Peter Reading ist nicht gut zu sprechen auf Kritiker, die ihm Sensationsgier und Banalität vorwerfen, denn nur seine Verwendung von „found material“ und die Tatsache, daß er seine Werke als „serious tacklings of things“ erachtet, sind wohl kaum als schöpferische Schwäche auszulegen. Eher drückt sich in diesen Vorwürfen eine Überforderung und Kurzsicht aus, wahrscheinlich als Reaktion auf Reading’s Tabubrüche, privates Außenseitertum und literarischen Bruch mit den Trends der Zeit. Somit ist Reading Ziel reaktionärer Angriffe, macht ihn das zum politischen Schriftsteller? Reading ist kein politisch motivierter Sozialrealist, sondern eher humanistischer Existenzialist. Was als Sozialrealismus beschrieben wird bezeichnet seine Kritikerin/Biographin Isabel Martin nur als „oberste Schicht des Textes“ worunter sich tiefere Anklänge, verpackt in innovativ angewandte Metrik finden ließen. Den zeitgenössischen Realismus Reading’s begreift sie als funktionales Element, als an sich epochenübergreifende Beschreibung der conditia humana, der Reading in Ukulele Music die tapfer leidende Viv gegenüberstellt. Jedoch will er sein Werk nicht als tröstend verstanden wissen. Alles was Kunst könne, sei beobachten, sie sei eine „expression of impotence“. Die zeitgenössische Realität ist also Ausdruck eines zeitübergreifenden Prinzips, Momentaufnahme eine dauerhaften Prozesses, hier der Selbstzerstörungstendenz der Menschheit. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biographie
3. Politik
4. Werk
5. Ukulele Music
5.1 Viv’s Sprache: working class elegy
5.2 „Worse things happen at sea“ – der Capting
5.3 Reading’s poet
6. Zusammenfassung und kleiner theoretischer Exkurs
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Peter Readings Gedicht „Ukulele Music“ im Hinblick darauf, wie der Autor Realität als Medium einsetzt und dabei gesellschaftliche Zustände reflektiert. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern Reading durch den Einsatz spezifischer literarischer Techniken wie Collage und Multiperspektivität sowie durch die Einbindung von Soziolekten eine Form der Wirklichkeitsdarstellung erreicht, die konventionelle poetische Konventionen bewusst unterläuft und politisch-gesellschaftliche Kritik artikuliert.
- Analyse der narrativen Struktur und der Figurenkonstellation in „Ukulele Music“.
- Untersuchung der Rolle von Sprache, Soziolekten und Boulevard-Elementen als Distanzierungs- und Realitätsmittel.
- Diskussion der poetologischen Haltung Readings gegenüber Kritikern und dem zeitgenössischen Literaturbetrieb.
- Einordnung der technischen Gestaltung (Collage, elegisches Distichon) in den postmodernen Kontext.
- Reflexion über das Verhältnis zwischen Autorbiographie und dem lyrischen Dichter im Werk.
Auszug aus dem Buch
5.1 Viv’s Sprache: working class elegy
Viv eröffnet die Runde mit einer komischen, enthüllenden Erklärung für ihr unplanmäßiges Erscheinen an jenem Tag. Ihr Wellensittich sei entflogen und hätte sich im künstlichen Kaminfeuer verfangen, wobei er sich ein Bein brach, zum Glück sei aber das „Feuer“ nicht angewesen. Wir erfahren, daß sie noch für jemand anderen, und zwar den „Capting“ putzt und daß ihre schriftliche Ausdrucksfähigkeit bis ins Groteske eingeschränkt ist. Dies und ihre Bitte um einen Vorschuß lassen auf ihre soziale Herkunft als Angehörige der Arbeiterklasse schließen.
Das Auffälligste an ihr ist ihre Sprache. Grammatik, Orthographie, Wortschatz entsprechen genau dem Gegenteil dessen, was man als gehobene Sprache bezeichnet und ursprünglich von einem Gedicht erwartet. Sie darf später trotzdem die Versform des Dichters benutzen und ist auch inhaltlich federführend. Sie eröffnet und schließt das Gedicht, liefert das titelgebende Bild und ist die einzige, die geistig überlebt. Der „Capting“ faselt am Schluß nur noch und der Dichter gibt Ukulele-Geräusche von sich.
