Angelsächsische 'Märtyrer' in Aelfrics Heiligenleben


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
21 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Ælfrics Leben und Werk

3. Ælfrics Stil

4. Ælfrics Catholic Homilies und Lives of Saints

5. Die historischen Figuren des König Oswald und König Edmund
5.1 König Oswald
5.2 König Edmund

6. Aufbau der Heiligenleben
6.1 Quellenangabe
6.1.1 Oswald
6.1.2 Edmund
6.2 Charakterisierung
6.2.1 Oswald
6.2.2 Edmund
6.3 Bericht der erlittenen Qualen
6.4 Aufzählung der Wunder

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Angelsächsische ‚Märtyrer‘ in Ælfrics Heiligenleben

1. Einleitung

Das angelsächsische England um die Jahrtausendwende befand sich im Zustand der Unruhe. Von 980 an wurde es mehr als 30 Jahre lang zum zweiten Mal von Raub- und Kriegszügen der Skandinavier heimgesucht. Für viele Menschen der damaligen Zeit, darunter auch Ælfric, waren das die Vorzeichen des nahenden Weltendes. Ihrer Meinung nach drohte das Jüngste Gericht, und es galt noch so viele Menschen wie möglich vor der ewigen Verdammnis zu retten.[1] Dazu mußte allerdings erst die Kirche reformiert werden, und die Geistlichen zurück zur Benediktinerregel gebracht werden. Diese Bewegung, die bereits Ende des neunten Jahrhunderts unter König Alfred begonnen hatte, und dann Mitte des zehnten Jahrhunderts von den Erzbischöfen Dunstan und Oswald und dem Bischof Æthelwold fortgeführt wurde, ist im allgemeinen als Benediktinerreform bekannt. Doch der Bildungsverfall war v.a. was die lateinische Sprache anging schon zu weit fortgeschritten. Hier versuchte man durch englische Fassungen, z.B. auch der Benediktinerregel, Abhilfe zu schaffen. Einer der Hauptrepräsentanten der altenglischen Prosaschriftsteller ist Ælfric von Eynsham.[2]

Im Folgenden soll nun zunächst auf Ælfric selbst und sein Werk eingegangen werden, wobei besonderes Augenmerk auf seinen Stil gelegt werden wird. Dann werden stellvertretend für seine Heiligenleben zwei herausgegriffen und näher analysiert werden. Ein Heiligenleben ist eine Art Predigt, die das Leben eines beispielhaften Lebens und Todes eines Heiligen nachzeichnet. Es hat gewisse Ähnlichlichkeiten zu einer Homilie, in der eine Bibelstelle in Predigtform ausgelegt wird. Heiligenleben waren jedoch nicht für bestimmte Sonn- und Feiertage gedacht, sondern fanden auch außerhalb des Gottesdienstes Verwendung. Ælfric zog jedoch keine solch strengen Grenzen zwischen Homilien und Heiligenleben.[3] Anhand der Heiligenleben der angelsächsischen Könige Oswald und Edmund und der Legenden, die sich um sie rankten, wird der Aufbau eines Heiligenlebens beschrieben werden. Desweiteren soll dargestellt werden, inwiefern Homilien oder Heiligenleben die Menschen zum Christentum bekehren sollten, und was sie für eine Wirkung auf die Menschen der damaligen Zeit hatten.

