Die phantastische Literatur - im allgemeinen Sprachgebrauch verstanden als Sammelbegriff für literarische Werke, die die Grenzen einer realistischen Wirklichkeitsdarstellung überschreiten - äußert sich in einem breiten Spektrum literarischer Erscheinungsformen. Stets geht es um die Beschreibung von Welten, die jenseits der real existierenden Welt bestehen, und um den Versuch, irreale Geschehnisse in diese reale Welt einzuspeisen. Etabliert hat sich die phantastische Erzählweise im Zeitalter der Romantik als Reaktion auf den in der Aufklärung vorherrschenden Realismus. Einer der bekanntesten Vertreter dieses Genres ist Edgar Allan Poe1. Auch in Spanien fasste die phantastische Erzähltechnik Fuß. Als einer der wenigen Spanier, die zu der phantastischen Literatur zählen, gilt Joan Perucho - ein außerhalb Spaniens eher unbekannter Autor. Seine relative Unbekanntheit ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass der Barcelonese seine Werke überwiegend auf Katalanisch veröffentlicht und somit die Zahl der möglichen Rezipienten von vorneherein eingegrenzt hat. Dennoch genießt der im Oktober 2003 verstorbene Autor einen hohen Stellenwert in der spanischen Literatur: „Las letras catalanes perdieron ayer por la mañana a uno de los grandes, Joan Perucho […]“2schrieb zum Beispiel die TageszeitungLa Vanguardiaam Tag, als Peruchos Tod bekannt wurde. Monmany bezeichnet ihn als „uno de los más grandes fabuladores de nuestra época”3.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem katalanischen Schriftsteller im Hinblick auf sein Schaffen in der phantastischen Literatur. Es geht um die phantastische Kurzgeschichte „El Dorado“. Um die Erzählung in den allgemeinen Kontext phantastischer Literatur einzuordnen, wird zunächst ein kurzer Überblick über verschiedene theoretische Definitionsansätze des Begriffs Phantastik gegeben. Im Anschluss daran wird die Entwicklung der spanischen Phantastik kurz skizziert, um ein umfassendes Bild über die literarische Gattung und ihre Ausprägung in Spanien zu geben. In Punkt 3 wird der Autor Joan Perucho anhand seiner biografischen Daten und seiner Werke kurz vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DIE PHANTASTIK
2.1 DEFINITIONSANSÄTZE
2.2 DIE PHANTASTISCHE LITERATUR IN SPANIEN
3. JOAN PERUCHO – LEBEN UND WERK
4. „EL DORADO“
4.1 INHALT
4.2 ANALYSE DER KURZGESCHICHTE
4.2.1 INTENTION UND KRITIK DES AUTORS
4.2.2 INTERTEXTUALITÄT IN „EL DORADO“
4.2.3 „EL DORADO“ – EINE PHANTASTISCHE GESCHICHTE?
5. FAZIT
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kurzgeschichte „El Dorado“ des katalanischen Autors Joan Perucho, um zu analysieren, wie der Autor phantastische Elemente gezielt einsetzt, um gesellschaftliche und intellektuelle Kritik zu üben, anstatt lediglich ein phantastisches Szenario zu entwerfen.
- Theoretische Grundlagen der phantastischen Literatur und ihre Entwicklung in Spanien
- Biografische und literarische Einordnung von Joan Perucho
- Inhaltliche Analyse und Interpretation der Kurzgeschichte „El Dorado“
- Untersuchung der Intertextualität als satirisches Gestaltungsmittel
- Kritische Auseinandersetzung mit der intellektuellen Engstirnigkeit im Werk
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Intention und Kritik des Autors
Die Geschichte startet mit einer nüchternen Erzähltechnik, erweckt zu Beginn den Anschein des Natürlichen, indem der Autor eine alltägliche Situation schafft – ein Schulkind wiederholt vor dem Unterricht seine Mathematik-Hausaufgaben – und diese aber mit dem Erscheinen eines Monsters im Spiegel überschattet. Hier ist ein leichter Hauch von Vagheit zu erkennen, indem der Erzähler, der eigentlich beim Geschehen dabei zu sein scheint, sagt: „Tuvo que pasar mucho tiempo para apaciguarlo y, por fin, tranquilizarlo.“ Perucho steigt direkt in die Thematik ein, in der er die Hauptperson, also das Monster, sogleich einführt. Doch wirklich ausführlich wird der Autor nur, wenn es nicht explizit um das Monster geht. Er beschreibt zwar andeutungsweise sein Aussehen und seine Konsistenz, doch bei der Vorstellung der Wissenschaftler, die der Marqués zur Lösung des Problems herbeigerufen hat, geht der Autor sehr viel mehr ins Detail, beschreibt die Tätigkeiten und Referenzen der Gelehrten. Diese Auffälligkeit könnte schon hier darauf hindeuten, dass es Perucho mit „El Dorado“ in erster Linie gar nicht darum ging, eine Grenzerfahrung im Sinne der Phantastik aufzuzeigen, sondern darum, etwas anderes aufzudecken. Das wird im späteren Verlauf dieser Ausarbeitung noch eingehender betrachtet.
