Artemisia Gentileschi, die berühmteste Malerin ihrer Zeit. Unter großem Bemühen und durch ihr ausgezeichnetes Talent gelang es Artemisia 1616 als erste Frau in die Florentiner "Accademia delle arti del disegno" aufgenommen zu werden.
Als Tochter des in Rom lebenden Malers Orazio Gentileschi, der ihr Talent erkannte, wurde sie bereits früh in der Malerei unterrichtet. So gab Orazio seine Tochter zum Erlernen der perspektivischen Darstellung auch die Obhut seines Malerkollegen Agostino Tassi. Dadurch wurde Artemisia Opfer einer Vergewaltigung durch ihren Lehrer, gegen welchen sie gerichtlich vorging. Heute werden viele ihrer Gemälde als Racheakt an eben diesem Täter interpretiert. Dies ist jedoch eine kritisch zu betrachtende Sichtweise, da zu jener Zeit Kunstwerke zumeist Auftragsarbeiten waren und die Malerei nicht wie heute zum Ausdruck innerer Gefühle genutzt wurde. Unterstützt wird diese sich hartnäckig haltende Annahme jedoch dadurch, dass viele der ihr zugeschriebenen Kunstwerke Heroinnen im Sieg über Männer darstellen, so beispielsweise in den Werken "Judith tötet Holofernes" oder "Jael und Sisera". So wird häufig angenommen, dass Holofernes und Sisera in ihren Darstellungen ihren Vergewaltiger symbolisieren und die Gewalttat einen Racheakt an eben diesem.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. „Susanna und die beiden Alten“ von Artemisia Gentileschi
2. „Judith tötet Holofernes“ von Artemisia Gentileschi
3. „Jael und Sisera“ von Artemisia Gentileschi
3.1 Die biblische Geschichte
3.2 Jael-Darstellungen im Wandel der Zeit
3.3 Artemisias „Jael und Sisera“
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht ausgewählte biblische Gewaltdarstellungen im Werk von Artemisia Gentileschi, um zu analysieren, inwieweit diese Werke als persönliche Racheakte an ihrem Vergewaltiger Agostino Tassi interpretiert werden können oder ob sie als klassische Auftragsarbeiten im Kontext des 17. Jahrhunderts zu verstehen sind.
- Analyse der Motivwahl und künstlerischen Umsetzung bei Artemisia Gentileschi
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen persönlicher Biografie und zeitgenössischer Kunstpraxis
- Rezeption biblischer Heroinnen (Susanna, Judith, Jael) in der Kunstgeschichte
- Vergleich mit zeitgenössischen Vorbildern und ikonographischen Traditionen
- Kontextualisierung der Rolle von Malerinnen um 1600
Auszug aus dem Buch
3.3 Artemisias „Jael und Sisera“
Jaels ruhige und bedachte Art scheint geradezu eine moralische Überlegenheit und die göttliche Unterstützung ihrer Tat auszudrücken. Ihr herabschauender Blick, die kniende Haltung, ihre zurückhaltende Geste und ihr vornehmes aber nicht übermäßig prachtvoll und dramatisch drapiertes Kleid verleihen ihr ein tugendhaftes Erscheinungsbild. Dadurch wirkt Jael viel weniger (als bei Artemisias Zeitgenossen) wie eine tückische Verführerin. Vielmehr stellt Jael hier die von Gott beauftragte Heldin ihres Volkes dar. Dazu im Kontrast steht jedoch, dass Artemisia Jael in der Farbe der Verführung (Gelb) wie eine Dirne kleidet.
In Artemisias Gemälde kniet Jael neben dem schlafenden Sisera. Bei dieser Anordnung ihrer Figuren könnte sie sich an Philips Galles Druckgrafik „Jaël vermoord Sisera met een tentpin“ von 1569 orientiert haben.
Ebenso wie die meisten Künstler wählt Artemisia den Moment in dem Jael den Hammer hebt um den tödlichen Schlag auszuführen. Sie entscheidet sich somit für den fruchtbaren Moment in dem sich das Geschehen theoretisch noch abwenden ließe. (Weniger häufig dargestellt wird Jael mit dem bereits getöteten Sisera. Eine dritte Darstellungsvariante ist die der triumphierenden Heldin Jael.)
