Die Darstellung des Heiligen im Mérode-Altar


Hausarbeit, 2005

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Robert Campin

3. Der Mérode-Altar
3.1 Der Stifterflügel
3.2 Die Mitteltafel
3.2.1 Die Wohnstube als Ort des heiligen Ereignisses
3.2.2 Größenverhältnisse und Perspektiven im Bild
3.2.3 Das Thema der Mitteltafel
3.2.4 „Engelbrecht – ein sprechender Name“

4. Woran erkennt der Betrachter, dass es sich bei der auf der Mitteltafel des Triptychons dargestellten Szene um ein heiliges Ereignis handelt?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit dem Mérode-Triptychon von Robert Campin beschäftigen. Nachdem ich den Maler des Werkes in seinem zeitlichen Kontext und die Geschichte des Altars vorgestellt habe, möchte ich sowohl den Stifterflügel als auch die Mitteltafel des Altars genauer beschreiben und analysieren. Auf den rechten Flügel, der Joseph in seiner Werkstatt zeigt, gehe ich nach Absprache mit dem Dozenten in dieser Hausarbeit nicht ein, da es den vorgegebenen Rahmen überschreiten würde.

Im Zentrum meiner Arbeit wird die spannende Frage stehen, wie es Robert Campin schafft, dem Betrachter zu verdeutlichen, dass es sich trotz des naturalistischen Umfeldes bei der dargestellten Szene um ein „Heilsgeschehen“ handelt. Ich werde herausarbeiten, welche Zeichen und Hinweise er dem aufmerksamen Betrachter liefert, um den versteckten Symbolgehalt des Werkes entschlüsseln zu können.

2. Robert Campin

Robert Campin wurde etwa 1375 in Tournai – im heutigen Belgien - geboren und verstarb dort im Jahre 1445, wobei die Angaben je nach Quelle unterschiedlich ausfallen. Von der Kunstgeschichte wurde er als eigenständiger Maler erst recht spät zur Kenntnis genommen, heutzutage gilt er jedoch neben Jan van Eyck als einer der Begründer der altniederländischen Malerei. Sein berühmtester Schüler war Rogier van der Weyden, wobei sich die beiden Maler im Laufe ihres Schaffens mehr und mehr gegenseitig beeinflussten, was auch bei der Betrachtung vieler ihrer Bilder deutlich wird. Über die Person des „Meisters von Flemalle“[1] ist von Wissenschaftlern viel gerätselt worden und noch immer sind sie sich nicht ganz einig, ob es sich bei ihm und Campin um dieselbe Person handelt. Bei verschiedenen Bildern ist die Maltechnik tatsächlich nicht eindeutig voneinander zu trennen. Campins Werke weisen alle eine große Detailgenauigkeit auf und sind in ihrem Detail-Naturalismus revolutionär. Die menschliche Figur wird von ihm in einzigartiger Weise ebenso würdevoll und majestätisch wie naturnah und realistisch dargestellt. Durch die plastische Ausformung seiner Figuren schafft er es, dem Betrachter die Gefühlsregungen der dargestellten Menschen vor Augen zu führen. Zudem sind seine Bilder durch eine naturnahe Tiefe der Räume gekennzeichnet, auch wenn diese nicht immer mathematisch exakt dargestellt waren. Die Möglichkeiten der Ölmalerei verliehen den Gemälden eine Transparenz und leuchtende Tiefe, die bis dahin in diesem Maße nicht möglich war. Ihr neuartiger Naturalismus, die akribische Darstellung von Details, darunter auch von stofflichen Oberflächen, machten die flämischen Gemälde rasch in ganz Europa berühmt und zu einem begehrten Importartikel.

3. Der Mérode-Altar

Beim Mérode-Triptychon handelt es sich um ein Faltbild, das sich aus drei Teilen zusammensetzt: einem rechten und einem linken Flügel und der Mitteltafel. Die Flügel messen jeweils etwa 64 x 27cm und bestehen aus je einem Eichenbrett.

Die Mitteltafel misst 64,5 x 63,3cm und setzt sich aus drei Eichenbrettern zusammen, sie zeigt die Verkündigung an Maria. Auf dem linken Flügel ist ein kniendes Stifterpaar und auf dem rechten Flügel Joseph in der Werkstatt abgebildet.

Der Mérode-Altar ist eines der berühmtesten Werke der altniederländischen Malerei. Da es bis 1956 nur zweimal öffentlich gezeigt wurde – 1907 und 1923 – konnte es von Forschern lange Zeit nur anhand von Abbildungen diskutiert werden.

Bevor das Triptychon 1956 vom Metropolitan Museum of Art in New York erworben wurde, kaufte es 1820 zunächst Fürst Arenberg in Brügge. Dieser vererbte es später an die belgische Adelsfamilie Mérode, die das Stück daraufhin jahrzehntelang in ihrem Besitz behielt. Da der Künstler zur damaligen Zeit noch unbekannt war, wurde das Werk schließlich auch nach ihr benannt.

