Der Bruderzwist im Drama des Sturm und Drang - Johann Anton Leisewitz' "Julius von Tarent" im Vergleich zu Friedrich Maximilian Klingers "Die Zwillinge"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
24 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Johann Anton Leisewitz „Julius von Tarent“
2.1.1. Julius
2.1.2. Guido
2.2. Friedrich Maximilian Klinger „Die Zwillinge“
2.2.1. Guelfo
2.2.2. Ferdinando
2.3. Der Bruderzwist im Vergleich

3. Schlussteil

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Frühjahr 1775 erschien eine Ankündigung von Sophie Charlotte Ackermann und Friedrich Ludwig Schröder, den Prinzipialen der Ackermannschen Schauspielgesellschaft[1]. Diese suchten nach einem neuen Stück für ihr Repertoire. Johann Anton Leisewitz bediente sich der „Geschichte vom Tod der Söhne des Herzogs Cosmus I. (im Jahre 1562)“[2] und schrieb das Trauerspiel „Julius von Tarent“. Auch Friedrich Maximilian Klinger hörte vom Wettbewerb – und durch Johann Martin Miller auch von Leisewitz‘ Plänen[3] – und bediente sich des gleichen Stoffes und der gleichen Quelle. Klingers Drama „Die Zwillinge“ konnte knapp den Sieg im Wettbewerb erringen[4].

Obwohl beide Dramen das gleiche Thema – den Bruderzwist – behandeln und der gleichen Quelle folgen, gibt es jedoch große Unterschiede. In dieser Arbeit sollen zunächst die Charaktere der vier Brüder sowie ihre Motivationen ausführlich dargestellt werden, um danach den Bruderzwist und den anschließenden Brudermord beider Dramen miteinander zu vergleichen.

2. Hauptteil

2.1. Johann Anton Leisewitz „Julius von Tarent“

2.1.1. Julius

Julius, der Namensgeber des Dramas, wird klar durch seine Gefühle beherrscht. Er ist schon „von Natur aus gefühlsmäßig veranlagt“[5]. Auch sein Vater, Fürst Constantin, beschreibt ihn als liebenden Gefühlsmenschen: „Ehe der als ein Kind wußte, was Liebe ist, hatte er schon ihren schmachtenden Blick. Als Knabe war es sein größtes Vergnügen, in der Einsamkeit zu träumen“ (J. S. 16). Bereits in der Expositionsszene des Dramas schildert er seinem Vertrauten Aspermonte seine Liebe zu Blanca, die durch einen Tagtraum neu entbrannt ist (vgl. J. S. 5). Er behauptet von sich, dass er alle denkbaren Empfindungen kennt und alle durchlebt hat (vgl. J. S. 6). Bei der Liebe zu Blanca gibt es jedoch für Julius einige Hindernisse: „Ich habe ein Herz und bin ein Fürst – das ist mein Unglück“ (J. S. 7). Aufgrund des zu großen Standesunterschiedes hat Julius‘ Vater Blanca ins Kloster geschickt (vgl. J. S. 16). Die anderen Hindernisse bei der Liebe tauchen erst im weiteren Verlauf des Dramas auf. In Julius kommt der Entführungsgedanke zum Vorschein: Er spricht zu sich selbst im Imperativ und fordert sich auf, Blanca zu entführen und sich „mit ihr in einem Winkel der Erde“ (J. S. 7) zu verbergen. „In der robinsonhaften Idyllik des ländlichen-einfachen Lebens meint er den Sinn seines Daseins mit Blanca verwirklichen zu können.“[6] Allerdings will er seinen Vater nicht kränken und überlegt daher, erst dessen Tod abzuwarten (vgl. J. S. 7). Sein Freund und Vertrauter, Graf Aspermonte, versichert ihm die ewige Gefolgschaft, versucht jedoch trotzdem Julius davon zu überzeugen, auch das Wohl des Volkes nicht zu vernachlässigen. Bereits hier kommt Julius‘ Subjektivismus zum Vorschein, der „den Aufgaben, in die er hineingeboren ist und die er in seiner Philosophie als verbindlich anerkennt, gefährlich zu werden“[7] beginnt. Julius ist hier noch kein Tatmensch, deshalb lässt er sich schnell zu einem einmonatigen Aufschub überreden. Außerdem hat er auch nichts unternommen, um „Blankas Trennung von ihm zu hindern“[8]. Diese Unentschlossenheit des Titelhelden beschreibt Werner Keller auch als „hamletisches Zögern“[9]. Sein Zögern wird von wellenartigen Gefühlsschwankungen begleitet. Sein leidenschaftliches Gefühl erlebt so mehrere Hoch- und Tiefpunkte, die stets mit Distanz und Nähe zu Blanca zusammenhängen[10]. Als Guido seinen Bruder aufsucht, um über das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Brüdern zu sprechen, weicht Julius aus und lässt sich beschimpfen, ohne sich – verbal – zur Wehr zu setzen (vgl. J. S. 9ff.). Guido beschreibt ihn hinterher als Theoretiker, der kein Held sein kann (vgl. J. S. 13) und scheint damit vorerst Recht zu haben.

