Zum Situationsbegriff bei Hans Lipps


Hausarbeit, 2006

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hans Lipps geistige Basis

3. Das Wort

4. Konzeptionen

5. Der Begriff

6. Situation und Wirklichkeit

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Den am 22. 11. 1889 im sächsischen Pirna geborenen Hans Lipps mitsamt seiner Werke kennt heute wohl kaum noch jemand. Er scheint vollkommen in Vergessenheit geraten zu sein und das, obwohl er eine notwendige Weiterentwicklung der „klassischen“ Existenzphilosophie1 auslöste. Sein Œuvre wurde nennenswert im Grunde nur von Otto Friedrich Bollnow in verschiedenen Aufsätzen und von Joachim Hahn aufgearbeitet.

Seine bekanntesten Werke sind unumstritten „ Untersuchungen zur Phänomenologie der Erkenntnis “ und „ Untersuchungen zu einer hermeneutischen Logik “ von 1938, auf welches sich im Folgenden größtenteils bezogen werden wird.

Untersucht wird hier unter einem logisch-sprachphilosophischen Blick, der Anteil des Logischen in der menschlichen Rede und man versucht diesen sichtbar zu machen. Lipps geht hierbei von den existentialistischen Grundlagen seiner Vorgänger aus und übernimmt auch direkt diverse Anschauungen dieser, um so dem Existentialismus neue Wege zu eröffnen, was fast soweit führt, sich in seiner Auffassung von Wirklichkeit Simone de Beauvoir anzunähern:

„ Solche Macht hatte sie [Françoise] : ihre Gegenwart rißdie Dinge aus ihrem Nichtsein heraus, gab ihnen Farbe und Duft. “ 2

Lipps beschreibt in seinem Werk, dass der ins Dasein geworfene Mensch die Welt begreifen muss, um in ihr wahrhaft existieren zu können. Begreifen meint hier ein in-Sprache-fassen der Dinge, die einen umgeben. Man greift nach Worten aus bestimmten Situationen und in bestimmten Lagen, um ein Stück Wirklichkeit zu fassen.

Wie sieht seine Wirklichkeit aus? Was sind Situationen, was dagegen Lagen? Diese Fragen sollen unter Betrachtung Lipps „ Untersuchungen zu einer hermeneutischen Logik “ eine Klärung finden.

2. Hans Lipps geistige Basis

Um Lipps besser nachvollziehen zu können, lohnt es, sich kurz mit seinem Leben, das ihn tief prägte, auseinander zusetzen.

Geboren wurde er im sächsischen Pirna und besuchte später in Dresden die Schule. Nach seinem Schulbesuch entschied er sich hier für ein Studium der Architektur, was er jedoch bald gegen ein Medizinstudium eintauschte. Später folgte noch Philosophiestudium in Göttingen. Mit der Arbeit „Ü ber Strukturveränderungen von Pflanzen in geändertem Medium “ erhielt er einen Dr. phil. und 1919 promovierte er in Göttingen mit einer pharmakologischer Arbeit zum Dr. med. und folgte schließlich einem Ruf der Universität nach Frankfurt am Main.

Sein Philosophiestudium 1911-1914 absolvierte er in Göttingen bei Husserl und Reinach, die ihn nachhaltig beeinflussten und 1921, bei seiner Habilitation, lernte er den Mathematiker R. Courant kennen, wodurch er Kontakt zur Dilthey-Schule erhielt3.

Lipps lebte zwischen beiden Weltkriegen, erlebte diese mit und fiel am 10. 09. 1941 als Regimentsarzt in Russland. In der Kunst bildete sich zeitgleich die Avantgarde 4 aus, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, gegen ein gesellschaftlich erstarrtes wilhelminischen Deutschland „der Väter“ zu protestieren und ein „neues Menschenbild“ für die schnelllebige Welt der Stadt zu kreieren. Das pulsive Leben jener Zeit, welches seine Zäsur vor allem im ersten Weltkrieg fand, bildete ganz eigene sprachliche Besonderheiten heraus, die sich auch bei Lipps finden lassen.

So verwendet er einen ausgesprochenen „Sekundenstil“. Er setzt logisch nicht zwingend voneinander abhängige kurze Hauptsätze nebeneinander, was dem parataktischen Simultanstil seiner Zeit ähnelt, aber das Verständnis seiner Texte auf den ersten Blick nicht unbedingt erleichtert5.

