Textgrammatik und Stilistik. Textgrammatische Analyse des Märchens "Frau Trude" der Brüder Grimm


Seminararbeit, 2017

16 Seiten, Note: 1,3

Julius Graf (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DIE TEXTSORTE ALS UMFANGREICHSTE TEXTLINGUISTISCHE EINHEIT
2.1 Textsorte ,Marchen’
2.2 Anwendungsbeispiel: Marchen ,Frau Trude’

3. MINIMALE TEXTGRAMMATISCHE EINHEITEN
3.1 Begriffsklarung MTE
3.2 Anwendungsbeispiel: Einteilung ,Frau Trude’ in MTE

4. VERNETZUNG DER MTE
4.1 VERNETZUNG DURCH REFERENZ/KOREFERENZ
4.2 VERNETZUNG DURCH ISOTOPIE/ ISOSEMIE
4.3 VERNETZUNG DURCH KONNEXION
4.4 VERNETZUNG DURCH STRUKTURREKURRENZ

5. SCHLUSS

6 LITERATURVERZEICHNIS

7. ANHANG

1. Einleitung

„Der Terminus ,Text’ bezeichnet eine von einem Emittenten hervorgebrachte be- grenzte Folge von sprachlichen Zeichen, die in sich koharent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert.“1

Textgrammatik und Stilistik sind vergleichsweise sehr junge Disziplinen in der Sprachwissenschaft und beschaftigen sich mit der kommunikations- und funktions- bezogenen Sprachbetrachtung. Das hei^t, ein Text ist nicht lediglich eine Aneinan- derreihung von Satzen oder Zeichen. Er weist inhaltlich, wie formal, komplexe Zu- sammenhange auf, die dem Text als Ganzes eine kommunikative Funktion verlei- hen2

Im Rahmen dieser Arbeit soll dies anhand einer Analyse aufgezeigt werden. Exemplarisch dafur, wird das Marchen Frau Trude der Gebruder Grimm auf ausge- wahlte textgrammatische und stilistische Aspekte hin untersucht.

Zu Beginn wird kurz auf Textsorten im Allgemeinen eingegangen, um danach text- sortenspezifische Merkmale des Marchens zu erlautert. Im Anschluss daran werden Begriff und Bedeutung der Minimalen Textgrammatischen Einheiten definiert. In ei­nem weiteren Punkt werden Moglichkeiten der Vernetzung dieser besprochen. Im Speziellen sind dies die Vernetzung durch Referent/Koreferenz, durch Isotopie und die Verknupfung durch Konnektoren. Erlauterungen zur Vernetzung durch Struktur- rekurrenz sollen den Abschluss der Arbeit bilden. Alle genannten Aspekte werden nach einer kurzen theoretischen Einfuhrung auf das Marchen Frau Trude ange- wandt.

2. Die Textsorte als umfangreichste textlinguistische Einheit

Packungsbeilage, Kochrezept, Bericht und Werbeanzeige sind nur ausgewahlte Beispiele aus einer Vielzahl unterschiedlicher Textsorten. Diese werden durch sig- nifikante Charakteristika gekennzeichnet, erfullen eine bestimmte Funktion und sol- len letztlich eine spezifische Wirkung erzielen. Das hei^t, durch zahlreiche textin­terne und textexterne Kriterien lassen sich Texte unterschiedlichen Gruppen zuord- nen, oder eben davon ausschlie^en. Sie weisen also Textmuster auf und bieten daher im Rahmen der Textsortenbestimmung eine Moglichkeit der Klassifizierung.3 Untertextinternen Kriterien sind paraverbale odergrafische Merkmale, wie zum Bei- spiel eine fett und kursiv gedruckte Uberschrift zu verstehen. Ebenso sind Auffallig- keiten im Stil, welche Lexik, Grammatik und Textstruktur betreffen konnen, zu be- achten. Des Weiteren zahlen fachsprachliche Varietaten und der Kerngedanke des Textes dazu.4 Da die Art der thematischen Entfaltung und die Textfunktion Einfluss auf die Bestimmung der Textsorte haben, mussen sie ebenfalls zu diesem umfang- reichen und abstrakten Aspekt gezahlt werden. Im Gegensatz zur thematischen Entfaltung wird die Textfunktion, wie z.B. Appell oder Information, zusammen mit der Kommunikationssituation zu den textexternen Kriterien gezahlt.5

Bezuglich der Themenentfaltung lassen sich vier verschiedene Arten unterschei- den: deskriptive (beschreibende), narrative (erzahlende), explikative (erklarende) und die argumentative (begrundende) Themenentfaltung. Jeder Begriff beschreibt die Art und Weise, in welcher ein Thema erlautert wird. Die Textfunktion trifft Aus- sagen uber das Ziel oder den Sinn und Zweck eines Textes. So hat beispielsweise eine Nachricht eindeutig den Zweck den Leser - oder Horer - uber ein bestimmtes Ereignis zu informieren. Weitere Funktionen sind Appellfunktion, Obligationsfunk- tion, Kontaktfunktion und Deklarationsfunktion.6 Daraus lasst sich schlie^en, dass die beiden beschriebenen Aspekte in Zusammenhang zueinanderstehen.

