Helmuth Plessners System der Sinne. Wie verändern die neuen Medien die menschliche Sinnesapparatur?


Hausarbeit, 2005

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Plessners System der Sinne
2.1 Die Reihe der Anschauung
2.2 Die Reihe der Auffassung
2.3 Die zwei Verbindungsweisen von Bewusstsein und Haltung
2.4 Die Ästhesiologie des Geistes als Wissenschaft
2.5 Ästhesiologie des Gehörs
2.6 Ästhesiologie des Gesichts
2.7 Der Kreis der zuständigen Modalitäten
2.8 Der Sinn der Sinne

3. Die Bereicherung des optischen Sinnes durch die Hand
3.1 Die Erweiterung des Sehsinnes durch die modernen Medienbilder
3.2 Der Weg zur Dominanz des Gesichtssinnes
3.3 Das Bild im Wandel
3.4 Die Welt der virtuellen Bilder

4. Schlußteil

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

In der Hausarbeit werde ich untersuchen, wie sich die menschliche Sinnesapparatur hinsichtlich der neuen Medien verhält. Dabei beziehe ich mich auf Plessners System der Sinne. Dazu verwende ich sein Werk: Die Einheit der Sinne (1923) und Anthropologie der Sinne (1970).

Im ersten Teil werde ich Plessners Theorie über die spezifisch menschliche Rolle der Sinnlichkeit vorstellen. Er stellt in seinem Buch die große Frage nach der Bedeutung und dem Sinn der Sinne. Er sucht die Antwort von der Seite der Kultur aus, in ihren spezifischen Gebieten als menschlichen Möglichkeiten.

Wie und wodurch nimmt der Mensch seine Umwelt wahr? Welche Funktion haben dabei die Sinne?

Im zweiten Teil werde ich untersuchen, wodurch aus einem harmonischen Zusammenspiel der Sinne eine Hierarchie unter den Sinnen entstehen konnte - weshalb neben dem taktilen und akustischen Sinn der optische Sinn an Dominanz gewinnt. Welchen Einfluss hat das für die menschliche Wahrnehmung von der Welt, wenn sie hauptsächlich auf dem Gesichtssinn beruhen? Hierbei stützte ich mich auf aktuellere Literatur der Mediengeschichte und der Medientheorie.

Mit der Dominanz des Gesichtssinnes geht ein Wandel des optischen Stoffes einher. Daher werde ich auch untersuchen, wie und wodurch sich das visuelle Bild verändert hat.

Welchen Einfluss üben die Medien auf die Sinne und auf die Wahrnehmung aus? Können die Medien den Sinnen ein nützliches Werkzeug sein oder gar als ihre Verlängerung bezeichnet werden? Oder stiften Medien Verwirrung, verzerren die Wirklichkeit und führen zu einer Verkümmerung der Sinne?

2. Plessners System der Sinne

Plessner gliedert die Sinne in drei Bereiche - der Sinneskreis des Gesichtes, des Gehörs und der Zustände. Es handelt sich um selbständige Sinneskreise, die nebeneinander stehen und jeder Sinneskreis seine spezifischen Eigenarten impliziert. Er stellt ein System der menschlichen Sinne in einem Stufenmodell auf.

2.1 Die Reihe der Anschauung

Sein System beginnt mit einer Differenzierung der Wesen und Arten der menschlichen Anschauungen. Plessner definiert Anschauungen als “das Vergegenwärtigen eines distinkten Inhalts in präsentativer Form”[1].

Den Grundstein seines komplexen Systems bildet das Anschauungskonzept, in dem sich jeweils ein Gehaltstypus mit dem entsprechenden Typus der Hinwendung zu ihm verbindet. Der Gehalt kann darstellbar, präzisierbar und prägnant sein. Ihm “erschließen sich in je besonders charakteristischen Haltungen, die wiederum besonderen Anschauungen den Rahmen geben: Darstellbare Gehalte treffe ich an, präzisierbarer Gehalte werde ich inne, prägnante Gehalte erfüllen mich”[2].

Darstellbare Gehalte sind Erfahrungen, die sich am genauesten objektivieren, festlegen, übertragen wiederholen - kurz: reproduzieren lassen, “nicht durch Andeutung, Darstellung, Symbolisierung, sondern auf dieselbe Art, in der es auch selbst ‘erscheint’ (und) das gilt für alle körperlichen, räumlichen Gegenstände, erfahrene oder gedachte, auch für reproduzierbare Geräusche, aber auch ausschließlich für diesen Bereich”[3].

Präzisierbare Gehalte sind nicht exakt reproduzierbar. Sie müssen übersetzt werden mittels eines Mediums wie Geräusche, Zeichen oder Sprache. Hierbei handelt es sich um “stoffliche Element von psychischer Qualität”[4], wobei aber die Empfindung nicht mit hineinfällt.

