Diese Arbeit behandelt verschiedene Aspekte der performativen Beziehung zwischen Marina Abramović und Ulay.
Von dem Künstlerpaar Marina Abramović und Ulay geht eine nicht zu negierende Faszination aus. Ihre gemeinsame Schaffensphase liest sich wie eine Legende von Katharsis und Liebe. Jeder Moment ihrer Lebensläufe, jede Performance und jedes Zitat ist Teil eines umfassenden Gesamtkunstwerkes, möchte man es als solches betrachten. Über mehr als ein Jahrzehnt Zeit und fünf Kontinente Raum spannt sich eine einzigartige künstlerische Beziehung, die einen konzeptuell starken und emotional fordernden Werkkomplex der Performance Kunst hervorbrachte.
Den Gesamtkomplex durchzieht die Dualität des Männlich – Weiblichen. Immer wieder werden Fragen nach der Trennung der Geschlechter und deren Verschmelzung zu einer Entität gestellt. Der Weg der Wahl ist ein nahezu biographischer, dessen Wegweiser einzelne Performances sind, durch die immer wieder das Verhältnis zwischen Mann und Frau neu definiert und bereichert wird.
Die gemeinsamen Werke des Künstlerpaares sind formal-ästhetisch äußerst aussagekräftig, was ich mir insofern zunutze mache, als dass ich durch deren Betrachtung immer wieder Fragen auf der Beziehungsebene durch die künstlerische Ebene und die der öffentlichen Rezeption zu beantworten suche.
Inhaltsverzeichnis
1. Marina Abramović – davor
2. Ulay – davor
3. Der Geburtstag
4. Relation in Space
5. Relation in Time
6. ART VITAL
7. Nightsea Crossing
8. Der Mond, die Sonne
9. The Lovers – The Great Wall Walk
10. Danach – Marina Abramović
11. Danach – Ulay
12. Und wieder – Der Geburtstag
13. The artists are present
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die gemeinsame Schaffensphase des Künstlerpaares Marina Abramović und Ulay als performativen Gesamtkunstwerkkomplex. Ziel ist es, durch die Untersuchung ausgewählter Performances die Dynamik ihrer Beziehung, die Themenfelder der Geschlechterdualität und die öffentliche Rezeption zu beleuchten.
- Biografische Hintergründe der beiden Künstler vor ihrem ersten Zusammentreffen.
- Analyse zentraler Performances wie Relation in Space, Relation in Time und ART VITAL.
- Untersuchung des Machtgefälles und der emotionalen Dynamik in der künstlerischen Zusammenarbeit.
- Die Auflösung der gemeinsamen künstlerischen Einheit und deren individuelle Nachwirkung.
- Die öffentliche und persönliche Wiederbegegnung im Rahmen der Performance The artists are present.
Auszug aus dem Buch
4. Relation in Space
Die nackten Körper der beiden Künstler bewegen sich langsam im Raum, streifen sich immer wieder flüchtig und kollidieren schließlich. Die Kollision erzeugt kein „reines sauberes Klack“ (Abramović 2016, S. 117) wie jene der Silberkugeln eines Kugelstoßpendels. Fleisch prallt auf Fleisch, ein Rhythmus entsteht. Etwas Minimalistischeres als zwei nackte Körper in einem Raum gibt es nicht. Das Publikum konnte die Beziehung der beiden spüren, wusste jedoch bisher so wenig, sodass beide zur Projektionsfläche gerieten. Der Ausdruck, der in der Performance liegt, ist nicht klar gerichtet, er bleibt letztlich enigmatisch. Im starken Bild der Kollision ist auch zu lesen, was es bedeutet, wenn zwei Atome aufeinandertreffen, wie es bei den Künstlern der Fall gewesen ist und wie es dazu kommt, dass manche Treffen die atomare Konstellation so drastisch verändern können. Dazu sagte Ulay: „Wir hatten das Bedürfnis, uns zu treffen, zu verschmelzen“ (vgl. Film The Story of Marina Abramovic and Ulay).
Die Beziehung der beiden Künstler ist unter anderem auch deswegen so interessant, weil sich beide, bereits vor ihrer gemeinsamen Schaffensphase mit der sexuellen Dualität männlich – weiblich auseinandersetzten und dies gemeinsam fortführten. Abramovićs Arbeiten prägt ein soziologisch betrachtet stark männlicher Ansatz – totaler Einsatz, Heldentum, „immer bestand die Möglichkeit, darin umzukommen“ (MC EVILLEY 2010, S. 16) aber auch totale Ergebenheit in der Tortur, ein eher weibliches Attribut. Ulay setzte sich mit seiner weiblichen Seite auseinander, indem er für zwei Jahre in die transsexuelle Szene eintauchte und bis zum Treffen mit Marina diese Dualität unübersehbar verkörperte (vgl. Abb. 3). Ulay thematisierte mit seinen Aktionen bereits die Idee, dass das biologische Geschlecht, nicht unbedingt dem gender, dem sozialen Geschlecht, entsprechen muss und dass allen Menschen diese Polarität immanent ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Marina Abramović – davor: Beleuchtet die Biografie und die künstlerischen Anfänge von Marina Abramović in Belgrad sowie ihre Entwicklung zur Performance-Künstlerin.
