Der Wahlvorgang ist der zentrale Prozess in der Demokratie, der sie von allen anderen politischen Systemen unterscheidet. Durch den Paragraph 20 des Grundgesetzes („Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und Rechtssprechung ausgeübt.“) wird dem Bürger die aktive Teilnahme am politischen Entscheidungsprozess ermöglicht. Die allgemeinen Wahlen sind für den Wähler ein wichtiges Mittel der Machtzuweisung und -verteilung. Folglich sind die Wahlen eine bedeutende Möglichkeit für den Bürger den politischen Willen darzulegen und Einfluss auf das politische Geschehen auszuüben. Was weiß man über den Wähler? Aufgrund eines breiten Spektrums politischer Konsequenzen einer Wahl, begründet sich das Ziel der Wahlforschung darin, Theorien zu entwickeln und zu prüfen, die das Verhalten bei Wahlen erläutern. Im engeren Sinne befasst sie sich mit Analysen des Wahlrechts, des Wahlprozesses, der Wählerschaft und des Wahlsystems aus der Sicht der Politikwissenschaft und Sozialisationsforschung. Die Wahlforschung beschäftigt sich mit den Kernfragen:Werwählt wen?,Warumwählte wer wen? und Wer wählte wen mitwelcher Wirkung?. Ziel dieser Arbeit ist es der Frage nachzugehen, welche Theorien der Forschung zur Verfügung stehen um das Verhalten bei Wahlen zu analysieren. Zu diesem Zweck werden zu Beginn die Bestimmungsfaktoren für das Wahlverhalten kurz erklärt. Anschließend möchte ich die verschiedenen Theorien darlegen. Um dabei in dem vorgegeben Umfang zu bleiben, werden ausschließlich die bedeutendsten Theorien vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Bestimmungsfaktoren der Wahlentscheidung
3 Theorien des Wahlverhaltens
3.1 Die soziologischen Erklärungsansätze
3.1.1 Der mikrosoziologische Erklärungsansatz
3.1.2 Die makrosoziologische Theorie –cleavage Theorie
3.2 individualpsychologische Theorie
3.3 Rational – Choice – Theorie
4 Fazit
5 Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die zentralen theoretischen Ansätze der politikwissenschaftlichen Wahlforschung darzulegen. Dabei wird untersucht, welche Modelle zur Analyse des Wahlverhaltens existieren, wie sich Wahlentscheidungen bestimmen lassen und welche Faktoren langfristig oder kurzfristig das Verhalten von Wählern beeinflussen.
- Grundlagen der Bestimmungsfaktoren von Wahlentscheidungen
- Mikrosoziologische Erklärungsansätze und soziale Bindungen
- Makrosoziologische Analysen anhand der Cleavage-Theorie
- Individualpsychologische Theorien und Parteiidentifikation
- Rational-Choice-Modelle der Kosten-Nutzen-Kalkulation
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Der mikrosoziologische Erklärungsansatz
Der mikrosoziologische Ansatz des Wahlverhaltens ist hauptsächlich mit dem Namen von Paul F.Lazarsfeld, Bernard Berelson und Hazel Gaudet der Columbia School verbunden. Dieses Modell baut auf der Grundlage von Georg Simmels formulierter Theorie der sozialen Kreise (1890), die das Individuum in verschiedenen Kreisen eingebunden sieht, auf.
Die empirische Basis für den mikrosoziologischen Ansatz schuf sich Lazarfeld durch die Wahlforschung während der amerikanischen Präsidentschaftswahl von 1940. Dabei ergab sich, dass die individuelle Wahlentscheidung auf der Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Gruppen mit festen politischen Verhaltensnormen basiert. Eine soziale Gruppe lässt sich aufgrund einer Kombination von drei Merkmalen charakterisieren: dem Sozioökonomischen Status, der Wohngegend und der Konfessionszugehörigkeit.
Der stärkste Einfluss auf das Individuum geht vor allem von der Primärgruppe aus, die durch eine starke soziale Bindung gekennzeichnet ist. Dazu gehören Eltern, Freunde, Ehepartner. Weiterhin wirkt auch die Sekundärgruppe, das Umfeld, das sich auf bestimmte Lebensbereiche wie Arbeit und Kirche bezieht, auf das Wahlverhalten. Die Einflüsse der Sekundär –und Primärgruppe müssen im Zusammenhang betrachtet werden, da sie in die gleiche oder verschiedene Richtungen wirken können. Sind Personen mit sich widersprechenden Einflüssen konfrontiert, so werden diese als cross pressure Personen bezeichnet. Sie treffen ihre Wahlentscheidung später als Individuen in homogenen Bezugsgruppen. Oft haben cross pressure Personen keine stabile Parteienbindung und neigen zur politischen Umorientierung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Bedeutung von Wahlen als zentralen Prozess der Demokratie ein und definiert das Ziel der Arbeit, die wichtigsten Theorien der Wahlforschung vorzustellen.
