"Kill one, frighten thousand." - Eine Inhaltsanalyse der massenmedialen Thematisierung des Linksterrorismus zwischen 1970 und 1990


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
85 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Theoretische Rahmung
1.1 Soziale Probleme
1.1.1 Objektivistischer Ansatz
1.1.2 Konstruktivistischer Ansatz
1.1.3 Die Karriere sozialer Probleme
1.1.4 Die Rolle der Massenmedien
1.2 Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ als Meinungsführer
1.3 Terrorismusforschung
1.3.1 Definitionen von Terrorismus
1.3.2 Grundzüge terroristischer Strategie
1.3.3 Terrorismus und Medien - eine symbiotische Beziehung
1.3.4 Definitionsmacht der Medien
1.3.5 Die Rote- Armee Fraktion
1.3.6 Reaktionen

2. Methodische Vorgehensweise
2.1 Erhebungsinstrument Inhaltsanalyse
2.2 Grundgesamtheit und Stichprobe

3. Darstellung der Ergebnisse
3.1 Formale Auswertungen
3.1.1 Bebilderung der Artikel
3.1.2 Artikelform
3.1.3 Linksextremistische Gruppierungen
3.2 Hypothesenbezogene Auswertungen
3.2.1 Erster Hypothesenkomplex: Häufigkeit der Berichterstattung
3.2.2 Zweiter Hypothesenkomplex: Gegenstand der Berichterstattung
3.2.3 Dritter Hypothesenkomplex: Bewertungstendenzen
3.2.4 Vierter Hypothesenkomplex: Maßnahmen
3.2.5 Hypothese 5: Interaktion
3.2.6 Hypothese 6: Werte und Normen
3.2.7 Hypothese 7: Terroristen und Opfer
3.2.7.1 Berichterstattung über Mitglieder terr. Gruppierungen
3.2.7.2 Berichterstattung über Opfer und Leidtragende
3.2.7.3 Fazit
3.2.8 Hypothese 8: Verantwortliche und Schuldige
3.2.9 Hypothese 9: Gefahr terroristischer Anschläge
3.2.10 Hypothese 10: Bebilderung
3.3 Grenzen der Erhebung und Ausblick

4. „Kill one, frighten thousand.“ - ein Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Verzeichnis der Abbildungen

Abb. 1 Balkendiagramm: Artikelhäufigkeiten der Grundgesamtheit

Abb. 2 Balkendiagramm: Artikelhäufigkeiten der Grundgesamtheit nach RAF- Phasen

Abb. 3 Kurvenanpassung zur Regression H 3.1

Abb. 4 Kurvenanpassung zur Regression H 3.2

Abb. 5 Kurvenanpassung zur Regression H 3.2

Abb. 6 Kurvenanpassung zur Regression H 4

Verzeichnis der Tabellen

Tab. 1 Artikelhäufigkeiten der Grundgesamtheit

Tab. 2 Bebilderung der Artikel

Tab. 3 Artikelhäufigkeiten der Grundgesamtheit nach RAF-Phasen

Tab. 4 Umfang der Artikel

Tab. 5 Kreuztabelle I: Phasen der RAF / Was steht im Vordergrund der Berichterstattung?

Tab. 6 Kreuztabelle II: Phasen der RAF / Was steht im Vordergrund der Berichterstattung?

Tab. 7 Symmetrische Maße: Phasen der RAF / Was steht im Vordergrund der Berichterstattung?

Tab. 8 Bezeichnung der RAF- Mitglieder

Tab. 9 Modellzusammenfassung H 3.1

Tab. 10 Koeffizienten H 3.1

Tab. 11 Häufigkeit der Bezeichnung „Terrorist“

Tab. 12 Bewertung der RAF insgesamt

Tab. 13 Modellzusammenfassung H 3.2

Tab. 14 Koeffizienten H 3.2

Tab. 15 Grad des Verständnisses für die ideologische Position der RAF

Tab. 16 Modellzusammenfassung H 3.3

Tab. 17 Koeffizienten H 3.3

Tab. 18 Kreuztabelle Jahr / Werte

Tab. 19 Symmetrische: Maße Jahr / Werte

Tab. 20 Bewertung der Art der Berichterstattung

Tab. 21 Bewertungen der Maßnahmen aus Sicht der Akteure

Tab. 22 Bewertung der Maßnahmen insgesamt

Tab. 23 Modellzusammenfassung H 4

Tab. 24 Koeffizienten H 4

Tab. 25 Art der Interaktion

Tab. 26 Anteil der Berichterstattung über persönliche Hintergründe und biographische Details der Terroristen

Tab. 27 Welche Akteure werden genannt? Mitglieder von terroristischen Organisationen

Tab. 28 Wie oft werden die Akteure zitiert? Mitglieder terroristischer Organisationen

Tab. 29 Was zeigen die Bilder? Mutmaßlicher Terrorist oder Ex- Terrrorist

Tab. 30 Anteil der Berichterstattung über persönliche Hintergründe und biographische Details der Opfer und Leidtragenden

Tab. 31 Welche Akteure werden genannt? Opfer und Leidtragende

Tab. 32 Wie oft werden die Akteure zitiert? Opfer und Leidtragende

Tab. 33 Was zeigen die Bilder? Opfer und Leidtragende

Tab. 34 Gefahr terroristischer Anschläge in der BRD

Einleitung

“Kill one, frighten thousand” - dieses chinesische Sprichwort berührt die zentralen Fragen der Lehrforschung zum Thema „Die massenmediale Thematisierung sozialer Probleme“, welche über drei Semester an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld unter der Leitung von Dr. Silvia Wieseler und Prof. Dr. Günter Albrecht stattfand.

In dieser Lehrforschungsarbeit möchte ich mich beschäftigen mit der Thematisierung des Themas „Linksterrorismus“ in der BRD in der Zeit zwischen 1970 und 1990 im deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Im Vordergrund soll dabei die terroristische Vereinigung „Rote Armee Fraktion“ stehen, die in der Zeit ihrer Existenz1große Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Aktivitäten der RAF, zu denen die Ermordung von 35 Personen, die Geiselnahme oder Gefangennahme von etwa 100 Menschen sowie Sachschäden in Millionenhöhe gehören, führten zu einer polarisierten Kontroverse über den Zustand der Bundesrepublik.

Mit einer quantitativen Inhaltsanalyse soll die Frage beantwortet werden, wie „Der Spiegel“ über die RAF und andere linksterroristische Gruppierungen berichtet. Wie wird der Konflikt zwischen RAF und Staat dargestellt? Welche Bewertungstendenzen lassen sich finden? Wie äußert sich das „besondere Verhältnis“ zwischen terroristischen Organisationen und den Massenmedien?

