Inszenierung von Textstellen eines Romans am Beispiel Effi Briest


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
30 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Grundlegende Fragen zur Inszenierung eines Romans

2. Der Sinn szenischen Spiels im Unterricht
2.1. Vorteile und Legitimation des szenischen Spiels im Unterricht
2.2. Umgang mit den Einwänden gegen das szenische Spiel
2.3. Vorteile szenischen Spiels auf Basis eines Romans

3. Vorüberlegungen zum szenischen Spiel am Beispiel „Effi Briest“
3.1. Gründe für die Auswahl des Romans „Effi Briest“
3.2. Besondere Eignung von „Effi Briest“ für die 11. Jahrgangsstufe
3.3. Lernziele des szenischen Spiels
3.3.1. Den Text verstehen
3.3.2. Die Hintergründe erfahren
3.3.3. Gemeinschaft erleben
3.3.4. Sonstige Lernziele

4. Umsetzung des szenischen Spiels am Beispiel „Effi Briest“
4.1. Auswahl der Textstellen
4.2. Aufgabenstellungen zu den Textausschnitten
4.2.1. Aufgabenstellungen zu Text 1
4.2.2. Aufgabenstellungen zu Text 2
4.2.3. Aufgabenstellungen zu Text 3
4.3. Erarbeitung der Aufgaben in Gruppen und weiteres Vorgehen

5. Zusammenfassung und Schlussreflexion

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang
7.1. Erwartungshorizont und Skizzenvorschläge
7.2. Textausschnitte

1. Grundlegende Fragen zur Inszenierung eines Romans

Ein Blick in die Fernsehzeitung genügt und man findet viele Filme, die auf der Grundlage eines Romans basieren. Egal ob „Die Blechtrommel“ von Günter Krass oder „Der Name der Rose“ von Umberto Eco, die Liste der verfilmten Romane ließe sich lange weiterführen. Auch der Roman „Effi Briest“ von Theodor Fontane wurde mehrmals verfilmt. Am meisten Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erlangte Rainer Werner Fassbinders Verfilmung aus dem Jahr 1972.

Geht es aber um die Bühneninszenierung eines Romans, dann stellt sich die Situation anders dar. Viel seltener wurden in der Vergangenheit derartige Werke in Form eines Theaterstücks auf die Bühne gebracht. Dies änderte sich jedoch in den letzten Jahrzehnten immer mehr. Es wird vermehrt begonnen, Romane zu inszenieren, zum Beispiel die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann, „Elementarteilchen“ von Michel Houellebecq oder „Der Gehülfe“ von Robert Walser, um nur einige zu nennen. Die Hauptgründe für ein früher zögerliches Inszenieren liegen wohl darin, dass die vielen komplexen Räume und der meist große Umfang eines Romans nur schwer in einer mehrstündigen Aufführung umgesetzt werden können.

Im vergangenen Jahr wurde im Münchner Residenztheater der Roman „Der Gehülfe“ von Robert Walser als Bühneninszenierung aufgeführt. Dies zeigt, dass die Verarbeitung eines derartigen Werkes in einem Theaterstück möglich ist und auch viele Chancen beinhaltet. Komplizierte Zusammenhänge, die im Roman teilweise schwierig zu verstehen sind, können durch die visuelle Darstellung leichter verständlich gemacht werden. Da natürlich nicht alle Facetten des komplexen Romans dargestellt werden können, ist eine Inszenierung, wie im Übrigen auch eine Verfilmung, kein Ersatz für das Lesen des Buches. Jedoch kann sie erheblich zum Verständnis des Textes beitragen. In der folgenden Arbeit soll versucht werden, mit Schülern[1] eine szenische Umsetzung dreier Textstellen des Romans „Effi Briest“ zu erarbeiten. Der Roman wird den Schülern auf diese Weise näher gebracht und die Lebenswelt der Figuren wird verständlicher gemacht. Das Textverständnis im Allgemeinen soll damit ebenfalls gesteigert werden.

