Studien zum literarischen Werk Ingo Schulzes


Magisterarbeit, 1999

103 Seiten, Note: 2,6


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Autor Ingo Schulze

3 „33 Augenblicke des Glücks“
3.1 Rahmenhandlung
3.2 Standard-Erzählungen
3.3 Rollenerzählungen/Ich-Erzähler
3.4 Sonstige Texte
3.5 Rezensionen und der Autor zu diesem Buch

4 Verwendung von Tatsächlichem in „33 Augenblicke des Glücks“
4.1 Exkurs zu Bernd W. Seilers „Die leidigen Tatsachen“
4.2 Ort, Zeit, Personen, Gegenstände
4.3 Verwendung von literarischem Material
4.4 Weitere nichtfiktionale Elemente

5 „Simple Storys“
5.1 Personen ausschließlich durch Dritte beschrieben
5.2 Ich-Erzähler
5.3 Bezugnahme zu „Simple Storys“
5.4 Die Gattungsfrage

6 Verwendung von Tatsächlichem in „Simple Storys“
6.1 Ort, Zeit, Personen
6.2 Markenartikel
6.3 Verwendung von literarischem Material
6.4 Weitere nichtfiktionale Elemente

7 Schlußbemerkungen

8 Werke Ingo Schulzes\

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Arbeit soll einen umfassenden Einblick in die bisher veröffentlichten Bücher des Autors Ingo Schulze geben, das heißt, sowohl der Erzählband „33 Augenblicke des Glücks“ als auch der Roman „Simple Storys“ sollen Gegenstand dieser Untersuchung sein. In den Blickwinkel gerückt werden dabei die verschiedenen Verfahrensweisen des Autors hinsichtlich des Redesubjekts, der verschiedenen Erzähltechniken, des Stils und das Spezielle an seiner Art der Geschehensvermittlung. Dabei wird - was für eine wissenschaftliche Arbeit dieser Art unüblich ist – der Inhalt beider Werke wiedergegeben, da es sich zum einen um einen jungen, der Literaturwissenschaft noch eher unbekannten Autor handelt, zum anderen dadurch auch ein direkter Vergleich der beiden Bücher möglich wird.

Zum besseren Verständnis und zur Einordnung in bezug auf das Redesubjekt und andere strukturtypologische Fragen wurden Fachtermini aus dem Werk „Erzählliteratur“ von Professor Dietrich Weber verwendet.

Auch eigene Anmerkungen des Autors, die er gegenüber der Verfasserin dieser Arbeit in mehreren persönlichen Gesprächen gemacht hat, wurden an den entsprechenden Stellen verarbeitet.[1]

Die Person Ingo Schulze an sich soll bei diesen Einblicken in sein Werk natürlich mitberücksichtigt werden, da die Biographie und persönliche Anekdoten unerläßlich sind für die weitere Zielsetzung dieser Arbeit, die aufzeigen soll, inwieweit der Autor Reales literarisch verarbeitet und in fiktives Geschehen umgewandelt hat.

Diese zweite Blickrichtung schließt sich an ein Seminar von Professor Dietrich Weber mit dem Titel „Fiktion und Dokumentation in der Erzählliteratur“ im Sommersemester 1997 an, in welchem man sich, ausgehend von den Thesen Bernd W. Seilers in seinem Buch „Die leidigen Tatsachen“[2], mit der wahrscheinlichen Darstellung von Wirklichkeit beschäftigte. Die Arbeit untersucht demnach zugleich, inwieweit der Autor sich in bezug auf Zeit, Raum, Personen, Markenartikel und Gegenstände an die Realität gehalten hat. Zusätzliche Elemente aus dem Bereich des Nichtfiktionalen werden gesondert dargestellt.

Zum Schluß soll sich aufgrund der vorher erarbeiteten Ergebnisse erschließen, inwieweit Unterschiede und Ähnlichkeiten in der Verwendung von Tatsächlichem in den beiden Werken „33 Augenblicke des Glücks“ und „Simple Storys“ auszumachen sind und was für eine Wirkung jeweils beim Leser erreicht wird beziehungsweise erreicht werden soll. Außerdem wird aufgezeigt, inwieweit sich die beiden Bücher ähneln, ob sich eine Entwicklung vom ersten zum zweiten Werk abzeichnet, und inwiefern in diesen ersten beiden Publikationen bereits das Signifikante der literarischen Arbeit Ingo Schulzes auszumachen ist.

2 Der Autor Ingo Schulze

Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren. Die Eltern lebten zu dieser Zeit schon getrennt, er wuchs bei Mutter und Großvater auf, der Vater ging 1977 in den Westen, erst 1995 traf Schulze ihn wieder.

Ingo Schulze war von November 81 bis April 83 in der Nationalen Volksarmee, diese Zeit hat ihn stark geprägt und er plant nach wie vor, sie literarisch zu verarbeiten.

In den Jahren 1983 bis 88 studierte er klassische Philologie in Jena. 1988 bis 90 arbeitete er in Altenburg als Dramaturg am Landestheater. Mit Freunden gründete er 1989/90 das politisch ambitionierte „Altenburger Wochenblatt“, welches nach anderthalb Jahren zugunsten eines Annoncenblattes eingestellt wurde. Im Zuge dieser Arbeit verbrachte er die Zeit von Januar 93 bis Juli des gleichen Jahres in Petersburg, um dort ein ähnliches Anzeigenblatt aufzubauen. Hier, wo er die Sowjetunion im Auf- und Umbruch aus der Distanz erleben konnte, begann auch die Arbeit an „33 Augenblicke des Glücks“, die aus Skizzen des beobachteten Alltagsgeschehen entstanden. Zurückgekehrt nach Deutschland entwickelte er aus den Skizzen Erzählungen. Durch die Beschäftigung mit den „Moskauer Konzeptualisten“, zum Beispiel dem Schriftsteller Vladimir Sorokin, begriff er nach eigenen Worten „die Relativität von Stil“[3], so findet sich in den 33 Stücken kein einheitlicher Stil, er ist dem jeweiligen Geschehen angepaßt.