Am Anfang des zweiten Aktes sucht Julius das Kloster auf, um Blanca zu besuchen (vgl. J. S. 20). Hiermit wird er – entgegen vorheriger Erwartungen – zum Tatmensch und handelt „nach seinem neuen „Gefühlssysteme““[11]. Er geht alleine, ohne die Unterstützung seines Freundes Aspermonte, und ist vollkommen entschlossen in seinem Tun. Als ihn die Abtissin nicht zu Blanca lassen will, wird Julius immer affektgeladener und kehrt sich sogar von Kirche und Religion ab (vgl. J. S. 21). Indem er auf die Gefühle der Abtissin und ihre Jugendliebe zu Ricardo – dem sie immer noch nachtrauert – anspielt, überzeugt er sie, Blanca sehen zu dürfen (vgl. J. S. 21). Obwohl Julius dem Fürstentum entsagt und bereit ist, alles für Blanca zu tun (vgl. J. S. 22), bleibt sie ihrem Gelübde treu (vgl. J. S. 22ff.). Diese Entscheidung will Julius nicht wahrhaben: „Ich weiß es so gewiß, als ich weiß, daß du damals den Himmel belogest – unschuldig belogest.“ (J. S. 23) „Sein Subjektivismus wächst umsomehr, als er einen ungeahnten Widerstand in Blanka selbst findet.“[12] Indem Julius immer mehr an das Gefühl appelliert und immer mehr seiner inneren Empfindungen preisgibt, schafft er es, als er den Traum erwähnt, bei Blanca Gehör zu finden (vgl. J. S. 24). Blanca versucht jedoch standhaft zu bleiben und will fliehen: „Lassen Sie mich – hören Sie, die Glocke zur Hora läutet.“ (J. S. 24) Auffällig ist hierbei, dass Julius Blanca duzt, während sie ihn förmlich mit „sie“ anredet, um so eine Distanz zu ihm aufzubauen und ihre Entscheidung zu verleichtern. Julius Gefühlswallungen lassen sich jedoch nicht stoppen und er küsst Blanca (vgl. J. S. 25). Obwohl es keine Anzeichen dafür gibt, dass sie den Kuss erwidert, sieht ihn Julius als Beweis für ihre Liebe an (vgl. J. S. 25).

