Ein chinesisches Sprichwort besagt „Ein gerechtes Urteil findet nur, wer sich öffentlich berät“. Tiefsinnig, wie chinesische Sprichwörter manchmal sind, verrät dieses eine Verbindung zwischen dem kaum fassbaren Begriff der Gerechtigkeit und einem Konsensurteil, das nicht von einem, sondern von allen getroffen wird. Was in dem Aphorismus nur intuitiv anklingt, das hat der amerikanische Philosoph John Rawls in seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ systematisch untersucht. Grundlage diese Theorie sind zwei Prinzipien der Gerechtigkeit, anhand derer man ebenso gut wie mit einer öffentlichen Beratung, feststellen können soll, ob etwas gerecht ist oder nicht. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich daher mit der Frage, ob eine bestimmte Verpflichtungskraft von diesen beiden Prinzipien ausgeht und wenn ja, wie diese gefasst werden kann. In meiner Darstellung werde ich – neben dem Hauptwerk aus dem Jahr 1971 „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ und einigen Aufsätzen, die unter dem Titel „Gerechtigkeit als Fairness“ erschienen sind – vor allem auf die aktuellste und gleichzeitig finale Bearbeitung durch Rawls zurückgreifen. Sie trägt im Deutschen den Namen „Gerechtigkeit als Fairness – Ein Neuentwurf“ und enthält eine teilweise Neuformulierung des Schlüsseltextes aus dem Hauptwerk. Final ist sie deswegen, weil Rawls noch vor Beendigung der letzten Feinarbeiten im Jahr 2002 im Alter von 81 Jahren verstarb.
In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit der Frage, woher die Gerechtigkeitsprinzipien ihre Verpflichtungskraft beziehen. Hierzu muss – in einem ersten, ausführlichen Schritt – die Grundlage der beiden Prinzipien umrissen werden, die mit Begriffen wie „Grundgüter“, „Urzustand“ und „Schleier des Unwissens“ verbunden ist, welche ich zunächst erklären werde. In einem zweiten Schritt widme ich mich dann dem Problem der Verpflichtungskraft für die die Gesellschaft konstituierenden Institutionen. In diesem Teil meiner Untersuchung will ich dann auch einige Fragen stellen, die ich „mit Rawls“ zu beantworten versuche. Dabei soll die argumentative Struktur der Prinzipien deutlich werden und es soll vor allem die Anwendbarkeit der Rawls’schen Prinzipien im Diskurs getestet werden. Zum Abschluss will ich mein persönliches Fazit geben und eine weitere Verknüpfung anbieten, die dann über diese Arbeit hinausweist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
A. Die zwei Prinzipien der Gerechtigkeit bei John Rawls
1. Darstellung und Erläuterung
2. Die Funktion der Prinzipien in der Gerechtigkeitstheorie von John Rawls
3. Die grundlegenden Bedingungen für die Gerechtigkeitsprinzipien: Grundgüter, Urzustand und Schleier des Unwissens
a) Grundgüter
b) Der Urzustand und der Schleier des Unwissens
B. Die Verpflichtungskraft der Prinzipien
1. Im Hinblick auf die Institutionen
2. Im Hinblick auf die sprachliche Struktur der Prinzipien
C. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, ob und wie eine spezifische Verpflichtungskraft von John Rawls' zwei Gerechtigkeitsprinzipien ausgeht. Dabei wird analysiert, wie diese Prinzipien als Grundlage für eine stabile demokratische Gesellschaft dienen können und inwiefern sie institutionelle sowie individuelle Handlungsweisen normativ beeinflussen.
- Systematische Darstellung der zwei Gerechtigkeitsprinzipien von John Rawls.
- Analyse der Funktionsweise des Gedankenexperiments "Urzustand" und des "Schleiers des Unwissens".
- Untersuchung der Verpflichtungskraft der Prinzipien für soziale Institutionen.
- Reflektion über die Anwendbarkeit der Prinzipien im gesellschaftlichen Diskurs.
- Verknüpfung der Rawls’schen Theorie mit dem Böckenförde-Dilemma.
Auszug aus dem Buch
b) Der Urzustand und der Schleier des Unwissens
„[Gerechtigkeitsprinzipien] entstehen, wenn rationale und wechselseitig eigennützige Parteien, die auf besondere Weise miteinander in Beziehung stehen und sich in bestimmten Situationen befinden, den Einschränkungen unterliegen, die sich daraus ergeben, dass sie eine Moral besitzen“. Rawls wendet hier ein Gedankenexperiment an, in dem die beiden Prinzipien ihre Überzeugungskraft entwickeln. Dabei helfen ihm scheinbar spezielle Grundannahmen, die aber im Hinblick auf die Argumentation für ein Gedankenexperiment notwendig sind, um es in konkreter Anwendung verständlich zu machen. Die erste Grundannahme ist, dass in einem sogenannten „Urzustand“ wechselseitig eigennützige und rationale Interessenvertreter gewissermaßen in einer Diskurssituation aufeinandertreffen, um über die Grundlage der zukünftigen Gesellschaft zu entscheiden. Dabei ist wichtig, dass es sich nicht um einen Vorschlag handelt, tatsächlich ein solches „Parlament“ einzuführen. Mehr soll die Argumentation gedanklich nachvollzogen werden.
