Das Anti-Aggressivitäts-Training


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
26 Seiten, Note: fehlt

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Anti-Aggressivitäts-Training
2.1 Zielgruppe
2.2 Curriculare Eckpfeiler
2.3 Schematischer Ablauf des AAT

3. Evaluationsergebnisse zum AAT
3.1 Jens Weidner (1993)
3.1.1 Design
3.1.2 Auswertung
3.2 KFN-Forschungsstudie zur Legalbewährung
3.2.1 Experimentalgruppe
3.2.2 Kontrollgruppe
3.2.3 Vergleich beider Gruppen
3.2.4 Zusammenfassung

4. Fazit

5. Anhang

1. Einleitung

Das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) wurde 1986 in der Jugendanstalt Hameln unter der Führung von Diplom-Psychologe Dr. Michael Heilemann ausgearbeitet und eingeführt und stellt nunmehr das am weitesten verbreitete Anti-Gewalt- oder auch Antagonistentraining in Deutschland dar. Thema des AAT ist „die Auseinandersetzung der gewalttätig Agierenden mit ihren Taten in Form einer sinnlich erlebbaren inszenierten Konfrontation mit dem Leid ihres/ihrer Opfer/s.“ (Weidner, Kilb, Kreft 2001: 7).

Das AAT ist eine deliktspezifische, sozialpädagogisch-psychologische Behandlungsmaßnahme für gewalttätige Wiederholungstäter (www.prof-jens-weidner.de). Das Ziel des Trainings ist die Gewaltneigung und damit auch Gewalthandlungen von Personen zu verringern, die bereits durch mehrfache oder besonders heftige Gewalttaten auffällig geworden sind (Ohlemacher 2001: 3). In Konfrontation mit Gewalt ablehnenden Personen sollen die Täter einen Wandlungsprozess durchmachen, sich von der Gewalt ab- und ihrem neuen Selbstbild zuwenden, sodass sie später, nach erfolgreichem Absolvieren des Trainings, für eine gewaltfreie Lösung von Konflikten einstehen und somit „aus dem Schläger ein `Friedensagent` wird“ (Heilemann 1998: 228).

Das AAT ist auf einem lerntheoretisch-kognitiven Paradigma basierend (Kilb, Weidner 2002: 298). Die lerntheoretischen Aspekte des Trainings zielen dabei darauf ab, die Anwendung von Gewalt konkret zu verlernen, indem die Personen in individuellen Provokationstests lernen sollen, sich aus diesen ohne Gewaltanwendung zu befreien, um dann durch die Gruppe in ihrem Handeln bestärkt zu werden. Die kognitiven Elemente des Trainings sollen eine Einstellungsänderung erzeugen. Dabei ist vor allem wichtig, Opferempathie beim Täter herzustellen (Kilb, Weidner 2002: 298).

Das zentrale Element des AAT ist der „heiße Stuhl“. Hierbei soll das Ausleben der Konfrontation das Bewusstsein der aggressiven Männer verändern und Nachgeben und kritische Reflexion erzeugt werden (Weidner 2001: 10). Der „heiße Stuhl“ oder „hot seat“ geht in seinen Grundideen auf den „leeren Stuhl“ des Psychodramas von Moreno zurück, bei dem der Klient einen Konflikt mit seinem imaginären Konfliktgegner, welcher auf dem „leeren Stuhl“ sitzt, austrägt und bewältigt. Später wandelte der Gestalttherapeut Fritz Perls dieses Konzept als Methode der Gewalttherapie zum „hot seat“ um, bei dem auf dem Stuhl die zu behandelnde Person Platz nimmt. Die Gruppe versucht nun ihr optimale Hilfestellung zu geben ohne sie zu kritisieren oder provozieren. Der Kommunikationsstil während des „heißen Stuhls“ im AAT orientiert sich nun allerdings an der „Provokativen Therapie“ von Frank Farrelly und ist somit eher provokativ (Weidner 2001: 11).

Als Vorläufer zur Implementierung des AAT diente Heilemann ein von ihm selbst durchgeführtes Geschlechtsrollenseminar für Sexualstraftäter, in dem diese „durch die Interaktion mit rollenbewussten, starken Frauen ihre Frauenfeindlichkeit und ihr eigenes männliches Rollenkonzept relativieren“ (Heilemann 1994: 334) sollten.

Ab 1987 war der Erziehungswissenschaftler und Kriminologe Dr. Jens Weidner für die Durchführung des AAT in Hameln verantwortlich, der sich im Laufe der Jahre als einer der größten Verfechter des AAT herausstellen sollte. Als Weidner sich 1995 von dem Projekt verabschiedete, übernahmen Michael Heilemann und Gabriele Fischwasser von Proeck die Leitung und Durchführung des AAT in Hameln.

