Die Machtposition der Massenmedien

Beeinflusst die Berichterstattung der digitalen Zeitung Express Islamfeindlichkeit in Deutschland?


Hausarbeit, 2019

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Islamfeindlichkeit
2.1. Ursachen
2.2. Aktueller Stand in Deutschland

3. Die Massenmedien
3.1. Die Machtstellung der Massenmedien
3.2. Mediale Diskurse zum Thema Islam
3.2.1. Diskriminierungsmethoden

4. Die digitale Zeitung Express
4.1. Medienanalyse

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Der Islam und seine Vereinbarkeit oder auch Unvereinbarkeit mit der deutschen Gesellschaft wird aktuell heftig debattiert. Die Anzahl der Übergriffe auf MuslimInnen steigt, Wohnheime von AsylbewerberInnen werden abgebrannt und beschmutzt. Es ist die Rede von einem gewaltigen Riss in unserer Gesellschaft. Auch in der Politik herrschen verschiedene Meinungslager. Beispielsweise äußerte sich der ehemalige Bundesinnenminister Hans Peter Friedrich zu einer Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, in der dieser die Aussage traf, dass der Islam zu Deutschland gehöre, wie folgt: „Um das klar zu sagen: Die Leitkultur in Deutschland ist die christlich-jüdisch-abendländische Kultur. Sie ist nicht die islamische und wird es auch nicht in Zukunft sein. […] Dass der Islam Teil unserer Kultur ist, unterschreibe ich nicht“ (vgl. Shooman 2014, S. 36). In den Medien ist die Islamdebatte ein Dauerthema, die Regierung hat eine Islamkonferenz (vgl. BMI: Tagungsband Muslimfeindlichkeit. Berlin 2012) einbestellt, um sich intensiver mit der Thematik auseinanderzusetzen. Bei den Fragen, die sich Gesellschaft, Medien und Regierung stellen, geht es im Großen und Ganzen darum, ob und wie „der“ Islam in die deutsche Gesellschaft zu integrieren ist und inwiefern wir uns ihm gegenüber öffnen sollen und müssen. Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit sind hoch aktuell. Sie werden teils offen und teils verborgen geäußert und führen zu einer sukzessiven Diskriminierung von MuslimInnen aus unserer Gesellschaft. IslamkritikerInnen sprechen oft von „Kulturferne“ (ebd., S. 48) und einer ‚Unintegrierbarkeit‘ der Muslime, „stigmatisieren“ diese als „unüberwindbar fremd“ (ebd., S. 49). Der „aktuelle antimuslimische Rassismus“ speist „sich aus einer langen Tradition europäisch-christlicher und orientalistischer Islambilder“ und „kann als ein komplexes Geflecht aus verschiedenen historisch tradierten Elementen verstanden werden“ (ebd., S. 53). In der heutigen Zeit nehmen die Medien eine wichtige Rolle ein. Die Massenmedien erlauben es uns, 24-Stunden am Tag über alle Geschehnisse auf der Welt informiert zu sein. Wir vernetzen uns und kommunizieren international. Die digitalen Medien sind unser ständiger Begleiter. Wir verfolgen jeden Tag rund um die Uhr die Nachrichten und haben jederzeit Zugriff auf Wissen. Doch die Technik hat auch Schattenseiten. Die neuen Massenmedien gewähren in den meisten Fällen keine sachgemäße Berichterstattung. Sie überhäufen uns mit einer Nachrichtenflut, ohne diese vorher auf Richtigkeit und Neutralität zu selektieren. Durch ihre Berichterstattung üben die Massenmedien Macht und Einfluss auf die Gesellschaft aus. Ich beschäftige mich in der folgenden Hausarbeit damit, wie die Themen Islam und Migration in den Massenmedien und speziell in der Kölner Boulevard-Zeitung ‘Express’ dargestellt werden und welche Auswirkungen dies auf das Gedankengut der BürgerInnen in Deutschland hat. O.g. Aspekte werden unter folgender Fragestellung behandelt:

Beeinflusst die Berichterstattung der digitalen Zeitung Express Islamfeindlichkeit in Deutschland?

