"Was gewöhnlich bloß für ein Symptom für den Rückgang des traditionellen Christentums gehalten wird, könnte Anzeichen für eine sehr viel revolutionäreren Wandel sein: Ersetzung der institutionell spezialisierten Religion durch eine neue Sozialform der Religion" (Luckmann 1991, S. 132). Diese Vermutung wurde von Thomas Luckmann bereits in den sechziger Jahren formuliert, ist heute nicht minder aktuell und scheint sich mehr und mehr zu bestätigen.. Vor diesem Hintergrund ist das Thema dieser Arbeit die Analyse der 13. und 14. Shell Jugendstudie zum Verhältnis von Jugend und Religion. Dabei werden einmal die Ergebnisse für ein Verhältnis im traditionell kirchlich-religiösen Sinne zusammengefasst und interpretiert, als auch auf Grundlage des Religionsbegriffs nach Luckmann nach Anzeichen für eine Privatisierung und Unsichtbarkeitwerdung von Religion gesucht. Dafür werden zunächst die Terminologien Jugend und Religion geklärt, anschließend die 13. sowie die 14. Shell Jugendstudie jeweils kurz vorgestellt, deren zentralen Ergebnisse referiert, um sich dann speziell dem Thema Jugend und Religion und den jeweiligen Befunden dazu zu widmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Jugend und Religion – Begriffsbestimmungen
2.1. Zum Begriff Jugend
2.2. Zum Begriff Religion – religionswissenschaftlich
2.3. Der Luckmannsche Religionsbegriff
3. Jugend und Religion – Befunde aus der 13. und 14. Shellstudie
3.1. die 13. Shell Jugendstudie – eine kurze Beschreibung
Stichprobe
Thematische Schwerpunkte
zentrale Befunde
3.1.1. Jugend und Religion – Ergebnisse der 13. Shell Jugendstudie
3.1.1.1. Die Religionsgemeinschaften – Zusammensetzung der Stichprobe
3.1.1.2. klassische Variablen für Religiosität und Kirchlichkeit
Gottesdienstbesuch, Beten, Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod
Gottesdienstbesuch
Beten
Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod
Lektüre religiöser Bücher
Wichtigkeit religiöser Feste
kirchlich-konfessionelle Jugendgruppen
Kinder religiös erziehen
Zusammenfassung
3.1.1.3. Privatisierung von Religiosität
Selbsteinschätzung als nicht-religiös
Spirituell-okkulte Praktiken
Privater Schicksalsglaube, Glaube an höhere Mächte und höhere Bestimmung
3.1.2. Zusammenfassung – Kirchlichkeit und private Glaubensüberzeugungen
3.2. die 14. Shell Jugendstudie – eine kurze Beschreibung
Stichprobe
thematische Schwerpunkte
zentrale Befunde
3.2.1. Jugend und Religion – Ergebnisse der 14. Shell Jugendstudie
3.2.1.4. Variablen für Religiosität und Kirchlichkeit
Vertrauen in die Institution Kirche
Glaube an Gott
Aktivitäten in Kirchengemeinde und -gruppe
Zusammenfassung
3.3. Privatisierung von Religion –„unsichtbare Religion(en)“ im Sinne Luckmanns
Familie
Freizeit
Wertorientierungen
Zusammenfassung
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Jugendlichen zur Religion, basierend auf einer Analyse der 13. und 14. Shell Jugendstudie, um zu klären, inwieweit traditionelle kirchliche Bindungen abnehmen und durch private Formen der Religiosität bzw. alternative Sinnstiftungen ersetzt werden.
- Analyse der 13. und 14. Shell Jugendstudie in Bezug auf Religiosität
- Klärung der Begriffe „Jugend“ und „Religion“
- Untersuchung der Privatisierung und Unsichtbarkeit von Religion nach Luckmann
- Vergleich von kirchlicher Kirchlichkeit und privaten Glaubensüberzeugungen
- Einfluss von Sozialisationsinstanzen wie Familie und Freizeit auf die Identitätskonstruktion
Auszug aus dem Buch
2.3. Der Luckmannsche Religionsbegriff
Als ein in sehr langer Tradition entstandenes System der Welterklärung bzw. Anleitung zur Lebensbewältigung sieht auch Thomas Luckmann Religion als solche. Seine funktionalistische Definition von Religion, die er in seinem Essay „Die unsichtbare Religion“ entwickelte, gilt als eine der breitesten überhaupt (vgl. Knoblauch 1991, S. 12) „Sie verfolgt die Absicht, ein möglichst breites Spektrum von Glaubensinhalten und sozialen Formen zu erfassen, die ‚religiöse’ Funktionen erfüllen, ohne von dem eingeengt zu werden, was durch herkömmliche religiöse Institutionen als Religion bezeichnet wird“ (ebd.). Dabei definiert Luckmann Religion zunächst durch eine anthropologische Funktion: „Religiös […] ist, was die engen Grenzen des unmittelbaren Erlebens eines bloß biologisch verstandenen Wesens überschreitet“ (ebd., S. 13), denn
[d]er Organismus – für sich betrachtet nichts anderes als der isolierte Pol eines ‚sinnlosen’ subjektiven Prozesses – wird zum Selbst, indem er sich mit den anderen an das Unternehmen der Konstruktion eines ‚objektiven’ und moralischen Universums von Sinn macht. Dabei transzendiert [überschreitet] er seine biologische Natur. Es deckt sich mit einer elementaren Bedeutungsschicht des Religionsbegriffs, wenn man das Transzendieren der biologischen Natur durch den menschlichen Organismus ein religiöses Phänomen nennt.“ (Luckmann, 1991, S. 85 f.)