2 Bestimmungsfaktoren der Wahlentscheidung: Hier werden die verschiedenen Einflussfaktoren in langfristig-strukturelle Determinanten und kurzfristige Einflüsse unterteilt und ihr Zusammenwirken erläutert.
3 Theorien des Wahlverhaltens: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert soziologische Ansätze, individualpsychologische Modelle sowie die Rational-Choice-Theorie als Instrumente zur Erklärung des Wählerverhaltens.
3.1 Die soziologischen Erklärungsansätze: Dieser Abschnitt widmet sich den gesellschaftlichen Prägungen, wobei zwischen mikro- und makrosoziologischen Perspektiven wie der Cleavage-Theorie unterschieden wird.
3.1.1 Der mikrosoziologische Erklärungsansatz: Es wird die Bedeutung von Primär- und Sekundärgruppen für die individuelle Wahlentscheidung und das Phänomen des "Cross Pressure" beleuchtet.
3.1.2 Die makrosoziologische Theorie –cleavage Theorie: Dieses Kapitel erklärt die Zuordnung gesellschaftlicher Gruppen zu Parteien anhand historischer Konfliktlinien.
3.2 individualpsychologische Theorie: Hier liegt der Fokus auf der Parteiidentifikation als stabiler Bindung und dem Einfluss von Sachthemen (Issues) auf die Entscheidung.
3.3 Rational – Choice – Theorie: Dieses Kapitel erläutert den rational handelnden Wähler, dessen Entscheidung auf einer ökonomischen Kosten-Nutzen-Kalkulation basiert.
4 Fazit: Das Fazit stellt fest, dass keine universelle Theorie existiert und die Wahlforschung heute auf einer Kombination verschiedener theoretischer Ansätze und Wenn-Dann-Aussagen basiert.
5 Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und Fachliteratur zur Wahlforschung.
Schlüsselwörter
Wahlverhalten, Wahlforschung, Demokratie, Wahlentscheidung, Mikrosoziologie, Makrosoziologie, Cleavage-Theorie, Individualpsychologie, Parteiidentifikation, Rational-Choice, Kosten-Nutzen-Kalkulation, Sozialisation, Politische Einstellung, Sozialer Status, Politische Beteiligung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit bietet einen Überblick über die zentralen Theorien zur Erklärung des Wahlverhaltens im Rahmen der Politikwissenschaft.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Die Arbeit behandelt soziologische Erklärungsmodelle, individualpsychologische Konzepte sowie ökonomische Rational-Choice-Ansätze.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die wichtigsten forschungsrelevanten Theorien darzulegen, die es ermöglichen, das Verhalten von Wählern fundiert zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, bei der existierende Modelle der Wahlforschung zusammenfassend gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die soziologische Theorie, die individualpsychologische Sichtweise sowie das Rational-Choice-Modell von Anthony Downs.
Durch welche Schlüsselbegriffe ist die Arbeit charakterisiert?
Wahlentscheidung, Parteiidentifikation, Cleavage-Theorie, rationale Wahl, soziale Gruppen und Kurzzeit- sowie Langzeiteinflüsse.
Was versteht man unter "Cross Pressure" im mikrosoziologischen Ansatz?
Als "Cross Pressure" bezeichnet man Personen, die mit widersprüchlichen sozialen Einflüssen konfrontiert sind, was oft zu instabiler Parteibindung führt.
Wie unterscheidet sich die Rational-Choice-Theorie von den soziologischen Ansätzen?
Während soziologische Ansätze das Individuum in Gruppenkontexten betrachten, stellt die Rational-Choice-Theorie die egoistische Kosten-Nutzen-Kalkulation des einzelnen Wählers in den Mittelpunkt.
Welche Bedeutung haben "Cleavages" für das Parteiensystem?
Cleavages sind soziale Konfliktlinien (z.B. Arbeit vs. Kapital), die historisch gewachsen sind und maßgeblich zur Stabilität und Struktur der nationalen Parteiensysteme beigetragen haben.
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- Sarah Stolle (Author), 2003, Theorien zum Wahlverhalten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60540