Als Primärliteratur wird der Roman „Effi Briest“ verwendet, der sowohl für den alten „G9“- als auch für den neuen „G8“-Lehrplan geeignet ist. Als Sekundärliteratur dienen vor allem die Abhandlungen von Andy Kempe/ Ulrike Winkelmann „Das Klassenzimmer als Bühne“, von Roger Schaller „Das große Rollenspiel-Buch“ und von Robert Hawley „Werte spielen eine Rolle“. Alle drei Arbeiten befassen sich zwar nicht explizit mit der Inszenierung eines Romans, jedoch geben sie interessante und hilfreiche Einblicke in die Erarbeitung von szenischen Spielen im Unterricht. Konkrete Sekundärliteratur zur Thematik dieser Seminararbeit konnte nicht gefunden werden. Im ersten Teil der Arbeit sollen die theoretischen Grundlagen für eine Inszenierung im Klassenrahmen geschaffen werden. Im zweiten Teil wird auf der Basis des Romans „Effi Briest“ versucht, eine praxisnahe Umsetzung dieser Methode im Unterricht zu erreichen.

2. Legitimation von Inszenierungen im Unterricht

2.1. Vorteile des szenischen Spiels im Unterricht

Die Möglichkeit der Inszenierung wird, laut Hawley, immer noch zu selten genutzt, da sie in der Anschauung vieler nur eine Spielerei darstellt. Er führt des Weiteren aus, dass einige Lehrer Angst haben, dass sie den geforderten Stoff den Schülern nicht im erforderlichen Umfang näher bringen können.[2] Vor kreativen Aufgabenstellungen und Bearbeitungsformen schrecken zu viele Lehrer immer noch zurück.[3] Hierbei muss berechtigter Weise die Frage gestellt werden, wie viel bei Kindern und Jugendlichen traditioneller Unterricht bewirkt. Sowohl bei dem klassischen Frontalunterricht aber auch bei Diskussionen im Klassenrahmen, die zum Großteil vom Lehrer gelenkt und dominiert werden, ist eine freie Entfaltung der Schüler oft nicht möglich, wie Hawley betont.[4] Dazu muss jedoch gesagt werden, dass das eine das andere nicht zwangsläufig ausschließt.

Beim selbstständigen Vorbereiten eines szenischen Spiels können die Schüler viele positive Erfahrungen sammeln. Die Kinder und Jugendlichen werden eingeführt in die große Bandbreite, die literarische Texte bieten und in deren Interpretation. Hierbei befassen sie sich intensiver mit dem zugrunde liegenden Text als dies innerhalb einer Diskussionsrunde im Klassenrahmen möglich wäre. Dadurch wird ein besseres Verständnis der zentralen Aussagen des Textes gewonnen. Des Weiteren werden der geschichtliche Kontext des Werkes näher beleuchtet und die Unterschiede zur heutigen Zeit herausgearbeitet. Diese Auseinandersetzung mit den geschichtlichen Hintergründen ist wichtig, da die Lebenswelt der agierenden Figuren den Kindern sonst zu fremd sein könnte. Auch müssen die Schüler in kreativer Eigenarbeit Möglichkeiten überlegen, wie man den Text auf der Bühne umsetzen kann. Dabei ist es wichtig, die verbale und non-verbale Ausdrucksfähigkeit zu schulen und so im eigenen Auftreten Selbstsicherheit zu erzielen.[5] Als letzter Vorteil soll angeführt werden, dass durch die Einbindung aller Klassenmitglieder die Schüler Gemeinschaftserlebnisse und – erfolge erfahren, die ihnen sonst verwehrt geblieben wären.[6] Dies kann für die soziale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen von großer Bedeutung sein.[7]

2.2. Umgang mit den Einwänden gegen das szenische Spiel

Immer wieder sieht man sich mit Einwänden konfrontiert, die gegen eine derartige Unterrichtsmethode vorgebracht werden könnten. Schaller und Hawley haben sich mit dieser Situation beschäftigt und einige der am häufigsten vorgebrachten Beschwerden festgehalten. Hier wäre unter anderem zu nennen, dass viele, vor allem pubertierende Schüler es als „kindisch“ empfinden, derartige Aufführungen zu gestalten. Ein weiterer Vorwurf ist, dass eine derartige Inszenierung bloße Spielerei sei und die Schüler vom wirklichen Lernen abhalte. Gerade dies werden Eltern in Gesprächen vorbringen und ihre Besorgnis darüber äußern. Auch wird man Vorwürfen begegnen müssen, die gänzlich den Sinn szenischer Darstellung in Frage stellen. Doch nicht nur von Außen werden Zweifel an dieser Methode laut. Viele Lehrer haben Angst, sie könnten durch die szenische Arbeit zu viel der so knapp bemessenen Unterrichtszeit verlieren und so andere Punkte des Lehrplans nicht erfüllen können. Ebenfalls besteht die Furcht bei einigen Lehrern, dass ihnen bei dieser Unterrichtstechnik zu sehr die Kontrolle über die Klasse entgleiten könnte und die Schüler so Respekt vor ihnen verlieren könnten.[8]