Nach der Veröffentlichung seines Schriftstellerdebüts 1995 wurde er mit dem Alfred-Döblin-Förderpreis, dem Ernst-Willner-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs sowie dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. 1996 verbrachte er ein halbes Jahr in New York, freundete sich dort mit Richard Ford an, den er zusammen mit Raymond Carver, Ernest Hemingway und anderen typischen Vertretern der amerikanischen Short Story als seine Vorbilder für den Stil in „Simple Storys“ angibt. Der New Yorker druckte 1997 drei Erzählungen aus „33 Augenblicke des Glücks“ ab - eine Ehre, die unter deutschsprachigen Schriftstellern zuletzt Max Frisch zukam - und ließ ihn im April 1998 als einen der „Five Best European Young Novelists“ von Richard Avedon porträtieren.

Eigentlich wollte er nach „33 Augenblicke des Glücks“ sein Buch über die Armeezeit beginnen, doch durch die intensive Beschäftigung mit der amerikanischen Short Story fand er hier ein probates Mittel, etwas ganz Alltägliches aus Ostdeutschland erzählen zu können, speziell aus Altenburg, einer Kleinstadt, die seinem Erfahrungsraum entsprach.

Mit der Veröffentlichung von „Simple Storys“ erreichte er 1998 eine Bestsellerplazierung und wurde in den Rezensionen vor allem als Autor des langersehnten Romans über das vereinigte Deutschland gefeiert. Das „Literarische Quartett“ beschäftigte sich im Mai 1998 ebenfalls mit diesem Werk, gelobt wurde hier vor allem die erzählerische Raffinesse. Eine Theaterfassung der „Simple Storys“ unter der Regie von Lukas Langhoff wurde bereits 1998 in Leipzig uraufgeführt und auch ein Drehbuch entsteht in Zusammenarbeit des Autors mit dem befreundeten Dresdner Theaterregisseur Carsten Ludwig.

Ingo Schulze lebt als freier Autor in Berlin und Altenburg, schreibt selbst Rezensionen[4], reist für Lesungen, Vorträge und Diskussionen durch die ganze Welt. Er hat bereits die Arbeit an einem neuen Buch begonnen, einer Novelle mit dem Arbeitstitel „Titus Türmer“, und auch dieses wird, wie die beiden vorliegenden Werke, literarische Vorbilder haben, nämlich Robert Musil, Thomas Mann und Stefan Zweig. Dabei soll es um eine Jungenfreundschaft in der DDR der siebziger Jahre gehen, welche an der Entscheidung zum Wehrdienst zu scheitern droht. Auch für dieses Werk hat er schon eine Auszeichnung erhalten, die Johannes-Bobrowski-Medaille zum Berliner Literaturpreis.

3 „33 Augenblicke des Glücks“

Ingo Schulzes Erzähldebüt erscheint 1995 unter dem Titel „33 Augenblicke des Glücks“ im Berlin Verlag und schon vor der Veröffentlichung wird der Autor dafür mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet.

Das Werk besteht aus 33 einzelnen Stücken, die anstelle einer Überschrift nur durch die jeweils ersten zwei bis drei Wörter, die in Großbuchstaben gedruckt sind, abzugrenzen sind.[5]

Geschildert werden Begebenheiten aus dem Alltag in Sankt Petersburg, die teilweise ins Groteske und Surrealistische überzeichnet sind.

Im folgenden sollen die 33 Erzählungen kurz vorgestellt werden, welche durch eine Rahmenhandlung miteinander verbunden sind, in die der Leser gleich zu Anfang eingeführt wird. Dabei soll das Spiel im Spiel des Autors dargestellt werden, die Einordnung der einzelnen Stücke in die Rahmenhandlung soll vorgenommen werden, aber auch Erzählhaltung und das Echo in den Rezensionen auf dieses Erstlingswerk sollen in dieses Kapitel Eingang finden. Beginnend mit einer Betrachtung der Rahmenhandlung (3.1) werden die 33 Stücke aufgeteilt nach Standard-Erzählungen[6] (3.2) und Rollenerzählungen (3.3). Also zum einen in Erzählungen, die als „fiktionale, illusionistische, autor- und erzählerverleugnende, aliozentrische Autorerzählung in dritter Person“ (Weber, S.95) zu bezeichnen sind, sowie jene, die eindeutig als Ich-Erzählungen (vgl. hierzu Weber, S.97-100) einzuordnen sind. Texte, die sich nicht präzise klassifizieren lassen, werden in einem gesonderten Abschnitt (3.4) behandelt. Zuletzt sollen sowohl die Rezensionen, die in den Abschnitten zuvor teilweise schon zur Sprache kommen, als auch Äußerungen von Ingo Schulze über sein erstes Buch in diesem Kapitel berücksichtigt werden (3.5).

3.1 Rahmenhandlung

Bei diesen Episoden soll es sich – im Untertitel „Aus den abenteuerlichen Aufzeichnungen der Deutschen in Piter“ deutet sich das schon an – um Notizen handeln, die hier von Ingo Schulze angeblich nur herausgegeben werden. Den 33 Stücken ist nun ein Brief an einen Herausgeber vorangestellt, der in die Rahmenhandlung einführt. In diesem berichtet eine Frau von einer zufälligen Begegnung in einem Zug nach Petersburg mit „einem Deutschen namens Hofmann“ (S.7). Jener, Mitarbeiter einer Zeitung und Literaturliebhaber, habe täglich Aufzeichnungen von Petersburg nach Deutschland geschickt, dabei die Recherche zugunsten der Erfindung aufgegeben, da für ihn „etwas Ausgedachtes nicht weniger wirklich als ein Unfall auf der Straße“ (S.8) sei. Nach einer gemeinsamen Nacht sei dieser Deutsche spurlos verschwunden, einzig die Mappe mit den erwähnten Aufzeichnungen sei zurückgeblieben, die sie ihm, dem Herausgeber, nun zur Publikation überlassen wolle.

