Gawans Minnebeziehungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Das Minnekonzept allgemein
2. 1. Der Minnedienst
2. 2. Liebe aus Leidenschaft
2. 3. Synthese von Minne und Ehe

3. Die Gawanfigur im Parzival

4. Gawans Minnebeziehungen
4. 1. Gawan und Obilot
4. 2. Gawan und Antikonie
4. 3. Gawan und Orgeluse

5. Schluss

6. Bibliographie

1. Einleitung

Beschäftigt man sich mit dem Wolframschen Parzival, so ist es meist selbstverständlich, dass man den Fokus seiner Analyse auf die Handlung des Helden Parzival legt. Doch im Parzival sind neben der eigentlichen Haupthandlung auch mehrere Nebenhandlungen eingefügt, beispielsweise diejenige der Vorgeschichte von Parzivals Vater Gachmuret. Aber besonders lang ist die Geschichte von Gawan, einem Ritter der Artusgesellschaft. In Wolframs Parzival nimmt diese Figur eine bedeutende Stellung ein, nicht nur weil von ihr ausgiebig lang erzählt wird, sondern weil sie von Wolfram in ihrer Ritterehre gleichgestellt wird mit der Parzivalfigur. Doch dies darf nicht davon ablenken, dass sich diese Figuren strukturell auf zwei verschiedenen Ebenen befinden. Während Parzival auf der religiös-metaphysischen Ebene in der Struktur des Romans verortet ist, befindet sich Gawan auf der höfisch-gesellschaftlichen Ebene. So können sie im Grunde nicht miteinander konkurrieren - jeder hat einen unterschiedlich spezifisches Schicksal, welches ihm vorbestimmt ist.

Die Geschichte von Gawan ist demnach auch eine Geschichte von tugendhaften adligen Damen. Ja, man könnte sogar behaupten, dass die Minnebeziehungen, die Gawan während seiner Abenteuer eingeht, die Handlung überhaupt ausmachen. Diese Arbeit hat sich folglich zur Aufgabe gesetzt, Gawans Liebesbeziehungen zu analysieren und diejenigen Aspekte herauszuarbeiten, die in der Struktur des Romans angelegt sind. Denn die drei Beziehungen haben unterschiedliche Bedeutungen. Die Beziehung zu Obilot kann man als ausschließlichen Minnedienst betrachten während diejenige zu Antikonie hauptsächlich leidenschaftliche Minne ist. Die Synthese dieser beiden Momente findet in der Beziehung zu Orgeluse statt, die die für Gawan vorbestimmte perfekt-höfische Dame darstellt.

So werde ich zuerst kurz auf die drei Minnekonzepte allgemein eingehen sowie die Gawanfigur selbst kurz vorstellen. Dann werde ich die drei Minnekonzepte plakativ an der Gawanhandlung darstellen.

2. 1. Das Minne-Konzept (allgemein)

2. 2. Der Minnedienst

Im Minnedienst ist das zwischengeschlechtliche Verhältnis vom Dienen des Ritters bestimmt. Seine alleinige maßgebende Instanz ist die Minnedame selbst, der er sich gänzlich unterwirft. Dabei ist nicht die Eroberung, sondern der Dienst selbst das Ziel der Minnewerbung. Die reine, adlige Frau weist den Werbenden meist ab - zum Zwecke der Vervollkommnung seiner Kunst. Im Werben selbst zählen Tugenden wie Ehrbarkeit, Verschwiegenheit und Treue. Die Gunst der höfischen Dame kann der Ritter durch Leistungen wie Preislieder oder Kämpfe erlangen. Der leidenschaftliche Aspekt bleibt hier außen vor – Minne ist hier reiner Ethos.

2. 3. Liebe aus Leidenschaft

Dieses Verhältnis, welches meist in außer- oder unehelichen Beziehungen stattfindet, ist hauptsächlich bestimmt durch die körperliche Anziehungskraft der beiden Minnepartner. Im Vordergrund steht im Gegensatz zum Minnedienst das Eros der Minne und somit die Eroberung der Frau. Somit ist der ,lôn’ das bestimmende Moment.