Die vorherrschende Versform, das elegische Distichon (näheres s.u.), wird dadurch, daß Viv mit einstimmt, in ihrer Bedeutung erweitert. Der elegische Ton ist eingängig. Er ist unmittelbar wahrnehmbar und, wie wir an Viv zu sehen bekommen, auch ohne prosodische Vorkenntnisse reproduzierbar. Sie schreibt zuerst in Prosa, eröffnet aber den dritten Teil des Gedichts in Versen. Diese Fähigkeit rückt sie einerseits noch mehr in den Mittelpunkt, da sie nicht nur das erste und letzte Wort hat (läßt man den Ukulele-Ausklang außer Acht), also inhaltlich bestimmend ist, sondern auch die Form annimmt. Des weiteren ist natürlich auch die Unterbringung des Arbeiterklasse-Jargon in klassischen Versen als kalkulierter Stilbruch zu verstehen. Sie stellt den Einzug der Straßensprache in die Literatursalons dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Rezeption von Peter Reading sowie Darstellung seiner künstlerischen Positionierung als existenzialistischer Beobachter.
2. Biographie: Darstellung der Lebensumstände Readings und deren Einfluss auf seine literarische Arbeit sowie auf die thematische Ausrichtung von „Ukulele Music“.
3. Politik: Untersuchung des politischen Selbstverständnisses von Reading und der Diskrepanz zwischen sozialrealistischen Interpretationen und seiner eigenen Sichtweise.
4. Werk: Überblick über das dichterische Schaffen Readings, inklusive einer Analyse der verwendeten Formen wie Collagen und der Integration von „found material“.
5. Ukulele Music: Tiefgehende Analyse der Struktur, der Figuren und der sprachlichen Mittel des zentralen Werks „Ukulele Music“.
5.1 Viv’s Sprache: working class elegy: Untersuchung der Rolle von Viv und ihres spezifischen Soziolekts als funktionales Element der Realitätsdarstellung.
5.2 „Worse things happen at sea“ – der Capting: Analyse der Funktion der „sea-shanties“ des Seemanns sowie deren Bezug zur zeitgenössischen Realität.
5.3 Reading’s poet: Betrachtung der Rolle des Dichters innerhalb des Gedichts und der Abgrenzung zur Person des Autors.
6. Zusammenfassung und kleiner theoretischer Exkurs: Synthese der Ergebnisse zur postmodernen Technik der Collage und Multiperspektivität sowie theoretische Einordnung der sozialen Bedeutung von Sprache.
Schlüsselwörter
Peter Reading, Ukulele Music, zeitgenössische Lyrik, Soziolekt, Collage, Multiperspektivität, Realismus, Existenzialismus, Arbeiterklasse, Sprachanalyse, Postmoderne, Literaturtheorie, elegisches Distichon, Gesellschaftskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Peter Readings Gedicht „Ukulele Music“ und untersucht, wie der Autor durch die literarische Gestaltung von Sprache und Realität gesellschaftliche Zustände porträtiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Verwendung von Collage-Techniken, die Rolle von Soziolekten, die Multiperspektivität sowie die poetologische Selbstreflexion des Autors.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, inwieweit das Gedicht durch den Bruch mit klassischen Formen und die Verwendung von „found material“ eine realitätsnahe, kritische Darstellung der conditio humana erreicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text eng mit biographischen Aspekten und soziolinguistischen Konzepten (Register, Soziolekt) verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von „Ukulele Music“, unterteilt in die Perspektiven der drei Hauptfiguren (Viv, Capting, Dichter) sowie eine theoretische Einordnung der Sprachverwendung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Peter Reading, Ukulele Music, Collage, Soziolekt, Multiperspektivität und Realitätsbezug.
Warum spielt das „Ukulele-Handbuch“ eine besondere Rolle im Gedicht?
Es fungiert als metaphorisches Negativ zur Karikatur der Kritikerschelte, indem es die Forderung nach korrekter „Stimmung“ (Register/Niveau) als unangemessen entlarvt.
Inwiefern unterscheidet sich die Rolle des Dichters im Gedicht vom Autor Peter Reading?
Obwohl es Überschneidungen gibt, erfordert die poetologische Einsicht im Gedicht – das Bild des Musikers beim Untergang des Schiffs – eine Distanz, um die Absicht des Werks zu unterstreichen.
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- Joachim Jäckl (Author), 2005, Realität als Medium in Peter Readings 'Ukulele Music', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59610