer Natur. Es herrscht (politische) Einigkeit, dass eine nachhaltige Entwicklung wunschenswert sei, (...) but nobody is sure of what it means“ (Daly 1996:1), denn die Definition hinterlasse Handlungsspielraum zur Operationalisierung. Dies war als Diskussionsgrundlage bei den teils gegenlaufigen Positionen und diversen Kulturen not- wendig, zumal keine weitere global einheitliche Definition vorgewiesen werden kann (Dahlsrud 2008)

17 Ferner sei der Nachhaltigkeitsdiskurs auf der Weltkonferenz in Rio fur legitim erklart worden, wodurch es als Leitbild gerechtfertigt sei (Tremmel 2003: 27f).

18 Diese sei nationen-, kultur- und philosophieabhangig (Giddings/Hopwood/O'brien 2002: 188).

19 Eine Liste der Enquete-Kommissionen ist dem Lexikon der Nachhaltigkeit (2015) zu entnehmen.

20 Laut RNE (2018) bedeutet „[z]ukunftsfahig wirtschaften (..): Wir mussen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes okologisches, soziales, okonomisches Gefuge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.“ Die aktuelle Nachhaltigkeitsstrategie wurde 2016 verabschiedet. Hier sind „(...) nationale Strategien eine unerlassliche Voraussetzung fur Transformationsprozesse in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung (.) [diese sei] als zentrales Bindeglied zwischen suprana­tional europaischer bzw. globalen Aktivitaten und lokalem Handeln im Sinne einer strategischen Nachhaltigkeitsplanung“ essenziell (Grunwald/Kopfmuller 2012: 167).

21 Im Anhang. A11 ist diese Zusammenfassung grafisch dargestellt.

22 Im Vergleich zu Prognosen, deren Ziel eine moglichst genaue Zukunftsvorhersagen fur strategische Entscheidungen sind, basieren Szenarien auf unterschiedlichen Optionen moglicher Entwicklungen fur einen langeren Zeithorizont. Wahrend explorative Szenarien moglichst objektiv Wenn-Dann- Zusammenhange darstellen, intendieren normative Szenarien auf einer Darlegung von Wegbeschrei- tungen in einem wunschenswerten Ziel (Grunwald/Kopfmuller: 2012: 69).

23 Dabei ist zu betonen, dass es sich hier aufgrund begrenzter Seitenzahlen, um eine stark verkurzte Darstellung gemaB Grundwald/Kopfmuller (2012: 54-75) und Pue (2017: 99-105) handelt.

24 Dies meint den Einklang von langfristiger Profitsicherung und dem Erhalt notwendiger Ressourcen (Osburg 2017: 5). Im Kontrast zur Befriedigung essenzieller Bedurfnisse steht die heutige aktive Sti- mulierung und Generierung von neuen Bedurfnissen zu reinen Profitgrunden.

25 Der Club of Rome ist ein organisatorischer Zusammenschluss von Experten aus 30 Landern, wel- cher 2018 zum 50-jahrigen Bestehen den Bericht ,Wir sind dran‘ erstellten, indem Schwachen der damaligen Prognosen eingeraumt werden, aber dennoch an der Grundaussage festgehalten wird.

26 Die Erde als geschlossenes System wurde durch den Wettersatellit Tiros-1 der NASA 1960 beson- ders verdeutlicht. Eine aktuelle Studie von Steffen et al. (2015) , The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration‘ zeigt den Anstieg der Ressourcennutzung, Schadstoffemissionen und weitere soziookonomische und erdspezifische Indikatoren (Anh. A12).

27 Relative Entkopplung verweist auf eine geringere Zunahme des Naturverbrauchs im Verhaltnis zum BIP-Anstieg. Absolute Entkopplung hingegen beschreibt den absoluten Ruckgang des Energie- und Ressourcenverbrauchs bei weiterem BIP-Wachstum (Santarius 2013).

28 Der vom Global Footprint Network errechnete Earth Overshoot Day markiert die Grenze, ab der wir die fur das Jahr bereitgestellten Ressourcen (Naturkapital) verbraucht haben und wir fur den Rest des Jahres von der Substanz der Erde leben. Landerspezifisch herrschen groBe Unterschiede (Anh. A9).