Das AAT nach dem Hamelner Modell ist allerdings nicht statisch, sondern hat sich im Laufe der Jahre ständig weiterentwickelt und wurde so zeitweilig beispielsweise durch sporttherapeutische oder sozialtherapeutische Ansätze ergänzt. Im späteren Verlauf traten auch Varianten mit verschiedenen Methoden von „Attraktivitätstrainings“, „Anti-Blamier-Trainings“ oder „Entspannungstrainings“ auf (Ohlemacher 2001: 7-9).

Auch außerhalb der Jugendanstalt Hameln fand das AAT schnell Beachtung. So haben sich im Laufe der Zeit einige ähnliche Anti-Gewalt-Trainings in anderen Anstalten herausgebildet. Außerdem existieren noch diverse ambulante Varianten in Schulen und Heimen, die allerdings stärker präventiv ausgerichtet sind.

Dies zeigt, wie kompliziert Beschreibungen und Bewertungen des sich in ständiger Veränderung befindenden AAT sind. Die folgenden Ausführungen orientieren sich daher ausschließlich am AAT nach dem Hamelner Grundkonzept.

2. Anti-Aggressivitäts-Training

2.1 Zielgruppe

„Die Zielgruppe des Anti-Aggressivitäts-Trainings sind gewalttätige Wiederholungstäter, Hooligans, Skinheads, so genannte stadtbekannte Schläger Die Zielgruppe sind die zahlenmäßig kleine, aber konfliktträchtige und (den Opfern) Angst einflößende Population von Jungen und Männern, bei denen Gewalt zum Alltagshandeln zählt, die Gewalt als einfache, unkomplizierte, ökonomische und Erfolg versprechende Form der Interaktion betrachten. Das Motto dieser selbstbewusst auftretenden, thrill-orientierten Spezies lautet: Gewalt macht Spaß!“ (Weidner, Mahlzahn 2001: 43)

Die AAT-Teilnehmer sind im Spezifischen überwiegend männlichen Geschlechts, ab 14 Lebensjahre (Weidner, Gall 2003: 12), gehören schlechter Ausgebildeten Milieus an, wobei Jugendliche mit Migrationserfahrungen, also Ausländer und Aussiedler, besonders stark in der Gruppe der Heranwachsenden vertreten sind und werden überdurchschnittlich häufig über richterliche Auflagen an die jeweiligen Maßnahmeträger vermittelt (Kilb, Weidner 2002: 299). Die Anzahl weiblicher AAT-Teilnehmer ist nur begrenzt. Ein möglicher Grund liegt darin, dass die Anzahl an verurteilten Mädchen und jungen Frauen, im Vergleich zu jungen Männern viel geringer ist (Kilb, Weidner 2002: 301). Ein weiterer Aspekt liegt möglicherweise in der Tatsache, dass aggressives Verhalten geschlechtsspezifisch eindeutig zuzuordnen ist. Es ist typisch Jungen- und Männerverhalten und beinhaltet dabei zwei repräsentativ männliche Persönlichkeitsbezüge (Sykes, Matza 1979): Rechtfertigungsstrategien rücken das schlimme Verhalten ins positive Licht. Mit Phrasen wie das Opfer hatte schuld, es war einfach Pech oder es ist einfach dumm gelaufen können Schuldgefühle einfach ausgeschaltet werden, womit die Täter ihren Spaß an der Gewalt nicht verlieren. Weiterhin sind häufig große Empathiedefizite vorzufinden. Einfühlung in die Opferperspektive scheint bei den Delinquenten nur mangelhaft vorhanden, denn wer Mitgefühl für seine Opfer entwickelt, verliert den Spaß an Gewalt, verliert den Spaß an diesen Machtspielen. Nach Weidner und Malzahn (2001) haben die Täter zusätzlich oft ebenfalls keine Antizipationsfähigkeit, keine Bereitschaft, die Opferfolgen zu reflektieren. Viele der Gewalttäter charakterisieren sich selbst als durchsetzungsstark, dominant und selbstbewusst. Sie seien Menschenkenner und Alltagspsychologen, die Einschüchterung, Bedrohung und Angstmachen gezielt einsetzen können. Dabei bevorzugen sie eine präventive Konfliktlösungsstrategie, die dem Muster "erst schlagen, dann nach den Ursachen fragen" folgt. Die Opfer werden hierbei benutzt, um das Selbstbewusstsein "aufzutanken". „Ich bin ein Audi-Turbo-Quattro, und meine Opfer sind meine Tankstelle, und weil ein Turbo viel Sprit braucht, brauche ich viele Opfer (Weidner, Malzahn 2001: 44) Die Täter sind aber meist nicht mit dem einfachen Sieg über das Opfer zufrieden, sondern sie brauchen die totale Niederlage der Opfers. Erst das gibt ihnen das Gefühl der Überlegenheit, das Gefühl Herr über Leben und Tot zu sein. „Es ist ein bisschen wie Gott spielen, der Typ liegt bewusstlos vor dir, und du kannst entscheiden, ob er je wieder aufsteht oder nicht.“ (Weidner, Malzahn 2001: 44)