Religion wird also als etwas verstanden, das dem einzelnen biologischen Organismus hilft zur Person zu werden, indem dieser zusammen „mit anderen einen objektiv gültigen, aber zugleich subjektiv sinnvollen, innerlich verpflichtenden Kosmos bildet“ (ebd., S. 87). Bei diesem Vorgang, in dem das Transzendieren der Natürlichkeit stattfindet und der nach Luckmann religiösen Charakter hat, handelt es sich um nichts anderes als um Sozialisation, während derer ein geschichtlich gewachsener Sinnzusammenhang, eine Weltansicht angeeignet wird. (vgl. ebd., S. 88 f.) Diese Weltansicht, „in der Kategorien von gesellschaftlicher Relevanz, wie etwa Zeit, Raum, Kausalität und Zweck, den spezifischeren Deutungsschemata übergeordnet sind“ (ebd., S. 90), definiert Luckmann als die soziale Grundform der Religion.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Rückgangs traditioneller Religiosität ein und legt den Fokus auf die Analyse der Shell-Jugendstudien unter Verwendung des Luckmannschen Religionsbegriffs.
2. Jugend und Religion – Begriffsbestimmungen: Dieses Kapitel klärt die wissenschaftlichen Definitionen der Begriffe Jugend und Religion, wobei insbesondere der funktionalistische Religionsbegriff nach Thomas Luckmann erläutert wird.
3. Jugend und Religion – Befunde aus der 13. und 14. Shellstudie: Hier werden die Ergebnisse der beiden Shell-Jugendstudien detailliert untersucht und die zunehmende Privatisierung von Religiosität sowie der schwindende Einfluss der Kirchen analysiert.
4. Resümee: Das Resümee stellt fest, dass traditionell-kirchliche Formen der Religiosität an Bedeutung verlieren, während sich Ansätze einer neuen, privatisierten Religiosität in anderen Lebensbereichen zeigen.
Schlüsselwörter
Jugendstudie, Religion, Religiosität, Shell-Studie, Privatisierung, Thomas Luckmann, soziale Identität, Sinnstiftung, Weltanschauung, Kirche, Jugend, Werte, Sozialisation, unsichtbare Religion, Wertorientierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Ergebnisse der 13. und 14. Shell Jugendstudie, um das Verhältnis der deutschen Jugend zu Religion und Religiosität zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind der Rückgang traditioneller Kirchenbindung, die Zunahme privater Glaubensüberzeugungen und die Suche nach Sinn in neuen sozialen Strukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, ob Religion im traditionellen Sinn bei Jugendlichen an Bedeutung verliert und inwieweit private, „unsichtbare“ Formen der Religiosität an deren Stelle treten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine sekundäranalytische Arbeit, die Daten der 13. und 14. Shell Jugendstudie mit religionswissenschaftlichen Theorien, insbesondere nach Thomas Luckmann, verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Auswertung der Befunde zur Religiosität, zur Rolle der Institution Kirche sowie zur Bedeutung von Familie, Freizeit und Werten für die Identitätsbildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Jugend, Religion, Privatisierung, Shell-Studie, Sinnstiftung, Wertorientierung und Sozialisation.
Welche Rolle spielt die Familie laut dieser Studie bei der Sinnstiftung?
Die Familie fungiert für viele Jugendliche als zentrales „biografisches Rückgrat“ und unterstützt – im Sinne von Luckmann – bei der Konstruktion eines privaten Systems „letzter“ Bedeutungen.
Gibt es Unterschiede in der Religiosität zwischen ost- und westdeutschen Jugendlichen?
Ja, die Studie zeigt, dass der Anteil der konfessionslosen Jugendlichen in den neuen Bundesländern deutlich höher ist und die kirchlich-religiöse Praxis dort noch schwächer ausgeprägt ist als in den alten Bundesländern.
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- Rüdiger-Philipp Rackwitz (Author), 2006, Jugend und Religion, Befunde aus der 13. und 14. Shell Jugendstudie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60022