Im ersten Schritt der Hausarbeit werden theoretisch fundierte Aussagen zu Islamfeindlichkeit, Ursachen, Kulturrassismus und dem aktuellen Stand in Deutschland getroffen. Im nächsten Themenabschnitt der Hausarbeit werden die Massenmedien definiert und deren Machtstellung in der Gesellschaft behandelt. Im Anschluss wird die Machtposition der Medien erläutert und einige mediale Diskurse zum Thema Islam genannt. Diese sollen verdeutlichen, auf welche Art und Weise MuslimInnen medial dargestellt werden. Anhand einer Medienanalyse der digitalen Zeitung ‘Express’ wird aufgezeigt, wie die antimuslimischen Argumentationsstrukturen in der Berichterstattung eingesetzt werden. Schließlich werden die Analyseergebnisse zusammengefasst, die Fragestellung beantwortet und eine Zukunftsprognose aufgestellt.

2. Islamfeindlichkeit

Die Abwertung und Ablehnung des Islams gegenüber lässt sich in verschiedene Dimensionen einteilen, die sich mitunter unterscheiden oder überschneiden. ForscherInnen differenzieren zwischen den Begriffen Phobie, Feindlichkeit, Rassismus, antimuslimischer Einstellung, Ablehnung, Kritik und Verhaltensdistanz. Von einer „aufklärerisch-menschenrechtliche Islamkritik“ sprechen Experten, wenn einzelne „Bestandteile oder Auslegungen der Religion und deren Wirken in der Gesellschaft hinterfragt“ (vgl. Logvinov 2017, S. 6. zit.: Pfahl-Traughber 2014, S. 28) werden oder aus dem atheistischen Blickwinkel die religiöse Orientierung im Allgemeinen. Spricht man von antimuslimischer Einstellung, ist darunter eine „abgrenzende und intolerante Haltung muslimischer Gruppen oder einzelner Muslime“ gemeint, die auf Vorurteilen basiert und ,,einzig auf deren Zugehörigkeit zum Islam begründet liegt (Küpper et. Al. 2013, S. 10). „Diese Vorurteile gründen auf Kategorisierungs- und Stereotypisierungsprozessen,“ (ebd.) d.h. Menschen werden zu einzelnen Gruppierungen zugeordnet (z.B. Muslime, Islam), die wiederum pauschal „mit positiven oder negativen Stereotypen verknüpft werden.“ (ebd.). Ein weiterer Aspekt ist die Muslimfeindlichkeit, welche sich auf „antimuslimischen Rassismus“ zurückführen lässt (vgl. Bielefeldt 2012, S. 27). Es findet hier eine „pauschalisierende Ablehnungskonstruktion, infolge ‚ethnisierender‘ Zuschreibungen“ statt (vgl. ebd.). Musliminnen und Muslime werden kategorisiert als die „Zielgruppe“, die durch „Diskriminierungs-, Gewaltintentionen oder Gewaltverhalten“ (vgl. Logvinov 2017, S. 8 – 9, zit.: Pfahl-Traughber 2014, S. 26) bekämpft werden soll. Die Dimension Islamfeindlichkeit steht für eine „ausgeprägte, fundamentale und unbedingte Ablehnung des Islams als Glaubensrichtung“, die mit „deren pauschalen Deutung als gefährlich, unmoralisch und verwerflich“ einhergeht (vgl. ebd., S. 6). Die „Bekämpfungsintention richtet sich vordergründig gegen den Islam als kulturrelevanten Wertkanon […] mit zugeschriebenen Eigenschaften wie raumeinnehmend, gewaltbereit, faschistisch, totalitär, frauenfeindlich und homophob“ (vgl. ebd., S. 8). Erreicht diese Ablehnung extremere Züge, ist die Rede von Islamophobie. Es handelt sich um einen Diskriminierungskomplex, der als GMF-Syndrom registriert ist und die „Abwertung und Diskriminierung einer religiösen Minderheit“ beschreibt (vgl. Leibold7Kühnel 2006, S. 137). Islamfeindlichkeit findet vermehrt im Internet Verbreitung, da dort eine geringe rechtliche Sanktionswahrscheinlichkeit droht. Des Weiteren ist im virtuellen Raum eine Radikalisierung eher möglich als in öffentlichen Diskursen. Beispielsweise wird dort von Verschwörungstheorien berichtet wie einer drohenden „Islamisierung Europas“ (vgl. Shooman 2014, S. 32).