Die Erkenntnisse über die Entstehung und Entwicklung sozialer Probleme in der massenmedialen Berichterstattung sollen anhand des Themas Terrorismus überprüft werden. Zur theoretischen Einbettung schildere ich dazu im ersten Teil dieser Arbeit zunächst die dominierenden Theorien sozialer Probleme. Neben allgemeinen Erkenntnissen soll der Karriereverlauf eines sozialen Problems sowie die Rolle der Massenmedien in diesem Prozess eingehend erläutert werden.

Kapitel 1.2 beschäftigt sich mit der Position des „Spiegels“ in der deutschen Medienlandschaft und begründet im wesentlichen seine Wichtigkeit als einer der massenmedialen Meinungsführer in der Bundesrepublik Deutschland.

Daran anschließend geht es in Kapitel 1.3 um die theoretischen Grundlagen im Hinblick auf die Terrorismusforschung. Diese Erkenntnisse werden mit denen aus dem ersten Teil verwoben und die zentralen Hypothesen dieser Untersuchung entwickelt. Dabei erfolgt die theoretische Fundierung der Hypothesen nicht in der gleichen Reihenfolge wie in Kapitel 3.2, in welchem die hypothesenbezogenen Auswertungen vorgenommen werden.

Kapitel 2 dient der Reflexion und besseren Nachvollziehbarkeit meines methodischen Vorgehens. Das Erhebungsinstrument Inhaltsanalyse soll kurz vorgestellt sowie relevante Hinweise auf die Arbeitsweisen zum Beispiel in Hinblick auf die Stichprobenziehung erfolgen.

In Kapitel 3 sollen dann die zentralen Ergebnisse dieser Erhebung dargestellt werden. Zunächst erfolgen einige Auswertungen bezüglich formaler Merkmale, deren Aussagen mir zum tieferen Verständnis dieser Ausführungen unabdingbar scheinen. Daran anschließend sollen die einzelne Forschungsfragen beantwortet werden. Im letzten Teil des Kapitels möchte ich mich mit den Problemen dieser Untersuchung beschäftigen und einen Ausblick auf mögliche zukünftige Forschungsvorhaben geben.

In Kapitel 4 ziehe ich schließlich ein kurzes Fazit dieser Arbeit.

1. Theoretische Rahmung

1.1 Soziale Probleme

Sinnvollerweise steht am Anfang der Betrachtung der massenmedialen Thematisierung sozialer Probleme die Frage, was unter sozialen Problemen zu verstehen ist. Tatsächlich existieren eine Vielzahl diesbezüglicher Definitionen, doch eine der gängigen lautet: „Soziale Probleme sind Phänomene die 1) größere Gruppen von Gesellschaftsangehörigen (bis hin zur Gesamtbevölkerung) in ihrer Lebenssituation beeinträchtigen, 2) öffentlich als veränderungsbedürftig definiert und 3) zum Gegenstand spezieller Programme und Maßnahmen gemacht werden.“2

Neben dieser allgemein gehaltenen Definition existieren terminologische Divergenzen zwischen objektivistischen und konstruktivistischen Ansätzen. Diese verfolgen unterschiedliche Konzepte zur Erklärung der Entstehung sozialer Probleme. Die zentrale Kontroverse entzündet sich an der Frage, „ob den gesellschaftlichen Thematisierungen sozialer Probleme sinnvollerweise eine „objektive“ gesellschaftliche Basis zugeschrieben werden kann“, und „soziologische Kriterien entwickelt werden können, an denen die Thematisierungsaktivitäten bewertet werden können.“3

1.1.1 Objektivistischer Ansatz

Als klassische Position innerhalb der Soziologie gilt die in Anschluss an Talcott Parsons von Robert K. Merton formulierte „struktur-funktionalistische Perspektive“. Zentrales Kriterium bei Merton für ein soziales Problem ist die „wesentliche Diskrepanz zwischen sozial akzeptierten Standards und tatsächlich vorherrschenden Bedingungen“.4Die Voraussetzung für die Thematisierung eines sozialer Probleme ist gemäß dieses Ansatzes die Tatsache, dass die Gesellschaftsmitglieder es für kontrollierbar und veränderbar halten.

Die Dysfunktionalität von sozialen Problemen soll nach Merton unabhängig von den Interpretationen der Betroffenen festgestellt werden können. Soziale Probleme können nach diesem Konzept anhand objektiver Kriterien festgestellt und subjektive Problemdeutungen sollten hinterfragt werden.

Dies und die Unterscheidung und Analyse von manifesten und latenten sozialen Problemen sei die zentrale Aufgabe der Soziologie. Während die objektiven sozialen Bedingungen manifester sozialer Probleme „von denjenigen als den geltenden Werten widersprechend identifiziert wurden, die in der Gesellschaft soziale Probleme identifizieren, gibt es latente soziale Probleme und Bedingungen, die ebenfalls den Werten der Gruppe widersprechen, aber nicht als solche erkannt worden sind.“5

1.1.2 Konstruktivistischer Ansatz

Auf Grundlage der Theorie des symbolischen Interaktionismus entwickelte Herbert Blumer im Jahre 1971 das konstruktionistische Gegenmodell. Diese Theorie zielt auf den Konstitutionsprozess sozialer Probleme durch Rekonstruktion gesellschaftlicher Wahrnehmungs- und Reaktionsmuster als soziale Wirklichkeit. Es gilt der Leitsatz: Soziale Probleme beruhen auf einem Prozess kollektiver Definition und sind dessen Produkte. Die objektive Situation ist damit eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für die Entstehung eines sozialen Problems: „Die gesellschaftliche Definition und nicht der objektive Charakter einer gegebenen sozialen Bedingung bestimmt, ob diese Bedingung als soziales Problem existiert oder nicht.“6

In der radikalkonstruktivistischen Sicht dieses Ansatzes7können soziale Probleme von kollektiven Akteuren völlig unabhängig von der Existenz sozialer Sachverhalte konstituiert werden. Hauptaufgabe der soziologischen Forschung wäre dementsprechend die Erforschung des Definitionsprozesses sozialer Probleme. Entscheidende Schwäche des objektivistischen Ansatzes ist ihrer Meinung nach, dass es in einer Gesellschaft viele Sachverhalte gibt, die problematisiert werden können, es aber nicht werden.