Dieser äußert sich dazu in einer sich daran anschließenden Anmerkung, um sich aller Erklärungen zu entheben. Im Vordergrund habe für ihn die Erkenntnis gestanden, daß diese Notizen „über einen bloßen Unterhaltungswert hinausgingen“ und vielmehr noch „die anhaltende Diskussion um den Stellenwert des Glücks“ (S.9) neu beleben könnten. Unterzeichnet ist diese Anmerkung mit „I.S.“ und damit wird erkennbar, daß sich hinter dem angeblichen Herausgeber niemand anderes verbirgt, als der Autor Ingo Schulze selbst. Am Ende des Buches finden sich dann auch „Ausgewählte Anmerkungen des Herausgebers“ zu einzelnen Episoden. Eine perfekte Inszenierung, die den Leser glauben machen soll, Ingo Schulze sei tatsächlich nicht mehr als Herausgeber dieser Aufzeichnungen - ein Spiel im Spiel. Der Autor hat sich eine Erzählerfigur namens Hofmann ausgedacht, der er wiederum die Freiheit gibt, selbst zu erfinden. Er geht damit sozusagen doppelt spielerisch vor, denn er macht seine Spielfigur Hofmann – und wie sich im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch zeigen wird, auch andere Spielfiguren – zum Subjekt der Rede (vgl. Weber, S.102). Nicht nur, daß das Geschehen fiktiv ist, auch die dazugehörigen Sprecher sind frei erfunden. Ironisierend hat er seinem fiktiven Autor Hofmann Eigenschaften übertragen, die auf ihn selbst zutreffen - Deutscher, der, für eine Zeitung tätig, längere Zeit in Petersburg verweilt. Indem sich Schulze hier als Herausgeber mystifiziert, enthebt er sich tatsächlich aller Erklärungen, denn er kann alles auf den angeblichen Autor Hofmann schieben.

Den Angaben Schulzes zufolge sind die einzelnen Erzählungen zum größten Teil vor der Rahmenhandlung entstanden, mit der er dann einen Zusammenhang zwischen den Stücken bildete. Außerdem wollte er betonen, „daß - auch wenn immer nur von Russen die Rede ist – es immer ein Blick von außen ist, also letztlich ein deutscher“ (Schulze/Geiger, S.113). Die altehrwürdige Form des Vorworts würde zu seinem persönlichen Rußlandbild passen, dem Inhalt nach, da er selbst mehrmals mit dem Zug in die Sowjetunion gereist ist und außerdem sei das Vorwort an sich in der russischen Literatur durchaus gängig.

Das Spiel um den angeblichen Autor bleibt aber nicht nur auf die Rahmentexte - Vorwort und Anmerkungen – beschränkt, sondern findet auch Eingang in einige Binnentexte. So kommt Hofmann selbst im 12. Stück auf die verlorenen Aufzeichnungen zu sprechen (vgl. S.80) und in der 22. Erzählung liest eine Frau in einem Roman, daß ein Geschäftsmann, der sich längere Zeit im Ausland aufhält, täglich ein Fax an seinen kranken Freund sendet. In diesen Schreiben würde er zuerst seinen Alltag schildern, dann anfangen zu erfinden und schließlich Kollegen und Bekannte um Beiträge bitten. Nun sei dieser Geschäftsmann verschwunden und zuletzt von einer Frau im Zug Berlin-Petersburg gesehen worden, einzig seine Aufzeichnungen seien zurückgeblieben (vgl. S.182). Eindeutig weist dieses Spiel im Spiel auf die Rahmenhandlung hin und der Leser erfährt sehr spät, daß damit die Stücke auch noch auf andere Urheber zurückzuführen sind und nicht nur Hofmann als - wenn auch fiktiver - einziger Autor angenommen werden kann.

So soll in den folgenden Abschnitten auch ein Augenmerk auf die Frage nach dem Erzähler beziehungsweise dem Sprecher des Texts (vgl. Weber, S.105) gerichtet werden.

3.2 Standard-Erzählungen

Die Zuweisung der folgenden Stücke zu Standard-Erzählungen ist vielleicht insofern strittig, als aufgrund der Rahmenhandlung feststeht, daß man es bei Hofmann mit einem fiktiven Autor zu tun hat und somit die Stücke strenggenommen als Reden einer Spielfigur als Erzähler (Weber, S.105) zu klassifizieren sind. Da darauf aber eingangs verwiesen wird und die hier aufgeführten Stücke dem Standardtyp der Erzählliteratur entsprechen, wird dieser Begriff weiter zur Anwendung kommen. Die Entsprechung ist damit zu begründen, daß die Episoden erfunden sind, die Erfundenheit in ihnen nicht eingestanden wird, und jemand, der in den jeweiligen Texten nicht näher beschrieben oder genannt wird, über andere in dritter Person erzählt.

Das zweite Stück gehört schon zu dem beschriebenen Erzähltypus. Erzählt wird, daß Valentina Sergejewnas Enkel Serjoscha wochenlang die Nahrung verweigert, weil ihn seine Exkremente abstoßen, als er jedoch entdeckt, daß diese genießbar sind, will er wieder essen und erzählt Pawel, dem Lebensgefährten seiner Großmutter, von dieser Entdeckung. Sex und Gewalt sind Nebenthemen, die in der Beziehung zwischen Valentina und Pawel zum Ausdruck kommen.

Dieses Stück ist eines, in dem kein Ausländer, nicht einmal in einer Nebenrolle, auftritt. Es ist also schwerlich als Teil von „Aufzeichnungen“ einzuordnen, die eigene Erlebnisse, beziehungsweise die von Deutschen schildern sollen, da sich das Geschehen nicht durch bloße Beobachtung erschließen läßt, muß man es als Erfindung des Erzählers annehmen. Die hier auftretenden Personen werden dem Leser in zwei weiteren Stücken wiederbegegnen.

Im fünften Stück wird von Anna Gawrinina berichtet. Jene, 74 Jahre alt, arbeitet bei der TASS[7] als Pförtnerin. Von den dort ein- und ausgehenden Ausländern, auch Deutschen, nimmt sie niemals angebotene Geschenke an, bis eines Tages ein kleines Päckchen mit Parfüm auf ihrem Platz liegt. Ein Mitarbeiter entwendet ihr dieses jedoch mit der Behauptung, es gehöre ihm. Der Direktor wird Zeuge dieser Auseinandersetzung und stellt sich gegen Anna, die daraufhin nicht mehr zur Arbeit erscheint. Hier spielt die russische Literatur eine Rolle, mit der sich Anna während ihrer Arbeitszeit beschäftigt. Ralph Dutli[8] merkt dazu an, daß die Pförtnerin aus dem erhabenen Geist russischer Poesie zu leben scheine und daß diese Literatur an jenem Reich des Exotischen teilhaben müsse[9].

