Feministische Sprachwissenschaft: Vorschläge für ein geschlechtergerechtes Deutsch


Hausarbeit, 2002

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Was ist feministische Sprachwissenschaft? – Begriffsklärung

2. Hintergrund

3. Diskriminierung von Frauen im allgemeinen Sprachgebrauch

4. Vorschläge für ein geschlechtergerechtes Deutsch
4.1. Neutralisierung
4.2. Das generische Femininum
4.3. Die Beidbenennung

5. Schlussbetrachtung

6. Literatur

1. Was ist feministische Sprachwissenschaft?

Der Begriff „Feministische Sprachwissenschaft“ bezeichnet das Betreiben von Sprachwissenschaft, also die Betrachtung von Sprache als System, aus frauenorientierter Perspektive (Oft wird auch der Terminus „feministische Linguistik“ verwandt, der das gleiche meint.)[1]. Er entstand in den Siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts unter dem Einfluss der sich damals konstituierenden Neuen Frauenbewegung. Inhaltlich ging er zurück auf erste Forschungen in den USA, vor allem von Mary Ritchie Key[2] und Robin Lakoff[3].

Feministische Sprachwissenschaft heute befasst sich mit zwei Gebieten, nämlich zum einen mit der Sprache von Frauen (Wie sprechen Frauen? Wo liegen die Besonderheiten in ihrem Sprachgebrauch im Unterschied zu dem von Männern? Wie hat sich der Sprachgebrauch von Frauen im Laufe der Zeit verändert?), zum anderen mit dem Sprechen über Frauen (Inwieweit wird das weibliche Geschlecht in der gesprochenen und geschriebenen Sprache berücksichtigt? Wie sieht es aus mit der Repräsentation von Frauen in der Deutschen Sprache?). Das eine Gebiet hat also einen eher soziolinguistischen Schwerpunkt, nämlich den des Sprachgebrauchs durch eine bestimmte Gruppe, das andere beschäftigt sich mit der Struktur der Sprache an sich , unabhängig davon, wie, wo und von wem sie gebraucht wird. Man[4] kann hier also von einem strukturalistischen Schwerpunkt sprechen.

In Deutschland wird dieser Ansatz vor allem von Luise Pusch vertreten, der soziolinguistische Ansatz von Senta Trömel-Plötz, aus dem amerikanischen Bereich sei hier noch Deborah Tannen erwähnt, die einige auch gut allgemein verständliche Publikationen zum Thema veröffentlicht hat.

Ich werde mich in dieser Arbeit mit dem strukturalistischen Ansatz beschäftigen, es geht mir hier vor allem darum, sprachliche Möglichkeiten für eine geschlechtergerechte oder zumindest gerechtere deutsche Sprache aufzuzeigen.

2. Hintergrund

Zum Thema „Frauen und Sprache“ wird nicht erst seit dem Beginn der neuen Frauenbewegung geforscht. Allerdings ging es in früheren Forschungen i. d. R. um die Frage nach einer Frauensprache, d.h. ob es einen weiblichen Soziolekt gäbe oder nicht. Wissenschaftler stützten sich dazu auf anthropologische und ethnologische Forschungen aus den letzten Jahrhunderten, in denen es zunächst nur um Beobachtungen in sogenannten primitiven Kulturen ging. Erst im zwanzigsten Jahrhundert begann man, auch in westlichen Kulturen nach „Frauensprachen“ zu forschen. Es wurden dabei geschlechtsspezifische Differenzierungen z. B. im Japanischen und in einigen Sprachen der Native Americans gefunden. Trotzdem haftete diesen „Frauensprachen“ immer ein Makel an.

Forschungen über das unterschiedliche Sprechen von Frauen und Männern im europäischen Raum gibt es seit dem frühen 20. Jahrhundert. Zwei wichtige Vertreter dieser Forschungen sind Mauthner (1921)[5] und Jespersen (1922)[6]. Mauthner befasste sich in seinen Arbeiten mit dem allgemeinen Sprachgebrauch, Jespersen untersuchte Wortschatz und Syntax. Beide stellen in allen untersuchten Punkten signifikante Unterschiede zwischen Männern und Frauen fest, setzen dabei aber die Sprache der Männer als Norm. Dies führt dazu, dass die Frauensprache den Stellenwert eines (minderwertigen) Soziolektes annimmt, vergleichbar etwa mit dem Sprachgebrauch ungebildeter Arbeiter. Vor allem Jespersen argumentiert biologistisch und impliziert damit, dass Frauen aufgrund ihrer biologisch determinierten Ungleichheit mit Männern nicht in der Lage seien, die komplexere Männersprache zu erlernen. Dies ist insofern interessant, als dass hier Frauensprache zwar als Soziolekt angesehen wird, den Frauen aber, im Gegensatz zu den männlichen Arbeitern qua Biologie die Fähigkeit einer „Verbesserung“ ihrer Sprache nicht zugestanden wird.

Mauthner und Jespersen vertreten damit eine Hypothese, die die Sprache der Frauen als defizitär klassifiziert und damit gleichzeitig die Männersprache als Norm setzt. Diese Hypothese ist denn auch als „Defizithypothese“ bekannt geworden und beherrschte lange Zeit die Vorstellung vieler Wissenschaftler.

