"El Dorado" von Joan Perucho - eine phantastische Kurzgeschichte?


Seminararbeit, 2005
19 Seiten, Note: 12 Punkte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Phantastik
2.1 Definitionsansätze
2.2 Die phantastische Literatur in Spanien

3. Joan Perucho – Leben und Werk

4. „El Dorado“
4.1 Inhalt
4.2 Analyse der Kurzgeschichte
4.2.1 Intention und Kritik des Autors
4.2.2 Intertextualität in „El Dorado“
4.2.3 „El Dorado“ – eine phantastische Geschichte?

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die phantastische Literatur – im allgemeinen Sprachgebrauch verstanden als Sammelbegriff für literarische Werke, die die Grenzen einer realistischen Wirklichkeitsdarstellung überschreiten – äußert sich in einem breiten Spektrum literarischer Erscheinungsformen. Stets geht es um die Beschreibung von Welten, die jenseits der real existierenden Welt bestehen, und um den Versuch, irreale Geschehnisse in diese reale Welt einzuspeisen. Etabliert hat sich die phantastische Erzählweise im Zeitalter der Romantik als Reaktion auf den in der Aufklärung vorherrschenden Realismus. Einer der bekanntesten Vertreter dieses Genres ist Edgar Allan Poe[1]. Auch in Spanien fasste die phantastische Erzähltechnik Fuß. Als einer der wenigen Spanier, die zu der phantastischen Literatur zählen, gilt Joan Perucho – ein außerhalb Spaniens eher unbekannter Autor. Seine relative Unbekanntheit ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass der Barcelonese seine Werke überwiegend auf Katalanisch veröffentlicht und somit die Zahl der möglichen Rezipienten von vorneherein eingegrenzt hat. Dennoch genießt der im Oktober 2003 verstorbene Autor einen hohen Stellenwert in der spanischen Literatur: „Las letras catalanes perdieron ayer por la mañana a uno de los grandes, Joan Perucho […]“[2] schrieb zum Beispiel die Tageszeitung La Vanguardia am Tag, als Peruchos Tod bekannt wurde. Monmany bezeichnet ihn als „uno de los más grandes fabuladores de nuestra época”[3].

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem katalanischen Schriftsteller im Hinblick auf sein Schaffen in der phantastischen Literatur. Es geht um die phantastische Kurzgeschichte „El Dorado“. Um die Erzählung in den allgemeinen Kontext phantastischer Literatur einzuordnen, wird zunächst ein kurzer Überblick über verschiedene theoretische Definitionsansätze des Begriffs Phantastik gegeben. Im Anschluss daran wird die Entwicklung der spanischen Phantastik kurz skizziert, um ein umfassendes Bild über die literarische Gattung und ihre Ausprägung in Spanien zu geben. In Punkt 3 wird der Autor Joan Perucho anhand seiner biografischen Daten und seiner Werke kurz vorgestellt. Punkt 4 beschäftigt sich mit der Kurzgeschichte „El Dorado“: Nach einer Zusammenfassung der inhaltlichen Aspekte wird die Erzählung untersucht hinsichtlich ihrer phantastischen Elemente, des Aufbaus und der Intention des Autors, dem es – so viel sei schon an dieser Stelle vorweg genommen – in dieser Geschichte nicht darum geht, eine Grenzerfahrung im herkömmlichen Sinne der Phantastik darzustellen, sondern die Phantastik als „Mittel zum Zweck“ benutzt, um kritisch etwas anderes auszudrücken. Den letzten Punkt der Ausarbeitung bildet das Fazit, in dem die Erkenntnisse der Arbeit abschließend zusammengefasst werden.

2. Die Phantastik

„El problema, como siempre, está en saber qué es lo fantástico. Es inútil ir al diccionario, yo no me molestaría en hacerlo, habrá una definición, que será aparentemente impecable, pero una vez que la hayamos leído los elementos imponderables de lo fantástico, tanto en la literatura como en la realidad, se escaparán de esa definición.”[4]