Denkbar einzuordnen wäre der Text in die „Aufzeichnungen“, verkehren doch in der Nachrichtenagentur ausländische Zeitungsmitarbeiter, zu denen, wie der Leser aus der Rahmenhandlung weiß, auch Hofmann gehört. Er könnte also Zeuge dieser Begebenheit geworden sein oder sie durch Kollegen erfahren haben.

Die Rentnerin Petjuschina beobachtet im achten Stück Möwen, die „immer, wenn es gefroren hat“ (S.64), durch einen Wohnblock fliegen. Darüber entsteht ein Streitgespräch zwischen ihr und umstehenden Passanten, was und ob etwas dagegen zu tun ist. Der Streit wird zur Frage nach ihren eigenen Lebensumständen. Am Schluß bemerkt Petjuschina: „Es ist trotzdem immer wieder schön“ (S.67), dabei bleibt offen, ob sie damit die Möwen oder das Leben im allgemeinen meint.

Da in dieser Episode keine Rede von Ausländern ist, kann auch sie kaum als Teil von „Aufzeichnungen“ eines Deutschen angesehen werden. Möglich wäre höchstens, daß Hofmann als unbeteiligter Passant Zeuge dieser Szene geworden ist, doch ist Petjuschina bei ihrer letzten Bemerkung mit einem Alten allein. Hier kommt demnach wieder Hofmanns Ausspruch über Ausgedachtes und Wirkliches zum Zuge, daß er an Stelle der Wahrheit teilweise Erfindung gesetzt habe.

Es folgt eine Erzählung über ein älteres Ehepaar, das an einem Septembertag wie üblich umherspaziert. Sie haben kein besonderes Ziel, ihr

Umgang miteinander zeichnet sich durch Liebe und Harmonie aus. Durchbrochen wird dieser friedvolle Eindruck von Ausdrücken wie „innerer Auftrag“, „Patrouille“, „Fahne“, „Uniformjacke“ (S.68f). Sie sprechen denn auch eine junge Waffenhändlerin an, verwickeln sie in ein vorgetäuschtes Verkaufsgespräch, töten sie brutal, werfen deren Waffen in den Fluß und setzen dann ungerührt ihren Weg nach Hause fort.

Das erschreckende Umkippen eines harmonischen Spaziergangs in einen brutalen, kaltblütigen Mord hat auch in zwei Rezensionen Eingang gefunden. So wird diese Geschichte von Reinhard Baumgart[10] als Beispiel herangezogen, um aufzuzeigen, wie hier eine starke Wirkung durch Reibung von russischer Wirklichkeit und literarischer „Erfindung“ erreicht werde.

Auch in der Rezension von Ralph Dutli wird diese Begebenheit angesprochen und als „Meisterstück“ bezeichnet. Beklemmend sei das Geschehen, da es ohne Begründung auskomme[11].

Um der Frage nach der Einordnung in „Aufzeichnungen“ nachzukommen, so ist es auch hier nicht möglich, sie durch Hinweise im Text zu klären. Es bliebe lediglich erneut zu spekulieren, ob der vermeintliche Autor Hofmann diese Begebenheit erzählt bekommen hat, oder aufgrund einer Meldung in der Zeitung Erfundenes hinzugefügt hat. Auszuschließen ist aber, daß er als erlebendes Ich daran hat teilnehmen können.

Das nächste Stück nimmt nicht mal eine ganze Buchseite ein. Ein Mann namens Iwan Toporyschkin, der mit „Vater“ tituliert wird, bestellt im Restaurant ein Gericht. Der Kellner rät ihm davon ab mit der Begründung, daß es nicht schmecken würde, worauf er entlassen wird. Als sich Iwan Toporyschkin aber von der Richtigkeit dieser Aussage überzeugen kann, wird der Kellner wieder eingestellt. Auffallend ist die sechsmalige Wiederholung des Wortes „Vater“ in diesem kurzen Stück, obwohl es für das geschilderte Geschehen unwesentlich ist, ob es sich bei Iwan Toporyschkin um einen Vater handelt oder nicht. Bemerkenswert ist der Erzählerkommentar im letzten Satz: „Aus Geschichten wie dieser schöpfe ich jedesmal neuen Mut.“ (S.72). Er ist als spielextern (Weber, S.95) zu bezeichnen, wenn man den Kommentar nur bezogen auf dieses Stück ansieht, da es aber eine Äußerung des Autors im Spiel, nämlich Hofmanns ist, kann man ihn in der Gesamtheit des Spiels ebenso als spielintern (ebd.) bestimmen.

Durch diesen letzten Satz wird diese Begebenheit als „Aufzeichnung“ denkbar, man kann nur nicht ergründen, ob man sie dem Schreiber erzählt hat, oder er sie selbst als Gast am Tisch miterlebte. Hinzugefügt sei noch, daß dieses Stück, als einziges von allen in diesem Abschnitt angeführten, durchweg im Präsens geschrieben ist.

Die elfte Episode schildert eine seltsame Begegnung. Olga Wladimirowna ist auf dem Nachhauseweg, es ist kalt. Sie trifft einen Mann, der nur mit Nachthemd und Bademantel bekleidet ist. Sie gibt ihm ihre Strickjacke. Er stellt ihr Fragen über ihr Leben, die sie ausführlich beantwortet, dann setzt sie ihren Heimweg fort.

Der Dialog in Verbindung mit der Situation hat mysteriöse Züge, es hat den Anschein, als stelle ein Wesen aus einer anderen Welt solche Fragen wie „Werden eure Frauen alt?“ (S.74). Man könnte meinen, der Mann sei aus einer anderen Welt und einer anderen Situation herausgefallen in diese kalte Petersburger Winternacht.

Es scheint sich denn wohl wieder um einen ausgedachten, erfundenen Teil der täglichen Notizen zu handeln, wenn man sich, und das ist in dieser Frage immer wieder zu berücksichtigen, auf das Spiel des Autors Ingo Schulze einläßt. Olga Wladimirowna wird dem aufmerksamen Leser auch an anderer Stelle nochmals begegnen, nämlich in der Geschichte um Viktoria Federowna.