2.1. Ursachen

Als Ursache für diese Diskriminierung müssen verschiedene Faktoren mit in Betracht gezogen werden. Wird eine bestimmte Gruppierung in einer Gesellschaft ausgeschlossen, kann dies mit gewissen identitätsstiftenden Mechanismen zusammenhängen. Shooman begründet dies damit, dass „die ausgeschlossene Gruppe das Gegenteil der Tugenden, die die Identitätsgemeinschaft auszeichnet, [verkörpert]. Das heißt also, weil wir rational sind, müssen sie irrational sein, weil wir kultiviert sind, müssen sie primitiv sein, wir haben gelernt, Triebverzicht zu leisten, sie sind Opfer unendlicher Lust und Begierde, wir sind durch den Geist beherrscht, sie können ihren Körper bewegen, [...] usw.“ (Shooman 2014, S. 27. zit.: Hall 2000, S. 14). Shooman erklärt weiterhin, dass „rassistische Diskurse Ein- und Ausschlüsse innerhalb einer Gesellschaft“ regeln. Diskurse werden als kollektives Wissen betrachtet, Meinungen, die von einem Großteil der Bevölkerung anerkannt werden. Dieses Wissen ist stets an „Raum und Zeit gebunden“ (vgl. ebd. 2014, S. 28). D.h. der sozialgeschichtliche Kontext muss immer betrachtet und in die Analyse mit einbezogen werden, um konkrete Schlüsse ziehen zu können. Der Soziologe Stuart Hall trifft die Aussage: „Wo immer wir Rassismus vorfinden, entdecken wir, dass er historisch spezifisch ist, je nach der bestimmten Epoche, nach der bestimmten Kultur, nach der bestimmten Gesellschaftsform, in der er vorkommt“ (vgl. ebd. S. 28. zit.: Hall, 2000, S. 11). In Westeuropa machen Muslime und Musliminnen eine Minderheit aus. Ihre Religion unterscheidet sich in Glaubensgrundlage, Religionspraktiken und Glaubenssätzen von der christlichen Religion, die hier vermehrt vertreten ist. MuslimInnen setzen sich in Westeuropa vor allem aus MigrantInnen und deren NachfahrInnen zusammen, die beispielsweise „aus ehemaligen Kolonien oder als ArbeitsmigrantInnen und Flüchtlinge“ eingewandert sind (vgl. Shooman 2014, S. 28).

