Gewalttätiges und aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen ist ein Thema, mit dem wir nahezu täglich, zumeist durch die Medien, konfrontiert werden. Die dabei zur Sprache kommende, scheinbare Machtlosigkeit der Familie als eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen hat mich veranlasst, mich mit diesem Thema näher zu befassen. Meine konkrete Fragestellung lautet: Wie entsteht Gewaltaffinität in der familialen Sozialisation?
Bei der Beantwortung dieser Frage stütze ich mich auf zwei Quellen. Zum einen stelle ich das Familien-Risiko-Modell von Kathrin Ratzke und Manfred Cierpka vor, zum anderen das Modell der wechselseitigen Anerkennung von Werner Helsper. Beide Autoren gehen die Schwierigkeit, Gewalttätigkeit von Kindern und Jugendlichen zu erklären, unterschiedlich an. Cierpka betrachtet hierfür die gesamte Familie des „Problemkindes“, Helsper dagegen hauptsächlich die reine Eltern-Kind-Beziehung.
Neben der ausführlichen Beschreibung der Unterschiede beider Modelle möchte ich auch die eventuellen Gemeinsamkeiten herausarbeiten.
Anhand dieser Erkenntnisse soll sich zeigen, ob die beiden Modelle nebeneinander bestehen können oder sich gegenseitig ausschließen. In einem Fazit möchte ich das Ergebnis dieser Überlegungen herausstellen, und damit meine Fragestellung beantworten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Darstellung der Modelle
2.1 Das Familien-Risikomodell (Kathrin Ratzke/Manfred Cierpka)
2.1.1 Familiendynamik und Erziehung in der Risikofamilie
2.1.2 Erklärungen für die mangelnde Entwicklung der Erziehungsfertigkeiten
2.1.3 Im Vordergrund stehende familiäre Konflikte
2.1.4 Welche Entwicklungsdefizite entstehen bei den Kindern?
2.1.5 Das Prinzip der Äquifinalität
2.2 Modell der wechselseitigen Anerkennung (Werner Helsper)
3. Gemeinsamkeiten der dargestellten Modelle von Ratzke/Cierpka und Helsper
4. Unterschiede zwischen den dargestellten Modellen von Ratzke/Cierpka und Helsper
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung von Gewaltaffinität im Kontext der familialen Sozialisation. Ziel ist es, durch den Vergleich des Familien-Risikomodells von Ratzke/Cierpka und des Modells der wechselseitigen Anerkennung von Helsper zu analysieren, wie familiäre Bedingungen und Bindungsprozesse aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen begünstigen.
- Analyse familiärer Einflüsse auf die kindliche Persönlichkeitsentwicklung
- Vergleich von Risikomodellen und anerkennungstheoretischen Ansätzen
- Identifikation von Ursachen für Identitäts- und Selbstwertstörungen
- Untersuchung der Bedeutung von Bindungsbrüchen und mangelnden Erziehungsfertigkeiten
- Diskussion geschlechtsspezifischer Entwicklungsmuster
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Familiendynamik und Erziehung in der Risikofamilie
An dieser Stelle stellt sich die Frage, welche Merkmale eine solche Risikofamilie mit sich bringt. Zwar wirken die betroffenen Familien auf den ersten Blick alle sehr verschieden, dennoch lassen sich einige übliche Probleme in vielen dieser Familien finden. Zunächst erscheint wichtig, dass innerfamiliär häufig nicht zufriedenstellende Partnerschaftsbeziehungen vorkommen. Zudem werden Konflikte innerhalb der Familie oft durch Gewalt gelöst. Zuletzt bleibt zu erwähnen, dass die Kinder oft erleben, dass ihnen keine klaren Grenzen gesetzt werden (vgl. Ratzke/Cierpka 1999: 52). Aus diesen Gründen steht im Entwicklungsmodell „der sich aufbauende Teufelskreis zwischen der inadäquaten Erziehungspraxis und den gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen in der Familie im Mittelpunkt“ (Ratzke/Cierpka 1999, S. 52, Hervorheb. im Original). Für die Teufelskreisentwicklung sehen Ratzke & Cierpka (1999)mehrere Möglichkeiten: einerseits können die Eltern durch die Erziehungsaufgaben überfordert sein, d. h. ihre Erziehungsfertigkeiten sind nicht ausgebildet, andererseits haben die Eltern oft durch Familienkonflikte entstehende Erziehungsschwierigkeiten. Hierbei existieren zwar die Erziehungsfertigkeiten, die Eltern sind aber nicht in der Lage, sie zu nutzen (vgl. S. 53). Das Ergebnis beider „Ursache-Wirkungsketten“ (Ratzke/Cierpka 1999, S. 53) ist in beiden Fällen die „Eskalation von Erziehungsproblemen und gestörten innerfamiliären Beziehungen, die sich zirkulär verstärken“ (Ratzke/Cierpka 1999, S. 53).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Problemstellung bezüglich der Entstehung von Gewaltaffinität bei Kindern und Jugendlichen sowie die Vorstellung der zwei gewählten Erklärungsmodelle.