Fairness ist das Ergebnis aus der Entscheidung, sich über ein Grundkonzept für eine Gesellschaft einig zu werden. Sie beschreibt das Befolgen von Regeln, die für alle gleich gelten um an einer bestimmten Tätigkeit (oder einem bestimmten Diskurs bzw. Sprachspiel) überhaupt teilnehmen zu können. Um es den genannten Interessenvertretern „leichter“ zu machen, sich fair zu verhalten, führt Rawls zusätzlich noch den sogenannten „Schleier des Unwissens“ ein. Dieser „verschleiert“ alles, was an Grundgütern gedacht werden kann: Weder späterer Besitz oder Eigentum, noch die soziale Stellung oder die eigenen Talente sind den Interessenvertretern bekannt. Wenn also vorausgesetzt wird, dass die Interessenvertreter eine Gesellschaft begründen wollen, müssen sie sich fair behandeln und sich gegenseitig als freie und gleichgestellte Teilnehmer verstehen. Rawls nennt das „reine Verfahrensgerechtigkeit“. Die Fairness darf aber nicht als reines Kräftegleichgewicht aufgefasst werden, sondern ist darüber hinaus „die wechselseitige Anerkennung als Personen mit ähnlichen Interessen und Fähigkeiten, die an einer gemeinschaftlichen Praxis beteiligt sind.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Die zwei Prinzipien der Gerechtigkeit bei John Rawls: Einführung in Rawls’ theoretische Grundlegung, wobei die formale und substanzielle Gerechtigkeit sowie die spezifischen Bedingungen wie Grundgüter und Urzustand erläutert werden.
B. Die Verpflichtungskraft der Prinzipien: Untersuchung der normativen Bindungswirkung der Prinzipien auf staatliche Institutionen und deren sprachliche Struktur im Kontext gesellschaftlicher Argumentation.
C. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Einordnung der Theorie in das Böckenförde-Dilemma zur Lösung von Sinnstiftungsfragen im modernen Staat.
Schlüsselwörter
John Rawls, Gerechtigkeitstheorie, Gerechtigkeitsprinzipien, Fairness, Urzustand, Schleier des Unwissens, Grundgüter, Institutionen, Politische Philosophie, Gesellschaftsvertrag, Demokratie, Böckenförde-Dilemma, Stabilität, Verfahrensgerechtigkeit, Politische Theorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Verpflichtungskraft der zwei Gerechtigkeitsprinzipien von John Rawls und untersucht, wie diese als Grundlage für eine stabile demokratische Ordnung fungieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen das Gedankenexperiment des Urzustands, die Funktion von Grundgütern sowie die Bindungskraft der Prinzipien gegenüber Institutionen und Individuen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es herauszuarbeiten, woher die Gerechtigkeitsprinzipien ihre Verpflichtungskraft beziehen und wie sie auf reale gesellschaftliche Strukturen angewendet werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine systematische Analyse der Rawls’schen Texte, insbesondere den Vergleich zwischen dem Hauptwerk "Eine Theorie der Gerechtigkeit" und dem "Neuentwurf", unterstützt durch philosophische Diskursanalyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Prinzipien (A) und die Analyse ihrer Verpflichtungskraft im Hinblick auf Institutionen und sprachliche Strukturen (B).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Gerechtigkeit als Fairness, Urzustand, Schleier des Unwissens und politische Stabilität.
Wie trägt das Gedankenexperiment des "Schleiers des Unwissens" zur Theorie bei?
Es dient dazu, die Interessenvertreter in eine neutrale Position zu versetzen, in der sie durch Nichtwissen über ihren Status zur Wahl der gerechtesten Prinzipien für alle, insbesondere die Schwächsten, motiviert werden.
In welchem Zusammenhang steht das Böckenförde-Dilemma?
Das Fazit schlägt vor, dass Rawls’ Prinzipien einen säkularen Lösungsansatz für das Dilemma bieten könnten, wonach der moderne Staat seine eigenen normativen Grundlagen nicht aus sich selbst heraus erzeugen kann.
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- Daniel Zorn (Author), 2006, Die Verpflichtungskraft der Gerechtigkeitsprinzipien bei John Rawls, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60726