Die Leitstellenlandschaft der nicht polizeilichen Gefahrenabwehr in Deutschland. Struktur sowie Optimierungspotentiale


Seminararbeit, 2019

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Hintergrund der Arbeit

2. Methode

3. Entwicklungsgeschichte: von der Telefonzentrale zur Integrierten Regionalleitstelle
3.1. Ausgangssituation
3.2. Integration
3.3. Regionalisierung

4. Leitstellenlandschaft in Deutschland
4.1. Ist-Zustand im Jahr 2016
4.2. Optimierungspotential
4.3. Siedlungsstruktureller Ansatz zur Optimierung der zukünftigen Leitstellenlandschaft

5. Diskussion

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Leitstellenlandschaft Ist-Zustand: durchschnittliche Einwohnerzahl je Leitstellenbereich

Abb. 2: Raumordnungsregionen in Deutschland

Abb. 3: mögliche Leitstellenlandschaft auf Grundlage des siedlungsstrukturellen Modells: durchschnittliche Einwohnerzahl je Leitstellenbereich

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Anzahl der Leitstellen zur Abfrage der Notrufnummer 112 pro Bundesland und Anzahl der zugehörigen Gebietskörperschaften

Tabelle 2: Einwohnerzahl, Fläche und Einwohnerdichte je Bundesland

Abkürzungsverzeichnis

AGBF Bund Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehr in Deutschland

BASt Bundesanstalt für Straßenwesen

BBSR Raumordnungsregionen des Bundesamtes für Bau-, Stadt- und Raumplanung

BOS Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben

DFV Deutscher Feuerwehrverband

DHD Dringlicher Hausbesuchsdienst

FVLST Fachverband Leitstellen e.V.

Fw-LSt Feuerwehr-Leitstelle

ILS Integrierte Leitstelle

IRLS Integrierte Regionalleitstelle

LSt Leitstelle

RLS Rettungsleitstelle

SMH Schnelle Medizinische Hilfe

Gender Erklärung

In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

1. Hintergrund der Arbeit

Als erstes professionelles Glied der Rettungskette stellen die Leitstellen neben den Feuerwehren und den Rettungsdiensten einen wichtigen Baustein im System der nicht polizeilichen Gefahrenabwehr dar (vgl. FVLST, 2014, S. 5). Dabei unterliegt die in Deutschland derzeit sehr heterogen geprägte Leitstellenlandschaft im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte einem starken Wandel. Aus den einstigen Telefonzentralen entwickeln sich vielerorts hochkomplexe Schaltstellen, welche neben der Notrufannahme und Alarmierung der Einsatzkräfte auch vielfältige Aufgaben im Bereich der Führungsunterstützung wahrnehmen. In einigen Bundesländern, beispielsweise Brandenburg und Rheinland-Pfalz, werden landesweite Konzepte zur Optimierung der Leitstellenstruktur verfolgt, die zum einen einheitliche Qualitätsstandards und zum anderen Kosteneinsparungen infolge der bedarfsgerechten Zusammenlegung von Leitstellen mehrerer Gebietskörperschaften zu Regionalleitstellen zum Ziel haben. (vgl. Zellmann, 2017, S. 15 ff.; Hildebrand, 2006, S. 473; Ministerium des Innern und für Sport des Landes Rheinland-Pfalz, 2017, S. 16 ff.)

Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen einer Prüfungsleistung im Modul „Strukturen und Akteure der Gefahrenabwehr“ zum Themenkomplex „Feuerwehr- und Rettungsleitstellen“. In Form einer Gruppenarbeit wurde das in Anhang 1 dargestellte Poster erstellt, dessen Teilaspekt „Leitstellenlandschaft in Deutschland“ in dieser begleitenden Ausarbeitung ausführlich behandelt wird. Insbesondere sollen die folgenden beiden Fragestellungen geklärt werden:

- Wie ist die Leitstellenlandschaft im Bereich der nicht polizeilichen Gefahrenabwehr in Deutschland strukturiert?
- Welches strukturelle Optimierungspotential besteht hinsichtlich des Aspektes der Regionalisierung in den einzelnen Bundesländern?