2. Darstellung der Modelle: Detaillierte Analyse des Familien-Risikomodells nach Ratzke/Cierpka sowie des Modells der wechselseitigen Anerkennung nach Helsper hinsichtlich ihrer theoretischen Annahmen.
3. Gemeinsamkeiten der dargestellten Modelle von Ratzke/Cierpka und Helsper: Herausarbeitung zentraler Übereinstimmungen, insbesondere der Bedeutung von Umwelt-Wechselwirkungsprozessen und familiären Strukturveränderungen.
4. Unterschiede zwischen den dargestellten Modellen von Ratzke/Cierpka und Helsper: Gegenüberstellung der Modelle, wobei insbesondere der Fokus auf die Generationenperspektive bzw. die Kleinfamilie hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Gewaltaffinität, familiale Sozialisation, Familien-Risikomodell, wechselseitige Anerkennung, Erziehungsfertigkeiten, Bindungsverhalten, Selbstwertstörung, Desintegration, Teufelskreis, aggressivem Verhalten, Identitätsentwicklung, Sozialisationsinstanzen, Peer-Groups, Erziehungspraxis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Ursachen für die Entstehung von Gewalttätigkeit bei Kindern und Jugendlichen im Kontext ihrer familiären Umgebung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Themenfelder umfassen die Familiendynamik, Erziehungspraktiken, die Bedeutung von Anerkennungsbeziehungen und die Entwicklung des kindlichen Selbstbildes.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Wie entsteht Gewaltaffinität in der familialen Sozialisation?“ Ziel ist der Vergleich zweier bedeutender Modelle zur Erklärung dieses Phänomens.
Welche wissenschaftlichen Modelle werden verwendet?
Die Arbeit vergleicht das Familien-Risikomodell von Ratzke & Cierpka mit dem Modell der wechselseitigen Anerkennung von Werner Helsper.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der beiden Modelle, die Analyse ihrer Gemeinsamkeiten und die Darstellung ihrer theoretischen Unterschiede.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gewaltaffinität, familiäre Sozialisation, Bindungsverhalten, Anerkennungsdefizit, Desintegration und Identitätsstörung.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise auf den Vater in den Modellen?
Während Helsper das Fehlen des Vaters als männliches Selbst-Objekt kritisiert, betrachten Ratzke/Cierpka die gesamte familiäre Konstellation und Generationenübergreifende Prozesse.
Welche Rolle spielt die Schule laut Helsper in diesem Kontext?
Helsper argumentiert, dass das heutige Schulsystem soziale Missachtung und Entwertung fördern kann, anstatt das Selbstvertrauen und die Selbst-Integrität der Schüler zu stärken.
- Quote paper
- Judith Scherer (Author), 2003, Entstehung von Gewaltaffinität in der familialen Sozialisation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/59994