29 Es konnen folgende Kapitalarten unterschieden werden: Naturkapital, okonomisch Sachkapital und Sozial-/Humankapital. Eine detaillierte Betrachtung ist Pufe (2017:94-98) zu entnehmen.

30 Der limitierende Faktor ware derjenige, dessen Vorrat am geringsten ist. Ubertragen auf die Holzproduktion ist diese nicht durch Equipment oder Arbeitskraft limitiert, sondern durch das Vor- kommen des Waldes, wodurch Naturkapital die Restriktion darstellt (Harris 2003: 4).

31 Nicht zielfuhrend sei es, wenn nicht-erneuerbare Ressourcen weder heutigen noch kunftigen Gene- rationen zugesprochen wurden. Daly (1995: 49) kritisiert dies als absurd starke Nachhaltigkeit, denn auch diese konnen auf effiziente und uberlegte Weise genutzt werden, sofern durch (Forschungs- )Investitionen gleichrangige Funktionen fur die kunftigen Generationen ermoglicht werden.

32 GemaB schwacher Nachhaltigkeit bedarf es somit nicht der Erhaltung einzelner Kapitalarten. Sub­stituierbarkeit sei gerechtfertigt, solange ein okonomischer Mehrwert generiert wird, z.B. wenn der Wert einer Industrie den Verlust des entsprechenden Waldes ubersteige. „In the neoclassical view, there is no special reason to conserve natural capital. (...) If natural capital has a special and unique importance, then neoclassical economic efficiency will not suffice for sustainability” (Harris 203: 3).

33 Erneuerbare Energien (z.B. Windkraftanlagen) sind nicht per se nachhaltig, da seltene Erden ver- braucht und unter fragwurdigen Arbeitsbedingungen abgebaut werden (Brautigam 2013, Kap. 4.4.1).

34 Auch gemaB Brundtland ist ein naturkonformes Wirtschafts-und Konsumsystem eine Vorausset- zung zur Erfullung der Grundbedurfnisse (Carnau 2011: 12f). Eine intra-/intergerechte Verteilung beziehe sich dabei auf die durch Ressourcen ermoglichten Funktionen. Die Kapitalartenerhaltung sei vorerst unabhangig von deren Verteilung.

35 Immaterielle und materielle Ressourcen lassen sich innerhalb einer Matrix orthogonal zu naturli- chen und menschengemachten Ressourcen zuordnen (Hilty/Aebischer 2015: 8). Energie und Materie konnen gemaB der Physik nicht komplett verschwinden. Ausgeschopft meint, dass die potentielle Nutzlichkeit der Ressourcen vermindert wird/nicht mehr vorhanden ist. (UNEP 2011: 2).

36 Modelle stellen eine formale Simplifikation komplexer Prozesse dar. Sie abstrahieren die Realitat mit dem Ziel, komplexe Themen auf eine zugangliche Weise verstandlich zu machen. Der Aussage- und Erklarungsgehalt ist aufgrund der Selektivitat, der Abhangigkeit von Annahmen und Parametern sowie der zugrundlegenden Komplexitat limitiert, wodurch Modelle als Heuristiken gesehen werden konnen (Grunwald/Kopfmuller 2012: 104).

37 Die Evolution von CSR- und Nachhaltigkeitsmodellen skizzieren Fahr/Foit (2015).

38 Die Eliminierung der okologischen Dimension konne durch die anderen aufgefangen werden.

39 Hierzu zahlt u.a. der Nachhaltigkeitsdreiklang. Anh. A14 zeigt die Modelle grafisch.

40 GroBunternehmen/Konzerne haben u.a. bottom-up Einfluss durch politische Lobbyarbeit und u.a. top-down durch die Stimulation des Konsums, der Mitarbeiterfuhrung und Bewahrung von grundle- genden Kriterien in der Lieferkette, z.B. Menschenrechte (Grunwald/Kopfmuller 2012: 180).