Julius berichtet sogleich Aspermonte von seinem Besuch im Kloster. Den Kuss, den Julius als „Riesenschritt der Liebe“ (J. S. 27) ansieht, kommentiert auch Aspermonte mit „was für ein Schritt!“(J. S. 27) und stimmt dem Fürstensohn somit zu. Doch mahnt er zugleich seine Voreiligkeit (vgl. J. S. 28), was Julius jedoch in seinem Schwärmen nicht beirren lässt. Es fällt auf, dass Aspermonte nur kurze Sätze spricht, wohingegen Julius sehr lang antwortet. Der Graf versucht seinen Freund von den Pflichten des Fürsten zu überzeugen, doch „er ist ohne Zögern bereit, andere Menschen seiner Liebe zu opfern“[13]. Aspermonte wird in seinen Überzeugungsversuchen immer heftiger. Er bezeichnet Julius als einen „Jüngling“ und sein „Vernünfteln“ als „falsch“ (J. S. 30). In Julius kommt nun auch der Freiheitsgedanke zum Vorschein und er entschließt sich kurzerhand, schon am folgenden Tag mit Blanca zu fliehen (vgl. J. S. 30f.). Als Aspermonte das Sterben des Fürsten anführt (vgl. J. S. 31), stoppt Julius sofort seine Plänen: „Aspermonte, der Gedanke an meinen Vater, den Sie mir da erwecken, durchbohrt mir das Herz – und doch, meinen Plan auf ewig aufzugeben –“ (J. S. 32). Julius „muß tun, wofür sein verbindliches Wesen am wenigsten disponiert ist: sich entscheiden.“[14] Der einmonatige Aufschub kommt ihm nun ganz recht (vgl. J. S. 31). Nachdem Cäcilia Julius berichtet, dass der Fürst eine Heirat der beiden wünscht, sie jedoch nicht heiraten möchte, denkt Julius darüber nach, warum er Cäcilia nicht liebt (vgl. J. S. 34). Schon nach kurzem Überlegen finden sich seine Gedanken bei Blanca wieder, die in ihm allgegenwärtig zu sein scheint (vgl. J. S. 34f.).

Als der sich schwachfühlende Fürst seinen Geburtstag feiert, kommt ein Bauer und dankt ihm für seine menschenfreundlichen Taten. Der Bauer appelliert an Julius, auch ein so guter Herrscher zu werden und rührt Julius damit so, dass er weint und den Bauern umarmt (vgl. J. S. 36). Der Fürst spricht mit seinen Söhnen allein und klagt über den Bruderzwist (vgl. J. S. 36ff.). Hierbei führt er immer wieder seinen baldigen Tod an. Julius hält sich für unschuldig und beschuldigt Guido (vgl. J. S. 37), der vorerst keinem die Schuld zuweist. Fürst Constantin fordert von beiden, dass sie ihre Liebe überwinden. Blanca ist nun eine Nonne und somit für die Brüder „tot“ (J. S. 38). Julius will noch weiter trauern, doch dies wird ihm nicht gestattet: „Du bist kein Mädchen, die Liebe ist nicht deine ganze Bestimmung.“ (J. S. 39) Der Prinz fühlt sich jedoch den Aufgaben eines Fürsten nicht gewachsen, doch sein Vater lässt keine Widerrede zu. Julius lenkt schließlich ein: „Ich will mich zwingen, Vater, einen Kampf kämpfen, der mir viel kosten wird.“ (J. S. 39) Dieses Versprechen versucht er jedoch zu keiner Zeit einzuhalten. Die Eröffnungsszene des dritten Aktes endet mit einer Umarmung der drei (vgl. J. S. 40) und „einer plötzlichen Versöhnung“[15]. Julius, ebenso wie Guido vor ihm, gibt zu, dass er den traurigen Vater nicht mehr ertragen kann. Er versteht Guido nicht, der sich für seine Schwäche schämt (vgl. J. S. 41). In diesem Denken zeigt sich deutlich die Unterschiedlichkeit der beiden Brüder. Den Vorschlag Guidos, dass beide ihre Ansprüche an Blanca aufgeben, kann Julius nicht zu stimmen (vgl. J. S. 41). Statt dessen wirft er Guido vor, Blanca nicht richtig zu lieben. Er bezieht dabei Guidos Kriegsmetaphorik auf die Liebe im Allgemeinen: „glaubst du denn, […] daß man die Liebe an- und ausziehen könne wie einen Harnisch?“ (J. S. 41) Julius beschimpft Guido noch als „Mörder“ (J. S. 42), bevor er dem Streit aus dem Wege geht (J. S. 43). „Es bleibt Julius nur die Wahl zwischen der Geliebten und dem Vater. Dies heißt, entweder auf den Tod des Vaters zu hoffen – oder alles preiszugeben, was dieser von ihm verlangt: seine Zukunft als Fürst und Vater des Volkes.“[16]

