Der von Kürenberg: "Vil lieber vriunt (verliesen)" (1C) und "Wes manst du mich leides" (2C) ein Wechsel?


Seminararbeit, 2005

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Übersetzung
2.2. Kommentar
2.2.1. Übersetzungskommentar
2.2.2. Überlieferung
2.2.3. Übersetzungsvergleich
2.2.4. Wortanalyse
2.3. formale Analyse
2.4. Gattungsproblematik
2.4.1. Wechsel
2.4.2. Frauenlied
2.4.3. Frauenlied/Botenlied
2.4.4. Freundschaftslied

3. Schlussteil

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meiner Arbeit befasse ich mich mit den ersten beiden Liedern (1C und 2C) des Kürenbergs. Der von Kürenberg ist der erste namentlich bekannte Minnesänger, man weiß jedoch nur wenig über ihn. Es gibt mehrere Dokumente, die unterschiedliche Kürenbergs bezeugen, und daher vermutet man seine Schaffenszeit zwischen 1150 und 1160 in Oberösterreich. Andere gehen jedoch auch davon aus, dass der von Kürenberg seinen Namen aus dem vierten Lied (4C) bekommen hat, da die Texte vorher anonym waren. Das Wappen des Kürenbergs im Codex Manesse soll entsprechend dem Namen eine Handmühle zeigen.

Im Mittelpunkt der Forschung der Kürenberg-Lieder stehen das Falkenlied und der Zinnenwechsel. Die beiden hier behandelten Strophen, deren Zusammengehörigkeit der zu einem Ton in der Forschung umstritten ist, verdienen jedoch ebenso große Aufmerksamkeit, nicht zuletzt, da sie am Anfang der Kürenberg-Lieder in den Handschriften zu finden sind. Uneinig ist man sich auch über die Zugehörigkeit zu einer Gattung, obwohl man überwiegend von einem Wechsel ausgeht. Diese Gattungsproblematik möchte ich an meiner Arbeit näher untersuchen.

2. Hauptteil

2.1. Übersetzung

7,1-1C Einen sehr lieben Freund <zu verlieren>, das ist schädlich.

Wenn irgendwer seinen Freund behält, das ist löblich.

Dieser Handlungsweise will ich zugeneigt sein.

Bitte ihn, daß er mir lieblich gewogen sei, wie er hier zuvor war.

Und erinnere ihn, was wir geredet haben, als ich ihn zuletzt sah.

7,10-2C Warum erinnerst du mich an das Leiden, mein so lieber <Schatz>?

Unser beider Trennen könnte ich nicht erleben/überleben.

Verließe ich deine Liebe,

so ließe ich die Leute <sehr> wohl merken,

daß die Freude mir am geringsten ist und auch alle anderen Männer.

2.2. Kommentar

2.2.1. Übersetzungskommentar

Der Einfachheit halber wähle ich eine eigene Verszählung: Die Strophe 7,1-1C wird mit I angegeben, die Strophe 7,10-2C wird mit II benannt. Die Verse werden mit arabischen Ziffern von 1 bis 5 numeriert.

I,1 vil] sehr[1]

I,1 <verliesen>] Ich habe mich für die Konjektur von Sievers[2] entschieden. Der Text würde ohne eine Ergänzung keinen Sinn ergeben.

I,2 swer] wenn irgendwer[3]

I,2 daz ist loeblîch] Inversion zwecks Parallelismus

I,3 die] dieser. Demonstrative Übersetzung nach Schweikle (demonstrativ, nach Schweikle)[4]

I,3 minne] zugeneigt sein[5]

I,4 holt si] lieblich gewogen sei[6]. Man kann an dieser Stelle nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich um einen Ausdruck für eine Liebesbeziehung handelt. Daher habe ich einen neutralen Ausdruck gewählt, der sowohl eine Freundschafts- als auch eine Liebesbeziehung bezeichnen kann.

I,5 man] erinnere[7] (Moser/Tervooren)

I,5 redeten] geredet haben. Tempusangleichung, da im Hauptsatz Präsens steht und die Vorzeitigkeit hierzu mit Perfekt ausgedrückt wird.