41(...) [A]ndere bevorzugen CR, um ein Missverstandnis zu vermeiden: Denn das 'social' in CSR wird im Deutschen oft als 'sozial' missverstanden und CSR falschlicherweise als Konzept interpretiert, das lediglich auf die soziale Dimension unternehmerischer Nachhaltigkeit abzielt“ BMAS (2018). CSR bedeutet die ganzheitliche Integration aller Nachhaltigkeitsdimensionen in die Unternehmstatigkeit (Kerngeschaft) und beruht neben Freiwilligkeit auf dem Stakeholder-Austausch. Mit Nachhaltigkeitsmanagement werden an Kriterien gebundenes Handeln, Transparenz u.a. durch Berichterstellung, Zielfestlegung und die Auswahl geeigneter MaBnahmen verstanden. (GRI 2015)

42 Gegenuber staatlicher Rahmensetzung liegt der Fokus auf Eigenverantwortung und Selbststeuerung (Grunwald/Kopfmuller 2012: 184). Fahr/Foit (2015) stellen dar, dass diese verschiedenen morali- schen, ethischen Ideen entsprechend ausgelegt werden konnen. Die Kontextbezogenheit von CSR stellen auch Adi, Crowther und Grigore (2015: xi) heraus, wonach die Bedeutung des social durch die gegebenen Rahmenbedingungen, bspw. Globalisierung, Digitalisierung und Social Media, gepragt wird. In Abgrenzung zur Eigenverantwortung fokussiert die gemeinwohlorientierte Verantwortung gesellschaftliches Engagement auBerhalb des Kerngeschafts der Unternehmung (Reidel 2010: 65).

43 Die Autorin Alexandra Dahlsrud (2008) zeigt in ihrer Analyse von 37 CSR-Definitionen, dass CSR zwar nicht immer einheitlich definiert, aber dennoch uberwiegend deckungsgleich ist.

44 Entwertung als 'Add-On' oder Label durch fehlende Integration in das Kerngeschaft (BMAS 1018).

45 GemaB Reidel (2010: 211-222) entwickeln sich Erwartungen gegenuber Unternehmen seit den 80er/90er Jahren wie folgt: von Business is Business (leave me alone) uber Compliance (trust me), Beyond Compliance (tell me), CSR (show me) bis hin zur Triple Bottom Line (respect me, d.h. An- spruche der von der Unternehmstatigkeit betroffenen Akteure zu berucksichtigen).

46 Unternehmen entlang der Wertschopfungskette sind von dieser MaBnahme gleichermaBen indirekt betroffen. Die Themen der Stellungnahme sind u.a. Umwelt, Menschenrechte, Diversitat, Bekamp- fung von Korruption, Arbeitnehmerbelange (Europaisches Parlament 2014).

47 Historisch wurde mit Digit Nummern und Zahlen unter Zehn bzw. Zahlen die mit Fingern oder Zehen abzahlbar sind, ausgedruckt (lat. Digitus: Finger, Zehe). Mitte des 17. Jhd. wurde Digital als etwas den Fingern betreffendes verstanden und erst 1938 den numerischen Ziffern zugesprochen. Heute wird digital als Digitaltechnik verstanden und der Informationstechnik und Elektronik zugeord- net. (Etymologie: https://www.etymonline.com/word/digital vom 14.12.2017)

48 Wissen zeichnet sich durch die Selektion von Informationen fur ein Anwendungsgebiet aus. Daten als Rohstoff anzusehen sei missverstandlich, dahingehend, dass das reine Datum semantikfrei ist. Die Erhebung und Aggregation in Big Data beinhaltet bereits eine Relevanzbewertung gemaB einem Zweck und einer Rahmung (Wiegerling 2016: 21f).

49 Historisch verweist das politische Revolutionsverstandnis auf eine erfolgreiche, nicht vorhersehbare Umwalzung eines Regimes (Misserfolg ware ein Putsch) und wird im Nachhinein als solche ausgeru- fen. Dem rein evolutionistischen Revolutionsbegriff industrielle Revolution fehle der Moment der Gewalttatigkeit. Gepragt ist sie durch technische Produktionsveranderungen und den Wandel zum Fortschritt. Kritisch bemerkt Lenk (1973: 11), dass der Begriff der industriellen Revolution sich „(...) vielseitig, schillernd und oft nichtssagend (...) zur Kennzeichnung sehr heterogener Prozesse“ eignet.

