In seinem Aufsatz "Der Erfahrungsbegriff der Erziehung – Versuch einer Explikation" hat sich der Bildungshistoriker Josef Dolch darum bemüht, den Wesenskern von Erziehung herauszuarbeiten. Dieser Aufsatz aus dem Jahre 1966, erschienen in der Zeitschrift für Pädagogik anlässlich des 66. Geburtstags von Dr. Béla Freiherrn von Brandenstein, ist meines Erachtens, obschon in der Pädagogik zahlreiche Versuche stattgefunden haben, eine der wenigen Schriften, in denen es dem Verfasser tatsächlich gelungen ist, die wesentlichen Komponenten der Erziehung zu erfassen und diese präzise und ausführlich darzustellen. Aus diesem Grunde soll in der vorliegenden Arbeit eben dieser Aufsatz vorgestellt und analysiert werden.
Wenn Dolch versucht, die Frage, was Erziehung bedeute, im wörtlichen Sinne zu beantworten, so soll im abschließenden Teil der Arbeit diskutiert werden, was es mit dem übertragenen Sinn dieser Frage auf sich hat, wobei die Ausführungen Dolchs hierzu als Grundpfeiler dienen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff "Erziehung"
3. Der Erfahrungsbegriff der Erziehung nach Tuiskon Ziller
3.1 Zillers Definition der Erziehung
3.2 Dolchs Kritik an Zillers Definition der Erziehung
4. Erziehung nach Dolch
4.1 Verlauf und Kriterien einer Explikation
4.2 Der Erfahrungsbegriff der Erziehung nach Josef Dolch – Versuch einer Explikation
5. Die Bedeutung der Erziehung im übertragenen Sinne
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, den Aufsatz "Der Erfahrungsbegriff der Erziehung – Versuch einer Explikation" von Josef Dolch kritisch zu analysieren und den darin entwickelten Wesenskern von Erziehung darzulegen, um darauf aufbauend den übertragenen Sinn erzieherischer Handlungen zu diskutieren.
- Analyse des Begriffs Erziehung und der Problematik seiner Definition.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Erziehungsdefinition von Tuiskon Ziller.
- Erläuterung der Methode der Explikation nach dem modernen Empirismus.
- Systematische Herleitung des Erziehungsbegriffs nach Josef Dolch.
- Diskussion der Bedeutung von Erziehung im gesellschaftlichen Kontext und der pädagogischen Verantwortung.
Auszug aus dem Buch
3.2 Dolchs Kritik an Zillers Definition der Erziehung
Wie äußert sich nun Dolch zu den Ausführungen Zillers? Unter dem Gesichtspunkt einer empirischen Orientierung interessiert ihn zunächst die denkmethodische Seite der Ausführungen. Da Ziller der Meinung ist, dass jedes einzelne der Merkmale "auf Täuschung beruhen" könnte, bezeichnet er seine Definition als Nominaldefinition und nicht als Realdefinition, denn bei einer solchen müssten alle einzelnen Merkmale gültig sein. Dolch aber stellt fest, dass Zillers Definition nach dem heutigen Verständnis auch keine Nominaldefinition sein kann, da "Erziehung" ja kein neuer Ausdruck ist, dem eine bestimmte Bedeutung verliehen wird. Auch handelt es sich bei Zillers Vorgehen um keine Bedeutungsanalyse, da er auf die Grundbedeutung von "ziehen" bzw. "er-ziehen" gar nicht eingeht. Und genauso wenig liegt eine empirische Analyse vor, denn obwohl Ziller die ganze Zeit von Erfahrung spricht, übersieht er sehr wichtige Tatbestände des Erziehungsfeldes und lehnt einige sogar ab.
So ist beispielsweise für ihn der Erzieher immer nur Lehrer oder Seelsorger, die Eltern aber, das "Urphänomen der Erziehung", werden völlig außer Acht gelassen. Die einzelnen Erfahrungsmerkmale Zillers bewertet Dolch folgendermaßen:
1.) Zum ersten Merkmal – dass die Erfahrung sage, Erziehung findet nur bei Menschen statt – bemerkt Dolch, dass diese Einschränkung mit den von Ziller gelieferten Begründungen nicht unmittelbar einleuchtet. Denn zur Erziehung gehören auch "Gewöhnungen", d.h. Menschen, die erzogen werden, müssen sich an Vieles gewöhnen. Zu Recht kommentiert Dolch, dass die Erfahrung nicht Aufschluss darüber geben kann, ob sich Pflanzen und Tiere nicht auch gewöhnen müssen. Dass Ziller die Gewöhnung nicht in den Erfahrungsbegriff der Erziehung einbezieht, geht – so Dolch – auf eine theoretisch verstellte Sicht des Herbartianers zurück.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Aufsatzes von Josef Dolch und Erläuterung des Vorhabens, den Wesenskern von Erziehung zu analysieren.
2. Der Begriff "Erziehung": Untersuchung der allgemeinen Schwierigkeit, den Begriff "Erziehung" aufgrund seiner Vielschichtigkeit und des Mangels an eindeutigen Definitionen zu fassen.
3. Der Erfahrungsbegriff der Erziehung nach Tuiskon Ziller: Vorstellung von Zillers historischem Erziehungsbegriff sowie die kritische Gegenüberstellung durch Josef Dolch.
3.1 Zillers Definition der Erziehung: Darstellung der sechs von Ziller postulierten Erfahrungsmerkmale der Erziehung.
3.2 Dolchs Kritik an Zillers Definition der Erziehung: Analyse der methodischen Schwachstellen in Zillers Definition aus Sicht von Josef Dolch.
4. Erziehung nach Dolch: Hinführung zum eigenen erziehungswissenschaftlichen Ansatz von Dolch.
4.1 Verlauf und Kriterien einer Explikation: Erläuterung der Methode der Explikation nach wissenschaftlichen Kriterien des Empirismus.
4.2 Der Erfahrungsbegriff der Erziehung nach Josef Dolch – Versuch einer Explikation: Herleitung und Definition von Dolchs eigenem Erziehungsbegriff durch die Analyse von Sprachgebrauch und Merkmalen.
5. Die Bedeutung der Erziehung im übertragenen Sinne: Diskussion der gesellschaftlichen Relevanz von Erziehung und der Herausforderungen für Eltern und Pädagogen.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Reflexion über die Bedeutung einer reflektierten Erziehungspraxis.
Schlüsselwörter
Erziehung, Erziehungsbegriff, Josef Dolch, Tuiskon Ziller, Explikation, Empirismus, Pädagogik, Erziehungswissenschaft, Begriffsanalyse, Erziehungspraxis, Sozialisation, Zwischenmenschlichkeit, Bildungsgeschichte, Erziehungsziel, Verantwortung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Aufsatz "Der Erfahrungsbegriff der Erziehung – Versuch einer Explikation" von Josef Dolch, um ein tieferes Verständnis für den Wesenskern von Erziehung zu gewinnen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Begriffsbestimmung von Erziehung, die methodische Vorgehensweise der Explikation und die Unterscheidung zwischen Erziehung im wörtlichen und übertragenen Sinn.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den Begriff Erziehung durch eine kritische Auseinandersetzung mit historischen Definitionen und modernen empirischen Standards wissenschaftlich präziser zu explizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die Methode der Explikation verwendet, die nach Rudolf Carnap das Ersetzen eines intuitiven Begriffs durch einen strengen, präzisierten Begriff zur Verbesserung der wissenschaftlichen Diskussion zum Ziel hat.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die kritische Analyse von Tuiskon Zillers Erziehungsdefinition, die Erläuterung der Explikationskriterien und die detaillierte Darlegung von Josef Dolchs eigenem Erziehungsmodell.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe Erziehung, Explikation, Empirismus, Begriffsanalyse und Erziehungswissenschaft.
Warum lehnt Dolch Zillers Definition teilweise ab?
Dolch kritisiert Ziller vor allem aufgrund einer "theoretisch verstellten Sicht" und weil Ziller wichtige Aspekte der Erziehung wie etwa den Einfluss der Eltern oder die Rolle der Gewöhnung vernachlässigt.
Wie definiert Dolch Erziehung nach seiner Analyse?
Dolch fasst zusammen: "Erziehung heißen wir zwischenmenschliche Einwirkungen dann und insoweit, als durch sie eine mehr oder minder dauernde Verbesserung fremden oder eigenen Verhaltens und Handelns beabsichtigt oder erreicht wird."
Was bedeutet das Phänomen der "Mitbetroffenheit" in Dolchs Theorie?
Mitbetroffenheit beschreibt, dass erzieherische Einwirkungen nicht nur die direkt intendierte Person erreichen, sondern oft auch unbeteiligte Dritte in der Umgebung beeinflussen, was zur uralten Erfahrungsweisheit der Erziehung gehört.
- Citation du texte
- Jasmina Murad (Auteur), 2005, Der Erfahrungsbegriff der Erziehung nach Josef Dolch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61332