I,5 do] als[8]

I,5 ze jungest] zuletzt[9]

II,1 wes] warum[10]

II,1 manst] erinnerst[11]

II,1 mîn vil liebe <liep>] mein so lieber <Schatz>. „liebe“ und „<liep>“ können sowohl für einen männlichen als auch für einen weiblichen Geliebten stehen. Daher wähle ich den neutralen – jedoch umgangssprachlichen – Ausdruck „<Schatz>“. Die Ergänzung „<liep>“ erfolgt aufgrund der Metrik und des Reimes.[12]

II,2 zweier] beider. Aufgrund des Kontextes mit „beider“ geändert.

II,2 müeze] könnte[13]

II,2 geleben] erleben/überleben. Beide Varianten sind möglich und ergeben einen Sinn.

II,3 verliuse] verliere[14]. Potentialer Konjunktiv

II,4 lâze] ließe. Potentialer Konjunktiv

II,4 <harte> wol entstân] <sehr> wohl merken[15]. Konjektur aus metrischen Gründen.

II,5 der minnist] die geringste [16]

II,5 und alle andere man] und auch alle anderen Männer. „diu liute“ aus II,4 sehe ich als bestimmte Leute an, „alle andere man“ als Verallgemeinerung.

2.2.2. Überlieferung

Schon H. W. J. Kroes stellte fest, dass I und II „ziemlich schlecht überliefert“[17] sind. Daher ist hier ein Übersetzungsvergleich auch gleichzeitig ein Editionsvergleich. Kroes geht, wie viele andere auch, von einem Fehler in der ersten Halbzeile aus, da der Text ansonsten keinen Sinn ergeben würde. Christel Schmid hat sechs verbreitete Konjekturen gegenübergestellt[18]. Die Konjekturen von Lachmann („vil lieber friunde vâren“), Bartsch („vil lieber friunde fremden“) und Joseph („vil lieber friunde scheiden“)[19] scheiden für mich aus, da sie einen zu großen Eingriff in den Text vornehmen und friunt in den Plural (fruinde) setzen. Sievers sagte hierzu: Ein „pluralisches friunt oder friundinne wird man […] nur erwarten dürfen, wo etwa von mehreren liebespaaren im gleichen sinne die rede ist, aber nicht in einer so allgemeinen sentenz wie der hier in frage stehenden. Dem folgenden singularischen swer sînen friunt behaltet muss auch in v. 1 ein singularisches friunt entsprechen.“[20] Beide von Sievers genannten Argumente überzeugen mich. Brinkmanns Vorschlag „scheiden“ zu ergänzen und davor ein Komma zu setzen[21], und somit „die Wiederaufnahme des grammatischen Vokativs“[22] zu beachten, halte ich für sehr sinnig, jedoch fehlt mir die „antithetische Parallelität zur zweiten Langzeile“[23]. Deshalb treffe ich die Entscheidung zwischen „vil liebe n friunt verliesen“ (Sievers) und „vil liebe n friunt verkiesen“ (Schröder)[24]. Hierbei finde ich von allen anderen Argumenten die Schmid anführt, „die von JOHN L. CAMPION mitgeteilte sentenzhafte Wendung Hartmanns einen vriunt behalten und verliesen (‘Erec 5071 ff.)“[25] am plausibelsten. In Hartmann von Aues „Erec“ findet man den Satz „jâ ist ein virunt baz verlorn bescheidenlîchen unde wol dan behalten anders dan er sol.“[26].

Die zweite Strophe ist noch schlechter überliefert als die erste. Direkt im ersten Vers fehlt am Ende ein Wort. Von den meisten Editoren wurde <liep> ergänzt, was auf Lachmann zurückgeht. „Das Reimwort niet in Zeile 2 kann LACHMANNs Ergänzung liep zu mîn vil liebez liep stützen, da dieses Reimpaar nicht nur in C11 und C14 wiederkehrt, sondern als Standard-Reim im frühen Minnesang und sogar noch bei Friedrich von Hausen Verwendung findet.“[27]

Der vierte Vers der zweiten Strophe weist ebenfalls eine Leerstelle auf. An dieser Stelle wird „einhellig mit Verweis auf zahlreiche Stellen im ‘Niebelungenlied‘ LACHMANNs Vorschlag harte wol übernommen.“[28] Diese Konjektur geschieht aus „metrischen Gründen“[29] Christel Schmid liest an dieser Stelle „alsô wol“[30] und führt drei Kürenberg-Stellen auf, bei denen eine „als-sô bzw. sô-als-Konstruktion“[31] auftaucht, was jedoch kein Beweis für eine derartige Konjektur sein muss.