Nach vier Standard-Erzählungen hintereinander folgt mit dem zwölften Stück eine Rollenerzählung, die auf die Rahmenhandlung eingeht und in der Hofmann selbst das ganze Spiel um ihn als fiktiven Autor in Frage stellt (vgl. 3.3). Ungeachtet dessen schließt sich dieser Spielunterbrechung mit dem 13. Stück wieder eine Standard-Erzählung an und das Spiel wird weiter fortgeführt.

Ein Mann namens Pawel besucht nach langer Zeit das Grab seiner Eltern, erzählt seiner Mutter von sich, wie gut es ihm geht, hat eine Frau dabei, die er als seine angebliche Ehefrau Katja vorstellt. Dort macht er seiner Mutter nachträglich Vorwürfe, daß sie früher am Grab seines Vaters gelogen habe. Doch er lügt selbst, denn als sie das Grab verlassen, bezahlt er die ihm fremde, angebliche Ehefrau. Klären läßt sich hier nicht, ob es sich bei jenem Pawel um den Lebensgefährten von Valentina Sergejewna aus dem zweiten und siebten Stück handelt.

Diese Episode läßt sich wieder dergestalt als Bestandteil von Hofmanns „Aufzeichnungen“ integrieren als etwas von ihm Erfundenes oder ihm Erzähltes.

Die 15. Geschichte handelt von Antonia Antonowa und ihren drei Töchtern, die seit dem Tod des Familienvorstandes in großer Armut leben. In der Kantine ihrer Arbeitsstelle fällt Antonia in Ohnmacht, lernt dadurch einen reichen Amerikaner kennen, der sie nach Hause bringt und schließlich nacheinander die Töchter heiratet.

Einem klassischen Märchen mit glücklichem Ende kommt diese Geschichte gleich. Dieser Eindruck wird durch den letzten Satz besonders verstärkt: „Wie lange sie so glücklich lebte, weiß ich nicht zu sagen. Denn hier verliert sich ihre Geschichte im Dunkel.“(S.108). Damit wurde hier wieder ein Erzählerkommentar eingefügt, doch auch schon zu Anfang findet sich ein solcher, in dem der Erzähler bemerkt, in welchem Verhältnis er und seine Figur stehen, sie ist seine „Nachbarin Antonia Antonowa“ (S.104). Dies macht es wiederum einfach, im Spiel Hofmann als Autor anzusehen, der das Märchen seinen „Aufzeichnungen“ beigefügt hat.

So offensichtlich verhält es sich bei der nächsten Erzählung nicht, die eine Führung durch eine Kathedrale von Journalisten durch einen gewissen Wenjamin beschreibt. Dabei erzählt er alte phantastische Sagen, die von Petersburg und der Kathedrale handeln. Diese stehen im völligen Gegensatz zu der Band, die am Tor der Kathedrale „Oh, When the Saints...“ spielen, was zu Anfang und Ende der Führung erwähnt wird, da hier westliche und altrussische Tradition aufeinanderprallen.

Da es sich nicht um irgendeine Gruppe, sondern um Journalisten handelt, darf man hier vermuten, daß Hofmann oder einer seiner Kollegen unter den Zuhörern Wenjamins zu finden war.

Der Autor hat sich ausschließlich auf Wenjamin konzentriert und in Form von erlebter Rede teilt er dem Leser auch die Gedanken der hier im Geschehen stehenden Person mit.

In der 20. Episode tritt nun Müller-Fritsch als Figur auf. Er ist dem Leser schon aus dem 14. Stück bekannt (vgl. 3.4). Auch von seinem Nagelklipp, der dort schon eine Rolle spielte, ist wieder die Rede, wahrscheinlich, um zu betonen, daß es sich um denselben handelt. Er spürt, daß er sterben wird, schleppt sich noch von seinem Arbeitsplatz hinunter auf die Straße, um einer Frau mit Geld auszuhelfen, doch unten angekommen, beginnt seine Auflösung und er versickert schließlich. An dieser Stelle sprießt ein Jahr später eine Pappel, die aber dann überfahren wird.

Es ist fast ausschließlich die Innensicht von Müller-Fritsch, die hier wieder in Form von erlebter Rede dargestellt wird. Zum Ende, im Sterben der Figur, richtet sich der Blick des Erzählers von innen nach außen, womit betont wird, daß von Müller-Fritsch von außen betrachtet nichts bleibt, nicht mal eine Grabstätte, wie die überfahrene Pflanze am Schluß der Episode symbolisiert.

Mit dem darauffolgenden 21. Stück haben sich alle drei Rezensenten beschäftigt. Baumgart findet folgende Zusammenfassung: Es sei die „Wiedergabe eines wütenden und wehseligen Palavers, in dem zwei Kader der alten Zeit, ein Professor und sein Schüler, sich ihre verlorenen und vermoderten Hoffnungen in einem Zwiegesang mit lauter Tschechowschen Utopie- und Melancholiephrasen zum besten geben.“ Hier steigere die Methode das Material, Erzählen und Erzähltes würden sich gegenseitig aufladen, und der Spaß erschöpfe sich nicht im leeren Amüsement.[12]

Auch Dutli erwähnt die Verwendung der Tschechow-Zitate, auf die in dieser Arbeit zu einem späteren Zeitpunkt nochmals eingegangen wird (vgl. 4.3). Dieser Dialog sei ein weiteres Beispiel für die Subtilität, mit der Ingo Schulze die russische Literatur in seine Arbeit mit einfließen lasse, er träfe den Ton ausgezeichnet.[13]

Martin Lüdke geht im FOCUS lediglich auf den Schlußsatz „Wenn er sich auf dem nächsten Absatz umwendet und winkt, dann wird alles gut“ (S.167) ein und bemerkt dazu: „Ob in dieser Geschichte (...) alles gut wird, bleibt offen. Doch ist der Augenblick genau bezeichnet, von dem alle Literatur lebt: der Moment, in dem das Glück als möglich aufscheint.“[14]

Hier ist die Einordnung in „Aufzeichnungen“ wieder schwierig, konnte das vorherige Stück mit seinem grotesken, surrealen Ende im Spiel der Erfindung von Hofmann zugeschrieben werden, so kann man auch hier höchstens vermuten, daß Hofmann im Spiel gleich verfahren ist wie der tatsächliche Autor, nämlich daß er aus den besagten Zitaten einen erfundenen Dialog zwischen zwei fiktiven Gesprächspartnern zusammengesetzt hat.