2.2. Aktueller Stand in Deutschland

Aktuell findet man in Deutschland und allgemein in Europa „äußerst virulente antimuslimische Narrative in religiösen Debatten“ (Shooman 2014, S. 37). In diesen öffentlichen Diskursen werden der Islam und seine Anhänger unverhältnismäßig oft thematisiert. Kultur und Religion werden „als dominante Grenzmarkierung zwischen ‚Eigenem‘ und ‚Fremdem‘ bemüht“ (ebd.). Neben der „zunehmenden Sichtbarkeit praktizierender MuslimInnen […] und des Baus repräsentativer Moscheen,“ sind es die „mediale Präsenz des Islam“ und die „Terroranschläge des 11. Septembers 2001“, die immer wieder Grundlage für rassistische Aussagen bilden (vgl. ebd. S. 38). Aus soziologischer Perspektive wird eine diskursive Klassifikation in Selbst- und Fremdbilder, d.h. in „In- und Outgroup“ vorgenommen, die dadurch zu einem „Bestandteil kollektiven Wissens“ wird (vgl. ebd., S. 27). Viele Islamkritiker pochen auf die ‚Deutsche Leitkultur‘, die den gesellschaftlichen Konsens Deutschlands mit all seinen Werten, Ritualen, Leitlinien und Regeln widerspiegele. Die Rassentheorien aus der Zeit des Nationalsozialismus werden zwar von der Vielzahl der deutschen Bevölkerung ganz klar abgelehnt, jedoch „verschwanden […] keinesfalls rassistische Denk- und Handlungsweisen. Weiterhin bestehen „Ausgrenzungsmechanismen”, die Menschen mit unterschiedlichen Wertungen kategorisieren (vgl. Shooman 2014, S. 55). Es wird davon ausgegangen, dass der Kulturrassismus (siehe: Wallerstein/Balibar 1992) nicht auf der „biologischen Vererbung, sondern der Unaufhebbarkeit der kulturellen Differenzen“ zwischen den Individuen basiert (ebd.). Weiterhin wird hier eine Verallgemeinerung von „allen Personen einer kulturell-homogen definierten Gruppe“ vollzogen, denen „bestimmte Merkmale zugeschrieben“ werden (vgl. ebd.). Diese deterministische Herangehensweise führt dazu, dass Individuen nur noch auf „zugeschriebene Gruppenzugehörigkeiten“ reduziert werden. Klassifizierungen wie „Ethnizität, Kultur und Religion“ sind im „antimuslimischen Rassismus […] fest miteinander verflochten“ (vgl. ebd., S. 67). Als Beispiele nennt Shooman hier die synonyme Nutzung der Begriffe „Türke“, „Araber“, „Migrant“ und „Muslim“, wie sie in „medialen, politischen und auch wissenschaftlichen Diskursen“ Verwendung finden (vgl. ebd.). Merkmale aufgrund derer Muslime stigmatisiert und diskriminiert werden sind beispielsweise die Namensgebung, also „muslimische Vor- und Nachnamen“ und […] ein bestimmtes Äußeres (schwarze Haare, Bart etc.), die Sprache oder religiöse Kleidung wie das Kopftuch“ (ebd., S. 68). Ein Stigma ist ein „in den Körper quasi eingeschriebenes sichtbares Zeichen und […] diskreditiert […] den Träger in seinem sozialen Dasein und grenzt ihn oder sie durch die damit verbundene Abweichung von der Gemeinschaft der ‚Normalen‘ aus“ (vgl. ebd.).

3. Die Massenmedien

Als Massenmedien werden Kommunikationsmittel bezeichnet, die zur Verbreitung von Inhalten in der Öffentlichkeit Verwendung finden und eine Großzahl an Personen erreichen. Zu den Massenmedien zählen die traditionellen Printmedien wie Zeitungen und Zeitschriften, als auch die digitalen und elektronischen Medien wie beispielsweise das Internet und der Rundfunk. Die Informationen, die digital verbreitet werden führen zu einer ,,Pluralisierung von Information in sogenannter Echtzeit auf der ganzen Welt“ (Wallner 2018, S. 13). Wallner erklärt, dass das ,,Web 2.0" (ebd., S. 49) erstens ,,mehr Möglichkeiten für direkte Demokratie und Transparenz" schafft und den RezipientInnen zweitens eine aktive Gestaltung im Netz erlaubt (vgl. ebd.). Diese aktive Gestaltung findet beispielsweise in ,,Blogs, Chats und sozialen Netzwerken" (ebd.) statt, wo sich Individuen vernetzen und austauschen können. Das Internet ermöglicht seinen Konsumenten ununterbrochen Zugriff auf Bildung und Information. Durch die 24-Stunden-Berichterstattung der Massenmedien werden Rezipienten aktuell auf dem neuesten Stand des internationalen Geschehens gehalten (vgl. ebd.). Die Massenmedien ermöglichen durch ihren weiten Zugang zu Informationen und potenziellem Wissen viele Vorteile für ihre RezipientInnen. Jedoch werden Sachlichkeit, Neutralität und Rechtmäßigkeit ihrer Berichterstattung oft angezweifelt und angeprangert. Eine grundlegende Ursache für diese Problematik liegt in der fehlende Gatekeeper-Positionen, welche beispielsweise in den traditionellen Nachrichtenmedien für eine ,,sachgerechte Bedeutungsselektion und Objektivierung von Inhalten“ (Wallner 2018, S. V) sorgen. Die digitalen Nachrichten zeichnen sich durch eine unselektierte Berichterstattung und eine Datenflut aus, die dazu führt, dass LeserInnen undifferenzierte Meinungen bilden (vgl. Wallner 2018, S. V).