Im Sinne Kierkegaards, der sich, neben Nietzsche, ja als den Grundsteinleger des Existentialismus bezeichnen lässt, geht Lipps davon aus, dass es für den Menschen, der ja immer in fortlaufender Zeit und an einem bestimmten Raum gebunden lebt, keine kontinuierliche Wahrheit, ja Wirklichkeit gibt. Kierkegaard verstand den Menschen als „ Synthese von Unendlichkeit und Endlichkeit, von Zeitlichem und Ewigem [...] “ 6, der im Einklang mit dem Göttlichen zu sich selbst findet. Nietzsche hingegen rief den „Tod Gottes“7 aus, an dessen Stelle um die Jahrhundertwende nun das selbstbestimmte Subjekt, welches autonom „selbstwerden“ müsse oder bei Kierkegaard „selbst sein [will]“8, tritt. Das Individuum, das einfach nackt und stets allein ins Dasein geworfen9 wird und sich einzig selbst helfen kann.

Lipps übernimmt ebenfalls die Kritik am Versuch, sich 'Sicherheit' zu schaffen. Nach den Erfahrungen des Krieges, die ihm als „ als Geschehen urspr ü nglicher als der Frieden “ 10 erscheinen, eben weil er ein Zusammenbruch jeglicher geborgenheitgebender Ordnungssysteme bedeutet, kann er klar formulieren: „ Es gibt keine Sicherheit “ 11 und somit sind alle Bemühungen des biederen Bürgertums nur Selbsttäuschung, die es aufzuheben gilt. Diese Ansicht erinnert an Kierkegaards Überlegungen zur „ Verzweifelten Unwissenheit dar ü ber, ein Selbst zu haben “ 12 . Dieser Abschnitt ist denen gewidmet, die im „Keller“ leben und dort vollkommen unreflektiert nicht zu sich selbst finden können, da es ihnen gelingt, sich mit einer 'bürgerlichen Scheinsicherheit' abzulenken. Kierkegaard wertet dieses Lebensstadium enorm ab, da er es als dahinvegetieren abtut. Man lebt quasi am wahren Auftrag des Lebens vorbei und so kann auch Lipps der 'bürgerlichen Scheinsicherheit' nur Verachtung entgegenbringen und wendet sich statt dessen lieber den Spielernaturen zu, die das „Wagnishafte des Lebens“ begriffen haben.13

Der Krieg erzeugte in ihm ein Misstrauen gegen das gefühlvolle oder pathetische Wort als solches, vermutlich auf Grund der enormen Propaganda, vor allem des ersten Weltkrieges, in welchem eine Art Massenbegeisterung in der Bevölkerung ausgelöst wurde, die bald in Schrecken und Entsetzen über die wahren Ausmaße des Krieges umschlug. Im Prinzip musste Lipps unwillkürlich beginnen, Sprachphilosophie zu betreiben, um zurück zum ursprünglichen Sinn der Worte zu gelangen. Grundlegend für sein Vorgehen ist die Distanzierung von der Sprache der Wissenschaft.

Sachlich-wissenschaftliche Betrachtung bedeutet für ihn, ein Objekt in einen Rahmen, also einer bestimmten Fragestellung, einzuspannen und die Fragestellung dann mit Hilfe von logischen, empirisch konstruierten Modellen abzuhandeln. Die Ergebnisse lassen sich dann auch in ein geschlossenes System bringen, sind also ein in-sich-schlüssiger Gedanke. Zur Betrachtung des Menschen scheint Lipps diese Sachlichkeit als ungeeignet, da ein konstruiertes Modell den Menschen im Prinzip aus Raum und Zeit herauslöst und eben gleichfalls in einen bestimmten Rahmen zu spannen sucht und so niemals die Ganzheit der Menschlichkeit zu ergründen ist. Dazu gesellt sich natürlich die Frage, ob eben ein Subjekt sich selbst zum Objekt machen kann, sich also tatsächlich selbst analysieren und beobachten kann, ohne immer nur auf kleine Teile begrenzt zu bleiben?