Zu bemerken ist, daß der Erzähler sich hier wieder in eine im Geschehen stehende Person versetzt hat, denn es findet sich schon zu Beginn ein gedanklicher Kommentar Aljoschas, dagegen wird von Semjon keine Innensicht geliefert. Im Vordergrund steht hier sicherlich die Verwendung der Tschechowschen Phrasen, die Eingliederung in die Rahmenhandlung war dem Autor Ingo Schulze mutmaßlich ein zweitrangiges Problem.

Es wird an dieser Stelle nochmals darauf verwiesen, daß alle Stücke, gleich welchen Erzähltyps, im Spiel Hofmann als fiktivem Autor zugeschrieben werden, soweit sich nicht durch Hinweise im Text auf andere Sprecher schließen läßt.

Die nächste, mit über neunzehn Seiten relativ lange Erzählung schildert einen eigentlich alltäglichen Tagesablauf der alleinlebenden Witwe Viktoria Federowna, wobei auch hier die Innensicht der Figur übermittelt wird. Trotzdem gehört auch dieses Stück zu den Standard-Erzählungen, denn die Gedanken der Figur werden im Präteritum wiedergegeben, der Erzähler gibt sie demnach nur einfühlend wieder.

Am Rande tritt hier wieder Olga Wladimirowna als ihre Arbeitskollegin auf.

Das eigentlich Außergewöhnliche an diesem Stück ist aber das Spiel im Spiel. So liest Viktoria Federowna, wie schon im Abschnitt über die Rahmenhandlung kurz angeführt, in einem Buch, daß ein Geschäftsmann im Ausland seinem kranken Freund jeden Tag ein Fax mit Alltagsschilderungen zusendet. Als ihm der Stoff ausgeht, fängt er an zu erfinden und bittet andere, ihm zu helfen. Der kranke Freund hat diese Blätter abgeheftet und als er stirbt, bekommt der Urheber die Sammlung zurück, doch dessen Spur verliert sich und die Mappe mit den Faxen bleibt im Zug Berlin-Petersburg zurück. Mit diesen neuerlichen Erkenntnissen fällt die Einordnung der Stücke in „Aufzeichnungen“ noch leichter, sie bedingen nicht mehr unbedingt Hofmann als Verfasser im Spiel.

Es ist paradox, durch die neuen Informationen in bezug auf die Rahmenhandlung fällt zum einen im Spiel die Zuweisung der Stücke in „Aufzeichnungen“ leichter, doch zum anderen wird hier die Illusion aufgegeben und das Spiel als Spiel erklärt.

Ingo Schulze meinte, angesprochen auf die Spielunterbrechungen, daß er diese nicht bewußt an bestimmte Stellen gesetzt habe, vielmehr hätten sie sich nach der Entstehung der Rahmenhandlung beim Schreiben ergeben, und daß in einem Roman über den Roman gesprochen werde, sei ja auch keine neue, ihm eigene, Methode.

Auch Lüdke greift diesen Text in seiner Rezension im FOCUS auf, allerdings behauptet er fälschlicherweise, daß der Hofmann aus der Rahmenhandlung erst hier wieder auftauche. Es wurde aber in dieser Arbeit festgestellt, daß dies schon vorher im 12. Stück der Fall war. Das neuerliche Aufgreifen der Rahmenhandlung sei ein Scherz, „der jedoch zu dem schelmischen Wesen des Ingo Schulze paßt“. Hier drücke sich der Spieltrieb des Autors und die Besonderheit seines Verfahrens aus.[15]

Das anschließende kurze Stück beinhaltet einen fast filmischen Dialog zwischen zwei Deutschen namens Lorenzen und Graefe, sie unterhalten sich über einen gewissen Schigulin. Nähere Umstände und Zusammenhänge bleiben im Dunkeln. Lorenzen unterbricht das Gespräch mit Graefe einige Male, da er seiner Sekretärin über Sprechanlage Anweisungen gibt. Um hier nun wieder den Bogen zu den „Aufzeichnungen“ zu schlagen, kann man nur vermuten, daß Mascha über die Sprechanlage Zeuge des ganzen szenisch angelegten Dialogs geworden ist und diesen so weitergegeben hat, denn als die Gesprächspartner das Büro verlassen, bricht auch das Stück ab. Lorenzen wird im 14. Stück von Müller-Fritsch kurz erwähnt, wahrscheinlich ist Lorenzen sein Chef.

Durch die Dialogform unterscheidet sich dieser Text von den meisten anderen. Im Gespräch mit Thomas Geiger sagte Ingo Schulze, er habe zum Beispiel über Anna Gawrinina nicht in demselben Stil, also „ziemlich altertümelnd“ (Schulze/Geiger, S.110) schreiben können, wie über zwei deutsche Geschäftsleute. Er sei in Dialog mit dem Stoff getreten, daraus ergaben sich die verschiedenen Stile und Tonlagen.

Die Betrachtung über Henry Jonathan Ingrim (24. Stück) nimmt nicht mal eine halbe Buchseite ein. Er verzehrt gegen elf Uhr einen Imbiß, um den ganzen Tag vor sich zu haben, dann geht er einkaufen. Um halb eins betritt er wieder ein Restaurant, denkt an den Imbiß und daran, daß er immer noch den größten Teil des Tages vor sich hat. Dieses Stück hat in seiner emotionslosen Schilderung etwas Ironisches, erst wird gegessen, um Zeit einzusparen, dann wird wieder gegessen, und die eingesparte Zeit steht immer noch als ungelöste Aufgabe vor Henry Jonathan Ingrim. Er bleibt mit dem Rest seines Tages allein.

Angesprochen auf dieses Stück sagte Ingo Schulze, daß er beobachten konnte, daß Touristen manchmal einfach nicht wüßten, wie sie ihre Zeit vertreiben sollen. Er selbst sei auch schon zweimal essen gegangen, ohne es zu merken. Damit hat der Autor seinen fiktiven Autor im Spiel etwas erfinden lassen, was aus seinem Erleben entstanden ist und läßt daraus spielerisch einen Erfahrungsbericht eines Deutschen in Petersburg werden. Auch hier findet sich erlebte Rede, um die Innensicht der im Geschehen stehenden Person zu transportieren.

