Die Bildfiguren des "Sklavenwunders" von Jacopo Tintoretto. Venezianische Malerei des 16. Jahrhunderts


Ausarbeitung, 2013

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Sklavenwunder als Massenkomposition

2. Die Frau mit Kind

3. Der stehende Scherge

4. Der Sklave

5. Markus

6. Literaturverzeichnis

Die Bildfiguren des „Sklavenwunders“ von Jacopo Tintoretto

Jacopo Robusti, genannt Jacopo Tintoretto1 (* 29. September 1518 in Venedig; † 31. Mai 1594 in Venedig2 ) war ein venezianischer Maler. Sein Name, welcher übersetzt so viel heißt wie „das Färberlein“, leitet sich von dem Handwerk seines Vaters ab.3

Eines der berühmtesten Werke Tintorettos stellt das Gemälde „Das Wunder des hl. Markus“ (oder auch genannt „Sklavenwunder“) dar, welches Tintoretto im Auftrag der venezianischen Bruderschaft Scuola di San Marco malte und das ihm viel Lob einbrachte. Das „Sklavenwunder“ ist neben drei weiteren Auftragsbildern („Die Entführung der Leiche des hl. Markus“, „Die Auffindung der Leiche vom Hl. Markus“, „Der hl. Markus errettet einen Sarazenen“) für die Scuola di San Marco in das Frühwerk Tintorettos einzuordnen.

Im Folgenden werden die Bildfiguren des „Sklavenwunders“, sowie deren Komposition genauer beschrieben.

1.) „Das „Sklavenwunder“ als Massenkomposition“

Um sein Gemälde möglichst naturalistisch zu gestalten nahm sich Tintoretto viele Vorbilder anderer Künstler zur Hilfe.4

Ein wichtiges Vorbild für die Gesamtkomposition fand Tintoretto in den Bildern „ Taufe des Hermogenes “ und „ Verurteilung des Jacobus zum Tode “. Die beiden Werke sind Teile eines Freskenzyklus von Andrea Mantegna und befinden sich in der Ovetari-Kapelle der Eremitani-Kirche zu Padua. Die beiden Fresken Mantegnas sind durch das gemeinsame Bodenmuster und einem –wie auch im „Sklavenwunder“- zentralen Fluchtpunkt kompositorisch eng miteinander verbunden. Die Zuschauer, welche zwischen Pfeilern hervorkommen, auf einem Balkon stehen, einen Turban tragen und mit dem Rücken zum Betrachter stehen sowie die isoliert am Boden liegenden Gegenstände der „ Hermogenes-Taufe “ sind vorbildhaft für die Gestaltung der linken Bildhälfte des „ Sklavenwunders “. Die Komposition der rechten Bildhälfte hingegen ist von dem thronenden Herrscher, den Soldaten, welche zum Teil eine auffällig ausgeprägte Rückenmuskulatur aufweisen, und dem Bogen im Hintergrund in Mantegnas „ Verurteilung des Jacobus zum Tode “ inspiriert.5

Ein weiteres Vorbild für das „Sklavenwunder“ stellt das Titelblatt des Lehrbuchs „ De Humani Corporis Fabrica “ von Andreas Vesalius dar. Das Buch befasst sich mit der menschlichen Anatomie. Tintoretto hat sich für die Anordnung der Zuschauer im „Sklavenwunder“ von der halbkreisförmigen Anordnung der Studenten/Zuschauer im Titelblatt inspirieren lassen. Weitere Motive aus dem Titelblatt von Andreas Vesalius Lehrbuch, die im „Sklavenwunder“ wiederkehren stellen die Verkürzung des schräg liegenden Körpers, die Vordergrundfiguren, die zum Teil mit dem Rücken zum Betrachter stehen, sowie die rahmenden Elemente (an eine Säule geklammerter Mann links und Landknecht rechts) dar. Dennoch konnte das kleine Vesalius-Titelblatt aufgrund seiner Größe nur begrenzt Vorbild für das riesige Bild mit lebensgroßen Figuren Tintorettos sein.6

Ein Vorbild für die Auftürmung der Figuren am rechten Bildrand stellt die „ Pesaro Madonna “ von Tizian dar.7

Für die Darstellung der vorgebeugten Zuschauer nahm sich Tintoretto das Werk „ Opfer von Lystra “ von Raffaello Santi zur Hilfe.8

2.) „Die Zuschauerin mit Kind“

Die einzige Frau im Bild steht mit dem Rücken zum Betrachter und ist mit dem linken Schienenbein auf die Sockelzone der Loggetta gestützt.910 Die „Loggetta [befindet sich] am Fuß des Markusturms“11 in Venedig und stellt den Schauplatz der im „Sklavenwunder“ dargestellten Ereignisse dar.

