Die Rolle der Irish Times für die irische Frauenbewegung


Zwischenprüfungsarbeit, 2005

32 Seiten, Note: bestanden


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Frauen in Irland
2.1 Die Frauenbewegung
2.1.1 Das Irish Women’s Liberation Movement

3. Feministische Themen in der Irish Times
3.1 Die Irish Times
3.2 Der traditionelle Frauenjournalismus
3.3 Die Entstehung der Women First
3.4 Die Themen der Women First
3.4. 1 Traditionelle Frauenthemen
3.4.2 Mutterschaft
3.4.3 Verhütung und Abtreibung
3.4.4 Nordirland
3.4.5 Die Frauenbewegung
3.5 Das Ende der Women First

4. Die funktionelle Beziehung des IWLM zur Irish Times
4.1 Soziale Bewegungen und Medien
4.1.1 Der Nutzen der Medien für die Bewegung
4.1.2 Der Nutzen der Bewegung für die Medien
4.2 Das IWLM und die Irish Times
4.2.1 Die Zusammenarbeit des IWLM mit der Irish Times
4.2.2 Wie das IWLM die Aufmerksamkeit der Medien gewinnt
4.2.3 Warum die Irish Times über das IWLM berichtete

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit setzt sich mit der Frauenbewegung in Irland und ihrer Verbindung zur Presse auseinander. In den 1970er Jahren bilden sich in der Republik erste feministische Vereinigungen, die stark mit den Medien zusammenarbeiten. Ich werde mich dabei auf eine spezielle Organisation und ein spezielles Medium beschränken. Ich möchte untersuchen, wie stark die feministische Bewegung Irish Women’s Liberation Movement (IWLM) mit der renommierten nationalen Tageszeitung The Irish Times zusammenarbeitet. Mein Fokus liegt dabei zunächst auf der inhaltlichen Ebene. Ich möchte zeigen, welche Themengebiete und Forderungen des IWLM die Irish Times aufgreift und wie sie dazu Stellung bezieht. Für diese Fragen ist die Ende der 60er Jahre eingeführte Women First, eine Seite der Irish Times speziell für Frauen, besonders wichtig.

Ich beschreibe in Punkt 2 zunächst die Situation der irischen Frauen zu der betrachteten Zeit, um anschließend die Forderungen und Ideale des IWLM dazu in Kontrast zu setzen. Ich zitiere in Kapitel 3 aus Artikeln der Irish Times und setze dann die Passagen in Zusammenhang mit dem Feminismus. Dabei gebe ich einen kurzen Überblick über die Geschichte der Zeitung (3.1) und die des Frauenjournalismus (3.2.1). Mein Schwerpunkt liegt auf den Inhalten insbesondere der Women First und deren Übereinstimmung mit der feministischen Ideologie (3.2.3).

Das vierte Kapitel untersucht die Beziehung der Irish Times zum IWLM auf eine theoretische Weise. Ich stelle zunächst eine Theorie zum Verhältnis von sozialen Bewegungen und Medien allgemein dar. Darauf folgt eine Prüfung dieser Theorie auf das hier betrachtete Beispiel IWLM und Irish Times. Dazu zeige ich, was die Literatur über das Verhältnis schreibt.

Später formuliere ich eigene Ansichten zu zwei Themengebieten. Von besonderem Interesse erscheint mir, eine Erklärung der starken Medienpräsenz des IWLM zu finden, wie sie in Kapitel 4.2 beschrieben wird. Dies zeige ich im Anschluss daran an einem Beispiel.

Die verwendete Literatur gibt an keiner Stelle eine genaue Auskunft darüber, aus welchem Motiv die Irish Times über das IWLM berichtet. Im allgemein gehaltenen Punkt 4.1 werden mögliche Motive für die Berichterstattung angeführt. Diese werde ich in Punkt 4.4 auf das hier betrachtete Beispiel prüfen und darüber hinaus eigene Überlegungen zu den Motiven äußern.

Abschließend fasse ich meine Ergebnisse in einem Fazit zusammen. Dort diskutiere ich auch Aspekte der Begrenztheit dieser Arbeit und gebe einen Ausblick auf mögliche weitere Forschungsgebiete.

‘If your girls do not obey you, […] lay the lash on their backs.

That was the good old system, that should be the system today.’