Die Auflistung in 2.1 zeigt ganz deutlich, wie viele positive Lernaspekte im szenischen Spiel stecken. All den oben angeführten Vorwürfen und Zweifeln kann mit den Aspekten aus diesem Abschnitt begegnet werden. Wenn Schüler, Kollegen oder Eltern den Vorwurf vorbringen, dass der Sinn der Lernmethode nicht nachvollziehbar und der Lernerfolg nicht erkennbar sei, so muss man entschieden dagegen argumentieren. Schließlich stecken in keinen der häufig praktizierten Unterrichtsformen, wie Diskussion oder Vortrag, nur annähernd so viele verschiedene Facetten des Lernens wie in der Erarbeitung und Aufführung des szenischen Spiels. Damit ist auch die Befürchtung der Lehrer unberechtigt, dass sie durch diese Unterrichtsform Probleme in der Erfüllung anderer Vorgaben des Lehrplanes bekommen könnten.[9]

Die Angst der Lehrer vor unkontrollierbarem Unterricht ist ebenfalls unbegründet. Sie bleiben trotz der intensiven Eigenarbeit der Schüler der Leiter des szenischen Spiels und können hilfreich zur Seite stehen. Natürlich muss diese Lernmethode von Lehrerseite gut vorbereitet werden, um auf die mannigfaltigen Situationen, die durch die kreativen Leistungen der Schüler hervorgerufen werden, sicher und souverän reagieren zu können.[10]

2.3. Vorteile szenischen Spiels auf Basis eines Romans

Obwohl der Roman im Gegensatz zum Drama nicht für die Bühne geschrieben wurde, kann eine szenische Umsetzung des Inhalts bzw. von einzelnen Ausschnitten große Vorteile mit sich bringen. Natürlich muss darauf geachtet werden, dass in den Romanabschnitten dramatisches Potenzial vorhanden ist. Es sollen Figuren und Szenen herangezogen werden, die aussagekräftig für die gesamte Handlung und den weiteren Verlauf der Geschichte sind. Lässt man nun Schüler in der Vorbereitungsphase ausreichend Freiraum im eigenständigen Arbeiten, so werden sie die Geschichte und die darin vertretenen Charaktere nach eigenen Denkmustern entwerfen und später auch darstellen.[11]

Die Vorteile, die in der szenischen Umsetzung eines Romans liegen, sind mannigfaltig. Durch die intensive Beschäftigung mit der Textmaterie können sich die Jugendlichen besser in die Situationen und Figuren hineindenken. Sie werden lernen, einen literarischen Text besser zu verstehen und zu beurteilen. Damit einhergehend fällt es ihnen leichter, die Schwierigkeiten, die durch die über Jahrzehnte hinweg veränderte Lebenswirklichkeit entstehen, einfacher zu beheben. Die semi-reale Ebene, in die sich die Schüler begeben, kann dazu beitragen, dass sie sich emotional tiefer in die Geschichte einfühlen und das Gelesene besser reflektieren.[12]

Unterbewusst fließen Erfahrungen in die Vorbereitung und Umsetzung des szenischen Spiels mit ein, die aus dem eigenen Umfeld der Schüler stammen. Ist zum Beispiel im Roman eine Liebesbeziehung beschrieben, so werden die Kinder und Jugendlichen ihre Vorstellungen von Liebe in die Arbeit einfließen lassen, die sie entweder an sich selbst oder an ihren Eltern, Bekannten etc. vorher wahrgenommen haben.[13] Eine Rolle wird deshalb von jedem Schüler anders interpretiert und ausgelegt und sie lässt deshalb „einen optimalen Raum für persönliche, eigenständige Entfaltung“.[14] Durch diese offensichtliche Verknüpfung mit den eigenen Erfahrungen können die Jugendlichen einen besseren Zugang zu den Inhalten des Romans finden.[15]