Nach der Darstellung der Vorgehensweise bei der Recherche zu dieser Literaturarbeit erfolgt in Kapitel 3 eine kurze Einführung in die Entwicklungsgeschichte der Leitstellen in der nicht polizeilichen Gefahrenabwehr, wobei die heute überwiegend vorherrschenden Leitstellenform „Integrierte Regionalleitstelle“ ausführlich dargestellt wird. Im darauffolgenden Kapitel 4 wird die aktuelle Leitstellenlandschaft in Deutschland auf Grundlage einer Erhebung von Ruckdeschel und dem Fachverband Leitstelle e.V. vorgestellt. Danach werden Optimierungspotentiale innerhalb der Leitstellenlandschaft hergeleitet bevor abschließend ein möglicher Lösungsansatz auf Grundlage eines siedlungsstrukturellen Modells dargestellt wird.

2. Methode

Eine sensitive Datenbankrecherche beim Anbieter ebsco discovery service nach dem Booleschen Ausdruck „Leitstelle AND (Feuerwehr OR Rettungsdienst)“ lieferte 42 Treffer. Diese wurden auf ihre Relevanz hinsichtlich der zuvor formulierten Fragestellung ausgewertet, zusätzlich wurde eine Handrecherche aus den Literaturverzeichnissen bereits vorhandener Quellen durchgeführt. Die Arbeit von Ruckdeschel stellt die Leitstellenlandschaft in Deutschland zum Zeitpunkt des 31.03.2016 vor. Da die Einwohnerzahl und -dichte für die Planung bedarfsgerechter Leitstellenbereiche wesentliche Faktoren darstellen, wurden diese beiden Kennzahlen ebenfalls für das Jahr 2016 aus dem Gemeindeverzeichnis des statistischen Bundesamtes extrahiert.

3. Entwicklungsgeschichte: von der Telefonzentrale zur Integrierten Regionalleitstelle

Aus den einstigen Telefonzentralen, die nur aus dem öffentlichen Telefonnetz der Großstädte oder von den wenigen an Bundesstraßen verteilten Unfallmeldesäulen erreichbar waren, entwickelten sich im Laufe der vergangenen 50 Jahre moderne und hochkomplexe Schaltstellen für die gesamte nicht polizeiliche Gefahrenabwehr. Dieses Kapitel beleuchtet die Entwicklungsgeschichte von den ersten Leitstellenformen der 1950er Jahre bis hin zur heutigen Integrierten Regionalleitstelle, wobei besonderes Augenmerk auf die Aspekte der Integration und Regionalisierung gelegt wird.

3.1. Ausgangssituation

Bereits seit dem Jahr 1956 existieren in Deutschland die Notrufnummern 110 und 112, über welche damals vorwiegend aus dem Telefonnetz der Großstädte die Polizei beziehungsweise die Feuerwehr erreicht werden konnte. Die Entscheidung zur Einführung eines flächendeckenden Notrufsystems erfolgte hingegen erst 17 Jahre später auf der Sitzung der Ministerpräsidenten mit dem damaligen Bundeskanzler am 20. September 1973. (vgl. Björn Steiger Stiftung, o.J.; Steiger Siegfried, 1970) Parallel zum Ausbau dieses sogenannten Notrufsystems 73 entstand während der Folgejahren in der Bundesrepublik Deutschland die erste flächendeckende Leitstellenlandschaft für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS), zu denen unter anderem Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste und der Katastrophenschutz zählen.

Grundlegend stellt eine Leitstelle im Umfeld der BOS eine ständig besetzte Einrichtung zur Entgegennahme von Hilfeersuchen und Meldungen sowie zur Alarmierung, Koordinierung und Lenkung von Einsatzkräften dar (vgl. Behrendt und Schmiedel, 2001a, S. 24; Schröder et al., 2005, S. 251). Im Bereich der nicht polizeilichen Gefahrenabwehr entstanden zunächst vielerorts voneinander getrennte Leitstellenstrukturen für Feuerwehr und Rettungsdienst, wobei die Einheiten des Katastrophenschutzes im Regelfall von der jeweiligen Feuerwehr-Leitstelle (Fw-LSt) oder Rettungsleitstelle (RLS) betreut wurden. Neben der organisatorischen und räumlichen Trennung der Leitstellen kam häufig unterschiedliche Technik zum Einsatz und auch die jeweiligen Zuständigkeitsbereiche variierten untereinander. So waren Feuerwehr-Leitstellen zumeist nur für eine Gebietskörperschaft, also einen Landkreis oder eine kreisfreie Stadt, zuständig, wohingegen gerade im süddeutschen Raum Rettungsleitstellen mit großräumiger, bereichsübergreifender Zuständigkeit den Regelfall darstellten. Aus dieser Zeit rührt auch die über Jahrzehnte hinweg gebräuchliche Rufnummer 19222 für den Rettungsdienst in vereinzelten Teilen Deutschlands. (vgl. Bandlow-Hoyer, 2011, S. 13 f.)

