Über Symbolik und Sprachdilemma in Novalis` Fragment -Die Lehrlinge zu Sais-


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ausschnitte eines Natursymbolismus: Einleitung

2. Zur Absicht dieser Arbeit

3. Die „höhere Wirklichkeit“ in den „Dingen um uns“ und die mystisch getönte Wahrnehmung des Künstlers
3.1. Sprachbegriff und Sprachdilemma in „Die Lehrlinge zu Sais“
3.2. Der Sensualismus des Künstlers als Gegenentwurf zum rationalistischen Denken und die Dialektik von Innen und Außen
3.3. Die gestaltlose Symbolik: „flüssige Poesie“

4. Zur Gestalt des Kindes

Literaturverzeichnis

1. Ausschnitte eines Natursymbolismus: Einleitung

Innerhalb seines Werkes „Reisen eines Deutschen in Italien“ schreibt Karl Phillip Moritz 1793 unter dem Titel „Über die Signatur des Schönen“:

„Ist nicht alles in der Natur voller Bedeutung, und ist nicht alles Zeichen von etwas Größerem, das in ihm sich offenbaretLesen wir nicht in jedem kleinen Teil des Gebildeten die Spuren des Größeren, das sich darin abdrückt?...Auf diese Weise wird alles, was uns umgiebt, zum Zeichen; es wird bedeutend, es wird zur Sprache“[1].

Die Aussagen Moritz` beruhen auf einer Weltanschauung, die ihre Wurzeln in der naturmystischen Tradition hat: alle Dinge des Kosmos sind miteinander verknüpft. Die semiotische Ableitung daraus ist, daß jede äußere Gestalt der Natur (bei Moritz „jedes kleine Teil des Gebildeten“) ein pars pro toto ist, das „Größere“ sich in jeder äußeren Gestalt finden läßt. Jede äußere Gestalt steht damit zugleich für sich und für die Bedeutung des „Größeren“, sie ist also zugleich autonom und verweist auf eine Bedeutung, die außerhalb seiner Gestalt liegt.

Eine künstlerische Symbolik, die diese naturmystische Grundannahme sowie deren semiotische Ableitung verinnerlicht hat und dem ästhetischen Anspruch folgt, daß die Kunst untrennbar mit der Natur verbunden ist und daher das „Größere“ der Natur im Kunstwerk selbst offenbart werden muß (und dieser Kunstästhetik folgt Moritz) unterliegt zwangsläufig diesem Paradoxon zwischen Autonomie und Fremdbestimmung – zugleich ist in solch einer Symbolik die unbestimmbare Wirkung des Symbols von der eindeutigen und rationalistischen Allegorie bedroht[2]. Laut Sørensen löst Moritz das widersprüchlich erscheinende Verhältnis für die Poesie auf kunstästhetische und psychologische Weise, indem er zwei Variablen einführt: die Poesie sei eine Sprache der Phantasie und eine Sprache des Traums. So wie die äußere Gestalt eine immanente und eine fremdbestimmte Bedeutung hat ist ein Traum nie bedeutungslos und hat daher eine eigene Bedeutung. Diese Bedeutung ist aber nicht eindeutig und rührt aus dem menschlichen Seelenleben, so daß sich durch diese Fremdbestimmung vielfältige assoziative Bedeutungsaspekte ergeben. Damit kann auch das Kunstwerk eine werkimmannente und die außer sich liegende Bedeutung zugleich haben.

Infolge dieser „Lösung“ kann der Poet seine naturmystische Weltauffassung unmittelbar in höhere Kunst unmünzen, etwa wie in folgendem Zitat des jungen Goethe, welcher sich auch zeit seines Lebens intensiv mit dem oben genannten Dualismus des Symbols beschäftigte:

„Er (der Künstler) mag die Werkstätte eines Schusters betreten oder einen Stall, er mag das Gesicht seiner Geliebten, seine Stiefel oder die Antike ansehn, überall sieht er die heiligen Schwingungen und leisen Töne, womit die Natur alle Gegenstände verbindet. Bei jedem Tritte eröffnet sich ihm die magische Welt“[3].

