Außereheliche Liebespaare in der hochmittelalterlichen Literatur

Ein erster vergleichender Überblick zwischen Tristan/Isolde und Schionatulander/Sigune


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

42 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Paarzusammenführung – eigener Wille oder Opfer nichtmenschlicher Kräfte?

3. Die Paare und ihre Minnekonzeption

4. Ende der Beziehungen

5. Die Frauen
a. Isolde
b. Sigune

6. Die Männer
a. Tristan
b. Schionatulander

7. Resümee

8. zitierte Textfassungen

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In „Mythos Paar“ versucht Robert Neuburger[1] 1, zu beschreiben, was die grundlegenden Eigenschaften eines nach außen und innen hin funktionierenden Paares sind. Neuburger, Psychologe, spezialisiert auf Paartherapie, gewährt dem Leser einen Einblick in seinen beruflichen Alltag und versucht existentielle Fragen zur Paarmythisierung zu klären. Jedes Paar bräuchte einen Gründungsmythos, aus dem heraus es sich als einzigartig begreift. Das können unterschiedlichste Dinge, Taten und Erlebnisse sein. Für ihn sind Partnerschaften geschlossene Einheiten, die sich von der Außenwelt (bewusst) abgrenzen wollen, sich manchmal sogar von ihr isolieren, aus Angst vor der Normierung ihrer Liebe.

Liebespaare mittelalterlicher Romane lassen sich in ein solches Beziehungskonstrukt partiell einbinden. Sie erleben ihre Beziehung ebenfalls als einzigartig und ihr Versuch diese mit der Gesellschaft in Balance zu halten, stellt für manche ein auf die Dauer unlösbares Problem dar. Am deutlichsten zeigen dies Tristan und Isolde. Ihre Liebeswelt ist gekennzeichnet von Mythisierung, Isolation und in letzter Konsequenz dem Scheitern an gesellschaftlichen Werten- Der Mythos des Minnetrankes als Liebe auslösendes Elixier und die Isolation zur höfischen Gesellschaft begründet in ihrer verzehrenden Minne, die für andere nicht nachvollziehbar und somit unerreichbar wird.

Eine ähnliche Tendenz zeigt sich in der Sigune-Schionatulander-Liebe. Der Mythos der Bußminne und die daraus folgende Isolation lässt Sigune aus der höfischen Gesellschaft austreten, da diese ihr Ansinnen nicht verstehen kann.

Die folgende Hausarbeit will versuchen die beiden außerehelichen Liebespaare in einigen Ansätzen zu vergleichen und ihre Gemeinsamkeiten und Unterschieden herausstellen. Dabei sollen das auslösende Moment der Liebe, das Paargeflecht zusammen mit der Minnekonzeption und das Ende der Partnerschaft vorgestellt werden. Ebenso soll auf die Hauptfiguren im Gefüge der Beziehung und auf einige ihrer Attribute eingegangen werden.

Die hier folgenden Erörterungen können nicht vollständig sein, sie sollen vielmehr Ansätze zur weiterführenden Behandlung erbringen.

2. Die Paarzusammenführung – eigener Wille oder Opfer nichtmenschlicher Kräfte?

Im Gottfried’schen Tristan ist der Minnetrank verantwortlich für die unendliche, triebhafte und uneingeschränkte Liebe zwischen Tristan und Isolde. Sie sind Opfer einer höheren Macht, die symbolisiert durch den Minnetrank, beide einander, einmal ihrer Liebe verfallen, wieder und wieder in die Arme treibt und sie immer neue Liebesabenteuer suchen lässt. Diese tabulose Minne geschieht nicht aus freiem Willen Tristans und Isoldes, das Unerklärliche der Liebe passiert aufgrund des Einflusses von Hexerei[2], in deren Zusammenhang die Herstellung des Minnetrankes fällt. Gottfried schwächt seine Bedeutung allerdings stark ab, sie liegt nun einzig im auslösenden Moment und nicht mehr in der Beendigung der Liebe. Die Entwicklung der Beziehung gestaltet sich ohne weitere Einflüsse von Hexerei und erweckt für den Leser/Hörer den Eindruck, dass alles Folgende auf dem freien Willen der zwei Minnenden geschieht[3]. Gottfried schildert jedoch immer wieder, und dafür steht der Anfang exemplarisch, eine Minne, die zôch si beide in ir gewalt (Tr 11715). Sie ist ähnlich übernatürlich und überwältigend wie die Hexerei[4] und aufgrund dessen unumstößlich mit ihr verbunden. Damit wird das Überirdische zum ständigen Begleiter Tristans und Isoldes und zeigt, dass sie doch nicht aus freien Stücken über ihre Triebhaftigkeit entscheiden. Die Minne sleich[5] sich in die herzen der beiden Protagonisten (Tr 11707-11712) und nimmt sie wie eine Diebin in Besitz:

Nu daz diu maget unde der man,
Îsôt unde Tristan,
den tranc getrunken beide, sâ
was ouch der werlde unmuoze dâ,
Minne, aller herzen lâgaerîn,
und sleich z'ir beider herzen în.