Nach den zuletzt beschriebenen fünf Standard-Erzählungen folgen wiederum fünf Rollenerzählungen und mit dem sich daran anschließenden 31. Stück liegt die letzte Standard-Erzählung dieses Buches vor.

Martens - wieder eine Figur, die der Leser schon kennt, denn im 29. Stück tritt er bereits als Ich-Erzähler auf - besucht Frau Rasumonowa, die ihm von ihrer durch Schock stummen Mutter erzählt. Eigentlich gilt sein Besuch aber der Tochter Jekaterina, die krank im Bett liegt und wahrscheinlich gekündigt worden ist, ohne daß die Mutter es weiß. Das Stück bricht unvermittelt ab, der Besuch ist aber noch nicht abgeschlossen.

Im Spiel läßt sich mutmaßen, daß Martens mehrere Stücke zu den „Aufzeichnungen“ beigetragen hat, denn er arbeitet ebenfalls in Petersburg bei einer Zeitung und kann damit als einer der Kollegen angesehen werden, die Hofmann laut Rahmenhandlung um Beiträge gebeten hat. Dieses Stück kann Martens allerdings nicht selber geschrieben haben, denn er wird kaum von sich selbst in dritter Person sprechen, aber im Spiel ist es vorstellbar, daß er Hofmann von seinem Besuch erzählt hat, der ihn dann literarisch umgesetzt hat.

Die Standard-Erzählungen können allesamt Hofmann als Autor im Spiel zugeschrieben werden. Bei den Stücken, die ihn nicht als direkten Beobachter zulassen, wird vorausgesetzt, daß er sie im Spiel erfunden hat. Dies hat ihm sein Schöpfer Ingo Schulze schließlich ausdrücklich zugestanden, denn es wird sowohl im Rahmentext (vgl. S.8) als auch in dem Stück über Viktoria Federowna (vgl. S.182) betont, daß Hofmann nach und nach Erfindung anstelle der Recherche gesetzt hat. Bei den nun aufgeführten Rollenerzählungen und auch bei den Stücken, die unter 3.4 gefaßt sind, finden sich Texte, die Hofmann zumindest als Erzähler ausschließen.

3.3 Rollenerzählungen/Ich-Erzähler

An dieser Stelle sollen nun die Stücke beschrieben werden, die als Rollenerzählung in erster Person (Weber, S.97) zu bezeichnen sind, also einen Ich-Erzähler implizieren. Wenn man diese nun in Zusammenhang mit der Rahmenhandlung betrachtet, kann man sie gänzlich als vom Autor eingeführte Rollenerzählung (Weber, ebd.) einstufen, denn dort werden die erfundenen Personen als Hofmann und seine Kollegen und Bekannten vorgestellt.

Auch hier wird vorausgesetzt, daß Hofmann der Erzähler in denjenigen Stücken ist, die keine konkreten Angaben beinhalten, aus denen man auf andere fiktive Erzähler schließen könnte.

Die ungleichmäßigen Stücke unter Verwendung unterschiedlicher Erzählmuster, fangen nach der Einführung in die Rahmenhandlung mit einer Episode an, in der ein Ich-Erzähler zu Beginn seines Aufenthaltes in Petersburg einer Prostituierten namens Maria begegnet, in die er sich verliebt, die ihm während des gemeinsam verbrachten Abends von russischer Literatur erzählt, ihn nach getaner Arbeit jedoch wieder verläßt. Er versucht sie wiederzusehen, doch ein zufälliges Treffen verläuft belanglos.

Ralph Dutli in seiner Rezension in der FAZ zu dieser Episode: „Ist das nicht ein wunderbar exotisches Land, wo das horizontale Gewerbe kurz vor dem Arbeitseinsatz die halbe russische Literatur herunterdekliniert?“. Wie hier ironisch angedeutet, erhält dieses Stück eine tragikomische Wirkung, nicht nur durch diesen unerwarteten Tatbestand - Prostituierte, die sich fundiert mit russischer Literatur beschäftigt - sondern besonders durch die schwärmerische Schilderung eines Mannes, der das knallharte Geschäft der Prostitution zu Beginn seines Aufenthaltes in Petersburg nicht zu durchschauen scheint.

Folgt man dem Spiel des Autors, paßt dieses Stück durchaus in die Aufzeichnungen eines Deutschen, der neu in Rußland ist und alles noch romantisch verklärt sieht. Allerdings werden in dieser Episode keine weiteren Angaben zu der Person des Ich-Erzählers geliefert, außer daß er männlich ist und erst kürzlich in Petersburg eingetroffen sein muß.

Der Ich-Erzähler des dritten Textes ist Deutscher, der als Chef im Auftrag einer Wochenzeitung in Petersburg arbeitet. Er mietet eine Wohnung als Redaktion an, die durch das Verhalten der Mitarbeiter mehr und mehr vom Arbeitsplatz zur Wohngemeinschaft mutiert, ohne daß er einschreiten kann.

Ralph Dutli hält diese Geschichte für „die vermutlich autobiographischste von allen“, sie sei eine „witzige Studie über die verschiedenen Auffassungen von Arbeitsmoral, Wohnkultur und Lebensgestaltung.“ Schulze spiele hier mit dem Klischee, doch so durchtrieben ironisch, daß man sein Vergnügen daran habe.[16] Ingo Schulze wehrt sich dagegen, dieses Stück als autobiographisch anzusehen, allein aus der Tatsache heraus, daß er selbst bei einer Zeitung in Petersburg gearbeitet habe, es gäbe andere Stücke, die eher autobiographisch seien.

Gut einzubetten ist diese Geschichte in die Rahmenhandlung, in das Spiel des Autors Schulze, hat doch Hofmann, der angebliche Verfasser dieser Aufzeichnungen, in Petersburg für eine Zeitung gearbeitet, kann also hier als Ich-Erzähler sprechen. Dafür spricht auch, daß auf Seite 29 von einem Fax die Rede ist, welches der Ich-Erzähler vergessen hat abzusenden.