Mit diesen Worten beschreibt Julio Cortazar[5] in einer Rede das Dilemma der Definitionsfindung für das Phantastische. Er reiht sich damit in die Tradition vieler Wissenschaftler und Autoren ein, die auf unterschiedliche Weise versucht haben, sich dem Terminus zu nähern. In Anlehnung an die Literaturwissenschaftler, die jeder für sich eine Definition aufrechterhalten und belegen, schlägt Cortazar vor, dass jeder den Begriff phantastische Literatur für sich selbst definieren sollte, indem er auf seine eigenen Vorstellungen und Erfahrungen zurückgreift und sich den Bruch mit den in der realen Welt gültigen Gesetzen nicht durch vorgeschriebenen Definitionen, sondern mit eigenen Vorstellungen erklärt:

„[...] en vez de buscar una definición preceptiva de lo que es lo fantástico, en la literatura o fuera de ella, yo pienso que es mejor que cada uno de ustedes, como lo hago yo mismo, consulte su propio mundo interior, sus propias vivencias y se plantee personalmente el problema de esas situaciones, de esas irrupciones, de esas llamadas coincidencias en que de golpe, nuestra inteligencia y nuestra sensibilidad, tiene la impresión de que las leyes, a que obedecemos habitualmente, no se cumplen del todo o se están cumpliendo de una manera parcial, o están dando su lugar a una excepción.”[6]

„Sentimiento de lo fantástico“ nennt der argentinische Schriftsteller dieses Gefühl, das ihn seit seiner Kindheit begleitet und immer dann auftaucht, wenn

„entre dos cosas que parecen perfectamente delimitadas y separadas, hay intersticios por los cuales, para mí al menos, pasaba, se colaba, un elemento, que no podía explicarse con leyes, que no podía explicarse con lógica, que no podía explicarse con la inteligencia razonante”.[7]

Ausgehend von Cortazar werden in den folgenden Unterpunkten erst einige Literaturwissenschaftler zu Wort kommen, die den Begriff der phantastischen Literatur definiert haben. Danach erfolgt ein kurzer Abriss der Entwicklung der phantastischen Literatur in Spanien. Hier werden nur einzelne Autoren der jeweiligen Zeit mit ihren Werken kurz vorgestellt, um einen groben Überblick über die Phantastik in Spanien zu geben. Auf eine tief gehende geschichtliche Analyse wird an dieser Stelle verzichtet.

2.1 Definitionsansätze

Grundsätzlich wird unter phantastischer Literatur „im weitesten Sinne jedes Literaturwerk, das irreale, surreale, wunderbare, traumhafte Elemente, Angst- und Zukunftsvisionen”[8] enthält, verstanden. Im engeren Sinne bezeichnet die phantastische Literatur die Darstellung des Unheimlichen und des Wunderbaren dergestalt, dass „die Leser und Figuren zwischen Realität und Imaginationen unschlüssig werden“[9]. Als „Spielart des Irrealismus“[10] ist die phantastische Literatur im 19. Jahrhundert in Europa und in Nordamerika entstanden und diente als Reaktion gegen die rationalistische Weltanschauung.

Während Cortazar der Meinung ist, dass sich das Phantastische nicht nur auf „las grandes imaginaciones del cine, de la literatura, los cuentos y las novelas” beschränkt, sondern findet, dass das Phantastische „en nosotros mismos, en eso que es nuestra psiquis y que ni la ciencia, ni la filosofía consiguen explicar más que de una una manera primaria y rudimentaria”[11] präsent ist, sehen Literaturwissenschaftler wie Irène Bessière, Tzvetan Todorov oder Louis Vax die Ansätze der Phantastik in theoretischen Grundlagen. Sie machen den Charakter des Phantastischen an bestimmten Ereignissen und Zuständen, entweder denen des Leser oder der handelnden Personen, fest. Es werden im Folgenden einige Definitionsansätze der oben genannten Autoren skizziert, um einen Überblick über die verschiedenen Sichtweisen auf die phantastische Literatur zu geben. Auf eine Diskussion der vorgestellten Definitionen wird an dieser Stelle verzichtet.