Die Liebe als werlde unmouze erklärt dem Leser/Hörer die enorme Kraft der Minne, welche eine ganze Welt durch ihr ständiges Nachstellen nach Herzen (Tr 11711) in Unruhe versetzt.

Ähnlich unruhig ist das Meer auf dem die innige Bindung zwischen Tristan und Isolde geschlossen wird. Das Wasser wird so zum tragenden Element ihrer Beziehung, dies hebt der flüssige Zustand des Minnetrankes nochmals hervor, durch den beide in die seelische und körperliche Liebesgemeinschaft eintauchen[6] 6. Auf dem Meer findet die Liebe ihren Anfang und das Meer wird die Liebenden später im weltlichen Bereich endgültig trennen.

Auch bei Tristans erster Fahrt nach Irland beschreibt Gottfried die Wandlung des aufgewühlten Meeres zur ruhigen See (7493-7505). Der liehte morgen (Tr 7506) danach verweist auf die Begegnung mit der liehten Isolde, die Tristan als den Spielmann Tantris kennen lernt. Ein vorausschauendes Element, welches die Führung Tristans und damit Isoldes durch höhere Mächte symbolisiert.

In der Lehrer-Schülerin-Episode zwischen Tristan, dem verkleideten Spielmann Tantris, und Isolde bemerkt der Leser/Hörer Gemeinsamkeiten zwischen den Protagonisten. Gottfried hebt das Talent beider im Musikbereich, vor allem im Harfenspiel (Tr 3546-3608, 8064-8067) hervor. Dazu gleichen sie sich in ihrer Intelligenz und sind somit auf geistiger Ebene bereits vor dem Minnetrank mit einander verbunden[7]. Nach dem Genuss des Minnetrankes wird die Beziehung zwischen Tristan und Isolde bald intim. Ohne an die Folgen zu denken, die Brangäne deutlich formuliert (Tr 11705-11706) schlafen sie miteinander:

ouwê Tristan unde Îsôt,
diz tranc ist iuwer beider tôt!

Sie bereuen nichts, auch an dem Zeitpunkt nicht als sie Brangäne bitten müssen, in der Hochzeitsnacht bei Marke zu liegen, damit er eine „jungfräuliche Isolde“ erlebt. Das Nichteinsehen ihrer gesellschaftsbezogenen Schuld begleitet sie von Beginn an und Tristan formuliert dazu (Tr 12495-12502):

ez waere tôt oder leben:
ez hât mir sanfte vergeben.
ine weiz, wie jener werden sol;
dirre tôt der tuot mir wol.
solte diu wunneclîche Îsôt
iemer alsus sî mîn tôt,
sô wolte ich gerne werben
umbe ein êweclîchez sterben.

Folgend schildert er die bereits anklingende Liebe-Leid-Problematik[8] mit unzweifelhaften Worten (Tr 12503-12506):

L ât alle rede belîben.
welle wir liebe trîben,
ezn mac sô niht belîben,
wirn müezen leide ouch trîben.

Der Beginn der Schionatulander-Sigune-Liebe sind die Begegnungen der beiden Waisenkinder am Hofe Gahmurets, die daraus entstehende Minne Schionatulanders und sein Werben um Sigune. Sie gründet sich also nicht auf dem Wirken einer äußeren, übernatürlichen Kraft, sondern auf der Erziehung der höfischen Gesellschaft. Mit maget (Ti 56, 4) leitet Schionatulander das Minnegespräch (Ti 56-72) ein und zeigt, dass er Sigune anfänglich noch als seine Spielkameradin sieht. Als sie ihm antwortet (Ti 58) und somit der Minnethematik nicht abgeneigt zu sein scheint, wagt er sein Ansinnen klar zu äußern (Ti 60):

"Swâ genâde wonet, dâ sol man si suochen.
frouwe, ich ger genâden: des solt du durh dîne genâde geruochen.
werdiu gesellekeit stêt wol den kinden.
swâ reht genâde nie niht gewan ze tuonne, wer mac si dâ vinden?"