Im Gegensatz zu Artemisias dynamischer Judith wirkt Jael geradezu ruhig, nachdenklich und zurückhaltend. So wird das Gemälde teilweise für seine angeblich fehlende Leidenschaft und seinen Mangel an dramatischer Aktion kritisiert und der Malstil bisweilen als „feminin“ betitelt. Doch besteht für Jael keinerlei Notwendigkeit mit ihrem schlafenden Opfer zu kämpfen, weshalb die ruhige geradezu friedliche Atmosphäre die das Bild ausstrahlt eigentlich nur sinnvoll gewählt ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Biografie von Artemisia Gentileschi und Diskussion der gängigen, teils kritisch zu hinterfragenden Interpretation ihrer Werke als Racheakte.
1. „Susanna und die beiden Alten“ von Artemisia Gentileschi: Analyse der Darstellung von Susanna, wobei der Fokus auf ihrer abwehrenden Haltung und der Reduktion auf die essenzielle Notlage der Figur liegt.
2. „Judith tötet Holofernes“ von Artemisia Gentileschi: Untersuchung der brutalen Enthauptungsszene im Vergleich zu Vorbildern wie Caravaggio und der Entwicklung der Darstellung zwischen 1612 und 1620.
3. „Jael und Sisera“ von Artemisia Gentileschi: Analyse der biblischen Geschichte und der künstlerischen Tradition, gefolgt von einer detaillierten Betrachtung von Artemisias spezifischer, ruhiger Interpretation des Sujets.
3.1 Die biblische Geschichte: Zusammenfassung der Erzählung von Jael und Sisera sowie deren Einbettung in den theologischen Kontext der göttlichen Zustimmung.
3.2 Jael-Darstellungen im Wandel der Zeit: Überblick über die ikonographische Entwicklung von Jael als tugendhafter Heldin bis hin zur Darstellung als verführerische Frau.
3.3 Artemisias „Jael und Sisera“: Ausführliche Analyse von Artemisias Komposition, den Symbolen im Bild und der Vermutung über den möglichen florentinischen Auftraggeber.
Schlüsselwörter
Artemisia Gentileschi, Judith, Jael, Susanna, Caravaggismus, Barockmalerei, Gewaltdarstellung, Ikonographie, Bibel, Heldin, Kunstgeschichte, Orazio Gentileschi, Florenz, Medici, Frauenbild
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Gewalt an biblischen Figuren im Werk der Malerin Artemisia Gentileschi.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die künstlerische Auseinandersetzung mit biblischen Sujets, die Rolle der Frau in der Kunst des 17. Jahrhunderts sowie die Debatte über autobiografische Einflüsse in Gentileschis Gemälden.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit hinterfragt, ob die Darstellungen gewalttätiger Szenen in Gentileschis Werken tatsächlich als Racheakte an ihrem Vergewaltiger zu interpretieren sind oder ob diese Interpretation durch den Kontext von Auftragsarbeiten zu stark verkürzt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine kunsthistorische Analyse der Werke durchgeführt, die bildikonografische Vergleiche mit Zeitgenossen und die Kontextualisierung mit historischen sowie biblischen Quellen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von drei zentralen Werken: Susanna und die beiden Alten, Judith tötet Holofernes sowie Jael und Sisera, wobei jeweils die kunstgeschichtliche Einordnung und die spezifische Ausführung der Künstlerin besprochen werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Artemisia Gentileschi, Barockmalerei, Ikonographie, biblische Heroinnen und Gewaltdarstellung charakterisiert.
Welche Bedeutung hat das Bild „Jael und Sisera“ innerhalb der Arbeit?
Dieses Bild dient als Beispiel für eine ruhige und nachdenkliche Darstellung einer Heldin, die sich deutlich von der Dynamik ihrer früheren Judith-Gemälde unterscheidet.
Warum wird die Autorschaft des „Jael und Sisera“-Gemäldes mit der Familie der Medici in Verbindung gebracht?
Da Artemisia Gentileschi während ihres Aufenthalts in Florenz einen Großteil ihrer Werke für die Familie der Medici anfertigte, liegt die Vermutung nahe, dass auch dieses Werk einen florentinischen Auftraggeber hatte.
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- Teresa Lübbert (Autor), 2017, Artemisia Gentileschi. Der Künstler als Mörder, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594591