Die Kinderzeichnung als Indiz für sexuelle Gewalt


Hausarbeit, 2017

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Bild als verschlüsselte Botschaft

3. Merkmale sexuellen Missbrauchs in der Kinderzeichnung
3.1 Darstellung von Geschlechtsteilen
3.2 Darstellung von sexuellen Handlungen
3.3 Weglassen
3.4 Überkritzeln, Ausradieren
3.5 Regression und Remission
3.6 Farben
3.7 Fragmentierung
3.8 Wetter und Vegetation
3.9 Weitere Merkmale

4. Verlässlichkeit der Merkmale
4.1 Gegensätzliche Indikatoren?
4.2 Überprüfbarkeit der Indikatoren?
4.3 Kann es überhaupt Indikatoren geben?
4.4 Hinfällige Forschungsmethoden?

5. Die Kinderzeichnung als Beweismittel vor Gericht

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahr 2016 verzeichnete die Polizeiliche Kriminalstatistik in Deutschland 12.019 Anzeigen wegen Kindesmissbrauchs. Da jedoch nur ein kleiner Teil der Taten überhaupt angezeigt wird, werden viele der sexuellen Gewalthandlungen an Kindern statistisch nicht erfasst und bleiben im Dunkelfeld.1 Wie hoch diese Dunkelziffer jedoch ausfällt, ist schwierig zu sagen. Bei Deegner ist die Rede davon, dass bis zum vollendeten 14. Lebensjahr etwa 10-15% der Mädchen und 5-10% der Jungen mindestens einmal eine Handlung erleben mussten, welche sich als sexueller Missbrauch definieren lässt.2 In der einschlägigen Literatur der 80er und 90er Jahre finden sich gar Angaben darüber, dass jedes vierte Mädchen und 3-16% der Jungen von sexueller Gewalt betroffen seien.3

Selbst wenn man „nur“ von den Angaben Deegners ausgeht, so wären etwa 2 bis 3 Kinder pro Schulklasse Opfer sexueller Gewalt.

Doch wieso bleiben so viele dieser schrecklichen Taten im Dunkeln? Häufig haben die Betroffenen keine Möglichkeit bzw. Angst, die Gewalt die ihnen angetan wurde, zu kommunizieren. Viele Psychologen und Kinderzeichnungsforscher schreiben der Zeichnung als nonverbalem Medium die Möglichkeit zu Emotionen, Ängste, Wünsche und Träume auszudrücken.

Doch ist es auch möglich von einer Kinderzeichnung auf sexuellen Missbrauch des Urhebers zu schließen oder kann die Zeichnung gar als Beweis vor Gericht dienen? Gibt es spezifische Merkmale einer Kinderzeichnung, die auf sexuellen Missbrauch des Kindes hindeuten und wenn ja wie zuverlässig sind diese?

All diese Fragen beschäftigen mich insbesondere mit Blick auf meine angestrebte Profession als Kunstlehrerin. Hier werde ich mit Zeichnungen vieler Kinder konfrontiert sein, von denen rein statistisch mit Sicherheit einige auch sexuellen Missbrauch erleben müssen. Als Lehrperson sehe ich es nicht nur als meine Pflicht an die Kinder zu selbstständigen mündigen Mitgliedern unserer Gesellschaft zu erziehen, sondern auch ein wachsames Auge zu haben und die Kinder in Notsituationen bestmöglich zu unterstützen. Dies ist im Falle einer sexuellen Misshandlung jedoch nur möglich wenn man in der Lage ist überhaupt Anzeichen erkennen zu können um auf Missstände aufmerksam zu werden. Gleichzeitig ist hierbei aber auch ein reflektierter und besonnener Umgang mit der Situation von Nöten um zum einen Überinterpretationen auszuschließen und zum anderen betroffene Kinder nicht in eine noch prekärere Situation zu bringen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden und in ebensolchen Notsituationen in der Schule angemessen reagieren zu können setzt sich diese Arbeit mit der zentralen Leitfrage auseinander, inwieweit eine Kinderzeichnung ein Indiz für sexuellen Missbrauch sein kann.