Auch in der DDR entwickelte sich nach ihrer Gründung im Jahr 1949 ein getrenntes Notrufsystem für medizinische und feuerwehtechnische Hilfeersuchen und damit verbunden eine voneinander getrennte Leitstellenstruktur in der nicht polizeilichen Gefahrenabwehr. Unter der Notrufnummer 112 konnten Hilfeersuchen bei Bränden und sonstigen Unglückfällen gemeldet werden. Für medizinische Hilfeersuchen hingegen stand die Notrufnummer 115 zur Verfügung, die von den Leitstellen der Schnellen Medizinischen Hilfe (SMH), welche das Pendant zum Rettungsdienst in Westdeutschland darstellte, abgefragt wurde. Die Besonderheit der SMH-Leitstellen lag jedoch darin, dass diese Leitstellen nicht nur für medizinische Notfälle, sondern auch für die Vermittlung des Dringlichen Hausbesuchsdienstes (DHD) zuständig waren. Nach der Wiedervereinigung wurde die Notrufnummer 115 eingestellt und an das westdeutsche Notrufsystem angeglichen. (vgl. Jantzen et al., 2008, S. 575 f.)

3.2. Integration

Ein bedeutsamer Aspekt bei der Entwicklung der Leitstellenformen ist die Integration aller nicht polizeilicher BOS in eine gemeinsame Leitstelle. Durch diesen Schritt können zum einen Synergien bei der Einsatzbearbeitung und -koordination sowie im alltäglichen Dienstbetrieb der Leitstelle ausgeschöpft werden, was wiederum zur Schonung ökonomischer Ressourcen beiträgt (vgl. Kumpch und Luiz, 2011, S. 192). Zum anderen führt die Bündelung der Hilfsangebote zu einer Optimierung von Kommunikation und Koordination an allen Schnittstellen entlang der Rettungskette (vgl. ebd., S. 196; Bandlow, 2017, S. 9).

Die sogenannten Integrierten Leitstellen (ILS) koordinieren unter Nutzung einheitlicher Technik und Organisationsregeln sämtliche Hilfeersuchen aus den Bereichen des Brandschutzes, der Technischen Hilfe, der Notfallrettung als auch, abhängig von der jeweiligen Landesgesetzgebung, des Krankentransportes. Folglich stellen die Integrierten Leitstellen die zentrale Steuerungseinrichtung für sowohl die Feuerwehr, den Rettungsdienst als auch den Katastrophenschutz dar. Über diese obligaten Zuständigkeitsbereiche hinausgehend können sie auch als Meldekopf für den behördeninternen Bereitschaftsdienst oder auch Vermittlungsstelle des vertragsärztlichen Notdienstes fungieren. (vgl. Bandlow-Hoyer, 2011, S. 12; Hackstein, Lenz, Marung, 2015, S. 553)

Während im Norden und in der Mitte Deutschlands bereits seit den 1950er Jahren die ersten Integrierten Leitstellen entstanden, vollzog sich dieser Entwicklungsschritt in den südlichen Bundesländern erst deutlich zeitverzögert mit der Einführung der einheitlichen europäischen Notrufnummer 112 infolge der Entscheidung des Rates der Europäischen Union vom 29. Juli 1991. In Bayern beispielsweise erfolgte erst im Jahr 1997 mit der ILS München die Inbetriebnahme der ersten Integrierten Leitstelle im Freistaat. (vgl. Huber und Schäuble, 2010, S. 104) Letztendlich geht der Integrationsprozess von zuvor getrennten Feuerwehr- und Rettungsleitstellen in eine gemeinsame Leitstelle mit einem erheblichen Abstimmungsbedarf unter den bisherigen Aufgabenträgern einher (vgl. Schlechtriemen et al, 2004, S. 200). Dennoch hat sich die Integrierte Leitstelle inzwischen flächendeckend als Standard-Organisationsform in der Deutschland durchgesetzt, wobei die wenigen verbleibenden getrennten Leitstellenstrukturen für Feuerwehr und Rettungsdienst, beispielsweise in Mainz, kurz vor der Zusammen-führung stehen (vgl. Kumpch und Luiz, 2011, S. 196; Ministerium des Innern und für Sport des Landes Rheinland-Pfalz, 2019a).

