Das erste Buch der Bibel heißt im Hebräischen bere´sit nach dem ersten Wort des Buches, „am Anfang“. Das Buch handelt also vom Anfang, jedoch nicht vom Anfang von irgendetwas Speziellem, sondern vom Anfang schlechthin. Alles hat mit Gott angefangen. Der Name Genesis entstammt der griechischen Bibelübersetzung, der LXX.
Die Genesis ist in drei Teile gegliedert: die Urgeschichte, die in den Kapiteln 1-11 von den Anfängen von Welt und Menschheit erzählt; die Erzelternsagen, die in den Kapiteln 12-36 und 38 von den Anfängen der menschlichen Gemeinschaft erzählt; und die Josephsgeschichte, Kapitel 37, 39-48, 50.
Die Geschichten sind in einem langen Wachstumsprozess in zwei Stadien, einem mündlichen und einem schriftlichen, entstanden. Dabei sind in beiden Stadien viele Stimmen zusammen gekommen. Für die schriftliche Phase ist im Allgemeinen anerkannt, dass die Urgeschichte Genesis 1-11 die Zusammenarbeit zweier schriftlicher Werke, des älteren „Jahwisten“ (J, 10.-9. Jahrhundert) und der jüngeren „Priesterschrift“ (P, 6.-5. Jahrhundert) ist. Doch die Geschichten haben als Erzählungen schon Jahrzehnte und Jahrhunderte gelebt, bevor sie aufgeschrieben wurden. Sie waren Bestandteil des Lebens, des Denkens, der Kultur und des Gottesglaubens des Volkes Israel und seiner Vorfahren.
Entgegen der Vorstellung eines geschichtlichen Charakters der biblischen Erzählungen besteht die Urgeschichte zu einem großen Teil aus Mythen und die Forschung hat eine große Menge an religionsgeschichtlichen Parallelen, besonders mit den Religionen des Nahen Orient, festgestellt. Diese Mythen beschäftigen sich mit demselben Gegenstand, mit dem Ursprung des Weltalls und der Menschheit. Dabei geht es nicht so sehr darum, auf intellektuelle Weise zu erklären, warum gewisse Dinge in bestimmter Art und Weise entstanden und geschehen sind, sondern die Texte kümmern sich in erster Linie um die Sicherung und den Erhalt des Bestehenden. Die Frage nach der Existenz ist der nach der Herkunft vorgeordnet, was sich auch in der häufigen Verbindung von Mythos und ritueller Handlung, bzw. rituellen Vorschriften zeigt. Diese ursprüngliche Funktion der Schöpfungs- und Entstehungsmythen macht die weltweite Verbreitung verständlich und man muss auch von daher verstehen, dass eine ganze Reihe von Motiven, so z.B. das Bilden des ersten Menschen aus Lehm, sehr weit verbreitet sind.
Inhalt
A. Einleitung
B. Typen des Redens von Schöpfer und Schöpfung
I. Schöpfung des Ganzen und Schöpfung eines Einzelnen
II. Schöpfung und Entstehung
III. Die Arten des Schaffens
1) Schöpfung durch Geburt bzw. Geburtenfolge
2) Schöpfung auf Grund eines Kampfes oder Sieges
3) Schöpfung durch ein Handeln oder Wirken
4) Schöpfung durch das Wort
5) Das Ruhen des Schöpfers
C. Abschließendes
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, basierend auf den Ansätzen von Claus Westermann, die Vielfalt der Schöpfungserzählungen in der Religionsgeschichte und ihr Verhältnis zu den Berichten in der biblischen Genesis, um aufzuzeigen, wie das Reden von der Erschaffung der Welt und des Menschen kulturübergreifend verankert ist.
- Religionsgeschichtliche Einordnung der biblischen Urgeschichte.
- Unterscheidung zwischen der Schöpfung des Ganzen und der Schöpfung des Einzelnen.
- Analyse der verschiedenen Schöpfungstypen (Geburt, Kampf, Wirken, Wort).
- Die Funktion und Bedeutung des Ruhens des Schöpfers.
- Vergleich biblischer Motive mit außerbiblischen Mythen des Nahen Ostens.
Auszug aus dem Buch
2) Schöpfung aufgrund eines Kampfes oder Sieges
Der Kampf Marduks mit Tiamat, der im babylonischen Epos Enuma Elisch der Weltschöpfung vorausgeht, ist wohl das Beispiel für die Darstellungsweise der Schöpfung auf Grund eines Kampfes oder Sieges, als Folge oder Auswirkung des Sieges eines Gottes über einen anderen Gott bzw. ein Chaosungeheuer, die dem Alten Testament am nächsten steht. Marduk tötet Tiamat uns spaltet den Leichnam in zwei Teile. Er stellt die eine Hälfte wie ein Dach auf, das fortan den Himmel bildet. Der Text zeigt nicht eindeutig, dass er aus der anderen Hälfte die Erde macht, doch ist dies anzunehmen. Es folgt die Erschaffung der Gestirne und der Menschen.
