Flaneur vs. Flaneuse - Abklatsch oder etablierte literarische Gattung?


Hausarbeit, 2006

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Anne Friedberg
1.1 Das Kino - mobilzed gaze: eine erweiterte Form der Flanerie?
1.2 Shopping Malls - Ort der Flaneuse?

2 Antje Wagner - Liebesbriefe aus Erfurt

Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Jeder Mensch nimmt seine Umwelt auf unterschiedliche Art und Weise wahr, interpretiert Sachverhalte und Verhaltensweisen seiner Mitmenschen anders und besitzt ein individuelles Aufnahmevermögen, das diesen Menschen prägt und das er ebenso auf seine Umwelt reflektiert. Diese Hausarbeit soll sich mit dem Phänomen des expliziten Beobachters in der Stadt und in verschiedenen anderen sozialen Gefügen befassen - dem Flaneur und speziell in dieser Hinsicht auf die weibliche Form des Flaneurs eingehen. Was sind sozusagen 'typische' weibliche Charakteristika, welche Stile verfolgen und repräsentieren diese Frauen? Wie können und konnten sich Frauen im künstlerischen und literarischen Diskurs behaupten und ist eine Lesart der 'Flaneuse' als die weibliche Form des Flaneurs zulässig? Ist sie als dessen Gegenstück zu betrachten oder stellt sie eine eigene Gattung im weiteren Sinne dar? Der Typus Flaneur in der Literatur wurde von seinem früheren Ebenbild, dem Wanderer, abgeleitet, der die Natur durchstreifte und, an dem, was er dort beobachtete, seinen Gedanken und Gefühle artikulierte. Den Eingang in die Literatur fand er schließlich mit Edgar Allan Poes Erzählung „The man of the crowd“ von 1838. Seitdem sah sich der beobachtende Mensch in einer städtischen Welt, die geprägt war, durch stete Veränderung und rasanter Entwicklung im Alltag, der Industrie und vielen anderen Bereichen. Problematisch in diesem Bereich des künstlerischen, und in diesem Zusammenhang nicht immer literarischen Schaffens emanzipierter Frauen, besonders des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, ist die Tatsache, dass diese kaum gefördert und in der Kritik unwürdig als eine eigene, fast 'kuriose' Gattung von Versuchsreihen weiblicher Ausdruckskunst deklariert wurden. Das bedeutet also, dass Männer, und somit auch der männliche Flaneur, als einzige, für solche Aufgaben prädestinierte Menschen angesehen wurden. Aufgrund dessen müssen hier durch stete Distanziertheit, jedoch immer mit dem historischen Kontext der vorherrschenden männlichen Dominanz in jener Zeit, die Werke und vor allem die Interpretation dieser, von Frauen geschaffenen Künste betrachtet werden. Bisweilen werden an angemessenen Stellen Exkurse im intertextualen Diskurs unternommen, um mithilfe derer Bezug zum Sachverhalt zu intensivieren und gleichzeitig zu globalisieren. Des weiteren werde ich auf das Kino eingehen, da dies den Irrtum der alleinigen Existenz eines „rein männlichen Flaneurs“ aufdeckt, hintergründet und exemplarisch als Gegenargument zu sehen ist. Shopping Malls sollen in Anbetracht des weiblichen Typus klischeehaft veranschaulichen, welche Möglichkeiten und Grenzen der Frau entgegenstehen und analysiert ansatzweise diese neue Form der weiblichen Flanerie ohne ausschweifend in dieses Klischee zu verfallen. Das Thema der Frau als Autor und Künstler von Werken gegenüber der männlichen kritischen Betrachtungsweise ist teilweise noch bis in die heutige Zeit zu beobachten. Somit ist die Emanzipation der Frau in 'typisch männlichen' Bereichen immer noch aktuell. Prof. Dr. Anne Friedberg befasste und befasst sich engagiert als Wissenschaftlerin für Filme und Literatur mit diesem Thema und setzte somit Meilensteine in diesem Bereich der Forschung. Als regionaler Vergleichspunkt eignete sich für diese Arbeit die Stadtschreiberin für Erfurt, Antje Wagner, die 2005 ein Stipendium erhielt, um ihre Eindrücke der Stadt wiederzugeben. Leider war es nicht möglich, mit ihr persönlichen Kontakt aufzunehmen, ihre publizierte Reihe „Magische Schlangen“ in der Thüringer Allgemeinen Zeitung eröffnete jedoch eine gute Grundlage für eine Stilanalyse und die Wahrnehmung von städtischen Gegebenheiten einer weiblichen Person. In der gesamten Arbeit wurde immer wieder der Vergleich zu dem 'typischen' Flaneur als männliches Phänomen gezogen. Dadurch rückt stellenweise die Frau in den Hintergrund, jedoch nicht, weil der Flaneur qualitativ (wenn auch quantitativ) höherwertig wäre, sondern durch historische Tatsachen, dass die vermeintliche Flaneuse sich erst etablieren musste und somit nur bedingt Vergleichspunkte gezogen werden können.

