1945 gründeten einundfünfzig Staaten die Vereinten Nationen und legten - nach dem gescheiterten, weil einflusslosen Völkerbund - den Grundstein zur Konstituierung der zu diesem Zeitpunkt noch schwachen Weltgesellschaft (Bornschier, 2002a, S. 19). Mit gewisser peinlicher Berührung stellen wir fest, dass die beiden Kleinstinselstaaten Demokratische Republik Osttimor und Schweizerische Eidgenossenschaft sich erst zu Beginn des dritten Jahrtausend überwinden konnten, den Vereinten Nationen beizutreten. Immerhin, denn bis heute besitzen neben dem Heiligen Stuhl noch vier weitere Staaten keine Vollmitgliedschaft. Auch die mehr als einundzwanzigtausend Einwohner der Cook Islands verhindern bis heute die politische Vollkonstituierung der Weltgesellschaft. Man könnte annehmen, dass solange sich nicht alle Staaten der Welt zu einer gemeinsamen Organisation (welcher Natur auch immer) zusammenschliessen, von Weltgesellschaft nicht die Rede sein darf. Über dieses strenge Kriterium kann nur hinweggesehen werden, wenn man die Weltgesellschaft nicht alsbestehendes,sondern alsentstehendesFaktum betrachtet. Bornschier (2002b, S. 685) sieht den Wert der Entwicklung als ein Ausdruck gemeinsamer Leitvorstellungen in der Weltgesellschaft. Bestehendes schliesst Entwicklung aber aus, Entstehendes ist hingegen ihr Äquivalent. Sobald die Weltgesellschaft sich final konstituiert hat, respektiert sie eine ihrer Leitvorstellungen nicht mehr und bestreitet somit endogen ihre eigene Existenz. Durch ewig (!) dauernde Beitrittsverhandlungen erlaubt beispielsweise der Vatikan die Respektierung der weltgesellschaftlichen Leitvorstellungen der Entwicklung. Thema dieser Arbeit soll aber die andere Seite der Medaille sein. Festgehalten wurde, dass der Beitritt der meisten Staaten der Welt zu den Vereinten Nationen den Grundstein zur Konstituierung der Weltgesellschaft legte. Die Nichtteilhabe gewisser Nationen - also der ausdrückliche Wille dieser Staaten nicht Vollmitglied der Vereinten Nationen, resp. der Weltgesellschaft sein zu wollen - legitimiert wiederum wie gesagt deren Existenz im Sinne der Entwicklungsleitvorstellung. Aber was ist mit dem Ausschluss eines Staates aus der Weltgesellschaft? Ist er ebenfalls ein diesbezüglicher Beitrag, weil er das ganze Konstrukt in Bewegung hält? Oder ist der Ausschluss per se gar nicht möglich, weil man von dem Moment an nur von partieller, relativer Weltgesellschaft sprechen müsste (und dadurch ein Paradox künstlich am Leben erhalten würde)? [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Fragestellung und methodisches Vorgehen
2. Exklusion – Eine kurze Begriffsgeschichte
2.1 Frankreich : L’exclusion et la désaffiliation
2.2 Vereinigten Staaten : The Underclass
3. Exklusion – Die theoretische Begriffskonzeption
3.1 Ferdinand Tönnies
3.2 Georg Simmel
3.3 Maximilian Weber
3.4 Talcott Parsons
4. Schematische Zusammenführung – Das Prozessmodell
4.1 Die Vorphase – Rationalisierungsdimension
4.2 Die Hauptphase – Prozessdimension
4.3 Die Folgephase – Konsequenz- und Ordnungsdimension
5. Fallbeispiel – Fidel Castros kubanische Revolution
5.1 Erster Revolutionärer Aufstand unter José Martì
5.2 Wirtschaftliche Krise Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts
5.3 Wirtschaftliche Abhängigkeit um die Jahrhundertwende
5.4 Weltwirtschaftskrise zwischen den beiden Weltkriegen
5.5 Zweiter Revolutionärer Aufstand unter Fidel Castro
6. Zusammenfassende Analysen und Bewertungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das theoretische Konzept der Exklusion einer Nation aus der Weltgesellschaft und entwickelt ein Prozessmodell, um den Exklusionsgrad eines Landes methodisch zu erfassen und anhand von Kuba als Fallbeispiel kritisch zu bewerten.
- Theoretische Fundierung des soziologischen Exklusionsbegriffs
- Konstruktion eines mehrdimensionalen Prozessmodells zur Exklusionsmessung
- Analyse der kubanischen Geschichte im Kontext globaler Weltgesellschaftsstrukturen
- Untersuchung von Rationalisierungs-, Prozess- und Konsequenzdimensionen der Ausgrenzung
- Bewertung der Stabilität und Legitimation politischer Ausschlussmechanismen
Auszug aus dem Buch
1. Einleitende Fragestellung und methodisches Vorgehen
1945 gründeten einundfünfzig Staaten die Vereinten Nationen und legten – nach dem gescheiterten, weil einflusslosen Völkerbund – den Grundstein zur Konstituierung der zu diesem Zeitpunkt noch schwachen Weltgesellschaft (Bornschier, 2002a, S. 19). Mit gewisser peinlicher Berührung stellen wir fest, dass die beiden Kleinstinselstaaten Demokratische Republik Osttimor und Schweizerische Eidgenossenschaft sich erst zu Beginn des dritten Jahrtausend überwinden konnten, den Vereinten Nationen beizutreten. Immerhin, denn bis heute besitzen neben dem Heiligen Stuhl noch vier weitere Staaten keine Vollmitgliedschaft. Auch die mehr als einundzwanzigtausend Einwohner der Cook Islands verhindern bis heute die politische Vollkonstituierung der Weltgesellschaft. Man könnte annehmen, dass solange sich nicht alle Staaten der Welt zu einer gemeinsamen Organisation (welcher Natur auch immer) zusammenschliessen, von Weltgesellschaft nicht die Rede sein darf.