3.1. Die Machtstellung der Massenmedien

Die Kultivierungstheorie von Gerbner und Gross aus dem Jahre 1976 (Gerbner/Gross 1976, S. 173–199) zeigt auf, dass Fernsehinhalte oft eine verzerrte Realität darstellen. Die zentrale Hypothese der Theorie ist, dass Individuen die häufig fernsehen, die Welt in einer Art und Weise wahrnehmen, die die im Fernsehen vermittelte Realität widerspiegelt. Zu dieser Theorie führte der Wissenschaftler Florian Arendt im Jahre 2010 eine Studie durch (vgl. Arendt 2010). Arendt untersuchte diese Effekte in Österreich am Beispiel der Kronenzeitung. Sein Ziel war es, die Auswirkungen der Lektüre des Nachrichtenblatts auf die Weltsicht der RezipientInnen zu erforschen. Er analysierte und kodierte die Berichterstattung der Monate Februar bis Mai 2009. Insgesamt wurde in der Kriminalberichterstattung in 65,3% der Fälle die Täter als AusländerInnen betitelt. Daten des Bundeskriminalamtes zeigen jedoch, dass im Jahre 2008 nur 27,2% aller Tatverdächtigen AusländerInnen waren. Arendt verdeutlichte mit seiner Studie, dass die Kronenzeitung überrepräsentiert AusländerInnen als Straftäter (Realität: 27,2%, Krone: 65,3) darstellt. Er und seine Kollegen fassten ihre Studienergebnisse in einer Hypothese zusammen: „Je mehr jemand Krone liest, desto mehr überschätzt diese Person die Häufigkeit von AusländerInnen, insbesondere als Straftäter“ (vgl. Arendt 2010). Die Macht der Medien entspringt aus der „aktiven Konstruktion der Realität“ durch JournalistInnen, die Themen selektieren, nach ihren Vorstellungen gestalten und an die Öffentlichkeit tragen (vgl. Zöllner 2011, S. 33). Bezeichnend für das System der Massenmedien und deren Machtposition ist, dass eine Verdopplung der Realität stattfindet, d.h. durch bloße Berichterstattung erzeugt das Medium eine zweite Realität. Luhmann differenziert zwischen der „Realität als beobachtbare Operation" und der dadurch erzeugten „Realität der Gesellschaft und ihrer Welt“ (vgl. Karidi 2017, S. 21). Dies bedeutet, dass die Massenmedien durch ihre „systematische Eigenlogik“, Kontrolle darüber haben, „welche Realität“ sie ihren RezipientInnen eröffnen und wie sie diese Realität darstellen (vgl. ebd.). Die thematisierten öffentlichen Diskurse haben eine Wirkung auf die Bevölkerung, ihr Wissen, Bewusstsein und ihre Handlungen. „Diese Wirkung entsteht nicht durch einmalige und kurzfristige Konfrontation mit einzelnen Diskursfragmenten,“ sondern ist laut Kommunikationswissenschaftler Siegfried Jäger das „Ergebnis längerer diskursiver Prozesse, in denen sich […] allmählich mehr oder minder feste Wissenskerne herausbilden“ (Jäger 2010, S. 320). D.h. dass die individuelle Realitätswahrnehmung sich langfristig verändert und der dargestellten Realität des rezipierten Mediums angleicht. Dieses Wissen bestimmt das Verhalten der Subjekte und damit einhergehend auch die „Gestaltung von gesellschaftlicher Wirklichkeit“ (ebd.). Laut Jäger informieren die Medien nicht nur, sondern sie „formieren Bewusstsein und üben Macht aus“ (vgl. ebd.).