Ebenfalls für diese Annahme spricht auch die spärliche Verwendung von phantastischen Elementen. Zum einen ist hier das Monster zu nennen, eine typisch phantastische Fiktiv-Kreatur, die als Sinnbild für die Angst vor dem Unerklärbaren zu sehen ist. Der Autor lässt das Monster wie aus dem Nichts auftauchen, was bei dem Kind große Angst verursacht. Das zweite phantastische Element, das Perucho einsetzt, ist der Spiegel, in dem das Monster „lebt“ und der oft als Mittel zum Eindringen ins Universum des Wunderbaren benutzt wird. Dies ist auch der Fall bei Borges, auf den Perucho am Ende von „El Dorado“ verweist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der phantastischen Literatur und Vorstellung der Forschungsabsicht bezüglich Joan Peruchos Kurzgeschichte.
2. DIE PHANTASTIK: Theoretische Auseinandersetzung mit Definitionsansätzen des Phantastischen sowie ein historischer Überblick der Gattung in Spanien.
3. JOAN PERUCHO – LEBEN UND WERK: Biografische Darstellung des Autors und Einordnung seines literarischen Schaffens in den zeitgenössischen Kontext.
4. „EL DORADO“: Detaillierte Inhaltsangabe sowie eine tiefgehende Analyse der Autorenintention, intertextueller Verweise und der Gattungszugehörigkeit.
5. FAZIT: Zusammenfassende Bewertung der Arbeit, in der Peruchos Einsatz der Phantastik als Mittel zur Sozialkritik hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Joan Perucho, El Dorado, Phantastik, Phantastische Literatur, Kurzgeschichte, Literaturkritik, Intertextualität, Intellektuelle, Realismus, Neophantastik, Spiegelmotiv, Sozialkritik, Spanien, Katalanische Literatur, Erzähltechnik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Kurzgeschichte „El Dorado“ des katalanischen Schriftstellers Joan Perucho im Hinblick auf deren phantastische Elemente und deren Funktion für die Autorenintention.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Definition der Phantastik, die literarische Entwicklung in Spanien, eine Vorstellung des Autors Joan Perucho sowie eine detaillierte textanalytische Untersuchung von „El Dorado“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass Perucho phantastische Elemente nicht zur Erzeugung einer klassischen Grenzerfahrung nutzt, sondern als ironisches Mittel, um die Intellektuellen seiner Zeit zu parodieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Theorieansätze zur Phantastik (z.B. Todorov, Bessière, Finné) sowie Konzepte zur Intertextualität auf das Primärwerk anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung, eine Vorstellung von Joan Peruchos Leben und Werk sowie eine detaillierte Inhalts- und Wirkungsanalyse der Kurzgeschichte „El Dorado“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Phantastik, Neophantastik, Intertextualität, Sozialkritik, Intellektuelle und die spezifische Erzählweise von Joan Perucho.
Warum spielt die Person des Fischers eine so wichtige Rolle in der Analyse?
Der Fischer dient als Kontrastfigur zu den Wissenschaftlern; während diese an ihrer rationalen, buchgelehrten Weltsicht scheitern, bewahrt sich der Fischer Intuition und Weitblick und kann das Phänomen als harmlos identifizieren.
Inwiefern ist „El Dorado“ laut der Analyse eine phantastische Geschichte?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass es sich nur oberflächlich um eine phantastische Erzählung handelt. Da keine Unsicherheit beim Leser oder den Figuren über das Geschehen herrscht, erfüllt sie nicht die strengen Kriterien für eine „echte“ phantastische Literatur nach Todorov.
Welche Bedeutung haben die intertextuellen Verweise in der Erzählung?
Die zitierten Werke dienen laut der Analyse als „simulierte Intertextualität“, um die intellektuelle Engstirnigkeit der Protagonisten zu unterstreichen, die sich in einem Korsett aus Büchern und rationalen Denkmustern bewegen.
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- Kristin Dörr (Author), 2005, "El Dorado" von Joan Perucho - eine phantastische Kurzgeschichte?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61826