2. Ulay – davor: Beschreibt Ulays Herkunft, seine Prägung in Deutschland und seinen Weg von der Fotografie hin zur Performance-Kunst in Amsterdam.
3. Der Geburtstag: Analysiert das erste Zusammentreffen der Künstler, ihre sofortige Verbindung und den Beginn ihrer gemeinsamen künstlerischen und privaten Lebensphase.
4. Relation in Space: Erörtert die erste gemeinsame Performance und untersucht das Thema der körperlichen Kollision sowie die Dualität des Männlich-Weiblichen.
5. Relation in Time: Analysiert die Performance Relation in Time als Ausdruck von Ausdauer, Schmerz und der Verbindung zweier Menschen durch die Zeit.
6. ART VITAL: Beschreibt die dynamische Phase des gemeinsamen Reisens und Lebens im Bus als Gesamtkunstwerk und vierjährige Performance.
7. Nightsea Crossing: Untersucht die Performance Nightsea Crossing hinsichtlich ihrer Reglosigkeit, der Willensstärke und des symbolischen Energieaustauschs.
8. Der Mond, die Sonne: Behandelt die zunehmenden Krisen in der Beziehung der Künstler und die Performance Der Mond, die Sonne als Ausdruck des Scheiterns.
9. The Lovers – The Great Wall Walk: Dokumentiert das endgültige Ende der Beziehung durch die Performance auf der Chinesischen Mauer als dramatischen Abschluss.
10. Danach – Marina Abramović: Beschreibt Marinas künstlerische Weiterentwicklung und Selbstfindung nach der Trennung von Ulay.
11. Danach – Ulay: Beleuchtet Ulays künstlerische Solo-Karriere nach der Trennung und seine langjährige Zurückhaltung in Bezug auf Abramović.
12. Und wieder – Der Geburtstag: Berichtet von der späteren, sporadischen Zusammenarbeit des ehemaligen Paares anlässlich gemeinsamer Geburtstage.
13. The artists are present: Analysiert die ikonische Performance im MoMA und die emotionale Wiederbegegnung der beiden Künstler als Höhepunkt und Abschluss ihrer gemeinsamen Geschichte.
Schlüsselwörter
Marina Abramović, Ulay, Performance-Kunst, Künstlerpaare, Geschlechterdualität, Körper, Identität, Beziehung, ART VITAL, The Lovers, The Artists are present, Zeit, Raum, Körperlichkeit, Zusammenleben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Leben und Wirken des Künstlerpaares Marina Abramović und Ulay als symbiotisches Gesamtkunstwerk und analysiert, wie sich ihre Beziehung in ihren Performances widerspiegelt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Dualität der Geschlechter, das Machtgefälle in Beziehungen, die physische Ausdauer in der Performance-Kunst sowie die Verschiebung von Grenzen zwischen Kunst und Leben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Aufarbeitung der komplexen künstlerischen und privaten Verbindung von Abramović und Ulay sowie deren Transformation von der ersten Begegnung bis zur endgültigen Trennung und darüber hinaus.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer biografischen Analyse, der Untersuchung zentraler Performance-Werke und der Einordnung in soziologische sowie kunstwissenschaftliche Kontexte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische Betrachtung der wichtigsten gemeinsamen Performances, unterbrochen von den individuellen Hintergründen der Künstler und deren Entwicklung nach der Trennung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Performance-Kunst, Identität, Körperlichkeit, Geschlechterdualität, Relation und die Namen der beiden Hauptakteure charakterisiert.
Warum spielt die Performance "The Artists are present" eine so besondere Rolle?
Sie bildet den emotionalen Höhepunkt und eine Art Abschluss, da sie die Wiederbegegnung der beiden Künstler nach Jahren der Trennung vor einem Millionenpublikum im MoMA thematisiert.
Wie gehen die beiden Künstler mit der Trennung in ihren Werken um?
Die Arbeit verdeutlicht, dass die Trennung sowohl inhaltlich in Werken wie Der Mond, die Sonne verarbeitet wurde, als auch durch eine anschließende jahrelange künstlerische Distanzierung und persönliche Funkstille geprägt war.
Welche Rolle spielt das Machtgefälle zwischen Marina und Ulay?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass es ein signifikantes Machtgefälle gab, das sich etwa durch die Rechteverwaltung an den gemeinsamen Werken und die unterschiedliche öffentliche Wahrnehmung nach der Trennung manifestierte.
Warum wird die Phase "ART VITAL" als besonders bedeutsam hervorgehoben?
ART VITAL wird als eine vierjährige Performance begriffen, in der das Paar die Grenze zwischen ihrem privaten Alltag und ihrem künstlerischen Schaffen vollständig aufhob.
- Citation du texte
- Julia Bernard (Auteur), 2018, Marina Abramović und Ulay. Die Betrachtung einer performativen Beziehung durch die Werke, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/595153