Im Jahre 1969 begann ich meine Ausbildung an der Schwesternvorschule des Kreiskrankenhauses Hoya. Zu damaliger Zeit wurden bestimmte Themen im Pflegealltag tabuisiert. „Über Gefühle spricht man nicht.“ „Eine Schwester ekelt sich nicht.“ ungefähr so lauteten die Anweisungen unserer Unterrichtsschwester.
Gefühlsregungen, vor allem wenn sie negativer Art sind, gelten heute wie damals in der Berufswelt der Pflegenden als meist nicht vorhanden. Schamgefühl, Angst und Ekel hat eine Pflegekraft nicht zu artikulieren. Im heutigen Berufsalltag kommen wir durch die Arbeitverdichtung immer mehr an unsere Grenzen. Aber nicht nur die Grenzen der Leistungsfähigkeit werden überschritten. Auch unsere inneren Grenzen der Erziehung, des kulturellen Umfeldes oder unsere eigenen Schutzgrenzen müssen wir oft mehrmals täglich überschreiten. Sei es bei Kontakt mit Exkrementen oder nur dadurch dass wir einem fremden Menschen körperlich nahe kommen müssen. Wir überschreiten unsere, sowie seine Grenzen. Machen uns die damit verbundenen Emotionen nicht bewusst, verdrängen sie oder leiten sie unbewusst um.
Ich glaube; ein Mensch kann Leid, Schmutz oder unangenehme Gerüche nur in begrenztem Umfang bei anderen ertragen, wenn er sich nicht aktiv mit den damit verbundenen Gefühlen auseinander setzt.
Ich habe während meiner pflegerischen Tätigkeit viel unterschwellige und auch direkte Gewalt an Patienten/Altenheimbewohnern beobachtet. Oft war den pflegenden Mitarbeitern oder auch Angehörigen ihr Handeln nicht bewusst. Ich glaube es gibt einen Zusammenhang zwischen verdrängten Gefühlen und Erkrankungen bei Pflegenden.
In welchen Situationen fühlen sich Pflegende überfordert? Wo kommen sie an ihre Grenzen und wo müssen sie diese überschreiten? Welche Gefühle sind damit verbunden? Macht die Verdrängung von negativen Gefühlen krank? Hat die Verdrängung Auswirkungen auf unser pflegerisches Handeln? Und, wenn ja ? Wie kann man als Leitungskraft in der Pflege, dem entgegen wirken?
Um diese Fragen soll es in meiner Hausarbeit gehen. Ich verstehe diese Arbeit als Hilfestellung für Mitarbeiter in Pflegeberufen. Ich möchte der Sprachlosigkeit in meinem Berufsumfeld ein Ende bereiten und einen Anstoß geben, sich mit unliebsamen Gefühlen/Emotionen auseinander zu setzen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Vorgehensweise der eigenen Untersuchung
2.1 Fragestellungen
2.2 Kriterien der Auswahl
2.3 Auswertungen
3 Definitionen des Begriffes Grenzsituation
4 Der Pflegeberuf im Zusammenhang von Grenzsituationen
5 Pflegesituationen als Auslöser von Scham, Ekel oder Angst
5.1 Angst als Ursprungsemotion
5.2 Abwehr/Schutzemotion Ekel
5.3 Körperschamentwicklung
5.4 Schamgrenzen
6 Bewusstsein von negativen Gefühlen
6.1 Drei Ebenen der Gefühlsarbeit
7 Körperliche, seelische Symptomatik
8 Auswirkung auf uns und unser pflegerisches Handeln
8.1 Distanzierungsstrategien
8.2 Angst und Aggression
8.3 Autoaggressionen
8.4 Aphasien in der Pflege
9 Krankheit durch Verdrängung
10 Gefühlsbewältigung und Abgrenzung
10.1 Indirekte Bewältigungsstrategien
10.2 Direkte Bewältigungsstrategien
10.3 Strategien der befragten Pflegerinnen und Pfleger
10.4 Hilfreiche Bewältigungsstrategien
11 Institutionelle Erfordernisse
12 Fazits
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychischen Belastungen und Grenzsituationen im Pflegealltag, die durch Emotionen wie Angst, Scham und Ekel entstehen. Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen der Verdrängung dieser Gefühle, der daraus resultierenden Sprachlosigkeit und gesundheitlichen Auswirkungen bei Pflegenden aufzuzeigen und Handlungsansätze für Leitungskräfte zu formulieren.
- Analyse negativer Emotionen (Angst, Scham, Ekel) in der Pflegepraxis
- Untersuchung der Mechanismen von Gefühlsverdrängung und deren Folgen
- Evaluation von Bewältigungsstrategien durch eine eigene Befragung
- Ableitung institutioneller Anforderungen zur Verbesserung des Arbeitsklimas
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Im Jahre 1969 begann ich meine Ausbildung an der Schwesternvorschule des Kreiskrankenhauses Hoya. Zu damaliger Zeit wurden bestimmte Themen im Pflegealltag tabuisiert. „Über Gefühle spricht man nicht.“ „Eine Schwester ekelt sich nicht.“ „An der Tür des Krankenzimmers schaltet eine professionelle Pflegekraft ihre eigenen Gefühle ab.“ „Eine Krankenschwester hat immer zu funktionieren.“ „Der Patient steht im Mittelpunkt“ So ungefähr lauteten die Anweisungen unserer Unterrichtsschwester. Auch für die meisten Mitarbeiter, mit denen ich teilweise sehr eng zusammen gearbeitet habe, waren Gefühle, Grenzen, Ängste, nie ein Thema. Wir sind meist mit Scherzen über problematische Situationen hinweg gegangen. Oder wir sind zur Tagesordnung übergegangen. Nur nichts anmerken lassen.
