[...] Schon kurz nach dem Fall der Qing-Dynastie bildeten sich im wesentlichen zwei Parteien, die in den Folgejahren beide um die ideologische Vorherrschaft kämpften. Gemeint sind die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) und die Kuomintang (KMT). Für beide Parteien war Sun Yatsen eine entscheidende Persönlichkeit. Deshalb soll hinterfragt werden, wie der chinesische Nationalismus sich im Spannungsfeld dieser beiden nach Macht strebenden Parteien in der Zeit von 1911 bis 1949 entwickelt hat. Waren die Positionen der KPCh und der KMT schon zu ihrer Entstehung ideologisch unvereinbar oder gab es vielleicht doch sogar mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede? Wie aber wären dann die heftigen und erbitterten Auseinandersetzungen zwischen beiden zu erklären? Als im Jahr 1949 die KMT nach Taiwan fliehen musste, war der Kampf um das chinesische Festland entschieden. Die KMT entfaltete nun ihre politischen Ideen auf der Insel Taiwan, während die KPCh ihre Vorstellungen auf dem Festland verwirklichte. Aufgrund dessen soll versucht werden für das Jahr 1949 eine ideologische Bilanz zu ziehen, welche die beachtlich große ideologische Schnittmenge beider Lager verdeutlichen soll. Die Grundlage dieser Arbeit sind die für den Nationalismus prägenden politischen Ereignisse der Zeit zwischen 1911 und 1949. Die historische Betrachtungsweise soll dabei aber nicht allzu sehr im Vordergrund stehen, da sich die Entwicklung des Nationalismus und der chinesische Geschichtsprozess gegenseitig bedingen und sich wechselseitig beeinflussen. Deshalb soll der Schwerpunkt auf dem Zusammenhang zwischen der impulsgebenden chinesischen Geschichte von 1911 - 1949 und ihren Auswirkungen auf die Entwicklungen des Nationalismus liegen. Nach einer kurzen Einführung in den ideengeschichtlichen Hintergrund des Begriffs Nationalismus, werden in Kapitel 2 zunächst die Grundlagen für den chinesischen Nationalismus in der Zeit vor 1911 skizziert. Danach wird in Kapitel 3 die Lehre des Revolutionärs Sun Yatsen als Bezugspunkt für die Entwicklung der KMT und der KPCh gesetzt. In Kapitel 4 soll schließlich der Versuch einer ideologischen Schlussbilanz gemacht werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Ideengeschichtliche Grundlagen des Begriffs Nationalismus
1.1 Allgemeines Verständnis von Nationalismus
1.2 Besonderheiten des chinesischen Nationalismus
2. Die Wurzeln des Nationalismus in China (vor 1911)
2.1 Die „vor-nationalistische“ Ära
2.2 Die Beeinflussung durch externe Mächte
3. Von der nationalen Revolution (1911) bis zum Sieg der Kommunisten
3.1 Sun Yatsen als geistiger Vater des modernen chinesischen Nationalismus
3.2 Die Nationalismus der Kuomintang (KMT)
3.3 Die Entwicklung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh)
4. Eine vorläufige Schlussbilanz
4.1 Gründe für die Niederlage der Kuomintang (KMT)
4.2 Gründe für den Sieg der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh)
Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und Ausprägung des chinesischen Nationalismus im Spannungsfeld zwischen der Kuomintang (KMT) und der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) in der Zeit von 1911 bis 1949. Ziel ist es, eine ideologische Bilanz zu ziehen und zu ergründen, warum sich trotz zahlreicher ideologischer Gemeinsamkeiten, die beide Parteien aus der Lehre Sun Yatsens ableiteten, letztlich die Kommunisten durchsetzen konnten und wie die unterschiedliche Instrumentalisierung von Nationalismus dazu beitrug.
- Ideengeschichtliche Fundierung des Nationalismusbegriffs und dessen spezifische Anwendung auf China.
- Die Rolle der kulturellen Tradition (Kulturalismus) und des Einflusses externer Mächte als Wurzeln des chinesischen Nationalismus.
- Sun Yatsens "Drei Grundlehren des Volkes" als zentraler Bezugspunkt für KMT und KPCh.
- Vergleichende Analyse der politischen Konzepte und der strategischen Mobilisierung durch KMT und KPCh bis zum Jahr 1949.