Daß die natursymbolische Grundanschauung der Klassiker Moritz und Goethe auch Novalis` Symbolbegriff sowie den gesamten Symbolismus der Romantik entscheidend prägt, kann für die folgenden Analysen dieser Hausarbeit eigentlich als Axiom vorausgesetzt werden.

Das oben genannte Zitat von Moritz stimmt hinsichtlich dieser natursymbolischen Anschauung – natürlich nicht wörtlich, aber sinngemäß – überein mit den oft zitierten ersten Sätzen des Textes „Die Lehrlinge zu Sais“:

„Mannigfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und vergleicht, wird wunderliche Figuren entstehen sehn; Figuren, die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen, die man überall, auf Flügeln, Eierschalen, in Wolkenerblickt. In ihnen ahndet man den Schlüssel dieser Wunderschrift, die Sprachlehre derselben...“[4].

Novalis fügt diesen einleitenden Sätzen gleich eine Hypothese hinzu, die den ursprünglichen Idealzustand gefährdet sieht:

„...allein die Ahndung (der Wunderschrift, Sprachlehre) will sich selbst in keine festen Formen fügen, und scheint kein höherer Schlüssel werden zu wollen. Ein Alkahest scheint über die Sinne der Menschen ausgegossen zu sein...“[5].

Deutet man die „Lehrlinge“ besonders in Hinblick auf ihren Aussagegehalt für den theoretischen Symbolbegriff Novalis`, so zeigt sich darin die Auffassung, daß die in seiner Zeit dominierenden Kunst- und Symbolauffassungen als ungeeignet erscheinen das „wahre“ Wesen der Natur in „wahrer“ Kunst Ausdruck finden zu lassen.

Neben den vielfältigen anderen thematisierten Topoi enthalten die „Lehrlinge“ viele poetologische Forderungen, die Aufschluß darüber geben wie für Novalis ein solcher, wahrer Symbolismus erfolgen kann. Der Aussagewert einiger dieser expliziten und impliziten Forderungen wird dadurch erhöht, daß sie nicht als schmückendes Beiwerk oder antithetisch und ausschließlich aus rhetorischen Gründen in die Diskussionen eingefügte Verweise auf Strömungen innerhalb der zeitgenössischen Philosophie angesehen werden können, da sie auch mit der Kunstauffassung Novalis`, die sich aus den Äusserungen in seinen theoretischen Fragmenten ergibt, übereinstimmen.

Im folgenden sei exemplarisch eine Textstelle genannt, die einen deutlichen Bezug zum oben genannten Zitat von Goethe herstellt:

„Drückt nicht die ganze Natur so gut, wie das Gesicht, und die Gebärden, der Puls und die Farben, den Zustand eines jeden der höheren, wunderbaren Wesen aus, die wir Menschen nennen? Wird nicht der Fels ein eigentümliches Du, eben wenn ich ihn anrede? Und was bin ich anders als der Strom, wenn ich wehmütig in seine Wellen hinabschaue...?“[6]

2. Zur Absicht dieser Arbeit

Die Absicht dieser Arbeit ist folgende: Wenn, wie oben angeführt, beim Klassiker Moritz die Natur als Träger eines „universalen“ Symbolismus dient, so ist dies zweifelsohne beim Frühromantiker Novalis ebenso der Fall. Bei Moritz vollzieht sich bereits – von ihm gut begründet - der Wandel zur autonomen und ontologischen Symbolik, die mit der Romantik ihren Durchbruch erlebt und die moderne Literatur entscheidend prägt. Wo aber genau geht der Novalis`sche Symbolbegriff in seiner literarischen Anwendung über den naturmystischen Symbolbegriff der Klassiker und insbesondere den Ansatz Moritz` hinaus?

Bekanntlich haben innerhalb der romantischen Dichtung besonders Novalis` Dichtungen und besonders auch „Die Lehrlinge zu Sais“ einen traumhaften Charakter. Den Bezug zwischen Poesie und Traum hat Moritz bereits für seine Symboltheorie hergestellt. Dieser Bezug ist aber bei Novalis anders geartet, so daß sich bei ihm – wie zu sehen sein wird – einige Widersprüchlichkeiten, die in den Symboltheorien der Klassiker eine große Rolle spielen, nicht ergeben.