Um diese Frage beantworten zu können soll sich das erste Kapitel zunächst mit dem Wert des Bildes als verschlüsselte Botschaft auseinandersetzen. Im Anschluss sollen die in der einschlägigen Literatur ausfindig zu machenden Merkmale für sexuelle Gewalt in Kinderzeichnungen zunächst zusammengetragen, kritisch reflektiert und schlussendlich auf ihre Eignung als Beweismittel vor Gericht hin geprüft werden.

2. Das Bild als verschlüsselte Botschaft

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts widmeten sich Luquet und Kerschensteiner der genaueren Untersuchung von Kinderzeichnungen. Waren diese zuvor lediglich als Spiel betrachtet worden sah Luquet im Jahre 1927 eine Verknüpfung zwischen dem Seelenleben, der Kinderzeichnung und deren Wirkung nach außen. Mitte der 70er erlebte die Kinderzeichnungsforschung dann ihre erste Blüte und wurde auch als diagnostisches Mittel immer populärer.4

Viele Psychologen und Psychotherapeuten sind heute der Ansicht, aus der Zeichnung etwas über die emotionale Situation eines Kindes erfahren zu können. Die emotionale Situation wirke sich auf die Phantasieproduktion aus und könne so darstellen, wie ein Kind seine Situation erlebe. Gleichzeitig könne die zeichnerische Phantasie jedoch auch eine Wunscherfüllung darstellen, welche auf einen aktuellen Mangel hindeute. So wird vermutet, dass sich Kinder durchs Zeichnen bestimmter mächtiger Darstellungen wie Monster, Kriegsschiffe oder Ritter möglicherweise mächtiger, stärker und kompetenter fühlen, als sie es im Moment der Produktion tatsächlich empfinden. Während sich das Kind in einer Wunschphantasie jedoch groß und mächtig zeichne, könne es sich dem Zeichenmedium gegenüber aber auch wie gegenüber dem Leben verhalten.5 Schuster nennt diese kindliche Herangehensweise „symptomatische Reaktion“. Hierbei zeichne sich das Kind beispielsweise winzig klein, um der angsterregenden Person gar nicht aufzufallen. In der Praxis sei deshalb häufig schwierig zu beurteilen, ob es sich bei einer Darstellung um eine Wunschphantasie oder eine symptomatische Reaktion auf die Realität handle.6

Auch schüfen Kinder Bildbotschaften, die ihre Situation in eine Bildsprache umsetzten und leicht zu verstehen seien. So könne beispielsweise die Größe einer Menschenfigur deren Mächtigkeit und Alter zum Ausdruck bringen. Eine solche Bildmetaphorik werde vom Kind nur zum Teil bewusst erzeugt, obwohl sie immer in einem Akt des Denkens entstehe. So gehen auch nicht-bewusste Kriterien in die künstlerischen Entscheidungen mit ein, welche7 „nicht verbalisiert werden können, aber doch eine kindliche Wahrheit wiedergeben.“8 So sagt Schuster:

„Zeichnungen von Kindern, die unter schlimmen emotionalen und körperlichen Bedingungen aufwachsen, lassen erkennen: Die Bildsprache ist zwar kaum willentlich gewählt, die Notlage durchdringt aber alle Abbildungsentscheidungen und teilt sich dem Betrachter unmittelbar mit.“9