2. Ælfrics Leben und Werk

Ælfric wurde in der Mitte des zehnten Jahrhunderts geboren und starb im ersten Drittel des elften Jahrhunderts. Die genauen Lebensdaten sind nicht bekannt. Sie datieren zwischen 950[4] und 955[5] als seinem Geburtsjahr und 1010[6], 1015[7] oder sogar 1025[8] als das Jahr, in dem er starb. Wenn man davon ausgeht, daß Ælfric nach 1006 in demselben Tempo Werke geschrieben hat wie davor, endet seine kreative Phase tatsächlich um 1010, weswegen dies oft als sein Sterbejahr angesehen wird.[9] Über ihn selbst ist ansonsten nur das bekannt, was er in seinen Werken berichtet.[10] Er lebte zu der Zeit, als die Klosterreform in England auf dem Höhepunkt war und war sehr von ihr beeinflußt. Die Erzbischöfe von Canterbury und York, Dunstan und Oswald, waren zusammen mit Æthelwold für die monastische Reform in England verantwortlich. Ælfric lernte und lehrte als Schüler bei Æthelwold in Winchester und hatte auch unter Dunstan gelernt.[11] Die Klöster waren zu dieser Zeit das Zentrum aller literarischen Aktivitäten. Allen voran Winchester, das zur Zeit der Bischöfe Æthelwold (963-984) und seinem Nachfolger Ælfheah (984-1006) eine hervorragend ausgestattete Bibliothek hatte und als Zentrum der “geistigen und geistlichen Elite Englands”[12] gesehen wurde. Die Mönche hatten Zugriff zu verschiedensten Büchern, nicht nur die Theologie betreffend, sondern auch Wissenschaft und Künste. Doch sie beschränkten sich nicht nur darauf, diese Bücher zu lesen und abzuschreiben, es entstanden auch zahlreiche neue Werke.[13] So widmete sich auch Ælfric intensiv der Literatur und gilt als der größte altenglische Prosaschriftsteller.[14] Sein Werk umfaßt neben den Homilien und Heiligenleben, Bibelübersetzungen und –kommentare, ein naturwissenschaftliches Elementar-lehrbuch (De temporibus anni), das über die Schöpfung sowie Astronomie und Wetter berichtet und an die Werke Bedas angelehnt ist, Hirtenbriefe und eine gekürzte Fassung der Vita S. Æthelwoldi von Wulfstan, das über das Leben seines Lehrers Æthelwold berichtet.[15] Als sehr große Leistung wurde auch seine altenglische Lateingrammatik gesehen, die nicht nur Lehrbuch für das Lateinische war, sondern auch als Einführung in die altenglische Sprache betrachtet wurde. Sie enthält zudem einen Sachglossar mit 1200 Einträgen. Zu der Grammatik gehört auch das Colloquium, in dem Ælfric kleine Gespräche für den Unterricht aufgeschrieben hat.[16] Er besaß die Kenntnisse und Fähigkeiten, sich den Aufgaben zu widmen, die Kirche und Adel an ihn herantrugen und hatte für einen Klosterinsassen ein ungewohnt großes Ansehen.[17]

1005 kam er als erster Abt nach Eynsham in Oxfordshire, weswegen er oft als “Ælfric von Eynsham” bezeichnet wird. Dort starb er auch vermutlich.[18]

3. Ælfrics Stil

Ælfric gilt wegen des Umfangs und der Vielfalt seines Werkes als größter altenglischer Prosaschriftsteller. Auf den ersten Blick scheint er vorrangig als Übersetzer und Bearbeiter gearbeitet zu haben. Er selbst stellt es, wie zum Beispiel im Vorwort seiner Lives of Saints, so dar: “Nec potuimus in ista translatione semper uerbum ex uerbo transferre, sed tamen sensum ex sensu” (“Ich konnte in dieser Übersetzung nicht immer Wort für Wort, aber dennoch Sinn für Sinn übersetzen”)[19]. Er habe also nur eine Vorlage sinngemäß übertragen. Allerdings beinhaltet diese Aussage auch, daß er seine Vorlagen durchaus abwandelte. Dies tat er in der Tat freier als es eine schlichte Übersetzung zulassen würde, wie wir später bei der Behandlung der Quellen für König Edmund und König Oswald noch sehen werden. Seine Werke sind also keineswegs nur Nacherzählungen, sondern vielmehr Neuschöpfungen, was durch seinen überragenden Stil noch unterstrichen wird.[20]

