Das einleitende Zitat von Hinte (2001) spricht eine der gegenwärtigen Debatten in der Sozialen Arbeit an: Sozialarbeiter „[…] sehen sich oft der vorwurfsvollen Frage ausgesetzt, was sie eigentlich für ihr Geld tun.“ (Galuske, 2005, 13) Diese Diskussion ist m. E. vor allem aufgrund des zunehmenden Kostendrucks, auf fast alle sozialen Einrichtungen, entstanden. Der Ruf der Kostenträger nach Qualitätsnachweisen und einer so genannten „evidencebased practise“ wird immer lauter. Folglich muss sich die Soziale Arbeit für ihr Handeln vor anderen Professionen rechtfertigen und sich dafür mit ihrer eigenen Identität beschäftigen. Einer Berliner Teilstudie zufolge neigen Sozialarbeiter, vor allem im Gesundheitswesen, zur Selbstabwertung. „Im Vergleich zu Ärzten und Pflegekräften fühlen sich Sozialarbeiter hinsichtlich der Grenzen ihrer Entscheidungs- und Verantwortungsbereiches sowie der Wirksamkeit ihrer Handlungen deutlich unsicherer. Zudem sind sie weniger stark mit der eigenen Berufsgruppe identifiziert.“ (Geißler-Piltz u.a., 2005, 20) Diese Tatsache kann nach Meinung der Autoren zu professionellen Verunsicherungen führen, weshalb sie klare Definitionen der Wissensbestände, der Methoden und der Zuständigkeiten der Sozialpädagogen fordern, um nicht als Hilfskräfte für Mediziner und Psychotherapeuten zu enden. (Geißler-Piltz u.a., 2005, 20) Das folgende Zitat von Terbuyken beschreibt dieses Spannungsverhältnis treffend: „Für die asymmetrische Beziehung zwischen Sozialarbeit und Medizin sind die Sozialarbeiter zum Teil selbst verantwortlich wegen ihrer Tendenz zur Selbstentwertung und auch aufgrund ihrer Chamäleonexistenz, der Anpassung an vorgegebene oder nur vermutete Rollen, Professionalitätsmuster, in Administrationen sowie in der Domäne der Medizin“ (Terbuyken zit. in Geißler- Piltz u.a., 2005, 19) In dieser Diskussion wird m. E. die Notwendigkeit von professionellen und vor allem speziellen sozialarbeiterischen Konzepten und Methoden deutlich: Wenn die Soziale Arbeit den Anschluss an die anderen Professionen nicht verlieren will, muss sie einerseits nach innen und andererseits nach außen hin kommunikationsfähig sein. Kommunikationsfähig ist sie aber nur, wenn sie sich über ihren ‚Kern’, ihre Methoden und Techniken im Klaren ist und dies somit auch nach außen hin repräsentieren kann.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Theoretische Entfaltung
A. Jugendliche und junge Erwachsene
1. Definitionen
2. Lebenslagen
2.1 Versorgungs – und Einkommensspielraum
2.2 Kontakt – und Kooperationsspielraum
2.3 Lern – und Erfahrungsspielraum
2.4 Muße – und Regenerationsspielraum
2.5 Dispositions- und Partizipationsspielraum
2.6 Psychische und physische Situation
B. Alkoholabhängigkeit
1. Begriffsbestimmung
2. Epidemiologie
3. Ursachen für Alkoholabhängigkeit
3.1 Entwicklungspsychologische Perspektive
3.2 Soziologische Perspektive
3.3 Neurobiologische Perspektive
3.4 Lebensweltorientierte Perspektive
3.5 Multifaktorieller Ansatz
3.6 Zusammenfassung
4. Verlauf und Bewältigung der Alkoholabhängigkeit
4.1 Verlaufsphasen nach Jellinek
4.2 Modell der Änderungsabsicht
4.3 Rückfall
5. Folgen von Alkoholkonsum und -abhängigkeit
5.1 Körperliche Folgeschäden