Die Frauengestalt biegt den Oberkörper weit nach hinten um die Geschehnisse verfolgen zu können. Ihr Blick ist zum Schergen gerichtet. Das Kind in ihren Armen blickt vermutlich entweder zum bärtigen Mann zwischen den Säulen oder aber zum heiligen Markus. Es wird angenommen, dass das unschuldige Kind möglicherweise als einzige Person neben dem Sklaven den heiligen Markus sehen kann. Es wird davon ausgegangen, dass die Frau die Personifikation der Karitas darstellt.12 Die Karitas ist im Christentum die Bezeichnung für die Nächstenliebe und uneigennützige Wohltätigkeit. Sie gilt seit den Anfängen des Christentums als christliche Tugend. Auch ist sie eine Haupttugend der venezianischen Laienbruderschaften zu denen auch die Scuola di San Marco zählte.

Die Tatsache, dass das „Sklavenwunder“ nur durch eine Mauer von der (etwa in Höhe des „Sklavenwunders) an der Außenfassade der Scuola di San Marco angebrachten „ Carità “ des Bartolomeo Bon getrennt ist lässt diese Theorie umso sinnvoller erscheinen.13

3.) „Der stehende Scherge“

Dem stehenden Schergen im Bild kommt eine zentrale Bedeutung zu. Die Blickführung kann wie folgt beschrieben werden: Hat der Betrachter den hellen Körper des Sklaven entdeckt, so wandert der Blick über die hell beleuchtete linke Ferse des Schergen über die S-förmige Körperhaltung und die Armhaltung hin zum Kopf des befehlsgebenden Herrscher. Die Kopfhaltung des Schergen sowie die Drapierung seines Turbans hingegen lenken den Blick zum heiligen Markus. Dadurch bildet der Folterknecht eine Verbindung zwischen den drei Protagonisten. Inhaltlich verkörpert der Scherge den Wendepunkt der dargestellten Ereignisse. Als Werkzeug des heidnischen Herrn wird der Scherge durch die Berührung des Markus zum Instrument der Bekehrung, da die kapitulierende Geste des Schergen den Herrscher zur Umkehr bewegt.1415

Das älteste Vorbild der Figur des Schergen stellt die Bronzefigur des „ Betenden Knaben “ dar, welche vermutlich 1503 aus Rhodos nach Venedig kam. Die Arme des „Betenden Knaben“ sind jedoch eine erst später -vermutlich im 17. Jahrhundert- angefertigte Rekonstruktion. Daher ist unklar, ob die Skulptur in der originalen Fassung tatsächlich einen betenden Knaben oder eventuell doch einen sogenannten Knabensieger darstellte.16

Für seine Figur des Schergen ließ Tintoretto sich von einem Apostel aus Tizians „ Assunta “ inspirieren. Seitenverkehrt und mit komplementär umgefärbtem Gewand taucht dieser Apostel so als Folterknecht in Tintorettos „Sklavenwunder“ wieder auf. Die gedrehte Körperhaltung des Apostels ist bei Tizian inhaltlich unmotiviert. Bei Tintoretto hingegen ergibt sich die Körperhaltung17 „aus der dargestellten Handlung: „Eben noch dem liegenden Sklaven zugewandt hat sich der Knecht mit fließender Gebärde aufgerichtet und umgedreht, daß sein linker Fuß noch an der alten Stelle aufgesetzt ist.“18

Für die Handstellung des Schergen nahm Tintoretto sich einen Almosenempfänger aus Lorenzo Lottos „ Almosen des Hl. Antonius “ zum Vorbild.19

4.) „Der Sklave“

Die Verkürzung des liegenden Sklaven wird von Kunstkritikern besonders gelobt. Dies wird umso einleuchtender wenn man den Sklaven Tintorettos mit älteren Darstellungen verkürzt liegender Gestalten vergleicht. Ein passendes Beispiel stellen hier die 1456 entstandenen Schlachtengemälde von Paolo Uccello dar, bei welchen die liegenden Figuren sehr starr und unnatürlich wirken.2021

Das einzige Vorbild für eine mit dem Kopf zum Betrachter liegende „ figura serpentinata“22 (geschraubte Figur→ typisches Merkmal des Manierismus) fand Tintoretto in dem Stich „ Hercules tötet Cerberus “ von Giovanni Giacomo Caraglio, angefertigt nach einer ca. 1525 entstandenen Zeichnung von Rosso Fiorentino.23 (Zum Hintergrund dieses Bildes ist zu sagen, dass Ceberus in der griechischen Mythologie einen Höllenhund und Torhüter, der den Eingang zur Unterwelt bewacht darstellt. Dieser wurde zunächst einköpfig später drei- oder fünfköpfig dargestellt. In der griechischen Mythologie muss Herkules um zum unsterblichen Gott des Bergs Olymp zu werden 12 Aufgaben bestehen. Die letze Aufgabe besteht darin, Ceberus zum König Eurystheus zu bringen.24 )

Der quer über den Körper fallender Schatten könnte Tintoretto neben den angewinkelten Beinen fasziniert haben. Der Schatten ist im „Sklavenwunder“ als bedrohlicher Schatten des Schergen wieder zu finden. Tintoretto sieht die figura serpentinata (wie Michelangelo auch) als Zeichen von Leben.25 Dies macht die Wahl Tintorettos seien Sklaven als figura serpentinata zu gestalten umso sinnvoller, da der Sklave lebendig aussehen muss.