Heute befindet es sich in der Mittelalterabteilung des Metropolitan Museums – The Cloisters - im Norden von Manhattan und wird dort im Spanish Room[2] ausgestellt. Die Aufmachung des Spanish Room stellt eine Art Inszenierung für den Museumsbesucher dar. Er soll das Kunstwerk in einem ähnlichen Umfeld betrachten, wie es die Menschen zur damaligen Zeit taten. Dem zur Folge ist der Spanish Room hauptsächlich mit Möbeln und Gebrauchsgegenständen aus den Niederlanden des 15. Jahrhunderts ausgestattet: „Von der Decke hängt ein großer Engelleuchter herab. In einer Ecke des Raumes steht ein kostbares Wassergefäß mit zwei Ausgüssen und beweglichem Bügel, auf dem Tisch davor ein Kerzenständer, ebenfalls aus Messing, daneben ein blau gemusterter florentinischer Majolikakrug vom Ende des 14. Jahrhunderts. Der Eingangstür gegenüber hängt – als Prunkstück des ganzen Saales – das Mérode-Triptychon.“[3] Aufgrund vielfältiger Untersuchungen geht man heute davon aus, dass das Mérode-Triptychons etwa in den Jahren 1425 bis 1428 entstanden ist. Peter Klein ist aufgrund seiner dendrologischen Untersuchungen, die ergaben, dass der jüngste Jahresring bei allen drei Brettern der Mitteltafel 1373 gewachsen ist, und die der beiden Flügel aus dem Jahr 1400 stammen, hingegen davon überzeugt, dass die Entstehungszeit für die Verkündigung bereits etwa um 1398, die der Flügel um circa 1425 anzusiedeln ist.

Relativ sicher ist inzwischen, dass das Mérode-Triptychon ein Auftragswerk und damit „ein charakteristisches Beispiel für ein privates Andachtsbild“ ist.[4] Wenn auch die Meinungen darüber auseinander gehen, ob die Verkündigungsszene und die Flügel alle von demselben Maler oder von unterschiedlicher Hand erstellt wurden. Thürlemann schreibt in seiner Monographie über Robert Campin - und stützt sich dabei auf die 1966 von Frinta erhobenen Zweifel an der Einheitlichkeit des Werkes: „Noch etwas irritiert. Der linke Flügel kann – auch in seiner Urfassung mit dem Mann allein (….) – nicht vom selben Künstler geschaffen worden sein wie die beiden übrigen Tafeln des Triptychons. Die Verkündigungsszene auf der Mitteltafel und der Josephsflügel sind ganz im Stil Robert Campins mit voluminösen, in starken Farben gehaltenen Figuren gefüllt. In perspektivisch fast gewaltsam geordnete Räume eingefügt, konkurrieren sie mit ebenso individuell aufgefassten, deutlich voneinander abgesetzten Gegenständen. Diese werfen bisweilen, von mehreren Lichtquellen gleichzeitig beleuchtet, doppelte und dreifache Schlagschatten. Ganz anders der Malstil des linken Flügels: Hier scheinen die Figuren und Gegenstände flächiger und weniger stark voneinander abgehoben. (…) Gewisse malerische Besonderheiten deuten daraufhin, dass der linke Flügel von Campins begabtestem Schüler, Rogier van der Weyden, geschaffen wurde.“[5] Dafür würde ebenfalls sprechen, dass die Bretter der beiden Flügel jeweils das gleiche Fälldatum haben und dem zur Folge wahrscheinlich auch gleichzeitig hergestellt wurden. Robert Campin könnte van der Weyden daher als ein Mitglied seiner Werkstatt mit der Anfertigung des Stifterflügels beauftragt haben. Ob die Flügel tatsächlich bereits zum ursprünglichen Konzept des Werkes gehörten, oder sich erst „entwickelten“, wird weiterhin diskutiert. Eine Möglichkeit wäre, dass sich der Auftraggeber erst später für die Erweiterung durch die beiden Flügel entschied.

3.1 Der Stifterflügel:

Auf dem Stifterflügel sind drei Personen abgebildet: ein in schwarz gekleideter Mann, der einen Hut in der Hand hält und vor einer Türe kniet. Direkt hinter ihm eine Frau „im pelzgefütterten roten Rock und schwarzen Überwurf, einen Rosenkranz aus roter Koralle in den Händen“[6] und ein auffällig gekleideter, bärtiger Mann am Tor. Wie aus dem obigen Zitat bereits hervorgeht und Röntgenaufnahmen belegen, war auf dem Stifterflügel ursprünglich der Mann alleine abgebildet. Die Frau sowie der auffällig gekleidete Mann wurden erst nachträglich hinzugemalt. Der kniende Mann scheint der Stifter des Werkes zu sein. In Folge zahlreicher Untersuchungen wird allgemein davon ausgegangen, dass es sich um Peter Engelbrecht, den Sohn des Kölner Ratsherrn Tielmann Engelbrecht handelt. Peter Engelbrecht selbst war Kaufmann und ebenfalls Ratsherr in Köln, gab jedoch im Anschluss an eine Verwicklung in einen Mordprozess 1454 das Kölner Bürgerrecht auf und siedelte nach Mecheln über. Es wird vermutet, dass er kurz nach der Fertigstellung des Triptychons heiratete und seine Frau daher später hinzufügen ließ. Er könnte das Werk ursprünglich in Auftrag gegeben haben, um sich mit dem Wunsch nach baldiger Vermählung und Nachkommen an Maria zu wenden. Die Annahme, sein Bruder Rembolt wäre der eigentliche Auftraggeber, der das Triptychon bei Robert Campin als Hochzeitsgeschenk für den in Köln lebenden Peter in Auftrag gegeben habe[7], erscheint mir fragwürdig. Denn warum hatte er die zukünftige Ehefrau nicht direkt mit auf den linken Flügel malen lassen?