Gefühlsregungen, vor allem wenn sie negativer Art sind, gelten heute wie damals in der Berufswelt der Pflegenden als meist nicht vorhanden. Schamgefühl, Angst und Ekel hat eine Pflegekraft nicht zu artikulieren. Im heutigen Berufsalltag kommen wir durch die Arbeitsverdichtung immer mehr an unsere Grenzen. Aber nicht nur die Grenzen der Leistungsfähigkeit werden überschritten. Auch unsere inneren Grenzen der Erziehung, des kulturellen Umfeldes oder unsere eigenen Schutzgrenzen müssen wir oft mehrmals täglich überschreiten. Sei es bei Kontakt mit Exkrementen oder nur dadurch dass wir einem fremden Menschen körperlich nahe kommen müssen. Wir überschreiten unsere, sowie seine Grenzen. Machen uns die damit verbundenen Emotionen nicht bewusst, verdrängen sie oder leiten sie unbewusst um.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Autorin reflektiert ihren eigenen beruflichen Werdegang und thematisiert das Tabu um Gefühle im Pflegealltag, was den Anstoß für die Untersuchung gibt.
2 Vorgehensweise der eigenen Untersuchung: Es wird die Methodik der durchgeführten Befragung von 60 Pflegekräften mittels Fragebögen beschrieben, inklusive der Auswahlkriterien und Auswertungssystematik.
3 Definitionen des Begriffes Grenzsituation: Das Kapitel erläutert den philosophischen Begriff der Grenzsituation nach Karl Jaspers als unüberschreitbare Grenze menschlichen Daseins.
4 Der Pflegeberuf im Zusammenhang von Grenzsituationen: Es wird dargelegt, warum die Pflege am Menschen durch die große körperliche Nähe ein prädestinierter Ort für Grenzsituationen ist.
5 Pflegesituationen als Auslöser von Scham, Ekel oder Angst: Dieses Kapitel analysiert die Ursachen und Hintergründe für die Entstehung von Angst, Ekel und Scham im direkten Pflegekontakt.
6 Bewusstsein von negativen Gefühlen: Hier wird die Problematik der Selbstwahrnehmung und Reflexion negativer Emotionen bei Pflegenden untersucht.
7 Körperliche, seelische Symptomatik: Das Kapitel beschreibt die somatischen und psychischen Reaktionen auf die Gefühle Angst, Ekel und Scham.
8 Auswirkung auf uns und unser pflegerisches Handeln: Hier wird der Zusammenhang zwischen den erlebten Emotionen, Distanzierungsstrategien und Verhaltensweisen wie Aggression erläutert.
9 Krankheit durch Verdrängung: Es wird der Zusammenhang zwischen der Verdrängung von Gefühlen, psychischem Stress und der Entstehung psychosomatischer Erkrankungen hergestellt.
10 Gefühlsbewältigung und Abgrenzung: Das Kapitel stellt verschiedene direkte und indirekte Strategien der Gefühlsbewältigung dar und bewertet diese kritisch.
11 Institutionelle Erfordernisse: Hier werden strukturelle Anforderungen an Schulen und Einrichtungen formuliert, um ein angstfreies Arbeitsklima zu schaffen.
12 Fazits: Die Autorin fasst die Ergebnisse zusammen und fordert einen Wandel im professionellen Selbstverständnis der Pflege weg von der aufopferungsvollen Haltung hin zur reflektierten Professionalität.
Schlüsselwörter
Grenzsituationen, Pflegeberuf, Ekel, Scham, Angst, Verdrängung, Gefühlsarbeit, Distanzierungsstrategien, Burnout, Psychosomatik, Supervision, professionelles Selbstbild, Arbeitsbedingungen, Pflegeschulen, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den psychischen Belastungen von Pflegenden durch negative Gefühle wie Angst, Scham und Ekel in Grenzsituationen des Arbeitsalltags.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entstehung negativer Emotionen im Pflegekontakt, deren Verdrängung, die daraus resultierenden körperlichen und psychischen Auswirkungen sowie Bewältigungsstrategien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, auf die Sprachlosigkeit im Berufsfeld aufmerksam zu machen und Handlungsansätze für Leitungskräfte zu bieten, um den Umgang mit diesen Emotionen zu professionalisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine Literaturanalyse zu den psychologischen Grundlagen mit einer eigenen empirischen Untersuchung mittels Fragebögen unter 60 Pflegekräften.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Hintergründe von Ekel und Scham, die Symptomatik bei Pflegenden, Auswirkungen auf das Handeln sowie konkrete Bewältigungsstrategien und institutionelle Anforderungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Grenzsituationen, Gefühlsarbeit, Verdrängung, Ekel, Scham, Psychosomatik und professionelles Handeln sind die prägenden Begriffe.
Wie beeinflussen körperliche Ausscheidungen das Erleben der Pflegenden?
Sie lösen häufig Ekel aus, der durch die Riechbahnen mit dem limbischen System und negativen Erinnerungen verknüpft ist, was zur Abwehrhaltung oder zum Distanzierungsverhalten führen kann.
Welche Rolle spielt die Führungsebene bei der Gefühlsbewältigung?
Leitungskräfte spielen eine entscheidende Rolle, indem sie Raum für Kommunikation schaffen, Supervision anbieten und Fortbildungen ermöglichen, um die Tabuisierung negativer Gefühle zu durchbrechen.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Scham und Schuld für Pflegende wichtig?
Die Unterscheidung hilft zu verstehen, dass sich bei Scham das Verhalten an Normen misst, während Schuld das Versagen als Ganzes betrifft, was für die psychische Selbstwahrnehmung essentiell ist.
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- Ursula Hogrefe (Author), 2006, Grenzsituationen in der Pflege, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61093