Empfindungen gehören zu den prägnanten Sinngehalten. Sie sind eng an das Individuum und das individuelle Erleben und Vollziehen gebunden und nicht durch Sprache zu vermitteln bzw. zu übersetzen.

Plessner gliedert also die Art und Weise, wie man etwas erfährt, in die drei Kategorien: Antreffen, Innewerden und Erfüllen.

Somit hat Plessner den jeweiligen Gehaltstypen der Anschauung die entsprechenden Sinngehalte zugeordnet.

2.2 Die Reihe der Auffassung

Nun wird die Reihe der Anschauungen mit einer Sphäre von ‘Bedeutung geben’ bzw. von “Auffassen” verbunden. “Auffassen” bezeichnet “die Verbundenheit mit einem Sinngehalt durch das Vergegenwärtigen eines wie auch immer gearteten Inhalts in repräsentativer Form”[5]. Demnach sind die Sinngehalte schematisch darstellbar, syntagmatisch präzisierbar und thematisch prägnant.

Plessner schlägt nun den Weg ein, aus der Einheit des Sinnes, die Wirklichkeit der Sinne zu begreifen. Schema, Syntagma und Thema stellen jeweils eine Einheit des Sinnes dar. Sein Ziel ist es nun “den verschiedenen Formen des Sinnes Formen der faktischen Kultur zuzuordnen”[6] und diese sind: Wissenschaft, Sprache und Kunst.

Es entsprechen also den verschieden Formen des verstehenden Bewusstseins ganz bestimmte Ausdrucksformen der menschlichen Kultur. “So werden in der Wissenschaft (noch ohne genauere Differenzierung) die darstellbaren, angetroffenen Gestalten, Formen und Objekte der Wahrnehmung schematisch verarbeitet. Das Präzisierbare von Seelenleben und ‘Innenwelt’ wird dagegen syntagmatisch bedeutet durch Sprechen und Schrift. Das Prägnante und Füllende wird als Drittes spezifisch in der Kunst ‘gedeutet’.”[7]

Der Wissenschaft wird die konstruktiv - kompositive Funktion zugeschrieben, die Sprache und die Schrift finden ihre Formung durch Gliederung und die Kunst erlangt sie durch Proportion.

Die Wissenschaft wird in ‘Begriffen’ verstanden, die Sprache und die Schrift in ‘Bedeutung’ und die Kunst wird durch ihren ‘Sinn’ aufgefasst. Das sind die drei Arten der Auffassung.

“Jede Stufe des Sinnverstehens hat in der menschlichen Kultur einen ihr Wesen elementar und einfach wiedergebenden Ausdruck gefunden. Das schematische Verfahren ist rein und ohne jede Verbindung mit anderen Weisen des Verstehens ... in der Mathematik verwirklicht. Themen finden sich rein ... in der Musik. Die syntagmatische Art des Sinnverständnisses erscheint rein in der Sprache der Laute und Gebärden ... Deshalb stellt die Mathematik den reinen Fall des schematischen Sinnes, Sprache und Schrift den reinen Fall des syntagmatischen Sinnes, Musik den reinen Fall des thematischen Sinnes dar.”[8]

Es gibt also in dem Gebiet der Kultur eine spezifische und unverwechselbare Einheit - der ‘reine Fall’ bzw. der ‘reine Ausdruck’ - die zwischen einem bestimmten sinnlichen Modus und einem bestimmten Modus von Begreifen oder Verstehen auftreten kann.

Das anschauliche und das deutende Bewusstsein lassen sich, so Arlt, “durch den Bezug auf ein übergeordnetes Prinzip: die Einheit des Sinnes (aufeinander beziehen)”[9].

Somit kommt Plessner hier zu dem Schluss, dass “an den kulturellen Leistungen der Wissenschaft, der Sprache und der Schrift, der Kunst bewiesen (ist), dass die Reihe der Anschauung und die Reihe der Auffassung zu einer Reihe des geistigen Ausdrucks verschmelzen”[10].

Die Zuordnung der jeweiligen Stufe des präsentativen Bewusstseins mit der entsprechenden Stufe des repräsentativen Bewusstseins ist laut Plessner aufgrund formaler Gemeinsamkeit möglich. Die “strenge Entsprechung” zwischen den jeweiligen Stufen der beiden Reihen nennt er “Konkordanz”, auf der “Kunst, Sprache und Wissenschaft (beruhen)”[11]. Plessner sucht nun zu der Stufenordnung des Sinnes eine Stufenordnung der Haltungen des Leibes. Er versucht somit den Leib in sein System der Sinne einzugliedern - und stellt die Forderung, dass “wir die unmittelbare Ausdruckshaltung als typische Sinnbezogenheit des Leibes anerkennen (müssen)”[12].