Er wechselt in den höfischen Anredemodus frouwe und stellt auf diese Weise die Beziehung zur hohen Minne her[9]. Ganz in deren Tradition beginnt Sigune sich zu verweigern und schickt Schionatulander auf Aventiurefahrt (Ti 71). Dies steht konträr zur Minnedarstellung des Tristanromans, es wird keine alles verzehrende, triebhafte Liebe gezeigt, sondern eine Liebe, die in den gesellschaftlichen Bahnen verläuft und dennoch scheitert auch diese Liebe an ihrer unkonventionellen Art[10].

3. Die Paare und ihre Minnekonzeption

Das zentrale Motiv der Tristan-Isolde-Geschichte ist die Erfüllung einer idealen Liebesbeziehung, die den Tod durch die rückhaltlose Hingabe zu einander im Konflikt mit der Außenwelt zur Folge haben muss[11].

Gottfried erklärt bereits in seinem Prolog, dass es innerhalb seines Paares zwei Wesen gibt, die eigentlich eine Einheit bilden und damit ebenbürtig agieren können (Tr 128-130):

ein senedaere unde ein senedaerîn,
ein man ein wîp, ein wîp ein man,
Tristan Isolt, Isolt Tristan.

Die chiastische Versstruktur verdeutlicht die Wesensverbundenheit zwischen Tristan und Isolde, die trotz Trennung nicht gebrochen werden kann[12]. Expliziter erwähnt Gottfried die Wesensvereinigung nach dem Genuss des Minnetrankes (Tr 11716-11717, 11721-11731):

si wurden ein und einvalt,
die zwei und zwîvalt wâren ê.

diu süenaerinne Minne
diu haete ir beider sinne
von hazze gereinet,
mit liebe alsô vereinet,
daz ietweder dem anderm was
durchlûter alse ein spiegelglas.
si haeten beide ein herze.
ir swaere was sîn smerze,
sîn smerze was ir swaere.
si wâren beide einbaere
an liebe unde an leide…

Zu Beginn noch unsicher, wenden sie sich bald einander bedingungslos zu. Obwohl Isolde anfangs glaubt, Tristan zu hassen, da dieser ihren Onkel Morold tötete, „verliebt“[13] sie sich aufgrund der beeinflussenden Kraft des Trankes in ihn. Die Minne zu Tristan stellt sich stärker als die Bande zu Isoldes Familie dar[14] 14 und deutet die Abgeschlossenheit der Tristan-Isolde-Minnewelt an, die nichts berühren oder stören kann, zumal beide eine einbaere sind. Sie teilen Freude und Schmerz.

Die Liebe-Leid-Thematik[15] durchzieht beide Werke. Aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen und die Einbindung der Minnenden in diese normierte Welt können weder Isolde und Tristan noch Schionatulander und Sigune im irdischen Leben zu einander finden.

Die Konfrontation der Liebe mit dem Tod ist dabei nur die absolute Steigerung[16] und letzte Konsequenz der Liebenden für ihre Liebe über das Sterbliche hinaus zu gehen, mit dem Wissen, dass sie im Jenseits untrennbar vereinigt sein werden. Für die reale Welt symbolisiert dies das Begräbnis Sigunes neben dem Grab Schionatulanders und die Erklärung Tristans, dass ihn selbst der Tod nicht schreckt (Tr 11705-11706).

Wolfram und Gottfried bekräftigen im Titurel und im Tristan mehrmals, dass es keine minne ohne leid/quâl gibt[17]. Der Schmerz intensiviert und bekräftigt gleichzeitig die Liebesbeziehung. Im Tristan heißt es (Tr 204-205):

swem nie von liebe leit geschach,
dem geschach ouch liep von liebe nie.

Und im Titurel heißt es (Ti 52, 2-3; 53):

…mit leide:
grôziu liebe was dar zuo gemenget.

Ir schemelîchiu zuht und diu art ir geslehtes
(si wârn ûz lûterlîcher minne erborn) diu twanc si ihr rehtes,
daz se ûzen tougenlîche ir minne hâlen
an ir clâren lîben, und inne an den herzen verquâlen.

Damit tragen beide Verfasser ein hohes Maß der Selbstlosigkeit an die Liebende heran, denn nur wer bereit ist, diesen Weg der Liebe und des Leides ohne Vorbehalte zu beschreiten, kann wahre minne erlangen[18]. Vor allem Gottfried geht mehrfach auf die Antinomie[19] liebe leid mittels Paradoxa und Oxymora ein, bezeichnend wieder im Prolog (Tr 60-63):

[...]