Die neue Frauenbewegung wandte sich gegen diese Hypothese. Mary Ritchie Key und Robin Lakoff befassten sich als erste Wissenschaftlerinnen mit dem Thema aus feministischer Sicht. Sie untersuchten nicht nur den unterschiedlichen Sprachgebrauch von Männern und Frauen, sondern auch erstmals die Diskriminierung der Frau durch Sprache. In Deutschland hat sich zum Thema Sprachgebrauch vor allem Senta Trömel-Plötz[7] hervorgetan, die Forschungen über Diskriminierung von Frauen durch Sprache, die in den formallinguistischen Bereich gehen, betrieb allen voran Luise Pusch[8]

. An die Stelle der Defizithypothese treten im Zuge der Frauenbewegung zum einen die Differenzhypothese, zum anderen die Code-Switching-Hypothese. Beide greifen auf, dass Männer und Frauen unterschiedlich mit Sprache umgehen.

Die Code-Switching-Hypothese geht davon aus, dass Frauen sowohl Frauen- als auch Männersprache beherrschen und je nach Kontext in der Lage sind, zwischen diesen beiden Codes hin- und herzuwechseln; Frauen sind hiernach also sozusagen bilingual in ihrer Muttersprache. Frauen- und Männersprache werden hier aber noch immer als nicht gleichwertig betrachtet, das Beherrschen der normativen Männersprache wird gleichsam als Voraussetzung zur Gleichberechtigung gesehen. Überspitzt könnte man sagen, dass mit dieser Hypothese die Forderung einhergeht, Frauen sollen die Männersprache lernen, um dann den Männern auch wirklich gleich zu sein – eine Forderung, die sich mit den frühen Ansichten der Frauenbewegung deckt, Frauen müssten „wie Männer werden“, um in der westlichen Gesellschaft Chancengleichheit zu erlangen.

Dagegen wendet sich die später entstandene Differenzhypothese. Wie ihre Vorgängerinnen geht sie davon aus, dass Differenzen im Sprachgebrauch von Männern und Frauen evident sind, bewertet diese aber nicht, Frauen- und Männersprache stehen hier gleichwertig nebeneinander. Frauen werden somit gleichsam aufgefordert, ihre Differenz zu betonen und stolz auf sie zu sein.

Diese beiden Hypothesen bestehen bis heute nebeneinander.

[...]


[1] Samel, Ingrid: Einführung in die feministische Sprachwissenschaft. Berlin, 1995. Diese Arbeit basiert zu großen Teilen auf diesem Buch, daher werde ich der Übersichtlichkeit halber im Folgenden nicht erneut darauf hinweisen.

[2] Key, Mary Ritchie: Male/Female Language. Metuchen, New Jersey, 1975

[3] u. a. Lakoff, Robin: Language and Women’s Place. New York, 1975.

[4] Über das Pronomen „man“ gibt es in der feministischen Linguistik kontroverse Ansichten. Der ursprünglichen Annahme folgend, dass sich „man“ auf „Mann“ bezieht, entstand in der feministischen Szene das Gegenpronomen „frau“, manche ersetzten auch „man“ durch „mensch“. Im Zuge meiner Recherchen zum Thema bin ich aber auf eine interessante Website gestoßen, auf der sehr schlüssig die Herkunft des Pronomen „man“ aufgeschlüsselt wird: hiernach handelt es sich bei „man“ um das altnordische Wort für Frau, wohingegen der Mann „wer“ hieß, abgeleitet aus der Sanskritwurzel „vir“. Die Sanskritwurzel „man“ dagegen bedeutet „Mond“ und „Weisheit“ – beides die zentralen Attribute der große Göttin. (zum Nachlesen: http://frauensprache.com/man.html)

Mir erscheint die Diskussion über „man“ jedoch auch angesichts dieser eindeutig weiblichen Wurzel sinnvoll, da sich die phonetische Nähe zum deutschen Wort „Mann“ nicht leugnen lässt und somit beim umgangssprachlichen Gebrauch von „man“ immer die Konnotation „männlich“ mitschwingt.

[5] Mauthner, Fritz: Zur Sprache und Psychologie. In:Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Stuttgart und Berlin,1921. Band 1.

[6] Jespersen, Otto: Die Sprache. Ihre Natur, Entwicklung und Entstehung. Heidelberg, 1925. (Original engl. 1922)

[7] v. a. Trömel-Plötz, Senta: Frauensprache – Sprache der Veränderung. Frankfurt/ Main, 1982.

[8] v. a. Pusch, Luise F.: Das Deutsche als Männersprache. Aufsätze und Glossen zur Feministischen Linguistik. Frankfurt/ Main, 1984.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Feministische Sprachwissenschaft: Vorschläge für ein geschlechtergerechtes Deutsch
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Einführung in die Sprachwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
14
Katalognummer
V60170
ISBN (eBook)
9783638539159
ISBN (Buch)
9783640859061
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feministische, Sprachwissenschaft, Vorschläge, Deutsch, Einführung, Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Cornelia Charlotte Reuscher (Autor), 2002, Feministische Sprachwissenschaft: Vorschläge für ein geschlechtergerechtes Deutsch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60170

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