5.) „Markus“

Als Schreiber eines der Evangelien kennzeichnet den heiligen Markus das Buch in seiner linken Hand.26

Ein Vorbild für die Figur des heiligen Markus fand Tintoretto in Michelangelos „ Conversione di Saulo “ oder auch genannt „Die Bekehrung des Saulus“. Hierbei orientierte sich Tintoretto an Michelangelos Christus, welcher jedoch im Gegensatz zum heiligen Markus aus dem Bild heraus fliegt. Dies lässt darauf schließen, dass Tintoretto ein plastisches Hilfsmodell nach dem Vorbild des Christus aus Nicolaus Beatrizets Stiches nach Michelangelos Kunstwerk anfertigen ließ. Wenn man Tintorettos Werk mit dieser Annahme begutachtet so kommt man zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich ist, dass mehrere Figuren Tintorettos nach dem gleichen Modell gezeichnet wurden. Beispiele hierfür stellen eine der Musen aus Tintorettos „Le nove muse“ sowie der Engel aus „ Der Hl. Rochus im Gefängnis “ dar.27

Der Kunsthistoriker Ruskin war so überzeugt von Tintorettos Fähigkeiten, dass er sogar der Ansicht war Tintoretto habe Michelangelo in der Konsequenz der Verkürzung sogar noch übertroffen. Während Michelangelo den Kopf seines Christus anhebt um die Verzerrung des Gesichtes zu minimieren verkürzt Tintoretto das Gesicht des heiligen Markus konsequent und stellt seine Figur aufgrund der veränderten Flugrichtung sogar auf den Kopf. Vor Tintorettos „Sklavenwunder“ wollten die Maler verhindern, dass der Betrachter den Kopf wenden muss um die Gesichtszüge der dargestellten Figuren erkennen zu können. Dieses Verfahren zeigt sich auch in Michelangelos „Kreuzigung Petri“. Michelangelo lässt seinen Petrus den Kopf anheben. Nur so kann der Betrachter mühelos die Mimik des Petrus deuten, nur so ist die psychologische Einfühlung gesichert. Vor Tintorettos „Sklavenwunder“ ist der Sturz-Flug Sinnbild für menschliche Überheblichkeit und deren Bestrafung durch Gott. Dadurch, dass Tintoretto seinen heiligen Markus auf den Kopf stellt verstößt er gegen alte ikonographische Vorurteile. Außerdem war es in der venezianischen Malerei nicht üblich Heilige fliegend darzustellen. Tintoretto übernimmt indem er den heiligen Markus fliegend darstellt den Darstellungsmodus, der in der christlichen Ikonographie traditionellerweise Gottvater bzw. dessen direkten Gesandten den Engeln vorbehalten ist.28

[...]


1 Vgl. Bosetti, Petra (2012)

2 Vgl. http://www.jacopotintoretto.org/

3 Vgl. Bosetti, Petra (2012)

4 Krischel, Roland (1991), S. 61

5 Vgl. ebd. S. 61

6 Vgl. ebd. S. 62

7 Vgl. ebd. S. 63-64

8 Vgl. ebd. S. 64

9 Krischel, Roland (1991), S. 65

10 Vgl. ebd. S. 65

11 Absalon, Agnes (2012)

12 Vgl. Krischel, Roland (1991), S. 65

13 Vgl. ebd. S. 65-66

14 Ebd., S. 69

15 Vgl. ebd. S. 69

16 Vgl. ebd. S. 69-70

17 Vgl. ebd. S. 70-71

18 Krischel, Roland (1991), S. 71

19 Vgl. ebd. S. 71

20 Ebd. S. 72

21 Vgl. ebd. S. 73

22 Vgl. http://www.projekte.kunstgeschichte.uni-muenchen.de/Paragone/glossar_serpentinata.html

23 Vgl. Krischel, Roland (1991), S. 76

24 Vgl. http://www.schule-studium.de/Latein/Mythologie/Herkules_12Aufgaben.html

25 Vgl. Krischel, Roland (1991), S. 76-77

26 Ebd. S. 79

27 Vgl. ebd. S. 80-86

28 Vgl. Krischel, Roland (1991), S. 87-88

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die Bildfiguren des "Sklavenwunders" von Jacopo Tintoretto. Venezianische Malerei des 16. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
6
Katalognummer
V594593
ISBN (eBook)
9783346195401
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tintoretto, Sklavenwunder, Jacopo, venizianisch, Malerei, venezianische Malerei, 16. Jahrhundert, Bildfiguren
Arbeit zitieren
Teresa Lübbert (Autor), 2013, Die Bildfiguren des "Sklavenwunders" von Jacopo Tintoretto. Venezianische Malerei des 16. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/594593

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