In den sumerischen Mythen ist, wie auch in Ugarit, die Darstellung der aus einem Kampf entstandenen oder durch einen Kampf begründeten Schöpfung nicht zu finden, diese Form gehörte also ursprünglich nicht zusammen. Erst in Babylon erfolgte die Zusammenfügung von Götterkampf (Chaoskampf) und Schöpfung.
Diese Darstellung findet ihren Widerhall in Genesis 1,2 nur als ferne und blasse Erinnerung, die Ausscheidung des Chaoskampfes aus dem Schöpfungsvorgang durch P bedeutet gegenüber der Darstellung in Enuma Elisch eine grundlegende Abwandlung in Form eines Zurückgehens auf eine frühere Stufe der Tradition.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Buch Genesis ein, erläutert dessen Struktur sowie die Entstehungsgeschichte der Erzählungen und benennt die Zielsetzung der Arbeit, die Motive der Schöpfung vergleichend zu betrachten.
B. Typen des Redens von Schöpfer und Schöpfung: Hier werden grundlegende Unterscheidungen nach Westermann eingeführt, insbesondere die Differenzierung zwischen der Schöpfung des Ganzen und der Schöpfung eines Einzelnen sowie der Übergang von Entstehungsmythen zu Schöpfungsmythen.
I. Schöpfung des Ganzen und Schöpfung eines Einzelnen: Dieses Kapitel analysiert die Unterscheidung zwischen der Erschaffung der Welt als Ganzes und der spezifischen Einzelschöpfung, wobei letztere oft eine ältere Traditionsstufe repräsentiert.
II. Schöpfung und Entstehung: Das Kapitel beleuchtet den fließenden Übergang und die Koexistenz von Entstehungs- und Schöpfungsvorstellungen, wobei das personale Element des Schöpfergottes hervorgehoben wird.
III. Die Arten des Schaffens: Hier werden die vier Haupttypen des Schöpfungsvorgangs – Geburt, Kampf, Handeln/Wirken und Wort – sowie das Ruhen des Schöpfers detailliert in ihrem religionsgeschichtlichen Kontext analysiert.
C. Abschließendes: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert kurz das Verhältnis der biblischen Berichte zu modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.
Schlüsselwörter
Genesis, Schöpfung, Urgeschichte, Religionsgeschichte, Naher Osten, Westermann, Enuma Elisch, Mythen, Jahwist, Priesterschrift, Chaoskampf, Menschenschöpfung, Kosmogonie, Sabbat, Entmythisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Konzepte der Weltschöpfung und Menschenschöpfung in der Bibel im Vergleich zu den religionsgeschichtlichen Traditionen des Nahen Ostens.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Einordnung der Genesis-Erzählungen in einen längeren Traditionsbildungsprozess, der Vergleich mit babylonischen und ägyptischen Mythen sowie die Typologie der Schöpfungsdarstellungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, einen Überblick darüber zu geben, wie sich das Reden von der Erschaffung der Welt und des Menschen über verschiedene Zeiten und Kulturen hinweg erstreckt und welche Parallelen sowie Unterschiede zum biblischen Text bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert im Wesentlichen auf einer komparativen Analyse, die sich an den theoretischen Unterscheidungen von Claus Westermann orientiert, um Typologien des Schöpfungsredens zu erarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Gegenständen der Schöpfung (Ganzes vs. Einzelnes) sowie in die detaillierte Klassifikation der Schöpfungsarten wie Geburt, Kampf, Wirken und Wort.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Schöpfungsmythos, Genesis, Religionsgeschichte, Entmythisierung und die verschiedenen Traditionen (Jahwist/Priesterschrift) charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die biblische Schöpfung von babylonischen Mythen?
Ein wesentlicher Unterschied liegt im Prozess der Entmythisierung, bei dem der biblische Gott nicht innerhalb eines Götterpanheons agiert, sondern als eine einzige Gottheit die Schöpfung verantwortet.
Welche Rolle spielt die Trennung von Himmel und Erde in der Untersuchung?
Das Motiv der Trennung wird als eine grundlegende, in vielen Kulturen verbreitete Schöpfungsdarstellung identifiziert, die ursprünglich eigenständig war und erst sekundär mit anderen Motiven wie dem Chaoskampf verbunden wurde.
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- Felix Denschlag (Author), 2004, Weltschöpfung und Menschenschöpfung in der Religionsgeschichte und in der Genesis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61527