Father O’Doherty

(Hill 2003: 30)

2. Frauen in Irland

In den 1960er Jahren beginnt die Zeit in Irland, in der eine neue Mentalität aufkommt, die nach Veränderungen verlangt. Myrtle Hill beschreibt dies als: “a seemingly unstoppable demand for civil and sexual rights and disillusionment with political and religious institutions, challenges to the status quo were mounted with increasing determination.” (2003: 137) Dies zeigt sich vor allem bei den Frauen: “For many women, the time seemed ripe to claim ownership of their own bodies and control over their economic and political destinies.” (Hill 2003: 137)

Dieser Abschnitt zeigt, wogegen die Feministinnen der 70er Jahre ankämpfen und in welcher Lage sich die Irinnen vor den 70er Jahren befinden.

Schon seit 1861 ist Abtreibung - und sie ist es bis heute – verboten. (Connolly 2002: 242) 1935 untersagt die Regierung durch den Criminal Law Amendment Act, Verhütungsmittel aller Art in das Land einzuführen, sie zu bewerben oder zu verkaufen. (Connolly 2002: 237, 242) Zwei Jahre später wird die Ehescheidung per Gesetz verboten. Zudem wird die Rolle der Frau in der Verfassung festgelegt. Als wichtigste Aufgabe der Frau wird die der Hausfrau und Mutter formuliert:

Article 41.2.1

In particular the State recognises that by her life within the home, woman gives to the State a support without which the common good cannot be achieved.

Article 41.2.2

The State shall therefore, endeavour to ensure that mothers shall not be obliged by economic necessity to engage in labour to the neglect of their duties in the home. (zitiert nach Connolly 2002: 242)

Viele Frauen sind jedoch gezwungen, zu arbeiten: “Despite traditional ideology, many women had to engage in some kind of paid labour, whether to supplement other income, or to fully support the family.” (Hill 2003: 42) Oft arbeiten diese Frauen als Haushälterinnen für reichere Familien, helfen auf Bauernhöfen oder arbeiten in der Bekleidungsindustrie. (Hill 2003: 42ff) Die Arbeiterinnen sind oft schlechten Arbeitsbedingungen ausgesetzt und müssen zu niedrigen Löhnen arbeiten:

Wages for outworkers or homeworkers [...] were abysmally low [...]. The imposition of fines for lateness, the unhealthy working conditions in linen mills and frequent accidents caused by unprotected machinery [...] have been the focus of much comment by historians. (Hill 2003: 42f)

Die Bedeutung der Mutterrolle wird auch von der einflussreichen katholischen Kirche betont, doch nicht alle Kinder sind erwünscht. So schreibt Myrtle Hill: “Children were only welcomed when born within a union legalised by marriage. […] Illegitimacy was socially unacceptable.” (2003: 27ff) Dabei ist die Situation für Arbeiterinnen besonders schwierig: “Young serving women who were particularly vulnerable to sexual exploitation, would lose both home and job on becoming pregnant.” (Hill 2003: 29) Ohne Abtreibung und ohne Verhütungsmittel sehen viele Frauen nur eine Lösung darin, ihr Kind zu töten, um die Arbeitsstelle zu behalten und nicht völlig in die Armut abzurutschen. Myrtle Hill zitiert eine Gefängnisinsassin, die ihre Mithäftlinge beschreibt: “‘most were foolish working girls who had got into trouble and killed their little babies because life with them was impossible […].’” (2003: 29f)

Auch häusliche Gewalt in scheinbar intakten Familien ist ein unausgesprochenes Problem. (Hill 2003: 30) Die katholische Kirche steht hier klar auf Seiten der Männer und befürwortet sogar Gewalt gegen die Frauen in der Familie:

The Catholic Church’s emphasis on the need for girls to be disciplined was perhaps also pertinent; in 1925 Bishop O’Doherty of Galway advised fathers: ‘If your girls do not obey you, if they are not in at the hours appointed, lay the lash on their backs. That was the good old system, that should be the system today.’ (Hill 2003: 30)

Die Autorin geht davon aus, dass auch die Situation von alleinstehenden Frauen in Polititk und Gesellschaftsleben nicht ausreichend berücksichtigt wird, obwohl in Irland verhältnismäßig weit mehr Frauen zwischen 25 und 34 allein leben, als z.B. in England oder Wales. (2003: 31)

Ein öffentliches Bekenntnis zu den sexuellen Bedürfnissen der Frauen ist undenkbar, Themen wie Homosexualität ein noch größeres Tabu: “At a time when it was impossible to openly discuss female sexual identity in even a general way, it is difficult to estimate the extent to which lesbianism was a common experience among Irish women.” (Hill 2003: 32)

