In der Hausarbeit werde ich untersuchen, wie sich die menschliche Sinnesapparatur hinsichtlich der neuen Medien verhält. Dabei beziehe ich mich auf Plessners System der Sinne. Dazu verwende ich sein Werk: Die Einheit der Sinne (1923) und Anthropologie der Sinne (1970). Im ersten Teil werde ich Plessners Theorie über die spezifisch menschliche Rolle der Sinnlichkeit vorstellen. Er stellt in seinem Buch die große Frage nach der Bedeutung und dem Sinn der Sinne. Er sucht die Antwort von der Seite der Kultur aus, in ihren spezifischen Gebieten als menschlichen Möglichkeiten.
Wie und wodurch nimmt der Mensch seine Umwelt wahr? Welche Funktion haben dabei die Sinne? Im zweiten Teil werde ich untersuchen, wodurch aus einem harmonischen Zusammenspiel der Sinne eine Hierarchie unter den Sinnen entstehen konnte - weshalb neben dem taktilen und akustischen Sinn der optische Sinn an Dominanz gewinnt. Welchen Einfluss hat das für die menschliche Wahrnehmung von der Welt, wenn sie hauptsächlich auf dem Gesichtssinn beruhen? Hierbei stützte ich mich auf aktuellere Literatur der Mediengeschichte und der Medientheorie. Mit der Dominanz des Gesichtssinnes geht ein Wandel des optischen Stoffes einher. Daher werde ich auch untersuchen, wie und wodurch sich das visuelle Bild verändert hat. Welchen Einfluss üben die Medien auf die Sinne und auf die Wahrnehmung aus? Können die Medien den Sinnen ein nützliches Werkzeug sein oder gar als ihre Verlängerung bezeichnet werden? Oder stiften Medien Verwirrung, verzerren die Wirklichkeit und führen zu einer Verkümmerung der Sinne?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Plessners System der Sinne
2.1 Die Reihe der Anschauung
2.2 Die Reihe der Auffassung
2.3 Die zwei Verbindungsweisen von Bewusstsein und Haltung
2.4 Die Ästhesiologie des Geistes als Wissenschaft
2.5 Ästhesiologie des Gehörs
2.6 Ästhesiologie des Gesichts
2.7 Der Kreis der zuständigen Modalitäten
2.8 Der Sinn der Sinne
3. Die Bereicherung des optischen Sinnes durch die Hand
3.1 Die Erweiterung des Sehsinnes durch die modernen Medienbilder
3.2 Der Weg zur Dominanz des Gesichtssinnes
3.3 Das Bild im Wandel
3.4 Die Welt der virtuellen Bilder
4. Schlußteil
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen neuer Medien auf die menschliche Sinnesapparatur, wobei sie sich primär auf die anthropologische Theorie von Helmuth Plessner stützt. Im Zentrum steht die Frage, wie die zunehmende mediale Vermittlung von Wirklichkeit das harmonische Zusammenspiel der Sinne zugunsten des Gesichtssinnes verschiebt und welche Konsequenzen dies für die menschliche Wahrnehmung und Weltaneignung hat.
- Helmuth Plessners System der Sinne als anthropologische Grundlage.
- Die Entstehung einer Hierarchie unter den Sinnen durch mediale Einflüsse.
- Die Rolle der Hand als Verlängerung des Sehens und deren Verlust in virtuellen Welten.
- Die Gefahr der Realitätsverfälschung und Manipulation durch mediale Bildwelten.
- Die Auswirkungen der technischen Visualisierung auf die natürliche Sinneswahrnehmung.
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Weg zur Dominanz des Gesichtssinnes
Krämer schreibt, dass bestimmte “(symbolische Formen) das Selbst- und Weltverhältnis bestimmen”. (Krämer bezeichnet Medien als symbolische Formen.)