3.3. Regionalisierung

Vor dem Hintergrund immer knapper werdender Ressourcen, dem Grundsatz der bedarfsgerechten Mittelverwendung und stetig wachsenden technischen Möglichkeiten steigt auch das Erfordernis, Optimierungspotentiale ideal auszuschöpfen um die Leitstellen zukunftsfähig zu machen (vgl. Behrendt und Schmiedel, 2001b, S. 495). Neben der zuvor dargestellten Entwicklung hinsichtlich der Integration aller nicht polizeilicher BOS in eine gemeinsame Leitstelle stellt die Regionalisierung der bisher kleinzelligen Leitstellenbereiche einen weiteren gewichtigen Aspekt dazu dar.

Durch den Zusammenschluss mehrerer kleiner Leitstellenbereiche zu einer großen Organisationseinheit kann die Leitstellenlandschaft sowohl in funktionaler, technischer und ökonomischer Hinsicht verbessert werden, ohne dass es zu Beeinträchtigungen in der Versorgung kommt (vgl. ebd.). Die Qualität der Einsatzbearbeitung lässt sich sogar infolge der raumübergreifenden Disposition weiter erhöhen, indem beispielsweise verzögerungsfrei auf Rettungsmittel und Einheiten benachbarter Gebietskörperschaften im gleichen Leitstellenversorgungsbereich zurückgegriffen werden kann. Dieser Effekt kommt vorrangig bei der Disposition der Rettungsmittel in der Notfallrettung und dem Krankentransportwesen zum Tragen, wobei Eintreffzeiten verkürzt und Leerfahrten reduziert werden können. (vgl. Bandlow, 2017, S. 9; Behrendt und Schmiedel, 2001b, S. 496) Ein weiterer wesentlicher strategischer Vorteil, der mit der Regionalisierung einhergeht, besteht darin, dass die Reaktionsfähigkeit auf plötzlich auftretende Einsatzspitzen und im Falle von Großschadensereignissen durch die optimierte Personalvorhaltung in größeren Leitstellen erhöht wird (vgl. Bandlow, 2017, S. 11).

Bereits im Umfeld der Rettungsleitstellen reduzierte sich deren Anzahl zwischen den Jahren 1994 und 2000 deutschlandweit von ursprünglich 347 auf 270 Leitstellen. (vgl. Behrendt und Schmiedel, 2004, S. 80). Der Trend zur Zusammenlegung von Integrierten Leitstellen zu großräumigen, einwohnerstarken Dispositionsbereichen setzte verstärkt seit der Jahrtausendwende zunächst vornehmlich in den norddeutschen Bundesländern ein. (vgl. Bandlow-Hoyer, 2011, S. 15) Die erste sogenannte Integrierten Regionalleitstellen (IRLS) wurde im Jahr 2001 in Elmshorn im Bundesland Schleswig-Holstein in Betrieb genommen (vgl. ebd., S. 13). Diese Leitstelle bearbeitet gebietsübergreifend sämtliche Hilfeersuchen und Notrufe aus den Bereichen Brandschutz, Hilfeleistung, Rettungsdienst und Krankentransport und ist für rund 576.000 Einwohnern aus den Landkreisen Dithmarschen, Steinburg und Pinneberg zuständig (vgl. Kreisverwaltung Pinneberg, 2019). In den Folgejahren konnte in vielen weiteren Bundesländern eine Regionalisierung innerhalb der Leitstellenlandschaft beobachtet werden, sodass sich heute die Integrierte Regionalleitstelle, die grundsätzlich eine Weiterentwicklung der Integrierten Leitstelle darstellt, als eine in Deutschland weit verbreitete Leitstellenform in der nicht polizeilichen Gefahrenabwehr etabliert hat (vgl. Bandlow, 2017, S. 9).