Auszug aus dem Buch
3.1 Sun Yatsen als geistiger Vater des modernen chinesischen Nationalismus
Verbindet man das Prinzip des Nationalismus mit dem Bestreben, einen säkularen Nationalstaat zu errichten, dann gehen diese Ideen auf das politische Denken Sun Yatsens zurück. Das Gründungsmanifest der Tongmeng Hui-Partei, der Vorgänger der Kuomintang, im Jahre 1905 ist das erste öffentliche Dokument, welches sich zum Ziel setzt, China in eine Republik mit einer parlamentarischen Form von Demokratie umzuwandeln. Hier wird auch das Ziel einer nationalen Revolution formuliert:
„Therefore, in former days, there were heroes’ revolutions, but today we have a national revolution. ‘National revolution’ means that all people in the nation will have the spirit of freedom, equality and fraternity.”
Sun Yatsens Wahrnehmung von Nationalismus steht fast völlig im Einklang mit dem westlichen Verständnis von Nationalismus, da er die Rettung der Nation beabsichtigt. Dieser Nationalismus ist mit dem alten Kulturalismus nicht mehr vereinbar, da die Nation nicht mehr als kulturelle Gemeinschaft, sondern als ethnischer Verband aufgefasst wird. Dies belegt eine Tongmeng Hui-Proklamation aus dem Jahr 1907:
„Today when we raise the righteous standard of a revolt in order to expel an alien race that has been occupying China, we are doing no more than our ancestors have done or expected us to do.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Ideengeschichtliche Grundlagen des Begriffs Nationalismus: Es wird geklärt, wie sich der Begriff des Nationalismus von der modernen Forschung definiert und welche theoretischen Ansätze (u.a. Wehler, Gellner) das Verständnis prägen.
2. Die Wurzeln des Nationalismus in China (vor 1911): Dieses Kapitel beleuchtet den Kulturalismus des chinesischen Kaiserreichs und wie der Zusammenprall mit westlichen Kolonialmächten den Bedarf für ein neues nationales Identitätskonzept weckte.
3. Von der nationalen Revolution (1911) bis zum Sieg der Kommunisten: Analysiert wird das politische Erbe Sun Yatsens und wie die KMT sowie die KPCh dieses Erbe unterschiedlich interpretierten und in ihre jeweilige Ideologie integrierten.
4. Eine vorläufige Schlussbilanz: Hier werden die strukturellen, militärischen und ideologischen Ursachen für den Erfolg der Kommunisten und das Scheitern der Kuomintang im Bürgerkrieg gegenübergestellt.
Schlüsselwörter
Chinesischer Nationalismus, Sun Yatsen, Kuomintang, Kommunistische Partei Chinas, Kulturalismus, Nationale Revolution, Drei Grundlehren des Volkes, Chiang Kaishek, Mao Zedong, Einheitsfront, Transfernationalismus, Landreform, Bürgerkrieg, Ideologie, Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entstehung und Entwicklung des chinesischen Nationalismus zwischen 1911 und 1949 und untersucht, wie die beiden großen politischen Lager, KMT und KPCh, das Konzept des Nationalismus für ihre jeweiligen Ziele instrumentalisierten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die ideengeschichtlichen Grundlagen des Nationalismus, der Wandel vom traditionellen Kulturalismus hin zum modernen Nationalstaat, die Lehre Sun Yatsens sowie die politischen und militärischen Strategien der KPCh und KMT.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine ideologische Bilanz des Jahres 1949, um aufzuzeigen, wie trotz einer großen ideologischen Schnittmenge unterschiedliche Wege der Umsetzung zum Sieg der KPCh führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die den Fokus auf den Zusammenhang zwischen historisch prägenden politischen Ereignissen und der theoretischen Entwicklung nationalistischer Konzepte legt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Wurzeln vor 1911, die Lehre Sun Yatsens als geistigem Vater, die Transformation der KMT unter Chiang Kaishek und die Entwicklung der KPCh von der Gründung bis zur Sinisierung des Kommunismus unter Mao Zedong.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem Chinesischer Nationalismus, Sun Yatsen, Kuomintang, KPCh, Kulturalismus und die "Drei Grundlehren des Volkes".
Warum konnte die KPCh die Landbevölkerung erfolgreicher in ihr Konzept integrieren?
Die KPCh führte in ihren kontrollierten Gebieten gezielte Reformen durch, die die Lebensbedingungen der Landbevölkerung verbesserten, und unterschied sich durch den disziplinierten Umgang der Roten Armee positiv von den KMT-Truppen.
Wie unterschied sich die KMT von der KPCh in ihrer ideologischen Ausrichtung nach 1927?
Während die KMT sich verstärkt auf eine Rückbesinnung konfuzianischer Werte stützte und einen doktrinären Anti-Kommunismus verfolgte, entwickelte die KPCh eine maoistische Interpretation des Marxismus, die gezielt auf die Bauernschaft ausgerichtet war.
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- M.A. pol. Simon Stumpf (Author), 2003, Die Entwicklungen und Grundlagen des chinesischen Nationalismus vor 1945, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61590