2.2 Curriculare Eckpfeiler

Bevor detailliert auf den Ablauf des AAT eingegangen werden soll, folgt eine genauere Betrachtung der von Jens Weidner (2001) definierten Lerninhalte und Lernziele. Grundlegend beschäftigt sich das AAT mit dem Abtrainieren des gewalttätigen Verhaltens der Teilnehmer durch Modelllernen, differenzielle Bekräftigung und systematisches Desensibilisieren, kombiniert mit der kognitiven Komponente, die das Denken und die Einstellung des Gewalttäters in Frage stellt. Denn Gewalt macht nicht stark und unangreifbar sondern hinterlässt Schmerz und Leid bei den Opfern (Burschyk, Sames, Weidner 2001). Das Curriculum stütz sich dabei auf folgende sechs Eckpfeiler:

1. Aggressivitätsauslöser
2. Aggressivität als Vorteil
3. Selbstbild zwischen Ideal- und Realselbst
4. Neutralisierungstechniken
5. Opferkonfrontation
6. Provokationstests

1. Aggressivitätsauslöser

„Nur selten verhalten sich Menschen blind und wahllos aggressiv. Viel eher treten aggressive Handlungen zu bestimmten Zeiten, in bestimmten Situationen gegenüber bestimmten Gegenständen oder Personen als Reaktion auf bestimmte Formen der Provokation auf“ (Bandura 1979: 139). Aggressives Verhalten wird also nicht als spontane, unberechenbare Reaktion aufgefasst, sondern durch Hinweisreize aus der Umgebung reguliert (Burschyk, Sames, Weidner 2001: 75). Dementsprechend definieren sich die Lerninhalte dieser Einheit über folgende essentielle Fragen: Was sind provozierende Situationen? Wann ist für den Teilnehmer Gewalt zwingend notwendig? In wie weit verstärkt Alkohol die Gewaltbereitschaft? Diese Art der Desensibilisierung ermöglicht dem aggressiven Menschen, seine Wut in jeder beliebigen unangenehmen Situation zu zügeln „und starke Abwehrmechanismen gegen Aggression auslösende Reize oder Stimuli zu entwickeln“ (Ellis 1987: 110) Das Infragestellen „zwingender Notwendigkeiten“ im Bezug auf aggressives Verhalten, das frühzeitige Erkennen gewaltaffiner Entwicklungen und der Rückzug oder das Schlichten als Handlungsalternative stehen bei dieser Einheit klar im Vordergrund.

2. Aggressivität als Vorteil

Die meisten Gewalttäter erfahren mit dem Einsatz von Gewalt in konfliktträchtigen Situationen einen persönlichen Vorteil, indem sie sich respektiert, anerkannt oder endlich nicht mehr selbst in der Opferrolle sehen, verbunden mit einem starken Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Opfer. Die Lerninhalte beschäftigen sich mit dieser gewalttätigen Unterwerfung des Opfers zur Erhöhung des Selbstwertes, dem Opfer als Tankstelle des Selbstbewusstseins, der erfahrenen Anerkennung und Respekt durch häufig eingeschüchterte Freunde. Das Lernziel ist, die Kosten der begangenen Tat dem kurzfristigen Nutzen des Überlegenheitsgefühls gegenüber zu stellen und damit den Gedanken zu implementieren, dass jede weitere Körperverletzung Jahre an Haftzeiten oder immense Summen an Schmerzensgeldforderungen kosten kann.

(Burschyk, Sames, Weidner 2001)

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das Anti-Aggressivitäts-Training
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Veranstaltung
Psychologie im Strafvollzug
Note
fehlt
Autoren
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V59950
ISBN (eBook)
9783638537452
ISBN (Buch)
9783640343096
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anti-Aggressivitäts-Training, Psychologie, Strafvollzug
Arbeit zitieren
Michael Schmidt (Autor)Rouven Pascheit (Autor), 2006, Das Anti-Aggressivitäts-Training, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59950

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