In dieser Arbeit soll jedoch nicht vorrangig und „ergebnisorientiert“ der Symbolismus Novalis` dem klassischen Symbolbegriff Moritz` oder Goethes gegenübergestellt werden. Auf den klassischen Symbolbegriff werde ich auch nicht detailliert eingehen. Vielmehr konzentriere ich mich auf den Text „Die Lehrlinge zu Sais“. Anhand einiger Aspekte dieses Textes möchte ich versuchen, einige wesentliche Eigenschaften und Grundvoraussetzungen des Symbolbegriff Novalis` herauszuarbeiten. Diese werden gegenüber dem klassischen Symbolbegriff abzugrenzen sein – besonders aber hinsichtlich des in der Einleitung dargestellten Paradoxons zwischen Autonomie und Fremdbestimmung und der Auffassung von der Realität, in welcher das Symbol „verankert“ ist.

Ausgehen werde ich von dem in den „Lehrlingen“ thematisierten Sprachdilemma, welches bereits in den ersten Sätzen des Textes dargestellt wird. Welche Bedeutung hat der Begriff der „Sprache“ in den „Lehrlingen“ und welches Problem ergibt sich daraus (3.1)? In 3.2 werden Forderungen an Poesie und Poeten sowie damit im Zusammenhang stehende (natur-)philosophische Anschauungen zusammengefasst; diese lassen auf eine bestimmte kunstästhetische Auffassung Novalis` schließen, so daß in 3.3 einige grundlegende Aspekte seines Symbolbegriffes konkret dargestellt und dem klassischen Symbolbegriff gegenübergestellt werden können.

Da es sich bei den „Lehrlingen“ um einen komplexen Text handelt (die vielfältigen assoziativen Verknüpfungen gehören ja zum poetischen Konzept des Werkes) der dazu verführt alle thematisierten Bezüge in eine Textanalyse einzubeziehen, erscheint es mir sinnvoll die meisten dieser Bezüge im vornherein auszuklammern (gleichwohl man beinahe alle Informationen im Text und über den Text in irgendeiner Weise in eine Analyse der Textsymbolik einbeziehen könnte). Dennoch werde ich z.B. weder detailliert auf die Tradition der naturmystischen Literatur und die Historie der naturmystischen Symbolik noch auf die Bezüge auf die zeitgenössische Philosophie in den Diskussionen der Reisenden eingehen. Auch literaturwissenschaftliche Streitthemen wie die Struktur des Textes und die Diskussion, inwiefern dieser als in sich geschlossenes Werk oder als Ansammlung von fragmentartigen Bruchstücken angesehen werden kann, werden in der Arbeit nicht besprochen.

Diese Arbeit wird auch keine Zusammenfassung des Werkes bieten oder die kunstvolle Konstruktion des Märchens berücksichtigen.

Ich beschränke mich auf die Angabe von Textstellen, die m.E. im wesentlichen Zusammenhang mit der Zielsetzung dieser Arbeit stehen sowie grobe inhaltliche Zusammenhänge. Der gesamte Text wird von mir eher „technisch“ in Bezug auf meine Fragestellung betrachtet, was seiner unleugbaren poetischen Dichte und seinem künstlerischen Gehalt oftmals nicht gerecht zu werden scheint. Weitere Zitate Novalis` werden angeführt, um herausgearbeitete Ansätze ergänzend zu bestätigen.

Diese Analyse ist in Kapitel 3.3 abgeschlossen. In Kapitel 4 wird auf ein spezifisches Symbol im Text eingegangen, die Gestalt des Kindes. Dieses Kapitel ist nicht als eine Zusammenfassung der vorigen Kapitel gedacht, allerdings werden einige zuvor besprochene Aspekte hier nochmals aufgegriffen und weitergeführt.

