Zunächst war sie nur ein Zyklus von 24 Gedichten, geschrieben vom Dessauer Lehrer und Bibliothekar Wilhelm Müller, der im selben Jahr starb, als Franz Schubert aus ihr einen Liederzyklus machte: Die Winterreise.
Schubert lernte Müllers Gedichte zuerst im Almanach Urania: Taschenbuch auf das Jahr 1823 kennen und vertonte so die ersten 14 Gedichte. 1827, Im Todesjahr Müllers, las Schubert dann die Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten, die den kompletten Gedichtszyklus Müllers beinhalteten. Nachträglich vertonte er auch die restlichen Gedichte und fasste sie mit den anderen 14 zur heute bekannten Winterreise zusammen. Rund 170 Jahre später erschien eine neue Fassung der Winterreise von Hans Zender. Sie unterscheidet sich vor allem darin vom Schubertschen Original, dass sie mit einem Orchester besetzt ist. Das Orchester besteht aus Streichern, Gitarre, Harfe, Akkordeon, Schlagzeug, und Bläsern. Schubert hatte nur Klavier und eine Gesangsstimme vorgesehen.
Aber es gibt noch einen Unterschied. Die Musiker bewegen sich durch den Raum, und zwar während des Konzerts. Sie halten dabei an, wenn sie spielen müssen, gehen dann aber weiter. Die Instrumente, denen diese Rolle zuteil wird sind die Bläser und das Schlagzeug III und IV. Die Bewegungen laufen nach einer festgeschriebenen Choreographie ab, wobei es Widersprüche in der Partitur gibt. Der Begleittext „Über die Gänge der Musiker“ ist eine allgemeinere Anweisung zur Art und Weise, wie die Musiker gehen sollen, und enthält auch die Verteilung und Positionsangaben der Musiker. In der Partitur stehen ebenfalls Regieanweisungen, die teilweise auf den Takt genau abgestimmt sind. Auch am Ende der Lieder stehen Hinweise. Um den Leser nicht zu verwirren, habe ich mich entschlossen, die Direktiven des Begleittextes dann zu berücksichtigen, wenn sie mit den Partituranweisungen harmonieren. Im folgenden Kapitel beziehe ich mich nur bei übereinstimmenden Angaben auf beide Quellen. Des weiteren besteht diese Proseminararbeit aus zwei großen Textteilen, einer Tabelle und der Bibliographie. In Kapitel II wird grundsätzlich und ohne Wertung detailliert das Wandern der Musiker beschrieben, während in Kapitel III noch einmal die einzelnen Abschnitte des Wanderns der Musiker detailliert auf ihre Bedeutung und Interpretationsmöglichkeit hin untersucht wird.
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Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Übersicht über das Wandern der Musiker
III Interpretation
IV Tabelle
V Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die spezifische choreografische Gestaltung und die Gänge der Musiker in Hans Zenders Orchesterfassung von Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“. Ziel ist es, die Verbindung zwischen der musikalischen Inszenierung, den Regieanweisungen und der inhaltlichen Bedeutungsebene der Gedichte Wilhelm Müllers zu analysieren und aufzuzeigen, wie Bewegung und Instrumentenwahl als Ausdrucksmittel fungieren.
- Analyse der choreografischen Bewegungsabläufe der Musiker während des Konzerts.
- Untersuchung der Einheit von Text, Musik und räumlicher Bewegung in ausgewählten Liedern.
- Dokumentation und grafische Aufarbeitung der Platzwechsel und Orchesterpositionen.
- Bedeutungsanalyse der instrumentalen Besetzung und ihrer Rolle im Kontext der „Winterreise“.
