Marcus Tullius Cicero, der wohl berühmteste Redner seiner Zeit, verstand es, sowohl durch seine argumentative und stilistische Fertigkeiten, als auch durch eine durchdachte Taktik die Sympathien seiner Zuhörerschaft auf sich zu ziehen, respektive das angestrebte Urteil der Richter seinen Interessen unterzuordnen.
So auch in der vorliegenden Rede für Marcus Caelius Rufus. Cicero erwirkt für den, unter anderem wegen seines ausschweifenden Lebenswandels, versuchten Mordes, sowie möglicher Mitgliedschaft im Anhängerkreis des Catilina, 56 v. Chr. Angeklagten einen Freispruch. Neben seinen rhetorischen Künsten führen unter anderem auch Witz und Ironie zum Erfolg dieser Verteidigungsrede. Wie im Folgenden betont werden soll, setzt Cicero dieses Stilmittel willkürlich, im richtigen Maß und als Instrument seiner Taktik ein. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ciceros Definition des ridiculum
3. Der Status Quo und die daraus resultierende Dosierung von Witz und Ironie in Ciceros oratio pro Caelio
4. Charakteristika einer Komödie in Ciceros oratio pro Caelio
4.1. Das Zitat aus den Adelphoi des Terenz
4.2. Direkte Hinweise auf den Komödiencharakter durch Vokabeln aus dem Drama
4.3. Verspottung der Antagonisten
4.4. Die Mimikry
4.5. Die Wiederholung
5. Witz und Ironie in Ciceros „Oratio Pro Caelio“
5.1. Wortspiele und ironischer Einwurf im Paragraphen 32
5.2. Die Prosopopoiie des Caecus im Paragraphen 33
5.3. Der Missbrauch der Errungenschaften des Appius Claudius Caecus durch Clodia im Paragraphen 34
5.4. Die Darstellung einer fiktiven umtriebigen Frau im Paragraphen 38
5.5. Verlachung Clodias als Dirne im Paragraphen 52
5.6. Verspottung der Zeugen in den Paragraphen 63 und 67
6. Ergebnis und Erfolg der Verwendung von Witz und Ironie in der oratio pro Caelio
7. Literatur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert den gezielten Einsatz von Witz und Ironie in Marcus Tullius Ciceros Verteidigungsrede für Marcus Caelius Rufus. Das Hauptziel besteht darin aufzuzeigen, wie Cicero diese rhetorischen Stilmittel instrumentalisierte, um die Zuhörerschaft für sich zu gewinnen, die angespannte Atmosphäre im Gericht zu lockern und eine in der Beweisführung brüchige Verteidigung erfolgreich zu gestalten.
- Rhetorische Strategie von Witz und Ironie im antiken Gerichtsprozess.
- Die komödienhaften Elemente innerhalb der Verteidigungsrede.
- Ciceros methodischer Umgang mit der Definition des "ridiculum".
- Detaillierte Analyse der Verspottung von Clodia und anderen Antagonisten.
- Die Funktion der Mimikry und Wiederholung als taktische Mittel.
Auszug aus dem Buch
4.3. Verspottung der Antagonisten
Clodia, Subjekt der Anklage gegen Caelius – er soll vorgehabt haben, sie zu vergiften –, wird hier offen von Cicero verspottet, was die Aufmerksamkeit der Geschworenen und Richter von dem Angeklagten auf die Fehler dieser lenkt. Zum Exempel nennt er sie im Abschnitt 67 eine imperatrix, sozusagen eine Feldherrin, oder mit der wohl beabsichtigten negativen Konnotation, eine „Kommandeuse“. Diese Metonymie hat zu spätrepublikanischen Zeiten gewiss Aufsehen erregt, wird aber in diesem Kontext, der fiktiven Darstellung der Giftübergabe, zu Gelächter geführt haben:
„ [...] fortis viros ab imperatrice [...]“
Durch die Nähe der beiden Satzteile, der Metonymie zu dem ironisch gemeinten „fortis viros“, wird die Absicht zur Verspottung verdeutlicht.