3.2. Mediale Diskurse zum Thema Islam

Das Thema Islam und seine Ablehnung war in der Vergangenheit medial noch nie so präsent wie heute. Rassistisches Wissen zirkuliert genauso wie kollektives Wissen in Diskursen und nimmt Einfluss auf das Verhalten, die ,,Wahrnehmung […] und Einstellung gegenüber Minderheiten“ (Shooman 2014, S. 41). Der Sprachwissenschaftler Van Dijk erklärt, dass die „Reproduktion rassistischer Diskurse nicht auf der Ebene individueller Äußerungen zu analysieren ist, sondern als kollektiver Wissensbestandteil [fest integriert ist im Alltag] einer Gesellschaft“ (Van Dijk 1993, S. 146).

3.2.1. Diskriminierungsmethoden

Fast tagtäglich berichten Medien über "Selbstmordattentate, Terroranschläge" (Wagner 2010, S. 337) und Tötungen in islamischen Ländern. Auch wird häufig von muslimischen MitbürgerInnen in Deutschland berichtet, die Probleme bereiten und negativ auffallen. Die enthaltenen Abwertungen “entfalten ihre Wirkung in der Bevölkerung” (vgl. ebd.) und lassen den Eindruck erwecken, dass sich die islamische "Kultur- und Religionsgemeinschaft" (ebd.) von unseren demokratischen Werten und Regeln abhebt und eine Integration ablehnt. Im Folgenden werden spezielle Diskriminierungsmethoden genannt, die die Basis für die Medienanalyse in Abschnitt 4.1. bilden. Gemäß Kommunikationsforscher Wagner nutzen IslamkritikerInnen ganz bestimmte Stilmittel und Strategien, um ihre Leserschaft zu überzeugen. Sie nutzen die Aneinanderreihung von Negativbeispielen und setzen auf Wiederholung (siehe: Framing), um LeserInnen Dringlichkeit aufzuzeigen. Weiterhin nutzen sie Alarmismus und Dramatisierung dazu, Angst in der Bevölkerung zu schüren und Vorurteile sowie Verallgemeinerungen zu verstärken. Sie denken sich beispielsweise „fiktive Bedrohungsszenarien“ (ebd., S. 338) aus, um Panik, Angst und Misstrauen gegenüber den ‚Fremden‘ zu erhöhen. Sie verzichten auf Belege, Beweise und Ursachen und simplifizieren Sachverhalte. Hierdurch wird eine vollkommen andere, falsche Nachricht verbreitet. In Berichten werden einzelne negative Erfahrungen pauschalisiert und verallgemeinert. Dies führt zu Voreingenommenheit und zum generellen Ablehnungsverhalten MuslimInnen gegenüber. Durch die "soziale Kategorisierung" werden Minderheiten lediglich als Mitglieder einer gewissen ethnischen oder religiösen Gruppe, wie zum Beispiel ‚Asylbewerber‘ oder ‚Muslime‘ wahrgenommen (vgl. ebd.). In diesem Zusammenhang findet häufig auch eine unterschwellige Abwertung und implizite Diskriminierung statt (vgl. Wagner 2010, S. 338). Eine soziale Kategorisierung kann implizit oder explizit stattfinden. Aussagen, wie ‚da wo die herkommen‘ oder ‚bei deren Religion‘ sind implizit und die „angesprochene soziale Kategorie [muss] aus dem Kontext erschlossen werden“ (ebd.). Eine weitere Diskriminierungsmethode ist die sprachliche Diskriminierung. Explizite sprachliche Bewertungen mit negativer Konnotation sind zum Beispiel ‚Scheinasylant‚ Wirtschaftsflüchtling, [...] Hausneger‘ (ebd.), ‚Rapefugee‘ und ‚Nafri‘. Wird in den Medien von Geflohenen berichtet, ist oft die Rede von einem 'Ansturm’ und einer ‘Überflutung‘. Diese Begrifflichkeiten beinhalten Konnotationen, die negativ assoziiert werden. Oft finden explizite Vergleiche der sozialen Kategorie statt (vgl. ebd.) Sie beinhalten einen "Bewertungsmaßstab" (ebd. S. 330), der der Aussage eine Orientierung verleiht. Häufig werden implizite Bewertungen mittels Metaphern vorgenommen. Eine Theorie, die in diesem Zusammenhang oft Verwendung findet, ist die „kognitive Metapherntheorie“ (vgl. Lakoff, G. / Johnson, M. 1998). Diese Theorie verdeutlicht, dass mehrere Einzelmetaphern zum selben Thema ein „Metaphernszenario“ bilden (vgl. Wagner 2010, S. 338), welches sich als ein Handlungsschema definiert, mit dem ein Ereignis repräsentiert werden kann. Jedes Szenario beinhaltet eine Interpretation der repräsentierten Handlungen und damit einen Bewertungsmaßstab“ (vgl. ebd.). Durch die Wahl geeigneter Metaphernszenarien wird RezipientInnen eine konstruierte Realität verdeutlicht.