Schetsche (1996) kommt zu dem Schluss, dass die Konsequenzen, die sich aus den beiden Konzepten für die empirische Analyse sozialer Probleme ergeben trotz fundamentaler theoretischer Unterschiede ähnlich sind.8Der Schwerpunkt empirischer Analysen liegt auf der Untersuchung der Prozesse zur Konstitution sozialer Probleme, der Problemkarriere. Insgesamt ist in der soziologischen Analyse ein Richtungswechsel von den Entstehungsbedingungen sozialer Probleme zum Prozess ihrer Definition und Etablierung, vom strukturtheoretischen zum konstruktivistischen Paradigma, zu beobachten.9

1.1.3 Die Karriere sozialer Probleme

Gemäß des konstruktionistischen Ansatzes muss ein soziales Problem in einem mehrstufigen Prozess konstituiert werden, weshalb die Problemkarriere folglich aus mehreren Elementen besteht. Soziale Probleme unterliegen wechselnder öffentlicher Aufmerksamkeit und sind somit historischen Wandlungen unterworfen. Von einer Problemkarriere kann daher erst gesprochen werden, wenn ein soziales Problem die erste Thematisierung erfolgreich übersteht. Diese erfolgt durch den primären Akteur, dem eine große Definitionsmacht in diesem Prozess zukommt. Für die Rolle Problemdefinierers kommen in erster Linie soziale Bewegungen, Wissenschaftler aber auch einzelne Massenmedien in Betracht.10 Entwicklungsmodelle sozialer Probleme beschreiben den Verlauf von Thematisierungen und die weitere Entwicklung in idealtypischer Weise11

Auf ein erstes dreistufiges Modell von Fuller und Myers (1941) aufbauend, entwickelte Blumer (1975) eine „Karriereleiter“, bei der er fünf Stufen unterscheidet: Auftreten eines sozialen Problems, Legitimation, Mobilisierung des Handelns, Bildung eines offiziellen Handlungsplans und Ausführung des offiziellen Plans.

Allerdings wiesen diese beiden Modelle in der empirischen Überprüfung Mängel auf, da sich in der Realität vielfältige dynamische Verläufe finden lassen. Schetsche (1996) schlägt daher ein Modell vor, „das ganz auf die Vorstellung einer linear aufsteigenden Entwicklung verzichtet und einzelne Stufen [...] durch wahlweise auf- und absteigende Phasenübergänge verbindet.“12

Das Public - Arena- Modell von Hilgartner und Bosk (1988) entstand ebenfalls in Anlehnung an die konstruktionistischen Ansätze und geht davon aus, dass sich die Definitionen sozialer Probleme in öffentlichen Arenen entwickeln. In diesen Spezialöffentlichkeiten finden die primären Definitionsprozesses statt, werden soziale Probleme diskutiert, selektiert, definiert und dann der Öffentlichkeit präsentiert. Die Deutungsmuster, die die Problemwahrnehmung bestimmen, gelangen somit bereits weitgehend fertig in die Massenmedien.13Durch die Verbreitung von Deutungsmustern erreichen Problemwahrnehmungen und -definitionen soziale Anerkennung. Häufig bestehen Problemmuster aus folgenden Elementen: Name, Identifizierungsschema, Problembeschreibung, Bewertungsmaßstab und Bewertung, abstrakte Problemlösungen, konkrete Handlungsanleitungen und affektive Bestandteile.14 Das Argumentationsmuster einer Thematisierung bezeichnet man als Rahmung oder „frame“.

In der Problemgeschichte ist das Engagement kollektiver Akteure notwendig, damit eine Problemwahrnehmung gesellschaftliche Anerkennung erlangt. In den konstruktionistischen Ansätzen sind vielfältige Gruppen mit unterschiedlichen Interessen an der Problemkonstituierung beteiligt. Auch die Massenmedien nehmen eine spezifische Rolle in diesem Prozess ein.15

Die Wahrscheinlichkeit der Durchsetzbarkeit eines sozialen Problems wird letztlich durch institutionelle, politische und kulturelle Faktoren beeinflusst. Da die Kapazität der öffentlichen Arenen begrenzt ist,16kann auch nur eine geringe Anzahl sozialer Probleme behandelt werden. Dieser Wettbewerb macht ausgewählte Selektionsprinzipien der öffentlichen Arenen erforderlich. Die entscheidende Funktion der Massenmedien im Karriereverlauf soll im folgenden Kapitel spezifiziert werden.

1.1.4 Die Rolle der Massenmedien

Kollektive Deutungsmuster werden heute primär von den Massenmedien verbreitet sowie aktualisiert, sodass über die gesellschaftliche Anerkennung einer Problemdeutung letztlich in den Massenmedien entschieden wird.17

Der große Einfluss der Massenmedien resultiert im wesentlichen aus ihrer doppelten Rolle im Karriereverlauf sozialer Probleme. Zum einen fungieren sie als die Institution, die Problemmuster verbreitet und an die Bevölkerung und staatliche Instanzen weitergibt. Zum anderen entscheiden sie in ihrer Selektionsfunktion darüber, welche sozialen Probleme sich im Wettbewerb durchsetzen.

Da in einer Gesellschaft stets nur eine bestimmte Anzahl von Themen zur selben Zeit öffentlich diskutiert und bearbeitet werden können, besteht eine Konkurrenz zwischen den verschiedenen sozialen Problemen und den Akteuren bzw. Interessengruppen. Ausgehend von der Tatsache, dass für alle Massenmedien die Werbung die einzige oder zumindest dominierende Einnahmequelle ist, ist für den wirtschaftlichen Erfolg eines Mediums ausschließlich die Zahl der Rezipienten ausschlaggebend.

Angesichts dieser Tatsache stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien Ereignisse für die Berichterstattung ausgewählt werden. So sind „für die aktuelle und zeitkritische Berichterstattung [...] aufgrund kollektiver journalistischer Erfahrung Kriterien für den sogenannten Nachrichtenwert von Themen entwickelt worden, nach denen das potentielle Interesse der Bevölkerung abgeschätzt wird.“18

Dazu gehören laut Schetsche (1996) in erster Linie die Überraschung und Aktualität eines Ereignisses, die Vertrautheit des thematischen Bezugsrahmens, der Einfluss und die Prominenz der Akteure, der Konflikt, Schaden oder Normverletzung und die geographische und kulturelle Nähe.