Sein Stil hob ihn von seinen Zeitgenossen ab. Auf kunstvolle Art und Weise verband er elegante Prosa mit einfacherem Vokabular und verständlicheren Strukturen[21] und prägte damit einen völlig neuen Stil, den der alliterierenden oder rhythmischen Prosa.[22] Wie in der altenglischen Dichtung handelt es sich hierbei um Langverse, die durch eine Zäsur in zwei Halbverse geteilt werden. Die Halbverse haben je zwei Hauptakzente, die in der Regel durch Alliteration miteinander verbunden sind. Mehrere der so geformten Zeilen bilden einen Satz, der, wenn es wie in der Ausgabe von Skeat[23] gedruckt wird, am Zeilenende abschließt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Edmund der Seelige, König von East Anglia[24]

war weise und ehrenhaft und würdigte immer

mit edlen Diensten den allmächtigenGott)

Ælfric verwendet also die Form der altenglischen (und germanischen) Stabreimdichtung als Gerüst für seine rhythmische Prosa, weicht allerdings in Vokabular und Struktur davon ab. Er verzichtet auf poetisches Vokabular und auch auf die sonst üblichen, zahlreichen Neubildungen von Komposita. Die grammatische Struktur entspricht vielmehr der eines Prosatextes, in dem nicht jedes einzelne Wort voller Bedeutung ist, sondern der normalen Sprache sehr viel näher. Die zahlreichen Abweichungen bei Silbenzahl, Zahl und Lage der Akzente oder die gemäßigte Zäsur zeigen zudem Ælfrics freieren Umgang mit den strengen Regeln der Versdichtung.[25]

[...]


[1] Gneuss (2002), S. 39, 40

[2] Gneuss (2002), S. 32

[3] Wilcox (1994), S. 15-17

[4] Lapidge (1999), S. 8

[5] Strayer (1982), S. 61; Angermann (1980), S. 179

[6] Lapidge (1999), S. 8

[7] Strayer (1982), S. 61

[8] Angermann (1980), S. 179

[9] Clemoes (1959), S. 245

[10] Clemoes (1966), S. 179

[11] Gneuss (2002), S. 11, 12

[12] Gneuss (2002), S. 12

[13] Gneuss (2002), S. 40, 41

[14] Angermann (1980), S. 179

[15] Gneuss (2002), S. 16

[16] Gneuss (2002), S. 31

[17] Gneuss (2002), S. 35

[18] Clemoes, (1966), S. 179

[19] Skeat (1881- 1900), S. 4, Preface, 22-25; soweit nicht anders vermerkt handelt es sich im Folgenden immer um Übersetzungen der Verfasserin.

[20] Gneuss (2002), S. 16,17

[21] Lapidge (1999), S. 8

[22] Anm. d. Verf.: Alliterierende und rhythmische Prosa werden gleichbedeutend gebraucht. Sie legen lediglich den Akzent auf unterschiedliche Gesichtspunkte in Ælfrics Stil. So verwendet Clemoes “alliterative poetry” (Clemoes (1966), S.203), Gneuss “rhythmische Prosa” (Gneuss (2002), S. 28) und Funke hat sogar einen Aufsatz zum Thema “Studien zur alliterierenden und rhythmisierenden Prosa in der älteren altenglischen Homiletik” (Funke (1962), S. 9) verfaßt. Im Folgenden wird der Begriff der “alliterierenden Prosa” verwendet werden, um die Nähe zur altenglischen Dichtung hervorzuheben.

[23] Skeat (1881- 1900)

[24] Treharne (2000), S. 132, 9,10

[25] Clemoes (1966), S. 203; Gneuss (2002), S. 27, 28; McCrea (1975), S. 8, 14

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Angelsächsische 'Märtyrer' in Aelfrics Heiligenleben
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Englische Philologie)
Veranstaltung
Die Christianisierung in Deutschland, England und Skandinavien
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V59539
ISBN (eBook)
9783638534505
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Angelsächsische, Märtyrer, Aelfrics, Heiligenleben, Christianisierung, Deutschland, England, Skandinavien
Arbeit zitieren
Nicola Steffke (Autor), 2003, Angelsächsische 'Märtyrer' in Aelfrics Heiligenleben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59539

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