4. Die digitale Zeitung Express

Die Tageszeitung ‘Express’ ist eine regionale Boulevardzeitung mit Sitz in Köln und erscheint täglich im Verlag M. DuMont Schauberg (vgl. Beck, K. et al. 2012, S. 35). Die verkaufte Auflage beträgt 88.862 Exemplare (vgl. ebd.). Die Zielgruppe ist zu 66% männlich, 20 - 49 Jahre alt, zeichnet sich durch eine eher niedriges Bildungsniveau aus und verfügt über ein durchschnittliches monatliches Einkommen (vgl. ebd., S. 36). Die Lesermeinung wird im digitalen Format unter jedem Artikel themenspezifisch anhand gewisser ‘Live-Abstimmungen’ abgefragt. Dies ermöglicht es der Zeitung, ihre Berichterstattung leserorientiert zu gestalten. Die formale Gestaltung fällt durch große Schlagzeilen (bis zu 7 cm) und intensive Farbgebung auf. Häufig nimmt die Überschrift mehr Platz ein als der eigentliche Bericht. Der Textanteil der Zeitung ist sehr gering gehalten und sachlich informative Berichte mit Inhalt sind kaum vorhanden (vgl. ebd.). Die auffallende formale Gestaltung der Zeitung verhält sich kongruent zum Inhalt und den Bedürfnissen der Leserschaft.

4.1. Medienanalyse

In Medienberichten finden sich oft Bewertungen und Diskriminierungen, die auf sprachlicher Ebene nicht direkt zu erkennen sind. Anhand sprachlicher Mittel können diese implizit oder explizit vermittelt werden. Um solche Bewertungen erkennbar zu machen, wird in der folgenden Analyse eines Medienberichts der Zeitung ‘Express’ vom 30.01.2019 die ‘Theorie der Metaphernszenarien’ (vgl. Lakoff/Johnson 1998) verwendet. Im Anhang der Hausarbeit werden exemplarisch weitere Artikel der Zeitung aufgeführt, in denen ein tendenziell islamfeindliches Metaphernszenario zu erkennen ist. Es wurden einige Begriffe markiert, die ein gewisses Szenario entstehen lassen. (vgl. Anhang 1). Der vorliegende Artikel wird weiterhin auf antimuslimische Argumentationsstrukturen und Rhetorik überprüft. Durch diese Analyse soll exemplarisch aufgezeigt werden, mit welchen Mitteln ein Bild des Islam in den Medientexten der Zeitung ‘Express’ entworfen wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Machtposition der Massenmedien
Untertitel
Beeinflusst die Berichterstattung der digitalen Zeitung Express Islamfeindlichkeit in Deutschland?
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
27
Katalognummer
V594110
ISBN (eBook)
9783346179715
ISBN (Buch)
9783346179722
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Massenmedien, Berichterstattung, Islamfeindlichkeit, Zeitung Express, Rassismus, Diskriminierung, Diskriminierungsmethoden, Medienanalyse, Mediale Diskurse, Islam, Rhetorik, Antimuslimische Argumentationsstrukturen, Digitale Medien, Fremdenfeindlichkeit
Arbeit zitieren
Stefanie Schary (Autor:in), 2019, Die Machtposition der Massenmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594110

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