Ebenso verhält es sich bei dem nachfolgenden, ebenfalls durch einen Ich-Erzähler vermittelten Stückes, bei dem jener anfangs als Ausländer kein gutes Haar an Rußland läßt, nur das Negative aufzählt, dann aber aufgrund eines Almosens an eine Bettlerin auf dem Marktplatz von allen Zeugen dieser Tat so liebkost und beschenkt wird, daß sie ihn sogar ausziehen, um auf seinem Körper ihre Telefonnummern zu hinterlassen und ihn erst mit zwei Taxen voller Geschenke in sein Hotel zurückkehren lassen. Diese extreme Umkehr der Situation deutet sich schon kurz vor dem Erreichen des Marktes an. War vorher alles hektisch, feindlich, schmutzig und ungenießbar, wechselt das Vokabular auf einmal ins Gegenteil. Es ist warm, die Sonne scheint, eine gekaufte Mohnschnecke schmeckt „überraschend gut“ (S.34), die Frauen sind ausnahmslos schön. All diese angenehmen Attribute gipfeln dann in dem schon erwähnten Almosen und der überwältigenden Reaktion der Umstehenden.

Auch die Rezensenten beschäftigen sich alle mit dieser Geschichte. Bei Baumgart heißt es, daß es sich hier um einen in den russischen Außendienst abkommandierten Manager handle, dabei ist dies nicht aus dem Text zu ersehen. Beizustimmen ist aber der Aussage, daß hier Realität ins Surreale umschlage[17].

Lüdke faßt diese Geschichte wie folgt zusammen: „Ein mißgelaunter Tourist erfährt die überströmende Herzlichkeit der Russen wahrhaft am eigenen Leib, in den sie mit Filzstift und Kugelschreiber regelrecht eingeschrieben wird.“[18]

Die Beurteilung Dutlis stimmt im Grundton mit der positiven Kritik Baumgarts überein. Diese satirische Geschichte sei ein Glanzstück, der Schluß der Groteske überdrehe das Klischee von der sprichwörtlichen Gastfreundschaft.[19]

Im sechsten Stück folgt wieder ein Erlebnis eines Ich-Erzählers, welcher, ebenfalls Ausländer, auf eine Datscha eingeladen wird. Er schläft mit der Frau des Gastgebers, geht mit jenem und dessen Schwiegervater auf die Jagd, bei der ein in die Falle geratener Wolf von den beiden Russen brutal erschlagen wird. Auf dem Rückweg stirbt der Alte, der Ich-Erzähler flieht verstört zurück zur Datscha, die verlassen und verkommen ist, als sei er Jahre fort gewesen, einzig das Auto, mit dem er und seine Gastgeber anreisten, steht noch da und er nutzt dieses zur Flucht.

Das Erlebnis nimmt während der Jagd surreale Züge an, augenscheinlich sind hier die ausführlichen Naturbeschreibungen.

Reinhard Baumgart beschreibt die Reaktion der Interpreten während des Klagenfurter Lesewettbewerbs in seiner Rezension, die diese Prosaarbeit etwas konventionell fanden, besäße sie doch einen übersichtlichen Grundriß mit schönen dunklen Ecken, modrigem Datscha-Zauber, Jägerglück und -unglück wie bei Turgenjew, einer schönen und willigen Frau, einem wild zusammengeschlagenen Wolf. Allzu deutlich sei hier der Zusammenstoß zwischen Stadtmenschentum und alter Wildnis als patent explodierendes Idyll.[20]

[...]


[1] Diese liegen leider nicht wortwörtlich vor, da ein Tonbandmitschnitt unter den gegebenen Umständen nicht möglich war, dennoch sind sie wortgetreu und sinngemäß mit eingebracht worden.

[2] Ein Exkurs zu dieser Theorie findet sich in Kapitel 4 dieser Arbeit.

[3] Ingo Schulze, Thomas Geiger: „Wie eine Geschichte im Kopf entsteht“, in: Sprache im schriftlichen Zeitalter. Köln: SH-Verlag, April 1999, S.108-123, Zitat S.109.

[4] Dem Literaturverzeichnis dieser Arbeit wurde eine Auswahl von einigen, bisher publizierten, Schriften Ingo Schulzes vorangestellt.

[5] Der Übersicht wegen werden die 33 Stücke durchnumeriert, beginnend mit 1: „FRAUEN WIE MARIA“ (S.11).

[6] Die kursiv gesetzten Begriffe sind, soweit nicht anders angegeben, entnommen aus: Dietrich Weber: „Erzählliteratur“. Göttingen: UTB für Wissenschaft 1998.

[7] Russische Nachrichtenagentur.

[8] Ralph Dutli ist der Herausgeber von Osip Mandelstams Werk „Im Luftgrab“ in deutscher Übersetzung und darf somit als Kenner russischer Literatur angesehen werden.

[9] Vgl. Ralph Dutli: „Hände auf den Tisch“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr.263, 11.Nov.1995, Bilder und Zeiten, [S.5].

[10] Vgl. Reinhard Baumgart: „33 Geschichten suchen 1 Autor“, in: Die Zeit, Nr. 42, Beilage vom 13.Oktober 1995, S.7.

[11] Vgl. Dutli (wie Anm.9).

[12] Vgl. Baumgart (wie Anm.10).

[13] Vgl. Dutli (wie Anm.9).

[14] Martin Lüdke: „Piter wie St. Petersburg“, in: Focus, Heft 42, 16.Oktober 1995, S.180f.

[15] Vgl. Lüdke (wie Anm.14).

[16] Vgl. Dutli (wie Anm.9).

[17] Vgl. Baumgart (wie Anm.10).

[18] Lüdke (wie Anm.14).

[19] Vgl. Dutli (wie Anm.9).

[20] Vgl. Baumgart (wie Anm.10).

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Studien zum literarischen Werk Ingo Schulzes
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften)
Note
2,6
Autor
Jahr
1999
Seiten
103
Katalognummer
V6079
ISBN (eBook)
9783638137508
ISBN (Buch)
9783638639217
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit basierte auf die bis dato veröffentlichten Werke Ingo Schulzes -33 Augenblicke des Glücks- sowie des Bestsellerromans -Simple Storys-.
Schlagworte
Studien, Werk, Ingo, Schulzes
Arbeit zitieren
Christiane ten Eicken M.A. (Autor), 1999, Studien zum literarischen Werk Ingo Schulzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6079

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