4. Leitstellenlandschaft in Deutschland

Nachdem im vorherigen Kapitel die Entwicklungsgeschichte der Leitstellenlandschaft in der nicht polizeilichen Gefahrenabwehr erläutert wurde, wird im nachfolgenden Kapitel der heutige Ist-Zustand auf Grundlage einer Erhebung von Ruckdeschel aus dem Jahr 2016 dargestellt. Anschließend werden Optimierungspotentiale auf der Betrachtungsebene der Bundesländer vor dem Hintergrund der bedarfsgerechten Dimensionierung von Leitstellenbereichen in Verbindung mit der Einwohnerzahl und Einwohnerdichte abgeleitet.

4.1. Ist-Zustand im Jahr 2016

Die Gefahrenabwehr in Deutschland ist dezentral organisiert, wobei in Folge des föderalistischen Staatsaufbaus unterschiedliche landesrechtliche Vorgaben für den Brand- und Katastrophenschutz sowie den Rettungsdienst und damit auch für die Leitstellen in den jeweiligen Bundesländern vorherrschen (vgl. Arbeitsgruppen „Sicherheitsleitstellen des Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit e.V., 2013, S. 8; Böhne et al., 2017, S. 541). Das Aufgabenspektrum, welches die einzelnen Leitstellen abdecken, variiert örtlich ebenso wie viele andere Rahmenparameter, beispielsweise die Grundlagen zur Personalbemessung, die Vorgaben hinsichtlich der Mindestqualifikation des Personals oder die Anforderungen an die vorzuhaltenden technischen Redundanzen, (vgl. FVLST, 2014, S. 3). Diese Umstände erschweren eine Vergleichbarkeit von Leitstellen und Leitstellenstrukturen in den einzelnen Bundesländern erheblich.

Auch im Hinblick auf die Trägerschaft, in denen sich die Leitstellen befinden, bestehen örtlich unterschiedliche Organisationsformen. Viele Leitstellen befinden sich in direkter Trägerschaft der Landkreise oder kreisfreien Städte und sind somit häufig nur für diese eine Gebietskörperschaft zuständig. Andernorts haben sich im Verlauf der Entwicklungsgeschichte Zweckverbände gebildet, die Leitstellen für mehrere Gebietskörperschaften betreiben und gerade in Städten mit Berufsfeuerwehren sind die Leitstellen häufig in deren Umfeld angesiedelt. (vgl. Ruckdeschel, 2016, S. 12)

Im Rahmen des Projektes hundert12 wurde zum Stichtag des 31. März 2016 eine gemeinsame Erhebung vom Fachverband Leitstellen e.V. und der Leitstelle Bayreuth / Kulmbach durchgeführt, welche die Leitstellen zur Abfrage der Notrufnummer 112 betrachtet. Neben der Anzahl der vorhandenen Leitstellen in den Bundesländern gibt die Erhebung ebenfalls Auskunft über die Anzahl der zugehörigen Gebietskörperschaften je Leitstellenbereich. (vgl. ebd., S. 12 f.) Das Ergebnis ist in Tabelle 1 dargestellt.

Tabelle 1 : Anzahl der Leitstellen zur Abfrage der Notrufnummer 112 pro Bundesland und Anzahl der zugehörigen Gebietskörperschaften

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Ruckdeschel, 2016, S. 13

Insgesamt bestehen in den 16 Bundesländern 242 Leitstellen zur Entgegennahme der Notrufnummer 112. Nahezu zwei Drittel (156) davon sind lediglich für einen einzelnen Landkreis beziehungsweise eine einzelne kreisfreie Stadt zuständig und nur weniger als 5 Prozent (10) bedienen fünf oder mehr Gebietskörperschaften. (vgl. ebd.) Bei der näheren Betrachtung der einzelnen Bundesländer wird ersichtlich, dass in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Sachsen-Anhalt sowie in den überwiegenden Teilen von Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern vorrangig Leitstellen vorhanden sind, welche nur für eine einzelne Gebietskörperschaft zuständig sind. In den Bundesländern Bayern, Brandenburg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland hingegen kommen größtenteils Leitstellen mit einem regionalen Zuständigkeitsgebiet für mehrere Landkreise beziehungsweise kreisfreie Städte zum Einsatz.