2.1 Textsorte ,Marchen’

Im Gegensatz zur weit verbreiteten Meinung, Marchen seien nur phantastische Texte, die zum SpaR gelesen werden, haben diese durchaus eine Funktion. Neben dem Unterhaltungswert, bieten die beliebten und weit verbreiteten Geschichten ebenso eine padagogische Funktion. Durch falsches und richtiges Handeln der Fi- guren und die darauffolgenden Konsequenzen dienen sie beispielsweise der Moral- und Gewissensentwicklung oder als Identifikationsmoglichkeit, um schwierige Situ- ationen in Familie und privatem Umfeld meistern zu konnen.7 Bezuglich der The- menentfaltung wird ein narratives Muster verfolgt. Die Ereignisse der Handlung wer­den schrittweise in ihrer zeitlichen Reihenfolge geschildert. Das Marchen stellt den Prototypen eines Erzahltextes dar. Der Text steht im Prateritum geschrieben, wobei die wortlichen Reden im Prasens stehen.

Die Erzahlweise ist meist gespickt mit Sprichwortern, Formeln und Redensarten. Beispiele dafursind Syntagmen wie Es wareinmal... zu Beginn eines Marchens und Und wenn sie nicht gestorben sind... zum Ende der Erzahlung.8 Zusatzlich „begeg- nen Verben und Kopula + Adjektiv-Fugungen des Seins, des Habens, des Gesche- hens und der Tatigkeit."9 Um die Geschichte lebendiger zu machen, werden Parti- keln wie ach, altertumliche Ausdrucke wie ward und lautmalerische Begriffe verwen- det.10 Wiederholungen, in der Handlung oder von sprachlichen Formeln, treten oft in der Dreizahl auf. Hexen, Zauberer, Zwerge, Drachen und andere phantastische Wesen sind zentrale Figuren der Geschichten. Auch die Weltordnung ist denkbar einfach: es gibt das Gute, das am Ende belohnt wird, und das Bose, welches be­straft wird. So muss sich auch der Protagonist/die Protagonistin einem Abenteuer oder einer Prufung durch Gut oder Bose unterziehen.

2.2 Anwendungsbeispiel: Marchen ,Frau Trude’

Der Text Frau Trude stammt aus dem Werk Kinder- und Hausmarchen der Bruder Jakob und Wilhelm Grimm und weist zahlreiche der oben beschriebenen Merkmale eines Marchens auf. DerText beginnt mit der Eroffnungsformel Es wareinmal... und handelt von einem eigensinnigen Madchen, das durch Ungehorsam ihren Eltern gegenuber in die Fange einer bosen Hexe gerat und dabei umkommt. Das Tempus ist, mit Ausnahme der meisten wortlichen Reden, Prateritum. Diese stehen im Pra- sens. Die Themenentfaltung ist wie fur ein Marchen typisch, als narrativ zu bezeich- nen, da alle Geschehnisse der Reihe nach erzahlt werden und so aufeinander auf- bauen. Die Protagonistin der Geschichte wird einer Prufung unterzogen, welche Gehorsam ihren Eltern gegenuber voraussetzt. Das Scheitern der Hauptfigur be- dingt die erzieherische Funktion des Textes. Gleichzeitig stellt die Situation des Madchens - hin und her gerissen zwischen Gehorsam der Eltern und der Befriedi- gung der eigenen Neugierde - eine ideale Identifikationsmoglichkeit fur die Leser und Leserinnen dar. Bevordie Protagonistin zur Hexe, der Verkorperung des Bosen in der Geschichte, durchdringt, kommt sie an drei Mannern vorbei. Somit ist auch das Merkmal der magischen Dreizahl enthalten. „»Ach,« antwortete es und zitterte am Leibe,“11 und „»Oho,« sagte sie,“12 sind Beispiele fur Partikeln in wortlichen Re­den, welche dem Text mehr Lebendigkeit verleihen sollen. Des Weiteren sind ar- chaische Ausdrucksweisen und Begriffe wie „wie konnte es dem gut gehen?“13, „zit- terte am Leibe“14 und „ich habe schon lange auf dich gewartet und nach dir ver- langt“15 darin enthalten.