Aspermonte weiß nun, dass er an Julius‘ „Herz appellieren“ (J. S. 44) muss, und „[s]eine Vernunft […] keine unparteiische Richterin mehr“ (J. S. 44) ist. Trotz seines Planes, wird er jedoch von Julius überrascht, der sofort los will: „Mein Bruder hat recht, ich habe geschwatzt, wenn ich hätte handeln sollen.“ (J. S. 44) Außerdem gibt er zu, dass er vorhatte, Blanca erst nach dem Tod des Vaters zu entführen, doch diesen Gedanken verwirft er, „um [s]einen Vater zu ehren!“ (J. S. 45) „Aspermontes frühere und jetzt erneute Einreden lehnt er noch einmal in Bausch und Bogen ab. Er hat geradezu den Vorsatz gefaßt, über die Sache nicht weiter nachzudenken“[17]. „Weder Vernunft noch Gefühl können ihn von seiner Leidenschaft abhalten. Den Entschluß zu fassen wurde ihm ja nicht leicht, aber nun er entschlossen ist, bleibt er leidenschaftlich fest dabei und gleicht hierin Guido, dem seine Entschließungen Evangelium sind.“[18] Während Aspermonte alles vorbereiten soll, will Julius „auf einem Spazierritte den väterlichen Fluren Lebewohl sagen“ (J. S. 46). Er wird somit vorerst wieder nicht zu Tatmensch, sondern lässt einen anderen für sich handeln, um selbst seinen Gefühlen nachzugehen und passiv zu bleiben[19].

[...]


[1] die vollständige Ankündigung ist abgedruckt bei Werner, Richard Maria: o. T. In: Leisewitz, Johann Anton: Julius und die dramatischen Fragmente. Darmstadt 1969. S. IXff.; im folgenden zitiert: Werner.

[2] Keller, Werner: Nachwort. In: Leisewitz, Johann Anton: Julius von Tarent. Stuttgart 1965.S. 79.; im folgenden zitiert: Keller.

[3] vgl. Werner. S. XXVf.

[4] Am Sieg Klingers ist Leisewitz‘ Freund Voß nicht ganz unschuldig, der den „Julius von Tarent“ erst weiterleitete, als die Entscheidung für „Die Zwillinge“ eigentlich schon gefallen war. vgl. Oellers, Norbert: Johann Anton Leisewitz. In: Deutsche Dichter des 18. Jahrhunderts (1977). S. 849; im folgenden zitiert: Oellers.

[5] Kühlhorn, Walther: J. A. Leisewitzens Julius von Tarent. Erläuterung und literarhistorische Würdigung. Halle a. S. 1912. S. 1.; im folgenden zitiert: Kühlhorn.

[6] Keller. S. 101.

[7] Kühlhorn. S. 4.

[8] ebd.. S. 5.

[9] Keller. S. 93.

[10] vgl. Kühlhorn. S. 1ff.

[11] Kühlhorn. S. 7f.

[12] ebd. S. 8.

[13] Oellers. S. 851.

[14] Keller. S. 102.

[15] Kühlhorn. S. 12.

[16] Martini, Fritz: Die feindlichen Brüder. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 16 (1972). S. 222; im folgenden zitiert: Martini. Feindliche Brüder.

[17] Kühlhorn. S. 13.

[18] ebd. S. 13.

[19] vgl. ebd. S. 14.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Bruderzwist im Drama des Sturm und Drang - Johann Anton Leisewitz' "Julius von Tarent" im Vergleich zu Friedrich Maximilian Klingers "Die Zwillinge"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Drama des Sturm und Drang
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V60438
ISBN (eBook)
9783638541145
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bruderzwist, Drama, Sturm, Drang, Johann, Anton, Leisewitz, Julius, Tarent, Vergleich, Friedrich, Maximilian, Klingers, Zwillinge
Arbeit zitieren
Daniel Steinbach (Autor), 2005, Der Bruderzwist im Drama des Sturm und Drang - Johann Anton Leisewitz' "Julius von Tarent" im Vergleich zu Friedrich Maximilian Klingers "Die Zwillinge", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60438

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