Allgemein muss nochmals die Bedeutung der katholischen Kirche für das Leben der meisten Irinnen und Iren hervogehoben warden: “For Catholics, confession, novenas, benedictions, retreats, stations of the cross, holy days and fast days were an integral part of daily life.” (Hill 2003: 38)

2.1 Die Frauenbewegung

Das Irish Women’s Liberation Movement (IWLM) ist nur eine der in den 70er Jahren entstandenen Bewegungen, die sich für die Rechte der Frauen einsetzt. 1972 formieren sich Action, Information, Motivation (AIM)[1] und Cherish[2], später kommen Irish Women United (IWU)[3] und die Contraception Action Campaign (CAP)[4] hinzu. Damit sind nur einige Frauenbewegungen genannt.

Diese Arbeit bezieht sich hauptsächlich auf das IWLM. Ich beziehe mich teilweise auch auf Ereignisse, die bereits nach der Auflösung des IWLM stattfinden. In meinen Augen führen diese die Taktiken des IWLM fort und stehen damit in der Tradition der Bewegung. Ich konzentriere mich auf das IWLM, da es 1971 gegründet wird, und damit den Anfang des neuen Feminismus einläutet. Außerdem treten die Aktivisten des IWLM so radikal und provokant auf, wie es später keine andere Bewegung tut. Auch hat keine der folgenden Organisationen eine so starke Bindung zu den Medien wie das IWLM, was für diese Arbeit besonders wichtig ist. So bemerkt Connolly: “After the breakup of the IWLM, no single women’s liberation organisation received the same degree of attention.” (Connolly 2002: 129)

In folgenden Abschnitt werden die Entstehung und die Zusammensetzung des IWLM dargelegt.

2.1.1 Das Irish Women’s Liberation Movement

Das IWLM hält sein erstes Treffen im Jahr 1970 ab. Die Gruppe setzt sich zusammen aus politischen Aktivistinnen, Akademikerinnen und Journalistinnen (Connolly 2005: 25, Connolly 2002: 113). Besonders die Rolle der Journalistinnen wird dabei betont: “The number of women within the new movement who had strong links to the media […] guaranteed that their demands and actions were given a particularly high public profile.” (Hill 2003: 153) Auch bei der Gründung des IWLM sollen die beteiligte Journalistinnen ausschlaggebend sein: “Radical feminists organising in America had an influence on some of the founding members, who were there as journalists when the second-wave feminism emerged.” (Connolly 2005: 25)

Das IWLM wird als radikal bezeichnet: “The original group of activists who formed the iwlm were considered extremely radical and aroused widespread interest. In particular, their methods of protest were highly controversial.” (Connolly 2005: 25) Bezeichnend für die Arbeitsweise der Bewegung ist, in welcher Art und an welchem Ort die offizielle Gründung der Organisation stattfindet. Anfang 1971 füllen die Aktivistinnen eine Ausgabe der populären irischen Talkshow The Late Late Show auf RTE [5]. Hier verlesen die Feministinnen ihre Forderungen und stellen das IWLM vor. Die Gruppe wählt bereits für ihre Gründung die Öffentlichkeit der Medien als geeigneten Schauplatz. (Connolly 2005: 27) Das Ergebnis ist eine ausführliche Berichterstattung der Medien: “The event generated widespread public reaction and the group`s demands [...] were fully reviewed in the media as a result.” (Connolly 2005: 27)

Das IWLM fasst seine Forderungen in dem Pamphlet Chains or Change – The Civil Wrongs of Irish Women zusammen. Es beinhaltet sechs Hauptpunkte:

One Family, One House; Equal Rights in Law; Equal Pay Now and the Removal of the Marriage Bar; Justice for Widows, Diserted Wives, Unmarried Mothers; Equal Educational Opportunities; and finally access to contraceptions, which they considered a fundamental human right. (Hill 2003: 153)

Die Bewegung erweckt über die nächsten Monate hinaus immer wieder durch spektakuläre Aktionen das Interesse der Medien. Exemplarisch dafür steht die Aktion Contraceptive Train aus dem Jahr 1971:

iwlm members, and many other women on that day, travelled to Belfast and brought contraceptives […] into the state illegally and in a confrontational manner marched through customs at Connolly Station, Dublin. After half an hour of chaos, the women were let through customs without being stopped, chanting and waving banners. The protest created huge international media attention and publicity. (Connolly 2005: 27f)