Galtung und Ruge gehen davon aus, dass besonders die Kriterien „Frequenz“, „Schwellenfaktor“, „Eindeutigkeit“, „Bedeutsamkeit (kulturelle Nähe, Betroffenheit, Relevanz)“, „Konsonanz“, „Überraschung“, „Kontinuität“, „Variation“, „Bezug auf EliteNation“, „Bezug auf Elite-Personen“, „Personalisierung“ und „Negativismus“ bei der Auswahl der Journalisten eine Rolle spielen.19

Grundsätzlich erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer massenmedialen Berichterstattung über ein Thema oder Ereignis, wenn mehrere dieser Kriterien zutreffen. Insofern haben soziale Probleme stets eine gute Chance thematisiert zu werden, da sie oftmals viele dieser Kriterien erfüllen. Doch auch die redaktionelle Linie eines Mediums hat Einfluss auf die Auswahlkriterien, so dass letztlich sowohl personenbezogene Faktoren als auch journalistische Berufsnormen für den Auswahlprozess relevant sind.20

Letztlich orientiert sich die Berichterstattung der Medien in starkem Maße an den Bedürfnissen der Rezipienten. Themen, bei denen eine „hohe Erwartungssicherheit bezüglich des RezipientInnen- Interesses besteht“21, werden daher mit höherer Wahrscheinlichkeit thematisiert.22Die Publizitätsfaktoren geben Kriterien an, die es wahrscheinlicher machen, dass eine Problemwahrnehmung massenmedial prozessiert wird, denn „je näher eine Problemwahrnehmung der medialen Skandalform ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Aufmerksamkeit der Medien erregt und von ihnen verbreitet wird.“23

Akteure, die eine Problemwahrnehmung in den Massenmedien durchsetzen wollen, sollten „bereits bei der Konstruktion des Problemmusters die Eigengesetzlichkeiten des Mediensystems (primär: das Unterhaltungsinteresse der durchschnittlichen RezipientInnen) beachten“24So setzen nicht nur die Massenmedien diese Erkenntnisse gezielt ein und verwenden diese Strategien, um die Attraktivität eines Themas zu steigern und ihre Problemwahrnehmung durchzusetzen.

Dies gelingt durch Verbindung der Problemwahrnehmung mit Alltagsmythen und von der gesamten Bevölkerung geteilten Werten. Zum anderen spielt die Individualisierbarkeit und Personalisierbarkeit des Problems und seiner schädlichen Folgen eine entscheidende Rolle. Zusätzlich stehen die Identifizierung von Schuldigen, die personale Nähe zu den Rezipienten und die gute Visualisierbarkeit des Problems im Vordergrund. Konkret auf das Thema Terrorismus zugeschnitten erfolgt eine weitere Erläuterung in Kapitel 1.3.3.

Diskursstrategien dienen der Durchsetzung und Absicherung von Problemdeutungen. Eine Unterscheidung kann hier getroffen werden zwischen „Dramatisieren“, „Moralisieren“ und der „Reproduktion von Mythen“.25

Die Massenmedien bedienen sich sowohl kognitiver Interpretationsleistungen als auch emotionaler und affektiver Dimensionen.26In der Berichterstattung werden Informationen mit Bewertungen verknüpft, so dass ständig auch an Einstellungen und Affekte des Medienpublikums appelliert wird. „Ob eine Problemwahrnehmung sich durchsetzt, hängt neben der argumentativen Qualität des Problemmusters davon ab, ob es moralisch- normativ und emotional in vielen Individuen verankert werden kann.“27 Durch die emotionale Adressierung der Individuen kann beispielsweise die Bereitschaft zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Problem erhöht werden. Auch wird die De- Thematisierung des sozialen Problems erheblich erschwert. Zur Dramatisierung eines Themas können mehrere Strategien verfolgt und verschiedene Techniken verfolgt werden. Eine Technik besteht beispielsweise in der Dichotomisierung von Schuld. Beim Moralisieren wird eine „Problembeschreibung, Bewertung und Reaktionsweise(n) für andere verbindlich gemacht.“28 Schließlich dient die Reproduktion von Mythen dazu, Deutungsmuster unhinterfragbar zu machen. „Den Menschen wird dabei wird die Fähigkeit genommen, soziale Phänomene anders wahrzunehmen als in der Form, den der Mythos (re-) präsentiert.“29

Die konstruktionistische Sichtweise macht in besonderer Weise deutlich, dass nicht von einer beobachtungsunabhängigen Realität ausgegangen werden kann. „Medienangebote liefern somit nicht ein Spiegelbild, sondern ein mögliches Bild der Wirklichkeit. Massenmedien gewährleisten immerhin, dass eine Vielzahl von Menschen diese Wirklichkeitsvorstellungen wahrnehmen und als eine mögliche Orientierungshilfe in Betracht ziehen.“30 Letztlich präsentieren die Medien ein „hochgradig strukturiertes und oft verzerrtes Bild der Wirklichkeit“31, an dem sich die Menschen - zumindest teilweise - orientieren. Von einer Repräsentativität der Realität kann nicht ausgegangen werden; so werden bei der Auswahl der Ereignisse beispielsweise seltene Ereignisse bevorzugt. Barbara Tuchman geht in ihrem „Tuchmanschen Gesetz“ davon aus, dass „allein die Tatsache der Berichterstattung [...] die äußerliche Bedeutung irgendeines bedauerlichen Ereignisses um das Fünf- bis Zehnfache (vervielfältigt)“32

Der Agenda- Setting- Ansatz beschäftigt sich mit der Wirkung der Medien auf die Rangfolge von Themen in der öffentlichen Diskussion. Demzufolge halten die Rezipienten die Themen für besonders wichtig, die von den Medien vorrangig behandelt werden. Somit beeinflussen die Medien weniger, „was die Rezipienten denken, sondern worüber sie nachdenken, also welche Themen sie für wichtig bzw. welche Probleme sie für lösungsbedürftig halten“33

Die Medien nehmen eine wichtige Rolle im Verlauf der Karriere sozialer Probleme ein. In dieser Untersuchung soll die Thematisierung des Problems Terrorismus in den Massenmedien analysiert werden. Dazu wählte ich das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ als Untersuchungseinheit für die Inhaltsanalyse aus, dessen Bedeutung in der Bundesrepublik Deutschland im folgenden Kapitel spezifiziert werden soll.