Für Wolfram von Eschenbach ist diese feuerentfachende und lodernde Minne jedoch von kurzer Dauer und somit vergänglich.

2. 4. Die Synthese beider Konzepte

Die beiden verschiedenen Minnekonzeptionen verschmelzen in der dritten: der Ehe. Beide Momente sind darin enthalten sowie erweitert. Denn der Minnedienst ist von gleich großer Bedeutung wie die Erfüllung der Minne. Ist der ,lôn’ mit der Eheschließung erhalten, muss dies jedoch nicht heißen, dass er nicht mehr verdient werden muss. Der Ritter muss die Dame immer wieder erobern; Minne heisst also auch Dienst nach dem ,lôn’. Nur die Ehe ist die Lebensform für die ewige Minne im Gegensatz zu den vorher behandelten eindimensionalen Verhältnissen zwischen Ritter und Dame. Die Ewigkeit der Minne impliziert zugleich „triuwe“ und „staete“; demnach teilen die Minnepartner nicht nur Freude und Glück, sondern auch das über sie hereinbrechende Leid. Also ist eindeutig, dass nur in der Synthese der beiden Konzepte die Minne vollständig zum Ausdruck kommen kann.

3. Die Gawanfigur im Parzival

Einführend ist zuerst auf Gawans grundsätzliche Funktion im „Parzival“ zu verweisen: gewissermaßen fungiert stellt er das Gegenstück zu Parzival dar. Gawan, der die Rolle des perfekten und tugendhaften Ritters einnimmt, ist als ein Maßstab zu betrachten, an dem Parzivals Leistungen zu messen sind. Blamires formuliert diesen Aspekt folgendermaßen: Wolfram benutzt die Figur Gawans dazu, „to exemplify the standards of courtliness and act as norm against which we can assess Parzival`s achievements”[1].

Erste Erwähnung findet Gawan in der Gachmuret-Vorgeschichte. Hier ist er noch zu jung, um die Ritterlanze zu halten. Weiter heisst es von ihm:

„[...] er sprichet, möhte er einen schaft

zerbrechen, trôste in des sîn craft,

er taete gerne ritters tât.

wie vruo es sîn ger begunnen hât!“ (66,19-22)

Er kann es also kaum abwarten, als Ritter unzählige Abenteuer zu bestehen. Bei seinem zweiten Auftritt hat sich sein Wunsch erfüllt, ist er doch Ritter der Artusrunde geworden. Seinen Ritterstand übt Gawan ehrenvoll aus; wenn er kämpft, tut er dies jedoch nicht aus einem aktiven Streben nach Zugewinn von ,prîs’, sondern weil er auf eine Herausforderung reagiert oder seine ,êre’ als Ritter verteidigt. Dieses vernunftorientierte Handeln zeigt sich auch in der Blutstropfenszene, auf die ich weiter unten eingehen werde. Doch Gawan ist neben seiner Vernunft mit weiteren Tugenden wie Treue, Beständigkeit und Mut ausgestattet. So spricht Wolfram von Gawan unter anderem als der ,reht gemuote’ (339,1) und ,der werde degen’ (339, 15). Auch ist sein Herz ,ze velde ein burc’ (339,5). Zudem ist er von allem Falsch erhaben.

Wenn man überhaupt von einer Charakterschwäche dieses Helden sprechen kann, so ist es seine Affinität zur Minne. Diese Eigenschaft erklärt sich durch seine Verwandtschaft mit dem Feengeschlecht Mazadaan.