Jedoch nicht nur Clodia wird karikiert, sondern auch ihr jüngerer Bruder, Clodius:
„[...] qui te amat plurimum, qui propter nescio quam, credo timiditatem et nocturnus quosdam inanis metus tecum semper pusio cum maiore sorore cubitabat [...]“
In aller Deutlichkeit und äußerst unmissverständlich spielt Cicero hier das Gerücht des Inzests zwischen den Geschwistern an. Doch auch Clodius allein wird verlacht, indem der Redner ihn in einem Nebensatz, quasi wie beiläufig, einen pusio nennt, der sich vor Gespentern fürchtet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Falls Marcus Caelius Rufus und der zentralen These, dass Cicero Witz und Ironie taktisch als Verteidigungsinstrument einsetzt.
2. Ciceros Definition des ridiculum: Erläuterung, wie Cicero in seinem Werk "de oratore" den richtigen Gebrauch von Witz festlegt, um Mitleid zu vermeiden und Hilaritas zu fördern.
3. Der Status Quo und die daraus resultierende Dosierung von Witz und Ironie in Ciceros oratio pro Caelio: Darstellung der schwierigen Ausgangslage des Verteidigers, der zwischen Notwendigkeit der Verteidigung und Rücksichtnahme auf involvierte Personen jonglieren muss.
4. Charakteristika einer Komödie in Ciceros oratio pro Caelio: Untersuchung der komödiantischen Elemente, wie Zitate, Wortwahl, Verspottung und Mimikry, die den Prozess in ein unterhaltsames Schauspiel verwandeln.
5. Witz und Ironie in Ciceros „Oratio Pro Caelio“: Konkrete Analyse ausgewählter Passagen, in denen Cicero gezielt Wortspiele, Prosopopoiie und Ironie zur Diskreditierung seiner Gegner einsetzt.
6. Ergebnis und Erfolg der Verwendung von Witz und Ironie in der oratio pro Caelio: Bilanz der Rede, die zeigt, dass Cicero trotz des riskanten Einsatzes von Spott erfolgreich die Stimmung beeinflusste und den Freispruch erreichte.
7. Literatur: Auflistung der verwendeten Primärquellen und sekundärwissenschaftlichen Literatur.
Schlüsselwörter
Cicero, Pro Caelio, Rhetorik, Witz, Ironie, Ridiculum, Clodia, Komödie, Verteidigungsrede, Gerichtsprozess, Hilaritas, Inzestvorwurf, Appius Claudius Caecus, Mimikry, Argumentation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die rhetorische Taktik von Marcus Tullius Cicero in seiner Verteidigungsrede für Marcus Caelius Rufus, wobei ein besonderer Fokus auf der Anwendung von Witz und Ironie liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit beleuchtet die Definition des "ridiculum" bei Cicero, den Vergleich der Gerichtsrede mit einer Komödie und die strategische Verspottung der gegnerischen Partei.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass Cicero Witz und Ironie nicht zufällig, sondern als wohl dosiertes, taktisches Instrument einsetzte, um das Urteil der Richter zugunsten seines Mandanten zu beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine philologische Analyse und Interpretation ausgewählter Passagen der "Pro Caelio", gestützt durch antike rhetorische Quellen (vor allem "de oratore") und moderne Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die komödienhaften Elemente der Rede (z.B. Zitate, Mimikry, Wiederholungen) und bietet eine zeilennahe Interpretation konkreter Beispiele für Ciceros ironische Rhetorik gegenüber Clodia und anderen Akteuren.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind das "ridiculum" (das Lächerliche), "hilaritas" (Heiterkeit), "severitas" (Ernsthaftigkeit) sowie die rhetorischen Mittel der Ironie, Metonymie und Prosopopoiie.
Warum spielt die Person Appius Claudius Caecus in der Rede eine Rolle?
Cicero nutzt eine Prosopopoiie, um den ehrwürdigen Ahnen der Clodia sprechen zu lassen, wodurch er den Lebenswandel von Clodia tadeln kann, ohne selbst direkt als Angreifer zu erscheinen.
Wie reagierte das Publikum laut der Arbeit auf die Anspielungen zum Inzest?
Die Arbeit argumentiert, dass Cicero mit diesen gezielten Provokationen und dem gespielten Lapsus beim Auditorium ein notwendiges Gefühl der Aversion gegen seine Kontrahentin erzeugte.
Wird Clodia durchgehend verspottet?
Ja, Cicero baut durch verschiedene sprachliche Mittel wie die Bezeichnung als "imperatrix" oder "quadrantaria" ein Bild auf, das Clodia lächerlich macht und ihre Glaubwürdigkeit als Anklägerin nachhaltig untergräbt.
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- Stefanie Steidle (Author), 2006, Witz und Ironie in Ciceros Pro Caelio, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62184