1.2 Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ als Meinungsführer

Der „Spiegel“ kann durchaus als Meinungsführer unter den deutschen Medien gelten. Von 1947 bis 1992 war der Spiegel Deutschlands einziges Nachrichtenmagazin und ist heute, nach Selbstaussage, immer noch das meist verkaufte Nachrichtenmagazin Europas.34 Im Durchschnitt werden pro Woche annähernd 1,1 Millionen Exemplare verkauft. Während dem „Spiegel“ bereits in der Früh- und Konstituierungsphase ein relativ großer Einfluss zukam, kann nach der „Spiegel“-Affäre von einem Meinungsmonopol und durch die massiv gestiegene Auflage von einem Anzeigenmonopol die Rede sein. Damit stieg neben der wirtschaftlichen Macht auch die publizistische Macht und der politische Einfluss.35

Der Einfluss des „Spiegels“ auf die deutsche Öffentlichkeit ist aber nicht nur auf die Auflagenstärke zurückzuführen, sondern noch in stärkerem Maße auf die Struktur der Leserschaft. Gerade die sogenannten meinungsbildenden Gruppen zählt der „Spiegel“ zu seinen Lesern: „Diese strukturelle Einbettung ins Mediensystem sowie die Symbiose mit Teilen der politischen Elite begünstigen den starken Einfluss des Spiegel auf die öffentliche Themenagenda.“36Somit stellt der Spiegel ein Leitmedium für auflagenschwächere Blätter, aber auch für große überregionale Zeitungen dar, weil die über Nachrichtenagenturen vorab verbreiteten „Spiegel“- Themen flächendeckend aufgegriffen und weiterverarbeitet werden. Es besteht folglich die berechtigte Vermutung, dass die Berichterstattung des „Spiegels“ einen erheblichen Einfluss auf Meinungen und Einstellungen der Rezipienten ausübt. Für das Nachrichtenmagazin scheint zudem laut Huhnke (1996) anhand ausgewählter Themen eine Vorreiterfunktion im Agenda-Setting-Prozess belegt zu sein.37

Letztlich kommt dem „Spiegel“ eine Schlüsselstellung im deutschen Nachrichtenwesen zu. Der Spiegel steuert als „Gatekeeper“ den Informationsfluss, indem er Prioritäten im Prozess der Nachrichtenselektion setzt und einen massiven Einfluss auf die Wirklichkeitswahrnehmung der Rezipienten ausübt.38

Die Bedeutung des Nachrichtenmagazins sollte bei der Beurteilung der Ergebnisse der Inhaltsanalyse über die Berichterstattung über den Linksterrorismus beachtet werden.

1.3 Terrorismusforschung

Zunächst sollen einige allgemeine Zusammenhänge erläutert und der aktuelle Stand der Terrorismusforschung dargestellt werden. Erst in einem zweiten Teil geht es dann um den Linksterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland. Zusätzlich soll die theoretische Entwicklung der Hypothesen erfolgen.

1.3.1 Definitionen

Bislang fehlt eine allgemein akzeptierte Definition von Terrorismus.

Einer der Hauptgründe für die Definitionsproblematik auf wissenschaftlicher und politischer Ebene ist in der starken emotionalen und moralischen Aufladung des Begriffs zu sehen. Der Begriff Terrorismus enthält im allgemeinen Sprachgebrauch eine stark wertende, verurteilende Komponente. Die wissenschaftliche Analyse setzt jedoch eine operationale Definition von Terrorismus voraus, das heißt eine „Definition, die von einer moralischen oder rechtlichen Bewertung des Phänomens absieht.“39

Laut Waldmann (2004, 2005) stellt Terrorismus in erster Linie eine Kommunikationsstrategie dar. Dementsprechend wird Gewalt „nicht wegen ihres Zerstörungseffekts, sondern als Signal verwendet, um eine psychologische Breitenwirkung zu erzielen.“40So lautet die Definition Waldmanns: „Terrorismus sind planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund. Sie sollen allgemeine Unsicherheit und Schrecken, daneben auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen.“41

Der Schockeffekt ist zentraler Bestandteil terroristischer Logik, weshalb sich terroristische Anschläge oftmals durch besondere Willkür und Brutalität auszeichnen. Ziel der Gewalttat ist es, für allgemeine Aufmerksamkeit zu sorgen und zu garantieren, dass der Anschlag von einem möglichst breiten Publikum zur Kenntnis genommen wird.42

Auch Franz Wördemann (1977) geht davon aus, dass sich der Erfolg des Terrorismus nicht in der Quantität des Todes misst, sondern im Einfluss auf Denken und Fühlen, auf Meinung, Urteil, Phantasie; wenn dem Terrorist und / oder seinen Aktionen in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit zukommen.

Die wirkliche Waffe bestehe in der „Handhabung der Vortäuschung und des Scheins“, so dass der „Erfolg [...] messbar (sei) an der Distanz zwischen dem Gewaltaufwand gegen Menschen und Sachen und der Gewaltwirkung in den Köpfen.“43

Wördemann (1977) definiert Terrorismus als „Gewaltanwendung durch die kleine und isolierte Gruppe, die nicht über die Kraft verfügt, die etablierte Macht des Terrors oder die allgemein akzeptierte Macht des Rechts und des Gesetzes auf breiterer Front, durch den Aufstand der Masse oder mit konventionellen Methoden anzugreifen.“44

1.3.2 Grundzüge terroristischer Strategie

Ein wesentlicher Baustein terroristischer Strategie ist die Provokation - die Herausforderung eines Starken durch einen Schwächeren.45Zielbestimmung terroristischen Agierens ist die Provokation harter Gegenreaktionen durch die Gewalteskalation des Terrorismus. „Reagieren die gesellschaftlichen und politischen Führungseliten maßvoll, lassen sie sich nicht zu übertriebenen Verfolgungs- und Sicherheitsmaßnahmen hinreißen, dann haben die Gewaltaktivisten ihr Ziel [...] verfehlt.“46Sich dem Reaktionszwang zu entziehen, stellt die Akteure allerdings sowohl auf persönlicher als auch auf institutioneller Ebene vor große Probleme. Auf die Reaktion auf den Linksterrorismus in der BRD gehe ich in Kapitel 1.3.6 näher ein.

Das eigentliche Tatmotiv terroristischer Vereinigungen ist die mediale Aufmerksamkeit. Ziel politischer Attentate ist in erster Linie die Verbreitung politischer Absichten durch mediale Berichterstattung sowie der Versuch, auf tatsächliche oder vermeintliche Missstände aufmerksam zu machen. Die Verbreitung von Angst und Unsicherheit ist dabei letztlich nur Mittel zum Zweck. Mit relativ wenigen Opfern sollen durch spektakuläre Attentate viel Aufmerksamkeit erzielt und weite Bevölkerungsgruppen eingeschüchtert werden. Der Schockeffekt ist somit ein zentrales Merkmal terroristischer Strategie: Gewalt weckt Aufmerksamkeit in einer mit Informationen und Sensationen überhäuften Öffentlichkeit. Die vorhandenen Strukturen der öffentlichen Wahrnehmung werden dabei von den Terroristen bewusst genutzt. Terrorisiert wird im wesentlichen die Öffentlichkeit, weniger die Opfer. Diese werden hinsichtlich ihrer Symbolwertes ausgesucht und stehen repräsentativ für eine ganze Gruppe.47Das Opfer als Individuum hat lediglich die Aufgabe, klar zu machen, dass es jeden treffen kann. Der Gewalttat kommt somit primär symbolischer Stellenwert zu.