50 Im Evolutionsverstandnis pragte die erste Phase Branchen, welche sich Daten und immaterielle Transaktionen zu nutzen machen (u.a. Musikbranche oder Online-Handel wie Amazon). Die zweite betrifft produzierende Gewerbe und Vernetzung physischer Objekte (Hirsch-Kreinsen 2015:3).

51 Nicht zu verwechseln mit der Third Industrial Revolution von Rifkin (2012). Informatisierung wird durch IKT als Basisinnovation der Digitaltechnik ermoglicht (Orwat/Grundwald 2005: 245). Dabei wurde der erste Computer Z3 1941 von Konrad Zuse fur militarische Zwecke im ersten Weltkrieg entwickelt, bevor der Personal-Computer in Produktionsprozessen 1969 das digitale Zeitalter startete.

52 Nora und Minc (1979: 29, 155) fokussierten die Gestaltung gesellschaftlicher Veranderungen und notwendige PolitikmaBnahmen, die durch die Informatisierung ausgelost wurden. Neben Produktion wurden auch menschliche Verhaltensmuster maBgeblich beeinflusst. Ferner „(...) ermoglicht die In- formatisierung neue Formen des Wirtschaftens, vom Kauf und Verkauf via Internet bis zur grenzenlo- sen Zusammenarbeit internationaler Teams in den Datennetzen. Produktions- und Verwertungsketten werden neu zusammengesetzt; die Anteile von Elektronik und Software in traditionellen Branchen und Produkten nehmen exponentiell zu; neue Medien schaffen neue Moglichkeiten der Steuerung und Kontrolle von Produktionsprozessen; die Informatisierung verknupft Finanzmarkte und Unternehmen bis in ihre Steuerungslogistik hinein; mit dem Internet entsteht ein globaler verfugbarer Informations- raum, der den Menschen als neuartiger sozialer Handlungsraum gegenubertritt.“ (Baukrowitz et al. 2006: 11) Anh. A17 zeigt weitere potentielle kurz- und langfristige Effekte der Informatisierung.

53 Die Langsschnittstudie von 2012/13 umfasst 1.219 deutsche Betriebe. Diejenige von 2014/15 insge- samt 771 deutsche Betriebe und 7.109 Beschaftigte (BetriebsgroBen ab 50 sozialversicherungspflich- tigen Beschaftigten im privaten Sektor). Dabei gaben 65% an, eine Arbeitsverdichtung wahrzuneh- men, knapp 80% sehen Notwendigkeiten der standigen Weiterentwicklung (BMAS 2016b: 14f).

54 Guter lassen sich in rivalisierend und nicht-rivalisierend unterteilen, die sich erneut orthogonal in ausschlieBbar oder in nicht-ausschlieBbar einteilen lassen (Perman et al. 2011: 113, 122 Anh. A18).

55 Eine Liste der Massiv Open Online Courses (MOOC) ist hier zu finden: http://mooc.org/.

56 Der nun insolvente Filmhersteller KODAK wurde durch Geschaftsmodelle der digitalen Fotografie disrupted, indem der Trend nicht erkannt und gefordert wurde (Meck/Weiguny 2015).

57 So betitelt sich auch die Universitat Paderborn als Universitat der Informationsgesellschaft, da sie mit ihrem stark etablierten Informatik-Profil und der interdisziplinaren Durchdringung anderer Wis- sensbereiche dem sich aktuell abzeichnenden gesellschaftlichen Trend nachkommt. Das Profil der Universitat ist durch die Vorantreibung informationsbasierter Gesellschaftsstrukturen und gleichzeiti- ger kritischer Reflexion gepragt. Siehe: http://www.uni-paderborn.de/universitaet/ vom 01.04.2018.

58 Kritisch stellt Liessmann (2006: 26) heraus: “Eine Gesellschaft, die sich selbst durch das Wissen definiert, konnte als eine Sozietat gedacht werden (...). Jeder Blick auf die rezente Gesellschaft aber zeigt, [dass] das Wissen dieser Gesellschaft nichts (...) mit den Tugenden der Einsicht, lebensprakti- schen Klugheiten letztlich mit Weisheit assoziiert [werden kann].“

59 Lokale und globale digitale Spaltung verweist auf ungleiche Chancen und Moglichkeiten aufgrund von Heterogenitat bezuglich des Internetzugangs und Nutzungsmoglichkeiten (Krohling 2017: 35).