Bezüglich der Identifizierung des Paares spielen die beiden Wappen in den Scheiben des hinteren Fensters auf der Mitteltafel eine entscheidende Rolle. „Das linke (heraldisch gesehen: rechte) Wappen mit der Kette, das sich auf den etwa vierziegjährigen Mann beziehen muß, konnte leicht als dasjenige der Familie Ymbrechts bestimmt werden. Einzelne Mitglieder der Familie, die im südniederländischen Mecheln ansässig war, nannten sich bisweilen auch Inghelbrechts.“[8] Bei diesem Namen handelt es sich um einen sprechenden Namen, dem die Bedeutung „der Engel brachte“ zugewiesen werden kann. Da das Mérode-Triptychon das erste niederländische Triptychon sein soll, bei dem die Verkündigungsszene die Mitteltafel einnimmt und diese noch dazu einen hohen Bezug zum Stifterflügel aufweist, wurde bereits gemutmaßt, dass sich die Wahl des Hauptthemas des Werkes auf den Familiennamen des Stiftermannes bezieht.[9] Ich werde auf diesen Punkt bei der Untersuchung der Mitteltafel noch einmal genauer eingehen.

„Das Wappen der Frau mit dem Balken und den drei Ringen ist wenig spezifisch und wurde von mehreren Familien gleichzeitig getragen.“[10] Und während Tschudi die Familie Calcum. gen. Lohhausen als Träger des Wappens vorschlägt, nennt Châtelet die Familie van Berg als Träger und der Mechelner Archivar H. Installé bringt das weibliche Wappen mit Heylwich Bille in Verbindung. Diese soll Peter Engelbrecht gegen 1454 in Mecheln geheiratet haben.[11] Man sieht, dass auch heute viele Punkte noch nicht eindeutig geklärt sind und weiterhin eine Vielzahl von Vermutungen bestehen.

[...]


[1] Der Meister von Flémalle (tätig um 1410–1440) ist einer der bedeutendsten Künstler der frühniederländischen Malerei. Er bekam seinen Namen nach drei Altartafeln, von denen man glaubte, sie stammten aus der Abtei Flémalle bei Lüttich (Eine Madonna, Die hl. Veronika, Die Heilige Dreifaltigkeit).

[2] Der Spanish Room ist benannt nach seiner bemalten spanischen Holzdecke.

[3] Thürlemann, Felix: Robert Campin – Das Mérode-Triptychon: ein Hochzeitsbild für Peter Engelbrecht und Gretchen Schrinmechers aus Köln. Frankfurt am Main: Fischer-Verlag 1997, S. 5

[4] Thürlemann, Felix: Robert Campin. Eine Monographie mit Werkkatalog. München: Prestel 2002, S. 58

[5] Ebd., S. 65

[6] Thürlemann, Felix: Robert Campin – Das Mérode-Triptychon: ein Hochzeitsbild für Peter Engelbrecht und Gretchen Schrinmechers aus Köln. Frankfurt am Main: Fischer-Verlag 1997, S. 10

[7] Ebd., S. 36

[8] Thürlemann, Felix: Robert Campin. Eine Monographie mit Werkkatalog. München: Prestel 2002, S. 58

[9] Vgl. Thürlemann, Felix: Robert Campin – Das Mérode-Triptychon: ein Hochzeitsbild für Peter Engelbrecht und Gretchen Schrinmechers aus Köln. Frankfurt am Main: Fischer-Verlag 1997, S. 17

[10].Ebd., S. 7

[11] Vgl. Thürlemann, Felix: Robert Campin – Das Mérode-Triptychon: ein Hochzeitsbild für Peter Engelbrecht und Gretchen Schrinmechers aus Köln. Frankfurt am Main: Fischer-Verlag 1997, S. 39f

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Heiligen im Mérode-Altar
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Flämische Bildteppiche des 15. Jahrhunderts im Kontext der südniederländischen Kunst
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V59553
ISBN (eBook)
9783638534611
ISBN (Buch)
9783638779500
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Heiligen, Mérode-Altar, Flämische, Bildteppiche, Jahrhunderts, Kontext, Kunst
Arbeit zitieren
Isabelle Chelius (Autor), 2005, Die Darstellung des Heiligen im Mérode-Altar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59553

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