Das terroristische Kalkül lässt sich laut Waldmann in seiner klassischen Form durch drei Elemente charakterisieren:48

1. geplanter Gewaltakt bzw. dessen öffentliche Androhung
2. starke emotionale Reaktion seitens der Öffentlichkeit: Gefühle der Furcht und des Schreckens sowie starke Verunsicherung; „positive“ Emotionen wie Schadenfreude, Erleichterung, innerer Beifall bei Anhängern und Sympathisanten
3. terroristische Anschläge zielen auf bestimmte Verhaltensreaktionen ab: „insbesondere überstürzte, von einer gewissen Panik diktierte Schutz- und Vergeltungsmaßnahmen, aber auch Unterstützung und aktive Mithilfe beim angestrebten Kampf“

Schließlich müssen, damit das terroristische Kalkül aufgeht, zwei Handlungssequenzen erfolgen: „Erstens muss der angegriffene Staat überreagieren, das heißt die Fassade von recht und Rechtsstaatlichkeit fallen lassen und sich als der wahre Angreifer entpuppen; und zweitens muss sowohl aufgrund der „Botschaft“ als auch durch diese Überreaktion die Masse der lauen, stillen, abwartenden Sympathisanten aus ihrer Reserve gelockt werden, die schließlich zum Sieg der Aufständischen führt.“49

Auf die besondere Rolle der Massenmedien in diesem Prozess gehe im folgenden Kapitel näher ein.

1.3.3 Terrorismus und Medien - eine symbiotische Beziehung

Viele Autoren50betonen als zentralen Aspekt ihrer Definition das Verhältnis zwischen Terrorismus und Medien. Das Verhältnis von Terrorismus und Medien ist nicht neu, verändert haben sich allenfalls die Dimensionen.

Terrorismus ist Kommunikation, vielleicht sogar „Theater“, wie es schon 1974 der Terrorismus-Experte Brian Jenkins formulierte. „Um Aufmerksamkeit für sich und ihre Ziele zu erregen, setzen Terroristen seit jeher auf die Weltöffentlichkeit. Ohne Medienberichterstattung bliebe die Wahrnehmung noch so spektakulärer Inszenierungen eng begrenzt auf die unmittelbaren Opfer.“51

Kommunikationswissenschaftler sprechen von einer symbiotischen Beziehung, denn sowohl Terroristen als auch Medien ziehen einen Nutzen aus dem engen Verhältnis. „Terroristen benötigen Medien zur Kommunikation ihrer Ideen, die Medien (miss)brauchen den Terrorismus als spektakuläre Ereignisse, die Zuschauer, Hörer und Leser „bringen“.52 Die Emotionen, die durch Gewalt und materielle Zerstörung geweckt werden, gewährleisten mediale Aufmerksamkeit. Letztlich bilden die Medien den „Übersetzungsmechanismus zwischen der isolierten Tat und deren sozialpsychologischen Folgewirkungen.“53 Die gezielte Auswahl der Opfer maximiert die Wahrscheinlichkeit massenmedialer Thematisierung, da „Einfluss und Prominenz der Akteure“ den Nachrichtenwert eines Themas steigern.54

Terroristische Ereignisse erfüllen alle Voraussetzungen einer „interessanten“ Nachricht: „Sie sind dramatisch, jeder kann sich vorstellen, von ihnen betroffen zu sein; sie kommen überraschend, [...]; und sie sind wesentlich negativer Natur, stellen das Alltagsgeschehen, die gängigen sozialen Verkehrsregeln und die gültige Wertordnung in Frage.“55Die Rolle der Massenmedien im Karriereverlauf sozialer Probleme wurde bereits in Kapitel 1.1.4 beschrieben. An dieser Stelle soll nun der konkrete Bezug zum sozialen Problem Terrorismus hergestellt und die theoretische Rahmung der Hypothesen dargestellt werden.

Um die Wahrscheinlichkeit massenmedialer Prozessierung zu steigern, orientieren sich die Massenmedien an den Wünschen der Rezipienten. Der Anschluss an von der Bevölkerung geteilte Werte stellt dabei einen dieser Publizitätsfaktoren dar. Das Ziel des Bezugs auf allgemein geteilte Werte liegt darin, Wiedererkennungseffekte für die Rezipienten zu schaffen. Diesen fällt es dann leichter, das Problemmuster anzunehmen und in das eigene Weltbild einzubauen. Ich vermute daher, dass auch der Spiegel sich dieses Mittels bedient und sich in seinen Artikeln indirekt auf Werte und Normen bezieht. Die sechste Hypothese lautet demzufolge:56

H 6 Der Spiegel bezieht sich in der Mehrzahl seiner Artikel auf allgemein geteilte Werte und Normen.

Auch die Individualisierbarkeit und Personalisierbarkeit eines sozialen Problems spielt eine wichtige Rolle. Zum einen wird dem Rezipienten ermöglicht, sich mit den Opfern identifizieren und zum anderen wird die Befriedigung emotionaler Bedürfnisse ermöglicht. Ich vermute, dass diese Faktoren bei der Darstellung des Themas Terrorismus im „Spiegel“ berücksichtigt werden, weshalb die siebte Hypothese sich folgendermaßen gestaltet:57

H7 Der Spiegel berichtet in der Mehrzahl seiner Artikel über die RAF- Mitglieder und deren Opfer sowie deren Hintergründe.

Diese Annahme wird in mehreren Unterhypothesen konkretisiert.58Dabei geht es um die Berichterstattung über persönliche Hintergründe und biographische Details der Terroristen und Opfer, um die Häufigkeit der Nennung von Mitgliedern terroristischer Organisationen und Opfern, um die Häufigkeit der Zitation von Mitgliedern terroristischer Organisationen und Opfern sowie die Häufigkeit der Abbildungen, auf denen Mitglieder terroristischer Organisationen oder Opfer abgebildet sind.

Einen weiteren Publizitätsfaktor stellt die Identifizierung von Schuldigen dar. Ich gehe davon aus, dass der „Spiegel“ die Zurechnung auf Personen bevorzugt. Durch individuell oder kollektiv zurechenbare Verantwortlichkeiten werden Subjekte geschafft, auf die sich die ausgelösten Emotionen richten und an denen Emotionen entladen können.59 Die Dichotomisierung von Schuld stellt zudem eine häufig verwendete Technik der Diskursstrategie „Dramatisierung“ dar. Meine entsprechenden Hypothesen lauten:60

H 8 Der Spiegel versucht in der Mehrzahl seiner Artikel Verantwortliche für das Problem Terrorismus zu identifizieren.