Thema dieser Arbeit soll aber die andere Seite der Medaille sein. Festgehalten wurde, dass der Beitritt der meisten Staaten der Welt zu den Vereinten Nationen den Grundstein zur Konstituierung der Weltgesellschaft legte. Die Nichtteilhabe gewisser Nationen – also der ausdrückliche Wille dieser Staaten nicht Vollmitglied der Vereinten Nationen, resp. der Weltgesellschaft sein zu wollen – legitimiert wiederum wie gesagt deren Existenz im Sinne der Entwicklungsleitvorstellung. Aber was ist mit dem Ausschluss eines Staates aus der Weltgesellschaft? Ist er ebenfalls ein diesbezüglicher Beitrag, weil er das ganze Konstrukt in Bewegung hält? Oder ist der Ausschluss per se gar nicht möglich, weil man von dem Moment an nur von partieller, relativer Weltgesellschaft sprechen müsste (und dadurch ein Paradox künstlich am Leben erhalten würde)?
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Fragestellung und methodisches Vorgehen: Einführung in die Thematik der Weltgesellschaft, Abgrenzung von Nichtteilhabe und Exklusion sowie Erläuterung der gewählten methodischen Herangehensweise.
2. Exklusion – Eine kurze Begriffsgeschichte: Historischer Abriss der Entstehung des Exklusionsbegriffs im frankophonen und US-amerikanischen Diskurs.
3. Exklusion – Die theoretische Begriffskonzeption: Analyse soziologischer Exklusionstheorien durch die Perspektiven von Tönnies, Simmel, Weber und Parsons.
4. Schematische Zusammenführung – Das Prozessmodell: Synthese der theoretischen Ansätze in ein dreistufiges Prozessmodell zur Messung von Exklusionsprozessen.
5. Fallbeispiel – Fidel Castros kubanische Revolution: Historische Anwendung des entwickelten Modells auf die politische Entwicklung Kubas und seine internationale Stellung.
6. Zusammenfassende Analysen und Bewertungen: Kritische Reflexion der Ergebnisse und Diskussion der Anwendbarkeit des Modells auf die moderne Weltgesellschaft.
Schlüsselwörter
Weltgesellschaft, Exklusion, Inklusion, Prozessmodell, Soziologie, Ferdinand Tönnies, Georg Simmel, Max Weber, Talcott Parsons, Kuba, Fidel Castro, politische Sanktionen, soziale Schließung, Rationalisierung, Internationale Beziehungen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie ein Staat aus der Weltgesellschaft ausgeschlossen werden kann, indem sie ein soziologisches Prozessmodell entwirft und dieses am Beispiel Kubas anwendet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Exklusion im soziologischen Sinne, die Bildung von Weltgesellschaftsstrukturen und die politische Geschichte Kubas im Kontext internationaler Sanktionen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es, ein Analyseinstrument zu schaffen, das aufzeigt, ob ein Land historisch-soziologisch betrachtet exklusionsgefährdet ist, anstatt nur tagespolitische Ereignisse zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine breite, begriffsgeleitete Methode angewandt, die soziologische Theorien von Tönnies, Simmel, Weber und Parsons in ein mehrdimensionales Analyseschema integriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung, die Konstruktion des Prozessmodells mit seinen Rationalisierungs-, Prozess- und Konsequenzdimensionen sowie die detaillierte Fallstudie zu Kuba.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Weltgesellschaft, Exklusion, Inklusion, Prozessmodell, soziale Schließung, politische Sanktionen und internationale Beziehungen.
Warum wurde Kuba als Fallbeispiel gewählt?
Kuba wurde aufgrund seiner stabilen, langfristigen politischen Position ausgewählt, die eine verlässliche Analyse über mehrere Jahrzehnte hinweg ermöglicht.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt der Autor hinsichtlich der Weltgesellschaft?
Der Autor schlussfolgert, dass die Weltgesellschaft als Ganzes einzelne Länder kaum ausschließen kann; dies ist primär ein Machtinstrument des jeweiligen Zentrums der Weltgesellschaft, wie etwa der USA.
- Citation du texte
- Marcello Indino (Auteur), 2006, Relative Weltgesellschaft - Ein Prozessmodell zur Messung des Exklusionsniveaus einer Nation aus der Weltgesellschaft mit Fallbeispielhafter Anwendung auf Kuba, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60636