Dieses Zitat verdeutlicht Schusters Meinung, dass emotionale Missstände in Kinderzeichnungen deutlich zum Tragen kommen und zu erkennen sind. Auch Widlöcher vertritt die Auffassung, dass eine Zeichnung „in jedem Detail den Stempel des emotionalen Lebens des Kindes“10 trage. Reichelt untermauert diese Sichtweise indem er die Kinderzeichnung gar als „Seelenfenster“ bezeichnet, welches dem Betrachter Auskunft über die seelische Verfassung des Zeichners geben könne.11 So geht er davon aus, dass beim Malen und Zeichnen „konfliktbesetzte Inhalte aus dem Seelenraum hinaus in die Bildebene projiziert werden. Nach Außen verlagert, [ließen] sie sich betrachten, verstehen, bewerten und verändern.“12 Allerdings soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass es zu der Grundhaltung, Kinderzeichnungen würden Rückschlüsse auf die Emotionen, Ängste, Träume und Wünsche des Urhebers zulassen, auch kritische Meinungen gibt. So vermisst Ihli hierbei beispielsweise eine explizite theoretische Einbettung13 und wissenschaftlich fundierte Beweise dieser Vorannahme.14 Auch ist sie skeptisch inwieweit Psychologen und andere professionelle Begutachter überhaupt dazu in der Lage sind Kinderzeichnungen objektiv und reliabel entschlüsseln zu können.15

3. Merkmale sexuellen Missbrauchs in der Kinderzeichnung

Seit den 80er Jahren beschäftigt sich die Forschung mit einem möglichen Zusammenhang zwischen Kinderzeichnungen und sexuellem Missbrauch. Seitdem sind viele Studien (überwiegend in den 80er und 90er Jahren) entstanden, die sich der Suche nach verlässlichen Merkmalen in Kinderzeichnungen als Indikatoren für sexuelle Gewalt verschrieben haben. Hierzu werden in der einschlägigen Literatur unterschiedlichste Merkmale als Indikatoren angeführt. Im Folgenden sollen die wichtigsten und meist vertretenen daher möglichst systematisch geordnet dargestellt werden.

3.1 Darstellung von Geschlechtsteilen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Phallische Formen. (Schuster (2000), S.167)

Einige Forscher sehen in der Darstellung von Geschlechtsteilen, einen Hinweis auf sexuelle Gewalt, da sie in ihren Untersuchungen bei sexuell missbrauchten Kindern vermehrt sexualisierte Zeichnungen wahrnahmen. So könne nicht nur der dem Alter nicht entsprechende erhöhte Anteil sexueller Darstellungen, sondern auch die Vermeidung von Sexualität und fehlende Darstellung auf Missbrauch hindeuten.16 Auch Körper ohne Unterleib tauchen als Indikator auf. Insbesondere phallische Formen, werden bei mehreren Autoren (bspw. Kaufman & Wohl (1992)) immer wieder als Auffälligkeiten genannt. Hierbei werde die phallische Form nicht als Geschlechtsteil wiedergegeben, sondern schlage sich in anderen Elementen wie beispielweise Bäumen, Blumen, Eistüten oder Kaminen, nieder.17 Auch Cohen & Phelps suchten 1985 nach auffälligen bildlichen Merkmalen in Kinderzeichnungen, die auf sexuellen Missbrauch hindeuten. Hierbei wurden die Kinder gebeten, einen Baum, ein Haus und einen Menschen oder die Familie bei einer Aktivität zu malen.18 Die Kontrollgruppe bestand hierbei aus Kindern, die sich zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits aufgrund emotionaler Störungen in klinischer Behandlung befanden.19 Während ihrer Studien traten einige Merkmale quantitativ vermehrt bei Kindern die sexuell missbraucht wurden auf. So geben Cohen und Phelps einige Merkmale an, die als Symptom für sexuelle Gewalt gelten sollen: Hierunter finden sich phallisch anmutende Bäume und Fenster ebenso wie das Zeichnen primärer Geschlechtsorgane.20