H 8.1 Der Spiegel versucht in der Mehrzahl seiner Artikel Schuldige für das Problem Terrorismus zu identifizieren.

Die Dramatisierung und Emotionalisierung des Themas wird vermutlich verstärkt, indem die Gefahr bzw. das Risiko terroristischer Anschläge in den Spiegel- Artikeln thematisiert wird. Durch die Vermittlung des Eindrucks, dass das Risiko einer Opferwerdung hoch ist und somit jeder potentiell betroffen ist, erhöht sich die personale Nähe zu den Rezipienten. Seitens der Rezipienten nimmt das Interesse an der Berichterstattung zu und auch die Bereitschaft, das zu verbreitende Problemmuster aufzunehmen und zu reproduzieren steigt. Diese theoretischen Erkenntnisse führen zu folgender Hypothese:61

H 9 Die Gefahr terroristischer Anschläge für die Bundesrepublik Deutschland wird in der Mehrzahl der Spiegel- Artikel thematisiert.

Schließlich gilt auch die gute Visualisierbarkeit eines Themas als wichtiger Publizitätsfaktor. „Bilder transportieren nicht nur stärker als die meisten Worte die emotionalen Botschaften des Problemmusters, sondern sie umgehen auch weitgehend die kognitiven Prüfmechanismen, die mit Textverständnis stets verbunden sind.“62Für die Darstellung des Problems Terrorismus bedeutet das:63

H 10 In den Spiegel - Artikeln zum Thema Linksterrorismus findet sich ein hoher Bilderanteil.

Letztlich stelle ich die Vermutung auf, dass durch gezielte Aufbereitung in den Medien die Attraktivität des Themas Terrorismus zu steigern versucht wurde. Ziel einer solchen Vorgehensweise läge der Theorie zufolge in der Steigerung der Leserzahlen.

Die enge Verbindung zwischen den Massenmedien und terroristischen Gruppierungen war häufig Anlass zur Kritik.64Der Vorwurf der Einseitigkeit und die Verzerrung der objektiven Lage durch die massenmediale Berichterstattung wird durch umfangreiches empirisches Datenmaterial belegt. Ebenfalls nehmen die Medien nicht die Rolle eines neutralen Beobachters ein, sondern beeinflussen als Akteur selbst den Verlauf der Ereignisse.65 Ein weiterer Vorwurf lautet: „Die Medien würden den Terroristen Prestige und Ansehen verleihen, und damit mittelbar zu ihrer Legitimierung beitragen, indem sie ihnen einen zentralen Platz in den öffentlichen Nachrichten einräumen.“66Zwar sichert die Gewalttat den Terroristen Medienpräsenz, was in der Regel Prominenz begründet und Wichtigkeit und Bedeutsamkeit signalisiert, aber von dieser Prominenz geht nach bisherigen Erfahrungen eher ein Abschreckungs- als ein Bewunderungseffekt aus. Generell wird in der Terrorismusforschung die Frage diskutiert, ob und inwiefern die Medienberichterstattung über Terrorismus einen “Ansteckungseffekt” (contagion)67hat, in dem sie weitere Berichte nach sich zieht und das Thema in den Medien etabliert wird „Für den nicht politischen Bereich ist erwiesen, dass medialen Gewaltinformationen und -darstellungen, vor allem wenn sie auf realen, nicht bloß fiktiven Vorgängen und Ereignissen beruhen, unter Umständen ein gewisses Ansteckungspotential zukommen kann.“68Ob diese Erkenntnis sich auf den Terrorismus übertragen lässt, darauf lässt sich nach bisherigem Wissensstand keine abschließende Antwort finden.

1.3.4 Definitionsmacht der Massenmedien

Den Medien kommt hinsichtlich der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Terrorismus eine zentrale Funktion zu. Sie prägen zu einem wesentlichen Teil die Begriffe, die zur Bezeichnung der Terroristen und ihrer Aktionen verwendet werden und weisen daher eine enorme Definitionsmacht auf. Duch „labeling“ und „terminology“ prägen sie die Wahrnehmung der Rezipienten und setzen Begrifflichkeiten und Interpretationen in den Köpfen der Menschen fest.69

Werden zum Beispiel eher positiv besetzte Wörter zur Bezeichnung der Terroristen seitens der Medien verwendet, könnte sich die ideologische Nachvollziehbarkeit erhöhen, während negative Begriffe dagegen eher zur Forderung härterer Maßnahmen und einer Radikalisierung des Konflikts führen würden. Letztlich existieren zahlreiche Gründe für eine mögliche Veränderung in der Wahrnehmung des Konflikts. An dieser Stelle erwähnen möchte ich lediglich die zunehmende Radikalität der RAF- Aktionen, die im nächsten Kapitel thematisiert wird. Zahlreiche Autoren betonen die besondere moralische Aufladung des Themas Terrorismus generell sowie des Linksterrorismus in der BRD in den 70er Jahren im besonderen.

Diewald- Kerkmann (2005) betont die häufige Verwendung von Kriegsmetaphern und Kriegsszenarien und die Entwicklung des Konflikts zwischen Staat und RAF zum „Krieg“. „Unbestritten wurde in den Massenmedien ein Szenario einer »terroristischen Bedrohung« [...] aufgebaut.“70Anschaulich macht diese Einschätzung das Titelthema „Killer-Krieg gegen den Staat“ des „Spiegels“- Nr. 38 aus dem Jahre 1977.71

Simmons (1991) untersuchte mit Hilfe eines inhaltsanalytischen Verfahrens amerikanische Zeitungen und stellte einen Zusammenhang zwischen der moralischen Aufladung und den verwendeten Bezeichnungen für „Terroristen“ her. Negativere Begriffe wurden beispielsweise dann in der Medienberichterstattung verwendet, wenn US-Bürger betroffen waren.72Insgesamt wird zu 65 % der Begriff „terrorist“ verwendet.73

Die Bewertungstendenz des „Spiegels“ soll mit Hilfe des inhaltsanalytischen Verfahrens überprüft werden, wobei ich davon ausgehe, dass das Verständnis von Terrorismus und die Wahrnehmung dessen, was als Bedrohung erkannt wird, ebenso einem historischen Wandel unterliegt wie die Bewertung des Konflikts. Ich vermute zum einen eine negative Entwicklung bei der Beurteilung des Konflikts als auch eine zunehmende moralische Bewertung. Der dritte Hypothesenkomplex beschäftigt sich daher mit der Veränderung in Berichterstattung des Spiegels zwischen 1970 und 1990 in Bezug auf die Bewertung der RAF und ihrer Aktionen.74

H 3.1 Im Zeitraum zwischen 1970 und 1990 nehmen negative Bezeichnungen für die Mitglieder terroristischer Organisationen in der Berichterstattung des Spiegels zu.