Die Schüler schlüpfen gleichsam heraus aus der passiven Rolle des Lesers und Zuhörers hinein in die aktive Eigenarbeit. Auch zurückhaltende Kinder und Jugendliche werden in diesen Prozess mit einbezogen. Durch die intensive Arbeit am und mit dem Romantext, wird bei der Klasse Interesse und Aufmerksamkeit geweckt, was ein besseres Verständnis und einen nachhaltigeren Lernerfolg bewirken kann.[16] Nicht nur das schulische „Stofflernen“ steht hierbei im Vordergrund, sondern auch in hohem Maße die Ausbildung der Sozialkompetenz der Kinder und Jugendlichen. Gemeinsames Lernen und Verstehen in einer Gruppe kann dauerhaft gute Ergebnisse im Verhalten und auch im Wissen der Heranwachsenden erzielen.[17]

3. Szenisches Spiel am Beispiel „Effi Briest“

3.1. Gründe für die Auswahl des Romans „Effi Briest“

Der Roman „Effi Briest“ von Theodor Fontane ist ein im Unterricht gern gelesenes Werk. Die Beschreibung der Orte und Szenarien können als exemplarisch für die Welt im ausklingenden 19. Jahrhundert bezeichnet werden. Zu nennen sind hier u. a. die Darstellung der Gesellschaft und ihre Konventionen, das Duellwesen und die Stellung der Frau. Besonderes Augenmerk liegt auch auf der Sprache Fontanes, „in dem unauffälligen Gleichmaß und Wohllaut seiner Sätze, einem Erzählen ohne alle Härten, Ecken und Kanten.[18] Diese scheinbare stilistische Formvollendung stellt einen gewichtigen Grund für die Auswahl von „Effi Briest“ dar.

[...]


[1] Anm.: Die Begriffe „Schüler“ und „Lehrer“ werden in der gesamten Arbeit geschlechtsneutral verwendet.

[2] Vgl. Hawley: Werte spielen eine Rolle, S. 7 ff.

[3] Vgl. Didaktik der deutschen Sprache und Literatur der Universität Erlangen: Die Pisa-Studie im Blickfeld der Deutschdidaktik, http://www.deutschdidaktik.ewf.uni-erlangen.de/home/index,id,396.html (14.März 2006).

[4] Vgl. ebd., S. 8.

[5] Vgl. Kempe: Klassenzimmer als Bühne, S. 14 f.

[6] Vgl. Ingold: Zündstoff, S. 8 f.

[7] Vgl. Anselm: Rollenspiel im Unterricht, S. 11.

[8] Vgl. Schaller: Das große Rollenspiel-Buch, S. 89 ff.; vgl. Hawley: Werte spielen eine Rolle, S. 7 ff.

[9] Vgl. Hawley: Werte spielen eine Rolle, S. 8 f.

[10] Vgl. Schaller: Das große Rollenspiel-Buch, S. 91 ff.; vgl. Hawley: Werte spielen eine Rolle, S. 9.

[11] Vgl. Schaller: Das große Rollenspiel-Buch, S. 15; vgl. Kempe: Klassenzimmer als Bühne, S. 54 ff.

[12] Vgl. Schaller: Das große Rollenspiel-Buch, S. 15.

[13] Vgl. Schaller: Das große Rollenspiel-Buch, S. 15; vgl. Hawley: Werte spielen eine Rolle, S. 8 f.

[14] Ingold: Zündstoff, S. 7.

[15] Vgl. Birkenbihl: Rollenspiele schnell trainiert, S. 11 ff.

[16] Vgl. Hostnig: Außenseiter in der Heimgruppe, S. 11 ff.

[17] Vgl. Wendlandt: Rollenspiel in Erziehung und Unterricht, S. 15 ff.

[18] Seiler: Fontanes Effi Briest, S. 87.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Inszenierung von Textstellen eines Romans am Beispiel Effi Briest
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsch Fakultät)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
30
Katalognummer
V60042
ISBN (eBook)
9783638538091
ISBN (Buch)
9783638666985
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit befasst sich mit dem Versuch, aus einem Romantext kleine szenische Spiele für den Unterricht zu erstellen. Außerdem enthält sie Arbeitsaufträge und Musterlösungen für die Schüler.
Schlagworte
Inszenierung, Textstellen, Romans, Beispiel, Effi, Briest, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Hans-Peter Schneider (Autor), 2005, Inszenierung von Textstellen eines Romans am Beispiel Effi Briest, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60042

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