Häufig werde laut Schuster auch der Täter mit deutlichem Phallus gezeichnet mit der Aussage des Kindes, dass das „nichts“ sei.21 Vor einer voreiligen Verdächtigung sobald beispielsweise ein Mädchen ihren Vater mit einem großen Penis zeichnet, ist jedoch zu warnen, stellt doch die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Geschlechtlichkeiten einen normalen Prozess der kindlichen Entwicklung dar: Weisen frühe Mensch-Zeichnungen im dritten Lebensjahr beispielsweise noch keine eindeutigen Geschlechtsmerkmale auf, erfährt sie ca. ab dem vierten Lebensjahr eine immer ausgeprägtere Differenzierung durch die Hinzufügung von Details. Nun erhalten die menschlichen Darstellungen immer öfter Attribute, die sie deutlich einem Geschlecht zuweisen. Häufig stellen hierbei natürlich die Kleidung oder die Haarlänge geschlechtsspezifische Unterscheidungsmerkmale dar. Will das Kind jedoch abgesehen von diesen kulturellen Differenzierungsmerkmalen körperliche Unterscheidungscharakteristika darstellen, so nutzt es die Darstellung von Geschlechtsmerkmalen. Bei Zeichnungen männlicher Personen handelt es sich hierbei fast immer um den Penis. Frauen werden häufiger über das sekundäre Geschlechtsmerkmal der Brüste gekennzeichnet.22

„Geschlechtsmerkmale werden im Rahmen der Klarheit der dargestellten Geschlechtszuordnung meist größer dargestellt als tatsächlich visuell wahrnehmbar […].Die explizite übergroße Darstellung eines Penis ist also [häufig] aus den Darstellungsprinzipien der Kinderzeichnung erklärbar“23

und muss somit nicht zwangsläufig als Alarmsignal interpretiert werden.

3.2 Darstellung von sexuellen Handlungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Verbindung von Geschlechtsteilen. (Schuster (2015), S.91)

Laut Peez (2015) können Kinder in ihren Zeichnungen sexuelle Themen verarbeiten. Dies kann sich auf gewöhnliche und alltägliche Kontakte mit Sexualität beziehen: So sei es nicht ungewöhnlich, dass sich Kinder für sexuelle Handlungen und Symbole interessierten, da sexuelle Symbole und deren Abbildungen im Alltag und in den Medien eine große Rollen spielten. Jedoch könnten Zeichnungen mit „erotisch-sexuellen Motiven“ auch Hinweise auf den Einfluss Erwachsener auf die Kinder und deren kindlich Sexualität geben – so etwa im Hinblick auf mögliche sexuelle Gewalt an Kindern.24 So sei –sofern man eine über die kindliche Neugierde hinausgehende Spiele, die nicht dem Alter entsprechen und erkennbar von erwachsener Sexualität geprägt sind- eine besondere Aufmerksamkeit seitens der pädagogischen Fachkräfte geboten.25 Auch weitere Autoren wie Cohen & Phelps (1985) und Frieske (2008) sehen Darstellungen sexueller Aktivitäten als Warnsignal für sexuellen Missbrauch. Hierbei nutzen einige Kinder Striche um beispielsweise das Genital des Täters mit dem eigenen zu verbinden, was sich aus der dem Kind fehlenden Fähigkeit, übereinander liegende Figuren darzustellen, ergebe.26

3.3 Weglassen

Als eine auffällige Zeichenstrategie missbrauchter Kinder wird in der einschlägigen Literatur (u.a von Cohen & Phelps (1985) und Kelley (1985)) immer wieder das Weglassen bestimmter Körperteile oder Personen aufgeführt. So wird das Weglassen von Armen oder Händen als eine symbolische Mitteilung, der Angst vor dem, was diese Körperteile dem Kind antun, gedeutet. Aus gleichem Grunde könnten Kinder auch ganz vermeiden, den Täter zu zeichnen.27 So sehen Cohen und Phelps (1985) es als ein Alarmsignal an, wenn sich ein Kind weigert, ein Familienmitglied zu zeichnen.28

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Dieb, Räuber, Kind (Sonja) und eine Hexe. Die Polizei hat nach Sonjas Aussage allen die Hände abgeschnitten, da sie ihr etwas Böses (sie begraben) wollten. (Steinhage (1992), S.48f)

Eine andere Strategie stelle das Weglassen der eigenen Person dar, um sich selbst zu schützen:

„Die Kinder zeichnen sich meist gar nicht selbst: so sind sie selbst nicht da und können nicht angegriffen werden. Der Mund, der nicht sprechen darf oder unangenehme Dinge tun muss, wird weggelassen oder durchgestrichen.“29

3.4 Überkritzeln, Ausradieren

Häufig wird auch das Überkritzeln, Ausradieren oder Schattieren bestimmter Personen oder Gegenstände als ein Merkmal für sexuelle Gewalt erwähnt, so beispielsweise bei Baumgardt (1990) und Kaufman & Wohl (1992).