Die Abkehr vom rein naturwissenschaftlichen Denken erfolgt ganz in der Tradition der Phänomenologie.14

Die Aufgabe der Philosophie besteht nun darin, die Dinge zu nehmen, wie sie sind, ohne sie naturwissenschaftlich zu abstrahieren. Sie ist in „Spannung gegen die natürliche Praxis“15, denn sie steht den Dingen der Welt einfach und unmittelbar gegenüber. Um zum Ursprünglichen der Sprache zu kommen, muss sie alle verdeckenden, vom Menschen darüber gebreiteten Schichten durchstoßen.

Und so setzte er einem idealisierenden Menschenbilde vor und während des Krieges einen realistischen Blick auf ein gleichermaßen leiblich wie auch seelisches Wesen entgegen, der ein Vordringen durch alle Verdeckungen zum letztlich entscheidenden menschlichen Kern ermöglichen sollte.

Seine „Art zu denken“ ist im Großen und Ganzen durch drei wesentliche Einflüsse bestimmt wurden. So weiß er über die Vorgehensweise der Naturwissenschaften durch seinen Blick auf den Menschen als praktizierender Arzt und die Kenntnisse, die er während seines Studiums in den anderen Naturwissenschaften errungen hat. Des weiteren hatten seine Studien zur Phänomenologie einen bereits angeführten Einfluss, sowie natürlich sein persönliches Bekenntnis zum Existentialismus.

3. Das Wort

Das einzige Werkzeug, das der Philosophie bei ihren Analysen zur Verfügung steht, ist das menschliche „Wort“. Wie der Titel „Untersuchungen zu einer hermeneutischen Logik“ bereits andeutet, widmet sich Lipps hier genau diesem „Werkzeug“ der Philosophie. Da der Mensch als seelisch-leibliche Einheit verstanden, nicht unendlich ist oder gar kontinuierlich auf einem Platz verharrt, kann die Sprache dies im Grunde auch nicht, denn sie ist so an den Menschen gebunden, dass klar ist, sie ist lebendig. Diese Naturgegebenheit spiegelt sich nun auch in den Wortbedeutungen wider.

Sprache erhält bei Lipps ihren eigentlichen Sinn erst in Situationen. Der Mensch versucht sich in seinem nach existentiellen Kriterien einsamen, aber autonomen, ungeborgenen und unsicherem Dasein Orientierung zu verschaffen und das einzige Mittel, das ihm hierfür zur Verfügung steht, ist die Sprache, die seine Gedanken ordnet und so in gewisser Weise auch seine Realität erzeugt. Er befindet sich in immer wieder anderen Situationen, die es zu bewältigen gilt, da seine Aufgabe im Leben ist, „ durchzuhalten “ . Er kann sich nur gegen die Welt, das Schicksal und seine Mitmenschen behaupten, indem er eine „ Haltung “ wahrt.

All die auf ihn einströmenden Einflüsse gilt es nun zu verarbeiten und hierbei hilft das Wort, in erster Linie das gesprochene.

Die Wortbedeutung ist flexibel, sie ist so offen, dass sie sich eigentlich erst in einer Situation ergibt. Diese Sprachtheorie steht völlig konträr zum allgemein verbreiteten bilateralen Zeichenmodell von de Saussure, in dem etwas Bezeichnendes immer auch für etwas Bezeichnetes steht. Im saussur'schen Modell gibt es für jedes Wort ein Pendant in der Welt, jedes Wort hat also eine Bedeutung, da es als Art 'Name' für etwas steht, das mit dem Nennen seiner Bezeichnung in der Vorstellungswelt aufgerufen wird. Lipps stellt dieses System in Frage, weil für ihn eine Wortbedeutung dem eigentlich Wort nicht innewohnt, sondern es erst durch das Zusammenspiel von Lage-Situation-Intention erhält.

„ Die Möglichkeit, dieses und jenes Ding als ein St ü ck Eisen zu kennzeichnen, beruht keineswegs darauf, dass zu dem Worte „ Eisen “ ein „ Begriff “ gehört, unter den dies und jenes als Gegenstandes fällt. “ 16

Der Mensch betrachtet seine Umwelt, er sieht einen Gegenstand, den es zu beschreiben gilt. Je nach dem, in welcher Lage der Mensch sich gerade zu dem Gegenstand befindet und wie die äußere Situation ihn aussehen lässt, wählt das passende Wort, ihm gerecht zu werden. Er greift hierbei auf ein ihm innewohnendes Vokabular zurück, doch ist seine Wahl eben keineswegs willkürlich. Das Wort ist so etwas wie eine Hohlform, die in den jeweiligen Situationen mit Inhalt gefüllt wird.