1 Anne Friedberg

Um sich in der Welt des Flaneurs zurecht finden zu können, ist es notwendig, diesen zumindest kurz zu charakterisieren. Vorab ist wohl anzumerken, dass der Flaneur1 traditionell als männliches Wesen beschrieben wurde, da die Frau des 19. Jahrhunderts im literarisch-künstlerischen Bereich noch nicht voll anerkannt etabliert war. Als gut statuierte Person mit bürgerlicher Kleidung und somit dem Bürgertum, aber auch oft dem Adel angehörig, geht er anonym, mit Vorliebe durch die Großstädte und beobachtet schweigend, jedoch mit besonderem Blick sein Umfeld. Die Stadt ist für ihn wie ein gut zu lesendes Buch und die Architektur wie dessen Buchstaben, die durch das Verhalten der Menschen lesbar gemacht und gerade durch diese einen lebhaften Charakter bekommen. Als die Hauptstadt der Flanerie des 19. Jahrhunderts wird die Stadt Paris gesehen. Durch ihre architektonische Neuordnung unter Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts, sowie gleichzeitig der Erhaltung der verwinkelten Viertel rund um das Zentrum, wurden neue Lebensarten und ein Anstieg der Geschwindigkeit des Alltags ermöglicht. Neue Kultur- und somit auch soziale Phänomene traten auf, schockierten, frustrierten, aber faszinierten den Flaneur zugleich. Die Stadt, gesehen als Labyrinth oder Dschungel, in der sich der Flaneur bewegt, ist in sofern als sein Text zu sehen, als dass zwischen der Stadt und dem Text als tertium comparationis das Zeichen steht. Zeichen der Stadt als architektonisches Gefüge mit human-soziologischem Inhalt sind die spezifischen Details, die wie in einem textualen Gefüge lesbar sind. Sie offenbaren sich dem Flaneur mit einem steten Kontext und lassen sich somit als eine Art Geschichte lesen. Bei diesen Eindrücken sind wiederum verschiedene Typen zu unterscheiden. Als eine Art Katalog sind immer wieder kehrende Bilder (Straßenzüge, typische situationsbedingte Bilder) zu sehen, die auftretende Rasanz des Lebens in der Großstadt durch die stete Veränderung des Stadtbildes lässt kleine und große Geschichten sichtbar werden. Des Weiteren drückt sich die Vergänglichkeit in den verschiedenen Bereichen immer wieder aus und hebt gleichzeitig die aufkommende Moderne hervor.