Bis zu einem Alter von etwa 10 Jahren zeichnen Kinder einfach alles was ihnen in den Sinn kommt. Erst dann beginnen sie sich Gedanken darüber, zu machen, ob sie bestimmte Dinge zeichnen dürfen oder diese als verboten angesehen werden könnten. Im Falle eines Missbrauchs ist das Kind oft durch den Täter einem starken Zwang ausgesetzt, das Geheimnis zu wahren.30 So könnte die kindliche Strategie des Überkritzelns in Bezug auf sexuelle Gewalt, als eine Art Verschleierungstaktik interpretiert werden, bei welcher das Kind ausversehen gezeichnete verbotene Dinge wieder auszulöschen versucht. Auch könnte es als Strategie angesehen werden, bedrohliche Personen unschädlich zu machen (siehe Abb.3) oder unangenehmen Situationen zu entkommen.31 So sehen auch Cohen und Phelps (1985) das stetige Ausradieren eines Familienmitglieds als ein Alarmsignal für sexuellen Missbrauch an.32

3.5 Regression und Remission

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Regressive Darstellungsform. (Richter (1999), S. 285)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Altersspezifische Darstellungsform. Von derselben Zeichnerin wie Abb. 5 und entstand einen Monat zuvor. (Richter (1999), S. 285)

Als Merkmal von Darstellungen missbrauchter Kinder gilt auch, dass die Zeichnungen im Kontext der bildnerischen Entwicklung Rückschritten unterliegen, auf die dann jedoch wieder altersentsprechende Darstellungen folgen (Regression und Remission).33 Grund für dieses hin und her sieht Richter darin, dass das Kind die nichtintegrierbaren Erlebnisinhalte nicht in der üblichen Darstellungsform zeichnen könne. Diesen regressiven Rückgriff auf frühere Darstellungsmittel bezeichnet Richter als „pathologisches Formrepertoire“34.

3.6 Farben

Die Farben Schwarz und Rot werden von Richter und Schuster in den Zusammenhang mit dem Vorliegen eines sexuellen Missbrauchs gebracht.35 Auch bei den von Cohen und Phelps (1985) angegebenen Merkmalen, ist die Farbgebung teilweise relevant. So erachteten sie es als ein Alarmsignal, wenn ein Kind beim Zeichnen eines Hauses mehr als 70% rot malte. Auch wurde es als Auffälligkeit gewertet, wenn in einer Zeichnung generell die Farbigkeit fehlte.36

Inwieweit die Farbgebung bei der Interpretation einer Kinderzeichnung jedoch berücksichtigt werden sollte ist fraglich, insbesondere wenn nicht einmal klar ist, ob das Kind beim Malen überhaupt andere Farben zur Auswahl hatte. So ist Frieske der Ansicht, dass die Farbgebung unbedingt in die Analyse einer Kinderzeichnung mit einfließen sollte. Jedoch weist sie auch darauf hin, dass insbesondere jüngere Kinder die Farbe nicht unbedingt bewusst wählten.37 Schuster zweifelt die Aussagekraft der Farbgebung in Kinderzeichnungen stark an, zumal diese auch häufig vom Kontext abhänge, so könne man, werde beispielsweise eine Rose realitätsgetreu rot dargestellt, diese nicht lediglich aufgrund der Farbsymbolik beispielweise mit Aggressivität in Verbindung setzen.38