4.2. Optimierungspotential

Die Leitstellenlandschaft ist vielerorts historisch gewachsen oder politisch motiviert ausgebildet worden, wobei konzeptionelle, qualitative und wirtschaftliche Überlegungen nicht ausreichend berücksichtigt wurden (vgl. Böhne et al., 2017, S. 541). Um Optimierungspotentiale bestmöglich auszuschöpfen, bedarf es jedoch einer konzeptionellen Planung der Leitstellenbereiche, idealerweise auf Betrachtungsebene der Bundesländer.

Die optimale Größe eines Zuständigkeitsbereiches einer Integrierten Regionalleitstelle hängt von mehreren Faktoren ab und bedarf jeweils einer detaillierten Einzelfallbetrachtung. Allerdings eignet sich die Einwohnerzahl ausreichend als Anhaltspunkt für die Grobplanung bedarfsgerechter Leitstellenbereiche. Als Faustformel gilt, dass Leitstellen mit einer Zuständigkeit für mindestens 450.000 und maximal 850.000 Einwohner grob betrachtet als grundsätzlich wirtschaftlich und sinnvoll dimensioniert angesehen werden können. Ist der Zuständigkeitsbereich sehr urban oder von einer sehr homogenen Struktur geprägt, kann die Obergrenze dieser Faustformel nach oben zu Gunsten eines deutlich einwohnerstärkeren Zuständigkeitsbereiches verschoben werden. (vgl. Bandlow, 2017, S. 11)

Um nun Aussagen über vorhandenes Optimierungspotential innerhalb der aktuellen Leitstellenlandschaft hinsichtlich des Aspektes einer weiteren Regionalisierung treffen zu können, ist es zunächst erforderlich, die Einwohnerzahlen, die Flächenausdehnung und mit ihr die Einwohnerdichte der einzelnen Bundesländer zu betrachten. Die nachfolgende Tabelle zeigt diese Parameter auf Grundlage der Daten des statistischen Bundesamtes zum Gebietsstand des 31.12.2016 und damit zu dem Zeitpunkt, an welchem die Erhebung über die Leitstellenlandschaft von Ruckdeschel und dem Fachverband Leitstelle e.V. stattgefunden hat.

Tabelle 2 : Einwohnerzahl, Fläche und Einwohnerdichte je Bundesland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2018

Die Synthese der Daten des statistischen Bundesamtes mit denen aus der Erhebung von Ruckdeschel lässt Rückschlüsse auf die Einwohnerzahl zu, die in dem jeweiligen Bundesland durchschnittlich von einer Leitstelle versorgt wird. Dabei wird deutlich, dass in Bundesländern mit einer hohen Einwohnerdichte wie erwartet einwohnerstarke Leitstellenversorgungsbereiche existieren. Berlin mit einer Einwohnerdichte von 4.012 Einwohnern je Quadratkilometer versorgt beispielsweise mit nur einer Leitstelle 3.574.830 Einwohner. Im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern mit der bundesweit geringsten Einwohnerdichte von 69 Einwohnern je Quadratkilometer werden hingegen 6 Leitstellen zur Abfrage der Notrufnummer 112 vorgehalten, die damit durchschnittlich 268.446 Einwohner je Leitstellenbereich betreuen. Im Bundesland Thüringen, in dem insgesamt 2.158.128 Einwohner leben, werden sogar 13 Leitstellen vorgehalten, die durchschnittlich nur 166.010 Einwohner je Leitstellenbereich betreuen. Die Ergebnisse der Synthese werden in Abbildung 1 dargestellt.

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Leitstellenlandschaft der nicht polizeilichen Gefahrenabwehr in Deutschland. Struktur sowie Optimierungspotentiale
Hochschule
Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
25
Katalognummer
V594509
ISBN (eBook)
9783346196927
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leitstelle, Feuerwehrleitstelle, Rettungsleitstelle, Integrierte Leitstelle, Regionalleitstelle, Kooperative Leitstelle, Leitstellenlandschaft, Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz, Gefahrenabwehr, Bevölkerungsschutz, Regionalisierung
Arbeit zitieren
Holger Neubert (Autor), 2019, Die Leitstellenlandschaft der nicht polizeilichen Gefahrenabwehr in Deutschland. Struktur sowie Optimierungspotentiale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594509

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