5.2 Soziale Folgen
5.3 Psychische Folgeschäden
6. Komorbidität
6.1 Psychische Störungen als Ursache für eine Sucht
6.2 Sucht als Ursache von psychische Störungen
6.3 Polytoxikomanie
C. Konzepte und Methoden
1. Konzepte
1.1 Begriffsbestimmung
1.2 Inhalte
1.3 Funktionen von Konzepten
2. Methoden
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Ordnungsversuch
II. Soziale Arbeit im Arbeitsfeld Sucht
A. Suchtkrankenhilfe
1. Historischer Hintergrund und aktuelle Strukturen
2. Abstinenzorientierter vs. Akzeptanzorientierter Arbeitsansatz
3. Hierarchie der Interventionsziele
B. Stationäre Versorgung junger Alkoholabhängiger
1. Entwöhnungseinrichtungen
1.1 Gesetzliche Grundlagen und Ziele
1.2 Aufgaben der Sozialen Arbeit
2. Zusammenfassung
C. Konzepte der Sozialen Arbeit mit jungen Alkoholabhängigen in der Praxis
1. Entwöhnungseinrichtung A
2. Entwöhnungseinrichtung B
3. Zusammenfassung und kritische Würdigung
D. Methoden der Sozialen Arbeit mit jungen Alkoholabhängigen
1. Case Management als Basismethode
1.1 Entwicklung
1.2 Die Grundlagen des Case Management
1.3 Ablauf des Case Managements
1.4 Case Management in der Suchtkrankenhilfe
2. Methodische Module im Case Management
2.1 Existenzsichernde Sozialarbeit
2.1.1. Schuldnerberatung
2.1.2. Hilfe bei Wohnungsproblemen
2.1.3. Bundesagentur für Arbeit
2.2 Motivierende Sozialarbeit
2.2.1. Der Begriff der ‚Motivation’
2.2.2. Motivation in der Therapie
2.3 Krisenintervention
2.3.1. Krise
2.3.2. Ablauf
3. Case Management in der Entwöhnungseinrichtung mit jungen Alkoholabhängigen
3.1 Erstkontakt
3.2 Aufnahme
3.3 Behandlung
3.4 Abschluss
3.5 Nachsorge
III. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist es, einen Beitrag zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit zu leisten, indem exemplarisch Konzepte und Methoden für die spezifische Zielgruppe junger Alkoholabhängiger dargestellt werden. Die Forschungsfrage untersucht, wie professionelle sozialarbeiterische Ansätze, insbesondere das Case Management und modulare Hilfestellungen, bei dieser vulnerablen Gruppe in stationären Einrichtungen wirksam integriert werden können, um den Übergang in ein eigenständiges Erwachsenenleben zu unterstützen.
- Lebenslagenkonzept von Jugendlichen und jungen Erwachsenen
- Bio-psycho-soziale Ursachen und Verläufe von Alkoholabhängigkeit
- Professionelle Suchtkrankenhilfe und stationäre Versorgung
- Case Management als Basismethode in der Suchthilfe
- Methodische Module: Existenzsicherung, Motivationsarbeit und Krisenintervention
Auszug aus dem Buch
3.3. Behandlung
Nach der Zielfestlegung wird der Rehabilitationsplan im sozialen Bereich umgesetzt. Der Sozialarbeiter legt fest, durch wen der Patient Unterstützung und Hilfe zur Zielerreichung bekommen soll: durch ihn selbst oder durch das Einschalten anderer Fachkräfte und Fachstellen. Der Sozialarbeiter muss in jeder Phase immer im Sinne des Empowerments handeln und vor jeder Aktion entscheiden, ob der Klient die Aufgaben selber bewältigen kann oder bis zu welchem Grad es der Unterstützung des Sozialarbeiters bedarf. Eine genaue Einschätzung und Kenntnis der Fähigkeiten und Ressourcen des Klienten sind deshalb Vorraussetzung.