Die Aktion bringt jedoch vor allem negative Reaktionen:

When on 22 May 1971 forty-seven women accompanied by journalists and television cameramen took the Dublin to Belfast train to buy condoms, which they distributed on their return, it was not only the customs officials who were embarrassed. (Hill 2003: 154)

The protest was criticised, however for ‚going too far’, which reflected the conservative nature of irish [sic!] society at that time. Negative reactions emerged within the iwlm, in other women’s organisations and across the whole social spectrum of Irish society as a whole. (Connolly 2005: 28)

Lediglich zwei Jahre nach dem ersten inoffiziellen Treffen löst sich das IWLM auf. (Connolly 2005: 22) Innerhalb der Bewegung ist es zu Unstimmigkeiten gekommen:

The impeding fragmentation of the iwlm [...] became more pronounced because of internal divisions over preferred tactics and strategies. These divisions were exacerbated by disagreement about feminist ideologies, diverging views on the Northern Irish question, and the development of a ‘hierarchy of personalities’ within the initial founding group. Gradually, activists left the iwlm or else diffused into a range of new groups that were congruent with their ideological and tactical preferences. (Connolly 2005; 30f)

Catherine Rose vertritt die Theorie, dass das IWLM nicht nur im Fernsehen gegründet wird, sondern auch den Grund für seinen Zerfall in der Medienbranche suchen muss:

Some blame the ‘Contraceptive Train Event’ but a view more generally held is that the Late Late Show was responisble not alone for launching the movement but unwittingly for its downfall too. Mary Maher [ein Gründungsmitglied des IWLM [6], F.S.] says that they were unable to cope with the widespread publicity the movement got from television coverage. ‘It got too big too fast.’ (Rose 1975: 82)

Die Autorin führt weiter an, dass die Bewegung viel Publizität erlangt hat, dahinter aber kein ausgereiftes Konzept steht: “They went public before they had agreed on what kind of movement they wanted.” (1975: 83)

Hier wird deutlich, dass das IWLM in jedem Stadium seiner Existenz eine enge Bindung zu den Medien hat. Auf die Gründung im nationalen Fernsehen folgen eine kontinuierliche Berichterstattung und letztlich der Zerfall der Bewegung durch zu starke Medienpräsenz.

[...]


[1] AIM beschäftigt sich vor allem mit der rechtlichen Lage der Frauen. 1974 entsteht aus AIM die Organisation Women’s Aid, die sich gegen häusliche Gewalt stark macht. (Connolly 2002: 108)

[2] Eine Organisation, die sich vor allem für die Rechte alleinerziehender Eltern einsetzt. Hauptthemen sind Unterbringung, rechtliche Unterstützung und Kindertagesstätten, sowie der Status von außerehelichen Kindern. (Connolly 2002: 108)

[3] In der IWU führen einige ehemalige Mitglieder des IWLM die feministische Arbeit fort. Die IWU fordert gleiche Löhne für Männer und Frauen, Frauenzentren, frei erhältliche Verhütungsmittel und Toleranz in Bezug auf unterschiedliche sexuelle Ausrichtungen. (Connlly 2002: 131)

[4] CAP findet breite Unterstützung bei vielen Frauenorganisationen, so auch bei studentischen, politischen und ländlichen Vereinigungen. Das Hauptziel ist, jegliche Art von Verhütug für jede und jeden, die oder der verhüten möchte, zugänglich zu machen. Außerdem werden sexuelle Aufklärung und Beratung über Verhütungsmittel durch Ärzte und Familienplanungszentren gefordert. (Connolly 2002: 143f)

[5] Radio Telefis Eireann, ein staatlicher irischer Fernsehsender.

[6] Die aus Chicago stammende Amerikanerin mit irischen Wurzeln hat bereits für die Frauenseite der Chicago Tribune gearbeitet und kommt 1965 zur Irish Times. (Gillespie 2004: 246)

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Irish Times für die irische Frauenbewegung
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Journalistik)
Note
bestanden
Autor
Jahr
2005
Seiten
32
Katalognummer
V61555
ISBN (eBook)
9783638549882
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Irish, Times, Frauenbewegung
Arbeit zitieren
Frauke Schulz (Autor), 2005, Die Rolle der Irish Times für die irische Frauenbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61555

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