2.3 Die zwei Verbindungsweisen von Bewusstsein und Haltung

“Ein Sinngehalt”, so Plessner, “tritt dem Subjekt des Bewußtseins objektiv entgegen, gleichsam mit der Forderung, ihn, so wie er ist, zu verstehen ... und (er) kann nie ... ohne Prägung der Auffassung unterliegen”[13]. Hier reiht sich nun eine dreistufige Form der Ordnung hinzu - der Sinn kann bestimmbar, objektivierbar und oder ideal sein. In der Kunst hat der Sinn alle drei Formen.

Der Sinngehalt der Sprache ist bestimmbar, und in der Wissenschaft ist er bestimmbar und objektivierbar.

Der Sinn als der Vermittler der Grundhaltungen Anschauung und Auffassung, wird seiner Aufgabe durch die ihm innewohnenden Ordnungsfunktionen gerecht. Die Sinngebung auf der schematischen Stufe erfolgt nach Wahrheit oder Falschheit, auf der syntagmatischen Stufe nach Sinn oder Widersinn und auf der thematischen Stufe nach Sinn und Nicht-Sinn.

Jeder Sinngebung ist also eine Ordnungsfunktion zugesprochen. So bilden “Hebung (Arsis ...), Senkung (Thesis) und Zusammenordnung (Synesis) ... die Einheit der thematischen Ordnungsfunktion” - denn “immer bedarf es dieses Wechsels, um in seiner Spannung die Entspannung zu finden, an der Mannigfaltigkeit des Auseinanderstrebens die Spannweite der thematischen Sinngebung zu erleben”[14].

Das Syntagmatische vollzieht sich nach einer Methode von Thesis - Parathesis - Synthesis und das Schematische nach Hypothese - Antithese - System.

Nun wird der Leib in Plessners System eingliedert, indem er der Stufenordnung des Sinnes entsprechende Stufen der Leibeshaltung zuschreibt. Denn, so Plessner, “(es) gibt in der Tat eine Stufenordnung des Sinnes und der Ordnungsfunktionen streng entsprechende Stufenordnung der Haltung des Leibes, in welcher statischer und dynamischer Ausdruck der thematischen, Zeichengebung der syntagmatischen, Handlung der schematischen Sinngebung entsprechen”[15].

Durch die Eingliederung der Reihe der Haltungen (Handlung, Zeichengebung, Ausdruck) in sein System ist nun sein Gesamtsystem abgeschlossen. Durch diese Einbeziehung des Leibes eröffnet sich nun ein neuer Blick der die Aufmerksamkeit von der Beziehung Sinn - Bewusstsein auf das Verhältnis Sinngebung - Leib richtet. Diese Beziehung zwischen Geist und Leib, so Plessner, “ist nicht von der Form des Entsprechens, sondern von der des Verbindens, nicht Konkordanz, sondern Verschmelzung zweier Größen zu einer einzigen neuen Größe, nicht Analogie aufgrund formaler Gemeinsamkeiten, sondern Versinnlichung des Geistes, Vergeistigung des Sinnlichen nach einem neuen Gesetz, daß auf unsere Frage nach der sinnlichen Notwendigkeit unserer Sinnesorgane eine befriedigende Antwort erteilt”[16].

[...]


[1] Helmuth Plessner: Die Einheit der Sinne (1923). In: gesammelte Schriften III, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, S. 79

[2] Ebd. S. 87

[3] Hans Redeker: Helmuth Plessner oder die verkörperte Philosophie, S. 187

[4] Helmuth Plessner: Die Einheit der Sinne (1923). S. 103

[5] Ebd. S. 153

[6] Ebd. S.152 f.

[7] Hans Redeker: Helmuth Plessner oder die verkörperte Philosophie. S. 192

[8] Helmuth Plessner: Die Einheit der Sinne (1923). S.155

[9] Gerhard Arlt: Anthropologie und Politik. Ein Schlüssel zum Werk Helmuth Plessners. Wilhelm Fink Verlag, München 1996, S. 34

[10] Helmuth Plessner: Die Einheit der Sinne (1923). S.191 f.

[11] Ebd. S. 204

[12] Ebd. S. 214

[13] Ebd. S. 192

[14] Ebd. S. 207

[15] Ebd. S. 220 f.

[16] Ebd. S. 221

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Helmuth Plessners System der Sinne. Wie verändern die neuen Medien die menschliche Sinnesapparatur?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Vorlesung: Das Unsichtbare
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V60780
ISBN (eBook)
9783638543675
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Helmuth, Plessners, System, Sinne, Medien, Sinnesapparatur, Vorlesung, Unsichtbare
Arbeit zitieren
Ilka Winkler (Autor), 2005, Helmuth Plessners System der Sinne. Wie verändern die neuen Medien die menschliche Sinnesapparatur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60780

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