H 3.2 Im Zeitraum zwischen 1970 und 1990 wird die Bewertung der RAF im Spiegel immer negativer.

H 3.3 Im Zeitraum zwischen 1970 und 1990 nehmen Zustimmungen zu einzelnen Positionen der RAF sowie positive Bewertungen derselben ab.

H 3.4 Im Zeitraum zwischen 1970 und 1990 beruft sich der Spiegel zunehmend auf Werte und Normen.

1.3.5 Die Rote Armee Fraktion

Neben allgemeinen Ausführungen zum Thema Terrorismus wurden bereits einige relevante Aspekte hinsichtlich des deutschen Linksterrorismus erläutert.

Das Phänomen der terroristischen Vereinigung „Rote Armee Fraktion“ hat die deutsche Nachkriegsgeschichte entscheidend geprägt. Über nahezu drei Jahrzehnte hinweg verbreitete sie durch ihre Existenz und ihre verbrecherischen Attentate in der Bevölkerung Angst und Schrecken. Begriffe wie „Der Deutsche Herbst“, „Die Schleyer-Entführung“ oder „BaaderMeinhof“ sind zum festen Bestandteil der Sprache geworden.75

Die RAF lässt sich dem Typ des sozialrevolutionären Terrorismus76zuordnen, dessen Zielsetzung die grundlegende politische und soziale Neuordnung einer Gesellschaft, nach zumeist marxistischem Vorbild ist.

Die Geschichte der RAF lässt sich nach Rabert folgendermaßen gliedern:77

[...]


114.05.1970 - 20.04.1998

2Stallberg/ Springer 1983, S.14

3Groenemeyer 1999, S.62

4Merton 1975, S.114

5Merton 1975, S.122

6Blumer 1975, S.105

7vgl. Spector/ Kitsuse 1977

8vgl. Schetsche 1996, S.9

9vgl. Albrecht 1999, S.75

10Die Zielsetzung so genannter Prestigemedien ist unter anderem die Aufdeckung politischer und sozialer Missstände. (vgl. Schetsche 1996, S.25)

11vgl. Blumer 1975; Fuller/ Myers 1941; Hilgartner/ Bosk 1988

12Schetsche 1996, S.31

13Schetsche 1996, S.112

14vgl. Schetsche 1996, S.68

15vgl. Kapitel 1.1.4

16beim Fernsehen zum Beispiel durch die Sendezeit

17 vgl. Schetsche 1996, S.23

18Schetsche 1996, S.115

19vgl. Galtung/Ruge 1965

20vgl. Jäckel 2005, S.189

21Schetsche 1996, S.117

22Zu diesen Themen gehören beispielsweise Gewalt und Sexualität.

23Schetsche 1996, S.119

24Schetsche 1996, S.120

25vgl. Schetsche 1996

26vgl. Groenemeyer 1999, S.118

27Schetsche 1996, S.17

28Schetsche 1996, S.93

29Schetsche 1996, S.95

30Jäckel 2005, S.81

31Schulz 1989, S.140

32Tuchman 1982, S.15

33Kepplinger 1994, S.270

34Winter 2001, S.44

35Quelle : http://der_spiegel.lexikona.de/art/Der_Spiegel.html (Internetrecherche vom 03.04.2006)

36Huhnke 1996, S.106

37vgl. Huhnke 1996, S.94

38vgl. Jäckel 2005, Kapitel 5 und 8

39Waldmann 2005, S.12

40Waldmann 2005, S.19

41Waldmann 1998, S.10

42vgl. Waldmann 2005, S.14

43Wördemann 1977, S.16

44Wördemann 1977, S.24

45vgl. Waldmann 2005, S.37

46Waldmann 2005, S.38

47Politiker, Prominente etc

48vgl. Waldmann 2005, S.35

49Waldmann 2005, S.44

50Waldmann 2004 / 2005; Wördemann 1977; Schwind 2000

51vgl. Helmerich 2003

52Hirschmann 2003

53Waldmann 2005, S.83

54vgl. Kapitel 1.1.4

55Waldmann 2005, S.83

56Die Auswertung der Hypothese H 6 erfolgt in Kapitel 3.2.6.

57Die Auswertung der Hypothese H 7 erfolgt in Kapitel 3.2.7.

58vgl. Hypothese 7 A bis 7 D

59vgl. Schetsche 1996, S.116

60Die Auswertung der Hypothesen H 8 und H 8.1 erfolgt in Kapitel 3.2.8.

61Die Auswertung der Hypothese H 9 erfolgt in Kapitel 3.2.9.

62Schetsche 1996, S.116

63Die Auswertung der Hypothese H 10 erfolgt in Kapitel 3.2.10.

64Eine Übersicht über die häufigsten Kritikpunkte findet sich bei Waldmann 2005.

65Konkret bezogen auf das Problem Terrorismus könnte dies beispielsweise bei einer unvorsichtigen Berichterstattung bei Geiselnahmen der Fall sein.

66Waldmann 2005, S.85

67vgl. Alali/ Eke 1991

68Waldmann 2005, S.88

69vgl. Schaffert 1992, S.62

70Diewald- Kerkmann 2005, S.140

71Spiegel Nr. 38/1977

72Simmons 1991, S.32

73Andere Begriffe wie gunman, guerilla, attacker etc fanden nur nachrangig Verwendung. (vgl. Simmons 1991, S.32)

74Die Auswertung der Hypothesen H 3.1 bis H3.4 erfolgt in Kapitel 3.2.3.

75Pflieger 2004, S.13

76Typologien finden sich bei Waldmann 2005, S.99 f. sowie Fetscher / Rohrmoser 1981,S.21 ff.

77vgl. Rabert 1991

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
"Kill one, frighten thousand." - Eine Inhaltsanalyse der massenmedialen Thematisierung des Linksterrorismus zwischen 1970 und 1990
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Lehrforschung: Die massenmediale Thematisierung sozialer Probleme
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
85
Katalognummer
V61940
ISBN (eBook)
9783638552844
ISBN (Buch)
9783638813778
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kill, Eine, Inhaltsanalyse, Thematisierung, Linksterrorismus, Lehrforschung, Probleme
Arbeit zitieren
Christine Schomaker (Autor), 2006, "Kill one, frighten thousand." - Eine Inhaltsanalyse der massenmedialen Thematisierung des Linksterrorismus zwischen 1970 und 1990, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/61940

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