Auszug aus dem Buch
4. Erstarrung
In Lied 4 „Erstarrung“ ist das lyrische Ich aufgewühlt von den Erinnerungen an seine Geliebte und stellt sich Fragen, denen keine Antworten folgen: „Soll denn kein Angedenken, /ich nehmen mit von hier? Wenn meine Schmerzen schweigen,/ wer sagt mir dann von ihr?“ Es entsteht der Eindruck von einem rastlosen, in sich versunkenen Monolog. Die passende Bewegungsweise dazu wird von den Musikern geliefert (Klarinette 1 und Oboe 1). Dass sie nicht spielen, sondern wortlos durch den Raum gehen stimmt mit der Situation, die im Text beschrieben wird überein. Auch die Instrumentenwahl unterstreicht die Darstellung des Wanderns. Die Musiker spielen abwechselnd Oboe /Klarinette, und Melodica ; also Instrumenten, die in der klassischen Besetzung eines Orchesters normalerweise nicht auftauchen. Als nahe Verwandte der Orgel unterscheiden sie sich natürlich von ihr in der Größe. Sie sind prädestiniert für den mobilen Einsatz im kleinen Kreis von Zuhörern. Man kann sich leicht vorstellen, dass sie besonders bei Wanderungen zum Einsatz kommen. Hier besteht also auch eine Einheit zwischen Text und Instrumentenwahl.
Kapitelzusammenfassungen
I Einleitung: Vorstellung der historischen Entstehung von Schuberts „Winterreise“ und Einführung in die spezifischen Neuerungen der Fassung von Hans Zender, insbesondere hinsichtlich der Orchesterbesetzung und der choreografischen Bewegung der Musiker.
II Übersicht über das Wandern der Musiker: Detaillierte deskriptive Bestandsaufnahme der Bewegungen, Platzwechsel und Positionen der verschiedenen Instrumentengruppen im Konzertraum während der einzelnen Lieder.
III Interpretation: Untersuchung der Bedeutung und der Interpretationsmöglichkeiten der choreografischen Vorgaben im Hinblick auf den emotionalen Gehalt der Texte und die musikalische Einheit.
IV Tabelle: Grafische und tabellarische Aufbereitung der Daten zu Auftritten, Platzwechseln und Spielzeiten der einzelnen Musiker und Instrumente im Verlauf des Zyklus.
V Bibliographie: Auflistung der verwendeten Quellen und Literatur, die als Basis für die musikwissenschaftliche Analyse dienten.
Schlüsselwörter
Hans Zender, Franz Schubert, Winterreise, Musikwissenschaft, Choreografie, Orchesterfassung, Liederzyklus, Wilhelm Müller, Bewegungsanalyse, Instrumentierung, Konzertinszenierung, Musikalischer Ausdruck, Räumliche Bewegung, Interpretation, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die moderne Orchesterfassung von Hans Zender zu Schuberts „Winterreise“ unter dem speziellen Aspekt der choreografischen Bewegung der Musiker im Raum.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Korrelation zwischen den Regieanweisungen, den räumlichen Bewegungen der Instrumentalisten und der inhaltlichen Deutung des Liederzyklus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Hans Zender durch die Inszenierung der Musiker eine neue, zusätzliche Ebene der Einheit zwischen Text, Musik und Bewegung schafft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine musikwissenschaftliche Analyse, die Regieanweisungen und Partiturangaben systematisch erfasst, in Tabellen auswertet und interpretativ mit den Inhalten der Gedichte verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der Ablauf der Bewegungen innerhalb der einzelnen Lieder detailliert beschrieben und anschließend in einer Interpretation hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Gesamtwerk untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Zenders Winterreise-Fassung, choreografische Bewegung, Inszenierung, Text-Musik-Verhältnis und die spezifische Instrumentierung.
Warum ist die Tabelle in Kapitel IV für den Leser wichtig?
Die Tabelle dient als unterstützendes grafisches Hilfsmittel, um den Überblick über die komplexe Choreografie und die zahlreichen Platzwechsel der Musiker während der 24 Lieder nicht zu verlieren.
Welche Rolle spielt die Instrumentenwahl im Kontext der „Winterreise“?
Die Wahl spezifischer Instrumente, wie beispielsweise Mundharmonikas oder Melodicas, unterstreicht laut Autor die Darstellung des Wanderns und ist prädestiniert für den mobilen Einsatz, was die Einheit zwischen Text und musikalischer Ausführung verstärkt.
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- Ramon Schalleck (Author), 2002, Die Gänge der Musiker in Hans Zenders Fassung von Schuberts Winterreise, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6215