Christel Schmid bezeichnete die Überlieferungslage dieses letzten Verses sehr treffend: „Die vieldiskutierte Schlußzeile ist der kniffligste aller Kürenberg-Verse.“[32] In vielen Editionen wurden Buchstaben ergänzt und Wörter hinzugefügt oder umgeändert. Die gängigsten Konjekturen sind in der folgenden Tabelle einander gegenübergestellt:

Schweikle[33]: daz mîn fröide ist der minnist, und alle andere man.

Kasten[34]: daz mîn fröide ist der minnist u mb alle andere man.

Moser/Tervooren[35]: daz mîn vröide ist der minnist und alle ande r ver man.

Bühring[36]: daz fröide ist mi r de z minnist und alle ande r ver man.

Jungbluth[37]: daz mîn fröide ist dir der minnist Und alle r ander r e man.

Kroes[38]: daz mîn fröide ist der minnist und alle andere ver man.

Schmid[39]: daz mîn fröide ist mir der minnist und er alle n andere n man.

Für alle Konjekturen im Abvers gibt es sicherlich gute Gründe, die bereits von Gayle Ager-Beck[40] sehr gut gegenübergestellt wurden. Im Anvers ist das Genus bei „der minnist“ auffällig. Bühring schlägt eine Veränderung in „dez minnist“[41] nach Wackernagel vor. Außerdem führt er Beispiele Jacob Grimms an, „aus denen der geradezu ,formelhafte‘ [Haupt zs. f. d. Altt. 11,574] Gebrauch von ,daz minnist‘ hervorgeht.“[42] Es wurde dabei herausgefunden, „dass bei allen Stellen […] der Dativ der gringschätzenden Person dabei stand.“[43]. Somit geht Bühring davon aus, dass „,min‘ leicht aus ,mir‘ verschrieben werden konnte.“[44] Außerdem müßte der Satz dann umgestellt werden. Meiner Überzeugung nach muss dies jedoch nicht geschehen, da in der Dichtersprache Umstellungen in der Syntax durchaus gängig sind, was man auch heute noch bei zahlreichen modernen Gedichten und Liedern beobachten kann. Eine schlußendliche Klärung für die letzte Langzeile kann jedoch bei der derzeitigen Überlieferungslage nicht erreicht werden. Aus diesem Grunde sehe ich von einer Veränderung ab, um den überlieferten Text zu erhalten.

2.2.3. Übersetzungsvergleich

Im folgenden habe ich mich auf einen Vergleich mit den Übersetzungen von Günther Schweikle[45] und Margherita Kuhn[46] beschränkt und werde nur bei besonderen Stellen, in denen Eingriffe in der Handschrift notwendig sind, eine größere Bandbreite an Editionen und Übersetzungen hinzuziehen. Mit meiner Übersetzung habe ich versucht, sehr nah am Text zu bleiben, ähnlich wie Günther Schweikle. Margherita Kuhn hingegen, die mit der Edition von Ingrid Kasten gearbeitet hat, übersetzt freier. Inhaltlich sind die Übersetzungen fast deckend und es kommen keine größeren Unterschiede mehr vor. Auffällig ist jedoch, daß Schweikle im vierten Vers den Ausdruck „holt sî“ stehen läßt („hold sei“). Eine adäquate Übersetzung des Ausdrucks „holt sî“ scheint nicht möglich zu sein, da er im Mittelalter ein breites Bedeutungsspektrum besaß, welches kein heutiger Ausdruck erfaßt. Aus diesem Grund habe ich an dieser nach einem neutraleren Ausdruck, der sowohl Freundschafts- als auch Liebesbeziehungen bezeichnet, gesucht und nur den leicht arachistisch klingenden Ausdruck „lieblich gewogen“ finden können.

[...]