1.1 Das Kino - mobilized gaze: eine erweiterte Form der Flanerie?

Der Flaneur kennzeichnet sich also durch die freie Bewegungsmöglichkeit in der Großstadt aus. Was macht dann gerade das Kino zu einem Ort der Flanerie? Anne Friedberg nimmt sich in ihrem Werk „Les Flâneurs du Mal(l)“: Cinema and the Postmodern Condition.“ dieser Form der Flanerie des frühen 20. Jahrhunderts an. Mit dem Auftreten der ersten Begegnungsstätten mit kinoähnlichem Charakter zu Beginn des 20. Jahrhunderts, erfuhr der Mensch eine neuartige Form der Beobachtungsmöglichkeit. Durch die verschiedenen filmtechnischen Instrumente und Perspektiven, wie zum Beispiel die Nahaufnahme, wurden nun Dinge sichtbar oder bewusst gemacht, die schon immer existent waren, jedoch nie gesehen wurden. Im Kino stehen sich nun zwei gegensätzliche Argumente konfliktreich gegenüber. Zum Einen der Flaneur als ein Individuum, seine Beweglichkeit im freien Raum liebend und zum Anderen das Kino als ein Raum des Massenmediums, in dem eine Unbeweglichkeit in den nummerierten Sitzreihen vorhanden ist, die bestimmte soziale Regeln fordert. Hier steht jedoch nicht der beobachtende Mensch als Flaneur im Mittelpunkt, der ja eben durch seine Starre in der anonymen Masse des Publikums verharrt, sondern die Kamera an sich, die mit ihrem „mobilized gaze“2 künstlich hergestellte Situationen oder dokumentarische Szenen einfängt und dem Zuschauer vermittelt. In diesem Fall lässt sich schon zeigen, dass der Flaneur nicht unbedingt als ein Individuum menschlicher, geschweige denn männlicher Natur vorzustellen ist. Vielmehr zeigen sich flanierende Schemata in dem Bereich, wo Situationen, Objekte und Relationen mit besonderem Blick betrachtet und kontextual verwertet werden. Dies kann auf verschiedene Art mit unterschiedlichen Mitteln passieren. In einer besonderen Weise zeigen die Photographien Candida Höfers von den Zoologischen Gärten, die seit 1984 in der Kunsthalle Bern umfassend ausgestellt waren. Mit dieser verband sich gleichermaßen eine kritische Betrachtung der Stellung der Frau in der Kunst im weiteren Sinne. Ihre photographischen Arbeiten veranlassten zum Beispiel Franz Kafka zu einem Bericht über diese Ausstellung und damit zu einer Auseinandersetzung mit dem Bild eines weiblichen Flaneurs in einer besonderen Form. Wenn also die Kamera, gewissermaßen als Subjekt im Mittelpunkt steht, diese beobachtet und ihre hervorgebrachte Photographie dann die Möglichkeit der Betrachtung dem Menschen übermittelt, jedoch auch mit ihrem Blickwinkel begrenzt, welche Rolle vertritt dann die Photographin? Kafka merkte dazu in einer kognitiv Weise an: „Es schien mir plötzlich klar, dass Frauen, deren eigenes Geschlecht bis dahin als Metapher des Fremden und Verschwundenen gedient hatte, keine Bilder zur Verfügung haben, wenn sie aus der Distanz, das heisst, ohne sich körperlich direkt identifizieren zu müssen, (weibliche) Zeitstimmungen zur Darstellung bringen wollen.“3 Diese Auffassung Kafkas zeigt das Problem der künstlerisch engagierten Frau bis in die Neuzeit, in der kritischen Gesellschaft integrieren zu wollen, jedoch dabei immer wieder auf Widerstand zu stoßen. Gleichzeitig wird aber auch hervorgehoben, dass der weibliche Blick zahlreiche andere Nuancen aufweist, die gegenüber dem traditionellen männlichen Flaneur, völlig.

[...]


1 Nach der Forschungslage ist der erste Flaneur als literarische Figur bei Edgar Allan Poes „The man in the crowd“ von 1838 zu sehen.

2 Friedberg, Anne: >>Les Flâneurs du Mal(l): Cinema and the Postmodern Conidition.<< PMLA: Publications of the modern Language Association of America 106:3 (Mai 1991): S. 419-31. (aus dem Semesterapparat 1113)

3 Siehe: http://www.xcult.org/volkart/pub_d/kritiken/candida.html, Franz Kafka, Ein Bericht für eine Akademie.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Flaneur vs. Flaneuse - Abklatsch oder etablierte literarische Gattung?
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
De„Der Flaneur und die moderne Großstadt bei Walter Benjamin, Franz Hessel und Siegfried Kracauer“
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
12
Katalognummer
V59406
ISBN (eBook)
9783638533584
ISBN (Buch)
9783640203840
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flaneur, Flaneuse, Abklatsch, Gattung, Flaneur, Großstadt, Walter, Benjamin, Franz, Hessel, Siegfried, Kracauer, Figur, Literatur
Arbeit zitieren
Mathias Seeling (Autor), 2006, Flaneur vs. Flaneuse - Abklatsch oder etablierte literarische Gattung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59406

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