Für Todorov[12] liegt das Phantastische im Moment der Ungewissheit, in dem der Leser entscheiden muss, ob es sich bei einem Ereignis um eine Sinnestäuschung handelt oder ob das Ereignis wirklich stattgefunden hat. Trifft Ersteres zu, bleiben die Gesetze der Welt erhalten, im zweiten Fall ist das Ereignis Bestandteil der Realität, in der Gesetze herrschen, die uns nicht bekannt sind. Entscheidet sich der Leser für eine der beiden Möglichkeiten, endet laut Todorov das Phantastische und es beginnt das Unheimliche oder das Wunderbare, je nachdem welchen Weg der Leser einschlägt. Phantastik liegt also laut Todorov nur dann vor, wenn die Ungewissheit bis zum Ende der Geschichte anhält. Auch für Bessière liegt das Wesentliche der phantastischen Literatur in der „vacilación“ und dem „inconsciente“[13], wobei sich die Autorin auf die Ungewissheit bezieht, die das Phantastische ihrer Meinung nach produziert, indem natürliche und übernatürliche Elemente einander gegenübergestellt werden. Der Effekt ist laut Bessière die Schaffung einer anderen Welt:

„La ficción fantástica fabrica, así, otro mundo con palabras, pensamientos y realidades que son de este mundo. Ese nuevo universo elaborado en la trama del relato se lee entre líneas, en el juego de las imágenes y de las creencias, de la lógica y de los afectos, contradictorios y comúnmente recibidos.”[14]

In diese Richtung definiert auch Botton Burlá, wenn sie feststellt: „El escritor fantástico, en ejercicio de su libertad suprema, propone otros mundos, diferentes tipos de respuestas frente a la realidad.”[15] Der Leser entscheide dann selbst, ob er diese Antworten annimmt oder ablehnt. In jedem Fall aber würde der Leser gezwungen sein, die Antworten wahrzunehmen: „La lectura de obras fantásticas pide un espíritu abierto, dispuesto a aceptar la posibilidad de diferentes alternativas, pero pide, sobre todo, una voluntad de juego.“[16] Vax[17] geht es bei der Definition der Phantastik um die Konfrontation mit dem Unheimlichen in der Alltagswelt, was er mit einem „imaginären Schrecken inmitten einer realen Welt“ und dem damit einhergehenden Bruch mit der geltenden Wirklichkeit bezeichnet.

Für die vorliegende Ausarbeitung und besonders für die Analyse der Kurzgeschichte „El Dorado“ spielt das Verständnis von Phantastik im Grunde nur eine untergeordnete Rolle. Wie später aufgezeigt wird, geht es nur oberflächlich gesehen um phantastische Elemente. Sie haben keinen wirklichen Einfluss auf die Personen, die direkt mit dem Phantastischen in Berührung kommen, sie dienen nur als Ausgangspunkt für den Autor, ironisch etwas anderes zu zeigen. Trotz allem erscheint für diese Arbeit die Definition von Bessière am sinnvollsten, die das Phantastische in der Gegenüberstellung zweier Welten sieht. Denn das ist es auch: Perucho stellt in „El Dorado“ zwei Welten gegenüber, wobei er mit dem Aufzeigen der „einen“ Welt die „andere“ Welt kritisieren will.

2.2 Die phantastische Literatur in Spanien

Für Martín-Maestro[18] teilt sich die phantastische Erzähltechnik im Spanien der Nachkriegszeit in drei Etappen: in die der vierziger Jahre, in die Epoche des Neorealismus und des realismo social der fünfziger Jahre und in die spanische Phantastik der sechziger Jahre – laut Martín-Maestro das Jahrzehnt, in das er die Auferstehung der Gattung Phantastik situiert. Als erste Vertreter, die die phantastische Erzählweise nach dem Krieg wieder aufgreifen, nennt der Autor Pío Baroja (mit der Erzählung Los espectros del castillo und dem Roman El Hotel del Cisne) und Azorín, der viele Erzählungen mit phantastischen Elementen verfasst hat. Als eines der wichtigsten Nachkriegswerke nennt Martín-Maestro El bosque animado von Wenceslao Fernández Flórez. Zu den bedeutendsten phantastischen Autoren im Exil werden Pedro Salinas (El desnudo impecable), Rosa Chacel (Sobre el piélago, Ofrenda a una virgen loca und Icada, Nevda, Diada), Ramón J. Sender (El extraño señor Photynos), Francisco Ayala (El hechizado), Antonio Robles, Rafael Dieste und Eugenio F. Granell gezählt. Auch Max Aub, der sich eigentlich durch seine realistischen Werke hervorgetan hatte, führt Martín-Maestro mit dem Werk Manuscrito Cuervo: Historia de Jacobo als „una pequeña obra maestra de la literatura fantástica“[19] auf.

[...]