Im Bezug auf die motivierende Sozialarbeit, die auch hier wieder Thema ist, ist zu klären, ob bei mangelnder Aktivität des Patienten eine extrinsische Motivation vorliegt, oder ob der Patient möglicherweise nicht agieren kann. Denn wenn er nicht handeln kann, liegt das nicht an seiner fehlenden intrinsischen Motivation, sondern an mangelnden Handlungskompetenzen. Aus diesem Grund ist es unerlässlich Motivation und Handlungskompetenz zu unterscheiden. Kann der Patient die Handlungen nicht durchführen, muss der Sozialarbeiter zunächst Handlungskompetenz und ein Selbstwirksamkeitsgefühl bei seinem Patienten aufbauen. Dies erfolgt entweder durch den Abbau von Motivationshindernissen, durch die Ermutigung des Patienten zum Handeln, durch kleine Schritte oder durch so genannte ‚Verstärkerprogramme’. (vgl. Klug, 2005, 17) Verstärkung wird im Allgemeinen zur Verhaltensänderung eingesetzt und dient dem Abbau von Fehlverhalten und dem Aufbau erwünschtem Verhalten. (vgl. Häcker/Stapf, 2004, 1013)
Zusammenfassung der Kapitel
Theoretische Entfaltung: Dieses Kapitel definiert die Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, erläutert die Grundlagen der Alkoholabhängigkeit sowie deren Ursachen und Folgen, und strukturiert zentrale theoretische Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit.
Soziale Arbeit im Arbeitsfeld Sucht: Der Hauptteil analysiert die Suchtkrankenhilfe in Deutschland, beleuchtet die stationäre Versorgung junger Alkoholabhängiger und untersucht in zwei Fallbeispielen konkrete Konzepte und Methoden, bevor Case Management als Basismethode detailliert ausgearbeitet wird.
Ausblick: Das abschließende Kapitel reflektiert die zukünftige Rolle des Case Managements als unverzichtbares Instrumentarium zur Professionalisierung und Qualitätssicherung in der Suchthilfe.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Alkoholabhängigkeit, Jugendliche, Case Management, Lebenslagenkonzept, Suchtkrankenhilfe, Motivationsarbeit, Krisenintervention, Professionalisierung, Existenzsicherung, Reha-Prozess, Empowerment, Rückfall, Diagnostik, Zielhierarchie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Konzepten und den praktischen sozialarbeiterischen Methoden in der Arbeit mit jungen Alkoholabhängigen in stationären Entwöhnungseinrichtungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit deckt die Lebenslagen von Jugendlichen, die Ätiologie der Alkoholabhängigkeit, die Strukturen der Suchthilfe sowie die praktische Anwendung von Case Management und modulspezifischen Methoden (wie Schuldnerberatung oder Motivationsarbeit) ab.
Welches ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist ein Beitrag zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit, indem sie für die spezifische Zielgruppe der jungen Alkoholabhängigen Konzepte und Methoden darstellt, die zu einem gelingenden Alltagsmanagement führen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Neben einer umfassenden Literaturanalyse wurden vier leitfadengestützte Experteninterviews mit Praktikern aus dem Feld der Suchthilfe geführt, um die Umsetzung von Konzepten in der Praxis zu evaluieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Suchtkrankenhilfe, die stationäre Versorgung und die detaillierte Darstellung von Case Management sowie methodischer Module wie existenzsichernde und motivierende Sozialarbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Die zentralen Begriffe sind Soziale Arbeit, Alkoholabhängigkeit, Case Management, Jugendliche, Lebenslagenkonzept und motivierende Sozialarbeit.
Warum ist eine spezielle sozialarbeiterische Intervention für junge Alkoholabhängige notwendig?
Junge Menschen befinden sich in einer sensiblen Entwicklungsphase, in der eine verpasste Sozialisation durch Substanzmissbrauch oft mit Identitätskrisen einhergeht, was eine professionelle Unterstützung bei der Lebensgestaltung und Alltagsbewältigung erforderlich macht.
Welche Bedeutung hat das Case Management in dieser Arbeit?
Case Management wird als Basismethode zur Vernetzung verschiedener Hilfesysteme vorgeschlagen, um den komplexen Problemlagen der Jugendlichen durch eine zentrale Koordinationsstelle (den Sozialarbeiter als Case Manager) zu begegnen.
Wie wird der Umgang mit Rückfällen in der Arbeit bewertet?
Ein Rückfall wird nicht mehr als Scheitern der Therapie gewertet, sondern als Teil des Bewältigungsprozesses, der genutzt werden soll, um gemeinsam mit dem Therapeuten Auslöser und Bewältigungsstrategien zu analysieren.
- Quote paper
- Isabelle Riedinger (Author), 2006, Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit mit jungen Alkoholabhängigen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59753