„ Jedes Wort wird aus einer Mitte gesprochen. Es gilt als abseitig, wenn dieser sein Sinn sich nicht deckt mit dem der Lage, in dem es gesprochen wird. Die Worte sind nur ein Mittel, etwas zu sagen oder auszudr ü cken. Sie treten nicht als Träger einer autonomen Bedeutung auf. “ 17

Die Lage eines Menschen bestimmt seinen Blick auf die Dinge. So erkennt der Mensch auf seinem lebenslangen Weg in Zeit und Raum die Dinge, denen im Gegensatz zu ihm selbst eine gewisse Unendlichkeit, eine Kontinuität oder Stabilität in Zeit und Raum eigen ist, immer nur zum Teil. Es ist als laufe er an mehreren Bergen vorbei und je nachdem an welcher Seite er vorbeigeht, kann er den Berg erkennen, aber eben nie den ganzen Berg, da er dazu an mehren Stellen, zur selben Zeit, also gleichzeitig, sein müsste. Er kann ein gewisses Ding demzufolge immer nur von einer einzigen Seite ansehen und verstehen. Dieses beschreibt wohl der Begriff der Lage. Wie liegt man zu etwas anderem im Verhältnis. Die Grammatik kennt hierfür Ausdrücke wie Präpositionen, Verhältnisworte, die das Verhältnis von zwei oder mehreren Dingen zu einander anzeigen. Aber ein absolutes Verhältnis ist nicht auszudrücken. Steht der Mensch 'vor' etwas, sieht er es von vorn, steht er 'neben' etwas kann er eine Seite betrachten oder er befindet sich 'hinter' etwas und sieht es demzufolge nur von hinten. Am Beispiel der Präpositionen ist gut zu erkennen, wie sich die Lage des Betrachters zu seinem Ding ändern kann und sich deswegen auch die sprachlichen Mittel ändern müssen, um zu ergreifen, was es zu ergreifen gilt. Die Worte sind in Bezug auf die Lage also relativ. Das gleiche Wort kann sich mit mehreren Bedeutungen füllen, je nach dem, von welchem Blickwinkel man es betrachtet.

Ein Gegenstand kann aber auch mit mehreren Worten bezeichnet werden, aus einer Situation heraus. Sie gibt an, welches Wort zu wählen ist. Hierbei spielt nicht nur die 'Position' eine Rolle, sondern eben eine gesamte Situation, die im Grunde die Lage mit einschließt.

Worte werden zielgerichtet, in einem nahezu lokalen Sinn, gewählt, also woraufhin und auch nach sprachinternen Kriterien, dem wie.

[...]


1 Vgl.: Schnellkurs Philosophie, S. 138-141.

2 Simone de Beauvoir, Sie kam und blieb, S. 7. 1

3 Vgl.: Otto Friedrich Bollnow, Hans Lipps, 2-4

4 Vgl.: Avantgarde und Moderne

5 Vgl.: Otto Friedrich Bollnow, Hans Lipps, S. 5.

6 Sören Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, S. 13.

7 Vgl.: Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, S. 127.

8 Vgl.: Sören Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, S. 14.

9 Vgl.: Gunnar Skirbekk und Nils Gilje, Geschichte der Philosophie, S. 862.

10 Otto Friedrich Bollnow, Hans Lipps, S. 4.

11 Ebd. 2

12 Sören Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, S. 41ff.

13 Otto Friedrich Bollnow, Hans Lipps, S. 5.

14 Gunnar Skirbekk und Nils Gilje, Geschichte der Philosophie, S. 855.

15 Hans Lipps, Untersuchungen zu einer hermeneutischen Logik., S. 22. 3

16 Hans Lipps, Phänomenologie der Erkenntnis, S. 25-26.

17 Hans Lipps, Untersuchungen zu einer hermeneutischen Logik, S. 72. 5

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zum Situationsbegriff bei Hans Lipps
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar Begriffsgeschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V61554
ISBN (eBook)
9783638549875
ISBN (Buch)
9783638792783
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Situationsbegriff, Hans, Lipps, Begriffsgeschichte, Sprachphilosophie;
Arbeit zitieren
Sina Schmidt (Autor), 2006, Zum Situationsbegriff bei Hans Lipps, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61554

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