3. Die „höhere Wirklichkeit“ in den „Dingen um uns“ und die mystisch getönte Wahrnehmung des Künstlers

3.1. Sprachbegriff und Sprachdilemma in »Die Lehrlinge zu Sais«

Ein auffälliges Konstruktionsprinzip der „Lehrlinge zu Sais“ ist zweifelsohne die Konstruktion der Zeitachsen. Betrachtet man den Text vorwiegend als ein dichterisches Werk, äußert sich in dieser zeitlichen Strukturierung ein Prinzip, in welchem der traumhafte Charakter und die tiefere Symbolik des Textes sich entfalten. Ich möchte dieses Prinzip kurz zusammenfassen:

Der Zustand in der goldenen Zeit, an die in der Jetzt-Zeit des Textes ständig zurückerinnert wird, stimmt mit dem Zustand der verheißungsvollen Zukunft überein, die in der Jetzt-Zeit „geahndet“ wird: diese Zukunft ist ja gerade durch die Rückkehr der goldenen Zeit gekennzeichnet[7]. Zukunft und Vergangenheit verschmelzen dadurch gewissermassen und „drängen“ in die Jetzt-Zeit des Textes, das „Wesen der Gegenwart“ ergibt sich demnach beinahe nur seinem Verhältnis zu Vergangenheit und Zukunft. Die Gegenwart ist somit bereits völlig erfüllt vom Wesen der Zukunft bzw. der Vergangenheit, wenn sie auch faktisch völlig von diesem Idealbild abweicht. Dadurch wird der eigentlich paradoxe Effekt einer „totalen“, zeitlosen Gegenwart erzeugt, die an sich völlig unbestimmbar erscheint: die Zeitstruktur des Textes nähert sich hier den Zeitverhältnissen des Traums.

[...]


[1] Karl Phillip Moritz: Reisen eines Deutschen in Italien 1786 bis 1788. Bd. III, 1793, S. 141f.; zit. n.: Sørensen (1963), S. 71

[2] Die Begriffe Symbol und Allegorie werden in dieser Arbeit entsprechend ihrem jeweiligen Bedeutungsinhalt am Ende des 18. Jh.s verwendet. Auf die Problematik dieser terminologischen Abgrenzung wird bei Sørensen, S. 15-18 eingegangen

[3] Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Jubiläumsausgabe. Bd. 39, 1902-1912, S. 15f.; zit. n.: Sørensen, S. 88

[4] Novalis: Die Lehrlinge zu Sais, im Seminar-Reader des Hauptseminars „Emblem, Symbol, Allegorie“, S. 79 (im folgenden: „Lehrlinge“ bzw. nur Angabe von Seitenzahlen)

[5] Ebd.

[6] Ebd., S. 100

[7] Diese Gleichstellung ist natürlich etwas vereinfachend formuliert, der Text bietet durchaus Informationen dafür, daß der Zustand in der prophezeiten Zukunft „qualitativ“ noch über den Urzustand der goldenen Zeit hinausgeht. Beispielsweise könnte der Urzustand im Märchen diesen Urzustand der goldenen Zeit wiederspiegeln, das Ende des Märchens läßt sich assoziativ mit der im Text geahnten Zukunft gleichsetzen. Während Hyazinth und Rosenblüte jedoch im Urzustand des Märchens trotz ihrer Verliebtheit noch räumlich getrennt sind („Wenn nun Hyazinth die Nacht an seinem Fenster stand und Rosenblüte an ihrem...“, Lehrlinge, S. 92) wird diese Trennung am Ende des Märchens überwunden.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Über Symbolik und Sprachdilemma in Novalis` Fragment -Die Lehrlinge zu Sais-
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Emblem, Symbol und Allegorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
28
Katalognummer
V6088
ISBN (eBook)
9783638137591
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hauptseminararbeit über Novalis` Fragment -Die Lehrlinge zu Sais-, einen überaus komplexen Text, der exemplarisch steht für den poetischen Stil und die philosophischen Hintergründe Novalis`, darüberhinaus aber auch wesentliche Merkmale der (früh-)romantischen Epoche enthält. In der Arbeit wird sowohl die Symbolik des Textes an sich als auch der theoretische Symbolbegriff Novalis` (wie er sich bspw. aus seinem Nachlass ergibt) analysiert. Diese Auffassung des Symbols wird - als Leitfrage - mit dem Symbolbegriff der Klassiker (Moritz, Goethe) verglichen. Als Grundlage dafür wird der sprachphilosophische Diskurs im Text nachvollzogen. 362 KB
Schlagworte
Novalis, Lehrlinge zu Sais, Symbolismus, Allegorie, Romantik, Frühromantik
Arbeit zitieren
Heiko Bruchhaus (Autor), 2002, Über Symbolik und Sprachdilemma in Novalis` Fragment -Die Lehrlinge zu Sais-, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6088

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