[1] Edgar Allan Poe (1809-1849) war ein amerikanischer Dichter, Erzähler und Literaturtheoretiker. Er gilt als Begründer der modernen Kurzgeschichte, der Detektivgeschichte und als Vollender der phantastischen Erzählung des 19. Jahrhunderts.

[2] Redaktion La Vanguardia: Joan Perucho muere a los 82 años. El escritor pidió a su familia que no comunicara su fallecimiento hasta hoy. In: La Vanguardia, Kulturteil, Ausgabe vom 31. Oktober 2003. S. 43. URL: www.uklitag.com/site/images/ author_uploads/perucho_adios_lv3_en.pdf.

[3] Monmany, Mercedes (2003): Joan Perucho, en el cielo de su literatura. In: La Vanguardia, Kulturteil, Ausgabe vom 31. Oktober 2003. S. 44. URL: www.uklitag.com/site/images/author_uploads/ perucho_adios_lv3_en.pdf.

[4] Cortazar, Julio: El sentimiento de lo Fantástico. Conferencia dada por Julio Cortazar en la U.C.A.B.; S. 1. URL: www.juliocortazar.com.arg/ cuentos/confe1.htm. Die Rede hielt Cortazar in der Universidad Católica Andres Bello (UCAB) in Venezuela.

[5] Julio Cortazar, geboren 1914 in Brüssel und gestorben 1984 in Paris, war ein argentinischer Schriftsteller und Intellektueller. Er wird als einer der wichtigsten Vertreter der phantastischen Kurzgeschichte in der Generation nach Jorge Luis Borges gezählt. Seine erste Erzählung Casa tomada veröffentlichte Borges in der Zeitschrift Sur. Vgl: Rössner, Michael (2002): Cono Sur (Chile, La-Plata-Staaten, Paraguay): die Belebung durch das „populäre Genre“ und die Blüte der phantastischen Literatur. In: Rössner, Michael (Hg., 2002): Lateinamerikanische Literaturgeschichte. 2., erweiterte Auflage. J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag, Stuttgart/Weimar. S. 364f.

[6] Cortazar-Rede, S. 1.

[7] ibid., S. 2.

[8] Hess, Rainer u.a. (1989): Literaturwissenschaftliches Wörterbuch für Romanisten (LWR). 3. Auflage. A. Francke Verlag GmbH, Tübingen. S. 315.

[9] ibid., S. 315.

[10] ibid., S. 315.

[11] Cortazar-Rede, S. 3.

[12] Todorov, Tzvetan (1992): Einführung in die fantastische Literatur. Fischerverlag, Frankfurt am Main. S. 26.

[13] vgl. Bessière, Irène (2001): El relato fantástico: Forma mixta de caso y adivinanza. In: Roas, David (Hg., 2001): Teorías de lo fantástico. Arcos, Madrid. S. 83.

[14] Bessière (2001), S. 85f.

[15] zitiert nach: Gábor, Kertes: Lo fantástico. URL: http://tesina.galleus.com/cortazar/fantastico.html.

[16] ibid.

[17] Vax, Louis (1963): Die Phantastik. In: Zondergeld, Rein A. (Hg., 1974): Phaïcon 1. Insel, Frankfurt am Main. S. 12. Original: Vax, Louis (1963): Le fantastique. Kapitel 1 seines Buches L’Art et la littérature fantastique. Presses Universitaires en France, Paris.

[18] Martín-Maestro, Abraham (1991): La narrativa fantástica en la España de posguerra. In: Morillas Ventura, Enriqueta (Hg., 1991): El relato fantástico en España e Hispanoamérica. Siruela, Madrid. S. 197.

[19] Martín-Maestro (1991), S. 200.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"El Dorado" von Joan Perucho - eine phantastische Kurzgeschichte?
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Hispanistik)
Veranstaltung
Die phantastische Kurzgeschichte in Spanien und Lateinamerika
Note
12 Punkte
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V61826
ISBN (eBook)
9783638551922
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einige Zitate sind auf spanisch in den Text eingebaut!
Schlagworte
Dorado, Joan, Perucho, Kurzgeschichte, Spanien, Lateinamerika
Arbeit zitieren
Kristin Dörr (Autor), 2005, "El Dorado" von Joan Perucho - eine phantastische Kurzgeschichte?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61826

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