So sind ‘symbolische Formen’ der Neuzeit “die Zentralperspektive, das Buch, der Kalkül, das Theater als Schaubühne” und in der “Epoche der Moderne (sind es) (die) Photographie, (die) Kinematographie, (die) Television und schließlich (der) Computer”48. Bevor der Buchdruck erfunden wurde, fanden die Kommunikation und die Übermittlung von Informationen mittels Sprache statt. Das Ohr war in dieser Epoche das wichtigste Sinnesorgan.
Mit der Erfindung der Schrift kommt dem Ohr das Auge hinzu. Wo die Hieroglyphe oder das Ideogramm die beiden Sinne noch zugleich ansprechen, erlangt das Auge mit der Spezialisierung der alphabetischen Schrift immer mehr an Dominanz.49 Doch das Kräfteverhältnis zwischen akustischem Sinn und optischem Sinn ist noch ausgewogen, denn einem Vorlesenden wurde noch zugehört. Das Kräftegleichgewicht der beiden Sinne kippt zugunsten des Auges mit der Erfindung des Buchdrucks. Das Buch wird Massenware, für jeden zugänglich - folglich “(drängt) (die typographische) Kultur (...) die Vielfalt der Sinnesempfindung in den Hintergrund, indem sie die Wahrnehmung ‘visuell homogenisiert’”50.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Forschungsziel, die menschliche Sinnesapparatur im Kontext neuer Medien anhand von Plessners Schriften zu untersuchen.
2. Plessners System der Sinne: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen dar, indem es die menschliche Sinnlichkeit in verschiedene Ordnungen und Verbindungsweisen zwischen Leib und Geist strukturiert.
3. Die Bereicherung des optischen Sinnes durch die Hand: Es wird analysiert, wie die Hand das Sehen unterstützt und welche Rolle sie als Medium zur Welterschließung spielt.
4. Schlußteil: Das Fazit fasst zusammen, wie moderne Medien den Gesichtssinn dominieren und die natürliche Wahrnehmungsfähigkeit durch eine zunehmende Visualisierung und Entkörperlichung gefährden.
Schlüsselwörter
Helmuth Plessner, Sinnesapparatur, Ästhesiologie, Medienbilder, Gesichtssinn, Wahrnehmung, Zentralperspektive, Virtuelle Bilder, Leiblichkeit, Akkordanz, Realitätsverfälschung, Anthropologie der Sinne, Medialität, Sehen, Hand.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie sich der menschliche Sinnesapparat unter dem Einfluss moderner Medien verändert, basierend auf Helmuth Plessners anthropologischer Theorie der Sinne.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Körper und Geist, die Entwicklung einer Sinneshierarchie hin zum Gesichtssinn sowie die medial induzierte Veränderung von Wirklichkeitswahrnehmung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, wie Medien als Vermittler fungieren und ob sie die menschlichen Sinne erweitern oder durch eine einseitige Dominanz des Sehens zur Verkümmerung anderer Sinne führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die phänomenologisch-anthropologische Methode von Helmuth Plessner und verknüpft diese mit medientheoretischen Ansätzen zur Analyse visueller Kultur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Plessners System der Sinne, die Rolle der Hand als Verlängerung des Sehens sowie der historische und technische Wandel der Bildwelten detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Ästhesiologie, Akkordanz, Zentralperspektive, virtuelle Realität, Gesichtssinn und die Dialektik von Leib und Technik.
Welche Bedeutung hat das "Auge-Hand-Feld" für den Autor?
Es beschreibt die notwendige Kooperation von Auge und Hand für eine präzise Weltaneignung, die durch die moderne Medientechnik zunehmend unterbrochen wird.
Wie bewertet die Arbeit den Einfluss virtueller Bilder?
Die Arbeit warnt vor einer Tendenz, in der virtuelle Bilder die reale Welt dominieren, was zu einer "Weltvergessenheit" und einer kritischen Realitätsverfälschung führen kann.
- Quote paper
- Ilka Winkler (Author), 2005, Helmuth Plessners System der Sinne. Wie verändern die neuen Medien die menschliche Sinnesapparatur?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/60780