60 IKT-Potentiale zur Erreichung und Forderung nachhaltiger Entwicklung wurde mehrfach erwahnt.

61 Generelle Ziele: Ausbreitung der IKT, Beschleunigung des Fortschritts, globale Vernetzung, Auf- bau einer Wissensgesellschaft und digitale Kluft verringern; Ferner konnte IKT zur Selbstbestimmung der Frauen beitragen (Ziel 5.b); auBerdem weniger entwickelten Landern erschwinglichen Internetzu- gang gewahren (Ziel 9.c); insgesamt soll ein offentlicher Informationszugang gewahrt werden (Ziel 16); die Diffusion von IKT und Techniktransfer soll ebenfalls gefordert werden (Ziel 17.8, 17.8).

62 Digitale Transformation wird hier nicht nur als ein Veranderungsprozess auf Unternehmensebene, sondern auch auf Gesellschafts- und weiteren relevanten Ebene verstanden (Hofer-Jendros 2016: 41).

63 Teils ist eine fur hier irrelevante Unterscheidung zum Internet of Everything (IoE) vorzufinden.

64 „Ein Algorithmus ist ein Verfahren zur Losung eines mathematischen Problems. Durch die Imple- mentierung von Algorithmen in Programmcodes konnen Computer in die Lage versetzt werden, Lo- sungen fur bestimmte Problemstellungen zu berechnen, so etwa bei der Verarbeitung von Big Data zu Smart Data“ (BMAS 2017: 198). Dabei konnen verschiedene Arten von Algorithmen unterschieden werden. (Selbst-)Lernende Algorithmen und maschinelles Lernen werden als kunstliche Intelligenz bezeichnet. Bei diesen Anwendungen geht es darum, menschliche Fahigkeiten zu simulieren, die auf Basis von Datenmengen Regeln ableiten (BMAS 2017: 21, 68, 201).

65 In ihrem vorerst fur den US-Markt herausgegeben Buch Second Machine Age erlautern die Autoren wirtschaftliche als auch gesellschaftliche Auswirkungen. Das erste Maschinenalter (18tes Jhd.) ent- spricht dabei der Uberwindung der physischen Einschrankungen durch die Entwicklung der mechani- schen, physischen Kraft der Dampfmaschine (Anh. A16).

66 Doch werden Algorithmen fur Problemlosungsverfahren oder entscheidungsunterstutzend einge- setzt, sei zu bedenken, dass Mustererkennung immer vor dem Hintergrund kultureller und somit nor- mativer Gegebenheiten eingesetzt wird, folglich nicht wertfrei ist (Wiegerling 2016: 19f).

67 Prognosen zur Entwicklung von KI seien selbst durch Experten kaum moglich und u.a. vom Center for the study of existential risks als groBe Bedrohung gesehen (Weizsacker/Wijkman 2018: 58, 171).

68 “Because of the accuracy with which Moore's Law has predicted past growth in IC complexity, it is viewed as a reliable method of calculating future trends as well, setting the pace of innovation, and defining the rules (...) the Law has aroused in users and consumers an expectation of a continuous stream of faster, better, and cheaper high-technology products.” (Schaller 1997: 53)

69 Die Autoren erlautern die Auswirkungen anhand der Sage vom Erfinder des Schachspiels: Als Be- lohnung vermochte dieser vom Konig genug Reis fur seine Familie bekommen. Er schlug vor, ein Reiskorn auf das erste Schachfeld zu legen, und dessen Anzahl pro weiteres Feld zu verdoppeln. Die insgesamt 63 Verdopplungen fuhrten zu ca. 18 Trillionen Reiskornern, was der Konig nicht ahnte. Laut den Autoren haben die Technologien die zweite Halfte des Schachfeldes erreicht mit kaum vor- stellbarer qualitativer und quantitativer Weiterentwicklung. Eine weitere Veranschaulichung: der aktuelle Intel Mikroprozessor der sechsten Generation (2015) verbrauche im Vergleich zur ersten Generation 1971 ein Neunzigtausendstel der Energie, kostet Sechzigtausendstel des Preises und sei 3500-fach leistungsfahiger (Friedman 2017:50).

70 Die Bedeutung menschlicher Kompetenz zeigte das bereits altere Beispiel der vollautomatisierten, menschenleeren Fertigungsanlage Halle 54, die 1980 von Volkswagen in Betrieb genommen, doch aufgrund von erheblichen Storfallen und Problemen wieder umgestaltet wurde (HeBler 2014).

71 Kagermann (2017: 235) ist federfuhrender Industrie 4.0 Visionar: „ Durch diese neue Qualitat der Automatisierung erhohen wir nicht nur die Wettbewerbsfahigkeit des Hochlohnstandortes Deutsch­land, sondern erzeugen durch wissensbasierte produktbezogene Dienstleistungen und neue Ge- schaftsmodelle rund um die starken industriellen Kerne zusatzliche Wertschopfungs- und Beschafti- gungsimpulse. (...) [D]ie Auswirkungen der vierten industriellen Revolution werden fur die wirtschaft- liche Entwicklung und Arbeitsorganisation ahnlich tiefgreifend sein wie im Falle der vorangegangen industriellen Revolutionen, die ihre volle Wirkung ebenfalls erst binnen Jahrzehnten (...) entfalteten.“

72 Dieser Co-Design-Prozess bedarf einer On-Demand-Fertigung und offenen Produktarchitekturen. CPS arbeiten unter Kundenbeteiligung die spezifischen Produktpraferenzen ein (Hu 2013: 6). Die flexible Produktion und Fertigung dreidimensionaler Objekte haben den Mainstream erreicht (Anh. A24) und konnen aus verschiedenen Material erstellt werden, vom individuellem Schokoriegel uber Knochenprothesen und Hautgewebe. Ausschuss und Abfall werden vermieden, da der 3D-Drucker nur benotigtes Material einsetzt (Cole 2015: 169ff). Weizsacker/Wijkman (2018: 102) sehen die Thematik des dezentralen Einsatzes jedoch als noch realitatsfern mit Hinblick auf den logistischen Aufwand durch die Versorgung mit verschiedensten chemischen Elementen sowie deren Entsorgung.

73 GemaB Kuhn sind Paradigmen grundlegende Annahmen bzw. Interpretationen von Begrifflichkei- ten, welche konstitutive Elemente einer Disziplin fur eine bestimme Zeitperiode darstellen. Anoma- lien und Schwierigkeiten bei realen Problemlosungsfindungen konnen Paradigmenwechsel im Sinne einer Wissenschaftsrevolution veranlassen. Diese beinhalten den Wechsel und Ubergang zu neuen Paradigmen und geltenden Annahmen. (Brockhaus online Kuhn Thomas Samuel vom 07.02.2018)

74 Green Economy zielt auf die Reduktion von Umweltauswirkungen ab (BMBF 2014: 20).

75 Entgegen dem in den 70ern/80ern vorherherrschenden Technikdeterminismus, bewirke Technik zwar unterschiedliche Aus- und Folgewirkungen, doch seien diese nicht bestimmend oder linear fur soziale und politische Veranderungen und Konsequenzen, sondern basieren auf komplexen Wechsel- wirkungen sowie vielzahligen Einflussfaktoren (Hirsch-Kreinsen/ten Hompel 2015: 4f).

Ende der Leseprobe aus 135 Seiten

Details

Titel
Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Synergie oder Widerspruch?
Untertitel
Inwiefern ist Digitalisierung ein Treiber für eine nachhaltige Entwicklung?
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
135
Katalognummer
V593934
ISBN (eBook)
9783346173850
ISBN (Buch)
9783346173867
Sprache
Deutsch
Schlagworte
digitalisierung, entwicklung, nachhaltigkeit, synergie, treiber, widerspruch, CSR
Arbeit zitieren
Sabrina Plaß (Autor:in), 2018, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Synergie oder Widerspruch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/593934

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