3. Minimale Textgrammatische Einheiten

3.1 Begriffsklarung MTE

Die Grammatik erfasst durch Beschreibung die Kombinationsmoglichkeiten von Sprachzeichen. Sie ist hierarchisch angelegt und steigt von der Morphemebene (Wortbildung und Flexion) uber die Satzebene (Syntax) bis zurTextebene.16

Wahrend sich also die Syntax mit der Lehre des Satzbaus beschaftigt, ist fur die Textgrammatik der komplette Text, bestehend aus mehreren textgrammatischen Einheiten, von Bedeutung. Diese Einheiten werden als Minimale Textgrammatische Einheiten bezeichnet, kurz MTE. Ihr normales Erscheinungsbild ist der Satz. Zu be- achten gilt es jedoch, dass eine Minimale Textgrammatische Einheit neben einfa- chen Satzen auch aus komplexen Satzen mit mehreren neben- oder untergeordne- ten Propositionen bestehen kann. Ebenso konnen MTE als Ellipsen, Parenthesen oder Setzungen auftreten.17 In der Regel sind die Minimalen Textgrammatischen Einheiten fortlaufend gereiht. Wird bei kontinuierlicher Reihung eine MTE in eine andere eingeschoben, so nennt man dies Parenthese bzw. Schaltsatz. In einer Ana­lyse werden die beiden Teile des unterbrochenen Satzes, der als Tragersatz be­zeichnet wir, mit den Buchstaben a und b markiert. Eine Ausnahme bildet hier bei- spielsweise die Lyrik. Hier findet ein Bruch der Reihung statt, wenn eine MTE auf jeweils eine Zeile oder eine komplette Strophe verteilt wird.18

3.2 Anwendungsbeispiel: Einteilung ,Frau Trude’ in MTE

Im Folgenden wird das Marchen Frau Trude der Gebruder Grimm in seine minima­len textgrammatischen Einheiten gegliedert. Aus praktischen Grunden werden Konnektoren ebenfalls bereits gekennzeichnet. Auf diese wird an anderer Stelle ge- nauer eingegangen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(MTE 1) Es war einmal ein kleines Madchen, (MTE 2) das war eigensinnig und vor- witzig, [Konnektor] und (MTE 3) wenn ihm seine Eltern etwas sagten, so gehorchte es nicht: (MTE 4) wie konnte es dem gut gehen? (MTE 5) Eines Tages sagte es zu seinen Eltern (MTE 6) »ich habe so viel von der Frau Trude gehort, (MTE 7) ich will einmal zu ihr hingehen: (MTE 8) die Leute sagen, es sehe so wunderlich bei ihr aus [Konnektor] und (MTE 9) erzahlen, es seien so seltsame Dinge in ihrem Hause, (MTE 10) da bin ich ganz neugierig geworden.« (MTE 11) Die Eltern verboten es ihr streng [Konnektor] und (MTE 12) sagten »die Frau Trude ist eine bose Frau, die gottlose Dinge treibt, [Konnektor] und (MTE 13) wenn du zu ihr hingehst, so bist du unser Kind nicht mehr.« [Konnektor] Aber (MTE 14) das Madchen kehrte sich nicht an das Verbot seiner Eltern [Konnektor] und (MTE 15) ging doch zu der Frau Trude.

[...]


1 Brinker/Colfen/Pappert (2014): S. 17.

2 Vgl. Fix/Poethe/Yos (2003): S. 5.

3 Vgl. Kessel/Reimann (2012): S. 204-205.

4 Vgl. ebd., S. 205.

5 Vgl. ebd., S. 206.

6 Vgl. ebd., S. 206.

7 Vgl. Greule/Reimann (2015): S. 68.

8 Vgl. ebd., S. 68-69.

9 Eroms (2008): S. 86.

10 Vgl. ebd., S. 84.

11 Jakob/Wilhelm, Grimm (2014): S. 216.

12 Ebd., S. 216.

13 Ebd., S. 216.

14 Ebd., S. 216.

15 Ebd., S. 216.

16 Greule/Reimann (2015): S. 3.

17 Vgl. Greule/Reimann (2015): S. 5-7.

18 Vgl. Ebd., S. 8.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Textgrammatik und Stilistik. Textgrammatische Analyse des Märchens "Frau Trude" der Brüder Grimm
Hochschule
Universität Regensburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Textgrammatik und Stilistik
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V593936
ISBN (eBook)
9783346168986
ISBN (Buch)
9783346168993
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Textgrammatik Sprachwissenschaft Analyse Märchen Stilistik sprachwissenschaftliche Analyse
Arbeit zitieren
Julius Graf (Autor), 2017, Textgrammatik und Stilistik. Textgrammatische Analyse des Märchens "Frau Trude" der Brüder Grimm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/593936

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