[1] vgl. Lexer, Matthias (Hrsg.): Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Stuttgart 1992. Band III. Sp. 349

[2] vgl. Sievers, Eduard: Bemerkungen zu des Minnesangs Frühling. PBB 12 (1887). S. 492

[3] vgl. Anm. 1: Lexer. Band II. Sp. 1361

[4] vgl. Schweikle, Günther: Die mittelhochdeutsche Minnelyrik. Darmstadt 1977. S. 119

[5] vgl. Benecke, Georg Friedrich/Müller, Wilhelm/Zarncke, Friedrich (Hrsg.): Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Stuttgart 1990. S. 183-184

[6] vgl. Anm. 1: Lexer. Band I. Sp. 1327-1328; Anm. 6: BMZ. Band I. S. 703-704

[7] vgl. Moser, Hugo/Tervooren, Helmut: Des Minnesangs Frühling. 38. Auflage. Stuttgart 1988. S. 24

[8] vgl. Anm. 1: Lexer. Band I. Sp. 445

[9] vgl. Anm. 1: Lexer. Band I. Sp. 1490

[10] vgl. Kasten, Ingrid/Kuhn, Margherita: Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters. Frankfurt am Main 1995. S. 45

[11] vgl. Anm. 1: Lexer. Band I. Sp. 2028-2029; Anm. 7: Moser/Tervooren. S. 24

[12] vgl. Anm. 7: Moser/Tervooren. S. 24

[13] vgl. Anm. 1: Lexer. Band I. Sp. 2217

[14] vgl. Anm. 1: Lexer. Band III. Sp. 162-163

[15] vgl. Anm. 7: Moser/Tervooren. S. 24

[16] vgl. Anm. 7: Moser/Tervooren. S. 24

[17] Kroes, H. W. J.: Kürenbergiana. In: Neophilologus 36 (1952). S. 89

[18] vgl. Schmid, Christel: Die Lieder der Kürenberg-Sammlung. Einzelstrophen oder zyklische Einheiten? Göppingen 1980. S. 106

[19] alle drei Zitate aus: Anm. 18: Schmid. S. 106

[20] Anm. 2: Sievers. S. 492

[21] vgl. Brinkmann, Hennig: Liebeslyrik der deutschen Frühe in zeitlicher Folge. Düsseldorf 1952. S. 99ff.

[22] Anm. 18: Schmid. S. 109

[23] Anm. 18: Schmid. S. 107

[24] beide Zitate aus: Anm. 18. Schmid: S. 106

[25] Anm. 18: Schmid. S. 108

[26] Hartmann von Aue: Erec. Mittelhochdeutscher Text und Übertragung von Thomas Cramer. 25. Auflage. Frankfurt am Main 2003. V. 5071-5073

[27] Anm. 18: Schmid. S. 109

[28] Anm. 18: Schmid. S. 110

[29] Anm. 4: Schweikle. 1977. S. 365

[30] Anm. 18: Schmid. S. 110

[31] Anm. 18: Schmid. S. 110

[32] Anm. 18: Schmid. S. 110

[33] Anm. 4: Schweikle. 1977. S. 118

[34] Anm. 10: Kasten/Kuhn. S. 44

[35] Anm. 7: Moser/Tervooren. S. 24

[36] Bühring, Johannes: Das Kürenberg-Liederbuch nach dem gegenwärtigen Stande der Forschung. In: Programm des Fürstlichen Gymnasiums zu Arnstadt. Arnstadt 1900. S. 10

[37] Jungbluth, Günther: Zu Minnesangs Frühling 7,1-18. In: Neophilologus 37 (1953). S. 238

[38] Anm. 17. Kroes. S. 90

[39] Anm. 18: Schmid. S. 119

[40] vgl. Agler-Beck, Gayle: Der von Kürenberg: Edition, Notes, and Commentary. Amsterdam 1978. S.63-67

[41] Anm. 36: Bühring. S. 14

[42] Anm. 36: Bühring. S. 14

[43] Anm. 36: Bührung. S. 15

[44] Anm. 36: Bühring. S. 15

[45] vgl. Anm. 4: Schweikle. 1977. S. 119

[46] vgl. Anm. 10: Kasten/Kuhn. S. 45

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der von Kürenberg: "Vil lieber vriunt (verliesen)" (1C) und "Wes manst du mich leides" (2C) ein Wechsel?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Minnesang
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V60437
ISBN (eBook)
9783638541138
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kürenberg, Wechsel, Minnesang
Arbeit zitieren
Daniel Steinbach (Autor), 2005, Der von Kürenberg: "Vil lieber vriunt (verliesen)" (1C) und "Wes manst du mich leides" (2C) ein Wechsel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60437

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