3.7 Fragmentierung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Vater befindet sich getrennt durch eine Wand als einziger außerhalb des Hauses. (Steinhage (1992), S.50)

Auch fragmentierte Darstellungen werden in der einschlägigen Literatur häufig als Signal aufgefasst: So malten Kinder laut Schuster beispielsweise dicke Wände zwischen sich und den Täter, um einen großen Abstand zu gewinnen oder zeichneten ihre Figuren aus Schutzgründen in Kreise.39. Häufig würden Teile der Zeichnung durch Linien voneinander abgespalten, oder die dargestellten Objekte „schwebten“ zusammenhangslos im Bildraum umher.40 Richter sieht die Fragmentierung als einen bildnerischen Schockzustand an. Dieser wirke sich sowohl auf die inhaltliche, als auch auf die strukturelle Ebene der Kinderzeichnung aus.41 Die Figuren und Elemente würden über die dargestellte Nähe und Distanz miteinander in Beziehung gesetzt. Bei der Fragmentierung könne man von einer syntaktischen Leere sprechen. Als Grund für diese Umstrukturierung sieht Richter den durch unterdrückten Gefühle ausgelösten Widerspruch, welchen das Kind zu durchleben hat, an. Richter weist jedoch darauf hin, dass eine solche Fragmentierung nicht zwangsläufig bei jedem sexuell missbrauchten Kind auftreten müsse.42

[...]


1 Vgl. Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (2017)

2 Vgl. Deegener (2005), S.48

3 Vgl. Steinhage (1992), S.10

4 Vgl. Kubat (2014), S.19

5 Vgl. Schuster (2015), S.77-80

6 Vgl. ebd., S.80

7 Vgl. Schuster (2015), S. 82

8 Ebd., S.83

9 Ebd., S.87

10 Widlöcher (1998), S.108

11 Vgl. Reichelt (1996), S.25

12 Ebd., S.31

13 Vgl. Ihli (2000), S.28

14 Vgl. ebd., S.50

15 Vgl. ebd., S.209

16 Vgl. Kubat (2014), S.27

17 Vgl. Ihli (2000), S.39

18 Vgl. Schuster (2015), S.90

19 Vgl. Ihli (2000), S.138f

20 Vgl. Schuster (2015), S.90

21 Vgl. Schuster (2000), S.168

22 Vgl. Peez (2015), S.157f

23 Ebd., S. 159

24 Vgl. Peez (2015), S.160

25 Vgl. Schuster (2000), S.119

26 Vgl. Kubat (2014), S.23

27 Vgl. Schuster (2000), S.162

28 Vgl. Schuster (2015), S.90

29 Schuster (2000), S.162

30 Vgl. Kubat (2014), S.24

31 Vgl. Ihli (2000), S.47

32 Vgl. Schuster (2015), S.90

33 Vgl. Kubat (2014), S.26

34 Vgl. Richter (1999), S.286

35 Vgl. Richter (1999), S.20 und Schuster (2000), S.159

36 Vgl. Schuster (2015), S.90

37 Vgl. Frieske (2008), S.134

38 Vgl. Schuster (2000), S.118

39 Vgl. Schuster (2000), S. 161

40 Vgl Schuster (2000), S.168

41 Vgl. Richter (1999), S.232

42 Vgl. Richter (1999), S.291ff

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Kinderzeichnung als Indiz für sexuelle Gewalt
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Die Kinderzeichnung als Ausdrucksphänomen unter Berücksichtigung di-agnostischer Aspekte
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V594590
ISBN (eBook)
9783346181800
ISBN (Buch)
9783346181817
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinderzeichnung, sexuelle Gewalt, Missbrauch, Indiz, veschlüsselte Botschaft, Merkmale, Indikatoren, Beweismittel, Gericht
Arbeit zitieren
Teresa Lübbert (Autor), 2017, Die Kinderzeichnung als Indiz für sexuelle Gewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594590

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Kinderzeichnung als Indiz für sexuelle Gewalt



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden