Fäkalmotivik im Nürnberger Fastnachtspiel


Hausarbeit, 2002

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Fäkalmotivik im Nürnberger Fastnachtspiel – eine Definition

2. Erscheinungsformen der Fäkalmotivik
2.1 Der fäkalische Wortschatz
2.1.1 Urin und Urinieren
2.1.2 Darmentleerung und Kot
2.1.3 Darmwind
2.1.4 Gesäß und After
2.2 Eigennamen fäkalischer Bedeutung
2.3 Das dargestellte Verhalten

3. Wirkungsmechanismen - Ekel oder Komik?
3.1 Ekel
3.2 Komik
3.2.1 Komik der Maßlosigkeit und des Tabubruchs
3.2.2 Komik der verbalen Beschreibung
3.2.3 Komik der Darstellungsmittel

4. Schlußbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Fäkalmotivik im Nürnberger Fastnachtspiel – eine Definition

Das Nürnberger Fastnachtspiel des 15. und 16. Jahrhunderts vereint eine Fülle verschiedener Motivgruppen. Neben Sexualmotiven sticht die Fäkalmotivik besonders ins Auge. Für die sich anschließende Betrachtung ist eine Definition dessen, welche Phänomene der Begriff der Fäkalmotivik in sich birgt, unumgänglich. Festzustellen ist darum zunächst, daß der erste Wortbestandteil sich ableitet von dem der Fäkalien als - medizinisch gesehen - „der von Menschen u. Tieren ausgeschiedene Kot und Harn“[1]. Erweitert man die Definition um diejenigen Dinge und Vorgänge, welche mit diesen Ausscheidungen einhergehen, so erhält man zum einen ein größeres Spektrum an Motivbestandteilen, zum anderen darf hier auch das Argument gelten, jene seien – im übertragenen Sinne - untrennbar damit verbunden. Daß diese Materie in verschiedener Hinsicht als Motiv zu dienen vermag, kann kaum bestritten werden, sehr wohl jedoch stellt sich die Frage, welche Wirkungen jene hervorrufen und insbesondere, welche sie beim Publikum hervorriefen. Dabei von heutigem Moralempfinden, so dieses überhaupt allgemeingültig formuliert werden kann, auszugehen, muß in soweit in die Irre führen, als es nur wenige Belege für das den Fastnachtspielen zeitgenössische gibt. Aus diesen schließlich herauslesen zu wollen, welche Reaktionen speziell auf die Präsentation der fäkalischen Motive folgten, muß als vermessen gelten.

Dennoch lohnt sich gewiß eine Beschäftigung gerade mit der Fäkalmotivik im Nürnberger Fastnachtspiel, zumal sie nebst sexuellen Anspielungen als eines der wichtigsten Elemente dieser Aufführungsform gilt, ob sie nun Ekel und Entrüstung[2] bewirkte oder der Belustigung diente.

2. Erscheinungsformen des Fäkalmotivik

2.1 Der fäkalische Wortschatz

Die Fülle an Begriffen, mit denen im Fastnachtspiel die Ausscheidungsfunktionen des meist menschlichen Körpers und die daran beteiligten Organe zum Ausdruck gebracht werden, läßt sich zumindest grob kategorisieren[3]. Im folgenden wird eine Unterteilung analog der in den Texten erscheinenden Wortfelder vorgenommen. Im späteren Verlauf der Arbeit wird auf deren Bedeutung und Wirkung eingegangen werden.

2.1.1 Urin und Urinieren

In eher spärlichem Maße in Fastnachtspielen zu finden sind Ausdrücke für den Urin und das Urinieren. Ihre Verwendung ist im wesentlichen auf Arztspiele beschränkt, in deren Verlauf teils die Entstehung des „brunn“, „seich“, „harn“, der „lauge“[4] oder schlicht des „wasser“ ins Lächerliche gezogen wird oder das flüssige Ausscheidungsprodukt selbst etwa wie im „Arztspiel“ von Rosenplüt[5] oder der „Erziehung des bösen Weibes“ von Ayrer[6] als Grundlage einer medizinischen Diagnoseerhebung dient. Darüber hinaus lassen sich auch Szenerien außerhalb des Arztspiels ausfindig machen, in denen der Beteiligte so „wol gelacht,/ Das [ihm das] hertz in der plasen kracht“[7] – unter physiologischen Gesichtspunkten eine nur allzu menschliche Reaktion.

2.1.2 Darmentleerung und Kot

Deutlich häufiger als das des Urinierens und mit besonderer Vorliebe in den Arztspielen wird das Motiv der Defäkation und ihres Ergebnisses gebraucht. Nicht selten steht es dabei im Zusammenhang mit vorangehender maßloser Völlerei und erscheint als deren ebenso unmäßige Auswirkung[8]. Ausgesprochen anschaulich werden auch Diarrhöe und Verstopfung beschrieben, jedoch nur selten, ohne deren Gründe oder entsprechende Möglichkeiten zur Abhilfe zu nennen

„Die kranckheyt, die in hat besesen,

die hat er an eym seusack gessen,

Der schwecht in unden und krenckt in oben.

Hayß sich in hinder dy scheurn geloben

Mit zweyen pfunt kotz, so wird im pas,

Und hayß in wol auß lern sein kotfaz!“

Hans Rosenplüt, Das Arztspiel, V.29-34[9]

oder zumindest doch zu warnen

„Wolt yr lang leben und seyt weiz,

So hutt euch vor ungesotner speiz

Und hutt euch vor pier, es sey frau oder man,

Man trinckt nun jarlast dy scheyssen daran!“

Hans Rosenplüt, Das Arztspiel, V.99-102[10].

Die hier genannte Darmentleerung wird in den meisten Fällen unter Nutzung des Verbs „scheissen“ zum Ausdruck gebracht, so beispielsweise in „Sie, schies nur nidr [...]“[11] oder „Ein hauffen, solt ir wissen,/ Auff meinen Mist geschissen“[12], aber auch in der Formulierung „ein ay“[13] legen oder ausbrüten. Dies Verb erscheint auch dienlich zur Beschreibung der Selbstverschmutzung mit Kot oder des Beschmierens anderer mit dem Exkrement[14] aber auch schon im heute gebräuchlichen übertragenen Sinne „bescheiss“, „beschyss“ oder „beschissen“ als Synonym für „Betrug“, „betrügen“ oder „betrogen“. Dem Substantiv „scheisse“ im Fastnachtspiel gleichbedeutend sind darüber hinaus Worte wie „kot“[15], „hauffen“[16], „dreck“[17], „scheyß man“[18], „leutzdreck“und „merdrum“[19].

[...]


[1] Inhaltlich übereinstimmend sind hier beispielhaft zu nennen: Duden Fremdwörterbuch, S. 244 und diverse Lexika wie Der große Brockhaus

[2] Vgl. auch Ludwig Marcuse: Obszön. Geschichte einer Entrüstung. München: Paul List Verlag 1962.

[3] Hier wird eine Unterscheidung vorgenommen in Anlehnung an Müller, Schwert und Scheide, S. 195-212.

[4] Hans Folz, Bauernspiel, V.34, in: Thomke, S. 46.

[5] Vgl. Hans Rosenplüt, Das Arztspiel, in: Fastnachtspiele des 15. und 16. Jahrhunderts (im Folgenden unter der Abkürzung ,Fnsp’ gebraucht), S. 8-12.

[6] Jakob Ayrer, Die Erziehung des bösen Weibes, V.116 ff, in: Fnsp, S. 294.

[7] Hans Folz, Die Bauernheirat, V.109 f, in: Fnsp, S. 47.

[8] Zum Zusammenhang zwischen Völlerei und Darmentleerung vgl. Merkel, S. 192 ff.

[9] In: Fnsp, S. 9.

[10] Ebd., S. 12.

[11] Hans Sachs, Der Neidhart mit dem Veilchen (im weiteren Verlauf der Arbeit mit der Kurzform ,Neidhart’ benannt), V.109, in: Fnsp, S. 241.

[12] Jakob Ayrer, Die Erziehung des bösen Weibes, V. 255-256, in: Fnsp S. 299.

[13] Beispiele vgl. Hans Sachs, Neidhart, V.118, in: Fnsp, S. 242 und

Merkel, S. 196.

[14] Exemplarische Nennungen bei Müller, S. 200.

[15] U.a. im Kompositum „kotfaz“ als Synonym für den Darm bei Hans Rosenplüt, Das Arztspiel, V.34, in: Fnsp, S. 9

[16] Vgl. Fußnote 7.

[17] Z.B. bei Hans Folz, Das Spiel von dem König Salomon und dem Bauern Markolf (im weiteren Text abgekürzt als ,Salomon und Markolf’), V.98, in: Fnsp, S. 63.

[18] Ebd., V. 428, in: Fnsp, S. 80.

[19] Beispielsweise bei Hans Sachs, Neidhart, V.121a und V. 148, in: Fnsp, S. 242-243.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Fäkalmotivik im Nürnberger Fastnachtspiel
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Fastnachtspiele des 15. und 16. Jahrhunderts
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V61474
ISBN (eBook)
9783638549295
ISBN (Buch)
9783640328109
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fäkalmotivik, Nürnberger, Fastnachtspiel, Fastnachtspiele, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Constanze Kunze, geb. Martin (Autor), 2002, Fäkalmotivik im Nürnberger Fastnachtspiel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61474

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