4. Gawans Minnebeziehungen

Schon vor der eigentlichen Gawanhandlung zeigt sich bereits in der Blutstropfenszene seine Minneaffinität. Parzival, der sich unwissend ganz in der Nähe der Artusgesellschaft befindet, stößt im schneebedeckten Wald auf drei Blutstropfen. Bei deren Anblick fällt er einer tiefen Sehnsucht nach seiner Gemahlin Condwiramurs anheim, so dass er nicht imstande ist, irgend etwas von seiner Umgebung wahrzunehmen. Demnach begegnen Segramors und Keye, die die Artusgesellschaft vor dem Fremden schützen wollen (sie erkennen Parzival nicht), ihm in einem Zustand vollkommener Abwesenheit. Beide werden trotzdem im Kampf besiegt, was dazu führt, dass Gawan gegen Parzival antreten will. Doch Gawan begegnet der Situation mit Geistesgegenwart: er ist der Einzige, der sich kognitiv mit der Situation auseinandersetzt und sich fragt, was der Grund für Parzivals Trance ist. Dabei kommt ihm in den Sinn, dass auch er sich in einem ähnlichen Zustand wie Parzival befunden hatte: nämlich in seiner Liebe zur Königin von Bachtarliez. So erklärt er sich die Situation folgendermaßen:

>waz ob diu minne disen man

twinget als si mich dô twanc,

und sîn getriulîch gedanc

der minne muoz ir siges jehen?<“ (301,22-25)

Durch den Rückschluss auf sein eigenes Liebesleben ist er in der Lage, Parzivals Liebeskummer nachzuvollziehen und ihn aus seiner Not zu befreien, indem er seinen Umhang auf die drei Blutstropfen wirft.

Im sechsten Buch ist eine weitere Episode für die folgende Handlung von Bedeutung: es ist der Rat, den Parzival Gawan mit auf den Weg gibt und welcher maßgeblich für Gawans Verhältnis zu Frauen sein wird:

„vriunt, an dines kampfes zît

dâ neme ein wîp vür dich den strît:

diu müeze ziehen dîne hant;

an der du kiusche hâst bekant

unt wîplîche güete:

ir minne dich dâ behüete.“ (332,9-14)

Parzival, der sich in seiner Entwicklung noch auf der höfisch-kulturellen Ebene befindet und sich von Gott verraten fühlt, gibt Gawan dementsprechend den Rat, im Kampf nicht auf Gott zu vertrauen, sondern auf die Reinheit und weibliche Güte („kiusche“) einer Frau. Die Liebe soll ihm Schutz und Schirm[2] im Kampf sein.[3]

Der angekündigte Kampf scheint nicht weit, als Kingrimursel, Fürst von Ascalun, Gawan vor der Artusgesellschaft zum Zweikampf herausfordert. Gawan soll dessen König Kingrisin erschlagen haben, dessen Tod gerächt werden soll. Um seine Unschuld zu beweisen, macht sich Gawan auf den Weg nach Ascalun. Dabei verspricht ihm Kingrimursel freies Geleit bis zur Hauptstadt Schanpfanzun.

[...]


[1] zitiert nach: Blamires, David: Characterization and Individuality in Wolfram’s “Parzival”. Cambridge: University Press 1966. S. 363. In: Buettner, Bonnie Cleo: Gawan in Wolframs “Parzival”. Dissertation. Ithaca: Cornell University 1984. S. 1. Auch Parzivals und Gawans spätere Gemahlinnen Condwiramurs und Orgeluse stehen in dieser Relation zueinander.

[2] Nach der Übersetzung von Karl Lachmann; S. 563

[3] Anzusprechen ist hier auch der grundlegende Unterschied zwischen der Parzival- und Gawanfigur: Strukturell ist Gawan auf der Ebene der höfischen Kultur verankert - Parzivals Rat ist somit eine Art Lebensrichtlinie. Die Figur ist einfach nicht darauf konzipiert, die letzte, religiös-metaphysische Ebene zu erreichen. Für Parzival jedoch ist die Abkehr von Gott falsch – diese Figur ist von der Struktur des Romans auf die Ebene der Religion situiert; seine Bestimmung ist es, Gralskönig zu werden.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Gawans Minnebeziehungen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Wolframs von Eschenbach ,Parzival’
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V59816
ISBN (eBook)
9783638536523
ISBN (Buch)
9783638760676
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gawans, Minnebeziehungen, Wolframs, Eschenbach, Parzival’
Arbeit zitieren
Karoline Lazaj (Autor), 2005, Gawans Minnebeziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59816

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