[1] Neuburger 1999

[2] Öhlinger (2002, 57 FN 44) schreibt, dass der mittelalterliche Tristan ohne Zaubertrank nicht vorstellbar wäre. Er gibt die Legitimation zur Liebe Tristans und Isoldes. Nur so ist es denkbar, dass Gottfried ein solches Werk ohne klerikales Verbot an solch ausschweifender Minne schreiben konnte, denn seine Liebenden sind von der Sünde befreit, da sie sie nicht aus freien Stücken begingen.

[3] G. Schindele (1971, 59 ff.) meint, dass Gottfried den Minnetrank aus quellenhistorischen Gründen in sein Werk einfließen lässt, da er als elementares Element der Tristan-Isolde-Geschichte nicht vernachlässigt werden darf. R. Krohn (2002, 345 f.) hingegen sieht bei Gottfried wieder eine stärkere Hinwendung zum ursprünglichen Sagenkreis, verwirft aber die dämonischen Ansätze der wahrscheinlich ältesten Vorlagen.

[4] Der sie in vielen Fällen auch zugeschrieben wurde, ähnlich dem unerklärlichen Mysterium des Todes.

[5] 5Dieses Motiv nimmt Gottfried in seinem Minnekommentar nochmals auf und erläutert es ausführlicher (Tr 12291).

[6] Ausführlicher Drecoll 2000, 65. Mit dem Wasser verbunden ist für sie der Terminus swebend (Drecoll 2000, 61 ff.), der für sie bereits die Verbindung zur Minnegrotte darstellt.

[7] Bei Thomas, Gottfrieds Vorlage, spricht Tristan sogar eindeutig davon, dass es schon vor dem Genuss des Minnetrankes eine amur fine e veraie (Fragment Douce 1214 ff.) gegeben hat. Ausführlicher bei Krohn 2002, 345.

[8] Dazu 3. Die Paare und ihre Minnekonzeption

[9] Ein begriffliches Konstrukt, welches die überhöhte Minneherrin zur Erzieherin des höfischen Ritters macht (Weddige 2001, 254 ff.). Die sexuell unerfüllte Minne kann als einziges dazu dienen, den Ritter zu veredeln (Weddige 2001, 259). Ein unvollendbarer Prozess zwischen Begehren und Entbehren.

[10] Siehe 4. Ende der Beziehungen

[11] Krohn 2002, 340

[12] Ob über den Tod hinaus, muss offen bleiben, da nicht bekannt ist, wie Gottfried sein Ende gestaltet hätte. Zur Problematik Krohn 2002, 269 ff.

[13] Das Verb sollte hier nicht in seinem heutigen Sinne verstanden werden. Es beschreibt mehr den Zustand in dem sich Isolde nach der Einnahme des Minnetrankes befindet und nicht die Willensentscheidung eines Individuums.

[14] Im Frühen Mittelalter galt noch das Prinzip der Blutrache.

[15] Öhlinger 2001, 1ff.

[16] Öhlinger 2001, 2

[17] 17Öhlinger 2001, 3

[18] Bei anderen mittelalterlichen Epen spielt das Liebe-Leid-Thema eine ähnlich große Rolle und wird in verschiedensten Variationen ausgesprochen, ein paar Beispiele sollen hier gegeben werden:

1. Erec 9709: von liebe und ouch von leide

2. Nibelungenlied 17/3: liebe und leide

3. Eneit 263.20: michel lieb kumt von dem leide

[19] Öhlinger 2001, 5

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Außereheliche Liebespaare in der hochmittelalterlichen Literatur
Untertitel
Ein erster vergleichender Überblick zwischen Tristan/Isolde und Schionatulander/Sigune
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Philologisches Institut)
Veranstaltung
Gottfried von Straßburg - Tristan
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
42
Katalognummer
V59737
ISBN (eBook)
9783638535892
ISBN (Buch)
9783656277316
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschäftigt sich mit einem angeblichen Tabuthema der mittelalterlichen Literatur. Sie zeigt neben dem Verlauf der beiden Beziehungen auch die Einflussnahme der jeweiligen Partner in die Partnerschaft auf.
Schlagworte
Außereheliche, Liebespaare, Literatur, Tristan/Isolde, Schionatulander/Sigune, Gottfried, Straßburg, Tristan
Arbeit zitieren
Jana Vogt (Autor), 2005, Außereheliche Liebespaare in der hochmittelalterlichen Literatur , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59737

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